11.02.2012 20:56 | Meine Presse Merkliste0

Eine Kampagne, die wir nicht brauchen

GERHARD BITZAN (Die Presse)

Mit einer internationalen Image-Kampagne will die Regierung Österreichs guten Ruf retten. Ob's was bringt, ist mehr als zweifelhaft.

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Sehr oft ist sich die Große Koalition ja nicht einig, der grauenhafte Inzest-Fall von Amstetten lässt die Regierungspartner aber jetzt enger zusammenrücken. Das Ansehen und der Ruf Österreichs seien durch diesen Fall, der ja ein Einzelfall sei, gefährdet; die Regierung werde daher eine Image-Kampagne in aller Welt starten, verkündeten jetzt Kanzler und Vizekanzler vor Journalisten.

Natürlich stimmt es, dass die internationalen Medien in vielen Köpfen das Bild eines Landes prägen, in dem angeblich Wegschauen an der Tagesordnung ist und Verliese nichts Ungewöhnliches sind. Aber dieses Bild wird in einigen Tagen, vielleicht Wochen verblassen, und die Welt dann mit einer groß angelegten Kampagne zu erinnern, dass wir Österreicher ja gar keine Bösen sind, bringt garantiert nichts. Und könnte auch kontraproduktiv sein, da ja doch viele Menschen die Absicht erkennen und sich wieder an „das andere Österreich“ erinnern. Zugleich ist auch nicht zu erwarten, dass jetzt Touristen ausbleiben. Gab oder gibt es einen Österreicher, der wegen der grausigen Verbrechen von Dutroux nicht nach Belgien gefahren ist?

Derartige Kampagnen sind teuer und es wäre allemal besser, das Geld in den Ausbau von entsprechenden Hilfs-Institutionen zu investieren. Und es gibt in diesen Tagen genügend andere Gelegenheiten (die Fußball-EM steht an!) das Land abseits vom Inzest-Drama positiv und unaufdringlich zu präsentieren. (Bericht: S. 11, 12)


gerhard.bitzan@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2008)

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11 Kommentare
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volle zustimmung

manchmal frage ich mich sogar, ob es voraussetzung für einen sitz in der regierung ist, derartig weltfremd zu sein!

einzige entschuldigung/erklärung: es wurde wieder mal eine ankündigung in die welt gesetzt, die ohnehin niemand in die tat umsetzen wird.
zwecks 'wir arbeiten ja eh so fleissig' und dummhalten der bevölkerung...

Gast: Christian
02.05.2008 12:10
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In Europa sitzen viele Nationen im Glashaus ...

Um es gleich vorweg zu nehmen: ich habe mit der Hitlerei (nicht zuletzt auf Grund der Erlebnisse meines von den Nazis verfolgten Vaters) nichts am Hut. Und schon die Gerechtigkeit gebietet es, Kriegsgräuel unbeschadet der Person strenge zu verfolgen.

Ein komisches Gefühl befällt mich daher, wenn jetzt pharisäerhaft ausländische Medien über ein "naziverseuchtes Österreich" berichten, in dem - allein - solche Dinge wie der "Inzest-Fall Fritzl" passieren können.

In dieser Situation sollte man schon darauf hinweisen, daß in bestimmten anderen Staaten Mörder und Vergewaltiger der Jahre 1945-46 immer noch - amnestiert, also mit staatlicher Billigung - frei herumlaufen können. Auch an eine Wiedergutmachung des schrecklichen Unglücks ist - im Gegensatz zu den Naziverbrechen - nicht gedacht. Dabei handelt es sich nicht um Einzelfälle, sondern um ein Unrecht an etwa 12 Millionen Menschen, deren einziger Fehler es meist nur war, Deutsch zur Muttersprache zu haben.

Antworten Cicero
02.05.2008 18:40
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Keine Reaktion ohne vorauslaufende Aktion!

Sir Christian, ich widerspreche Ihnen massiv.
Richtig, für rund 12 Millionen Deutsche im Osten Europas war nach dem Krieg Not und Leid an der Tagesordnung.
Unzulässig ist es aber, so zu tun, als ob dies nur dadurch ausgelöst war, weil diese Volksgruppen Deutsch als Muttersprache hatten.
Ich vermute, Sie sprechen im wesentlichen die Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei an. Da ging es überhaupt nicht um die Muttersprache, da ging es ausschließlich darum, ob die deutschsprechenden Tschechen loyal zur Tschechoslowakei standen oder nicht. Die Loyalen konnten bleiben mit allen Rechten, alle anderen mußten gehen. Und ihr Vermögen wurde einbehalten als Wiedergutmachung für jene Schäden, die der von ihnen mit 2/3-Mehrheit herbeigerufene Diktator verursacht hatte.
Die Tschechen hatten 300.000 Tote zu beklagen und das obwohl sie nicht kriegführend waren. Die Amerikaner beklagen nur 228.000 Tote. Das ist die Vorgeschichte, die nicht ignoriert werden kann.

Antworten Antworten Gast: Christian
02.05.2008 18:57
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Re: Ich rede nicht von den Hitlerverbrechen, die sind hoffentlich großteils gesühnt und wiedergutgemacht,

sondern von jenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und das humanitäre Kriegsrecht, die auf Grund von mir unverständlichen Ausnahmegesetzen ungesühnt blieben.
Es würde mich vor allem auch interessieren, ob jene Mörder und Vergewaltiger in weiterer Folge strafrechtlich unauffällig blieben oder ob sie so wie etwa im gegenständlichen Kriminalfall - etwa infolge einer entsprechenden Veranlagung - rückfällig wurden. Gibt es darüber eine Statistik? Wie wohnt es sich etwa in Tschechien, wenn man weiß, daß der Nachbar in derartige Gräueltaten verwickelt war? Paßt man da auf seine Kinder besonders auf? Oder sind die in den USA üblichen präventiven Maßnahmen gegen Sittlichkeits- und Gewalttäter nur Schaumschlägerei und die vom BMJ geplanten Adaptionen des Strafrechtes nur tagespolitischer Aktionismus?

Antworten Antworten Antworten Gast: christian
04.05.2008 18:03
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Re: Re: Meine Antwort auf Cicero, daß die Verbrechen an den Volksdeutschen NACH dem Krieg

an wehrlosen begangen wruden, nichts mir Notwehr und Verteidigung, wohl aber mit Haß und Rachesucht zu tun haben, und von einer Minderheit begangen wurden, wurde leider gelöscht!

Es muß halt auch die freie Presse höchst diplomatisch Rücksicht nehmen!

Antworten Antworten Antworten Antworten Cicero
05.05.2008 20:21
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Betrachtet man die Reihenfolge der Verbrechen, dann werden nachfolgende Verbrechen bei aller Ablehnung doch verständlich.

Christian, Sie beanstanden, die Verbrechen der Vertreibung seien Ausdruck von Haß und Rachsucht.
Mein Widerspruch: Verbrechen bleibt Verbrechen, egal aus welchen Gründen es erfolgt. Aber, wenn zuerst ein ganzes Volk malträtiert wird, dabei 300.000 Bürger umgebracht werden, dann soll daraus resultierend, Haß und Rachsucht verabscheuungswürdig sein. Ich denke, derartiges ist bei aller Ablehnung des Verbrechens verständlich.
Das Massaker von Aussig etwa – Fabriksarbeiter wurden massenhaft in die Elbe geworfen – wurde von einer Gruppe vorgenommen, die zuvor mit der Bahn aus Prag angereist war.
In Prag aber hatte die dortige Bevölkerung am 5. Mai 1945 einen Aufstand gegen die Deutschen Truppen begonnen, der von der SS extrem blutig niedergeschlagen wurde. Und das obwohl Heinrich Himmler schon am 24. April 1945 den Alliierten ein Kapitulationsangebot machte und das Oberkommando der Wehrmacht am 6. Mai 1945 um 5 Uhr früh gegenüber Eisenhower in Reims bei Paris kapitulierte.

Antworten Antworten Antworten Paco
03.05.2008 09:30
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Norweger, Dänen und andere: Nach dem Krieg zu Helden mutiert ...

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2008/0503/seite3/0003/index.html

Das Mädchen von Klövermarken

Nach dem Krieg starben Tausende deutsche Kinder in dänischen Flüchtlingslagern - von den Schwierigkeiten des Erinnerns

Frank Junghänel

BERLIN/KOPENHAGEN. Einmal wird sie nach Kopenhagen reisen, ohne viel Gepäck, da sie noch am selben Abend zurück nach Berlin fliegt. Ingrid Prast wird eine [...]

http://www.vaeter-aktuell.de/kriegskinder/Daenemark/Kinder_der_Schande.htm

[...] weil sie ein "Deutschenschwein" sei, ihr wurde immer wieder die Brille zerbrochen und die Räder des Puppenwagens zerstochen (zit. in einem Artikel in "Klassekampen", 2.11. 2001), eine andere fühlte sich geradezu als "Freiwild": "Daheim versuchten die Pflegeeltern, ihr das 'deutsche Blut' auszuprügeln. Zum Spielen wurde sie vor dem Haus zusammen mit dem Hund angekettet, anderen Kindern der Kontakt zu ihr verboten. [...]

Antworten Antworten Antworten Cicero
02.05.2008 21:39
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Amstetten und das 20. Jh.

Falsch, Sir Christian, die angesprochenen Verbrechen sind nur zum Teil gesühnt, aber nicht wieder gut gemacht. Die 300.000 Tschechen sind tot, obwohl sie niemanden etwas getan haben.
Die Amnestie jener Verbrecher, welche die wilde Vertreibung begonnen haben – die Alliierten auf der Potsdamer Konferenz haben diesem Treiben ein rasches Ende gemacht – wurden von den Kommunisten amnestiert, da war Beneš nicht nur nicht mehr im Amt, sondern schon tot.
Jiři Dienstbier, der erste bürgerliche Außenminister nach dem Zusammenbruch der Kommunisten lehnte die Aufhebung der Amnestie ab. Er sagte zu Recht, erstens würde man die Täter nicht mehr finden und wenn doch, würde es kaum gelingen, ihnen ihre Schuld urteilsreif nachzuweisen. Demgegenüber würde man nur wieder alte Gräben aufreißen, wovon niemand etwas haben würde.
Ein singuläres Verbrechen, wie es in Amstetten passiert ist, mit den verbrecherischen Auseinandersetzungen des 20. Jh. zu vergleichen, halte ich für äußerst deplaziert!

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Christian
05.05.2008 23:35
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Re: Amstetten und das 20. Jh. - Wer verdrängt und vertuscht?

Etwa Katholiken weil sie eingefleischte Kerikalfaschisten sind? Oder Linksfaschisten, weil sie die Wahrheit nicht zugeben wollen und deshalb gezwungen sind, mit blutige und unmenschliche Rache als als "gerechte Strafe" zu erklären?

Daß im Wrabetz-ORF keine politisch ausgewogenen Berichte mehr möglich sind, zeigte heute wieder "Thema". Wie geahnt: die Mörder und Kinderschänder sind hauptsächlich Kirchengeher und christlich orientierte Familienväter, die aus ihrer klerikal-faschistischen Gesinnung heraus ihre eigenen Familienmitglieder brutal beherrschen und sexuell belästigen. Eine Otto-Mühl-Kommune hat es für diese Herrschaften einfach nicht gegeben ...
Und das mit den Massenvergewaltigungen ab 1945 ebenfalls nicht ....

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Völlig richtig auf den Punkt gebracht!

Her Bitzan , Ihrem ruhigen, nüchternen und sachlichen Kommentar stimme ich ABSOLUT ZU! Wenn Politiker irgend welche Ankündigungen machen, so weiß man ja eh, was dabei heraus kommt: Es kostet VIEL und bringt im besten Falle NICHTS und im konkreten Fall wird hinterher nur alles noch schlechter als es derzeit ist...

An sich sollte man ja meinen, daß unsere Spitzenvolksvertreter kompetente Medienberater haben, die sie davor bewahren, ständig nur kontraproduktiven Blödsinn abzusondern. Im konkreten Fall wäre eine tatsächliche Umsetzung dieser Gusenbauer/Molterer-Ankündigung tatsächlich langfristig verheerend.

An sich hätte es genügt, gewisse Forderungen aus dem Ausland; etwa jene nach "mehr sozialer Kontrolle", auf deren faktische Folgen anzusprechen. Konkret würde das ja bedeuten, daß jeder jeden ständig beobachtet und selbst kleinste Abweichung von der Norm der Polizei oder den Behörden meldet. Das wäre dann DDR pur in rot-weiß-rot. Genau DAS will aber wirklich keiner; hoffentlich!

Paige
01.05.2008 18:33
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So eine Reaktion ist reine A*kriecherei.

Gar nichts - wenn uns jemand schlechtredet, dann gehört ihm übers Maul gefahren, nicht mehr, nicht weniger, auch keine Spenden- und Hilfs-Aktionen, nix.

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