04.07.2009 05:45 | Meine Presse Merkliste0

Sag zum Abschied endlich Servus

WOLFGANG BÖHM (Die Presse)

Wenn die EU-Staaten die Ratifizierung des Lissabon-Vertrags tatsächlich fortsetzen, verlängern sie die Krise, statt sie zu lösen.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Es ist nicht nur ignorant, sondern auch fahrlässig, wenn nun EU-Kommission und einige EU-Regierungen auf eine Fortsetzung der Ratifizierung des Lissabon-Vertrags drängen. Es ist fast so, als ob Eltern ihr Kind dazu zwingen, die Hausaufgaben fertigzustellen, obwohl gerade die ganze Siedlung samt der Schule brennt.

Die Iren haben den EU-Vertrag abgelehnt. Das mag bedauerlich sein, weil dieser Vertrag nicht wirklich die Ursache der Probleme ist, in der sich die Union und ihre Regierungen derzeit befinden. Doch das rechtfertigt noch lange nicht, über eine demokratische Entscheidung hinwegzugehen. In Wahrheit müsste sich der EU-Gipfel diese Woche mit der Krise befassen, die durch das Nein der Iren entstanden ist. Die EU-Staats- und Regierungschefs müssten – und wenn sie zwei Nächte dafür beraten – eine rasche Lösung erarbeiten, wie die Union auch ohne diesen Vertrag handlungsfähig bleiben kann.

Stattdessen zeichnet sich ab, dass sie den Druck auf die irische Regierung erhöhen, doch noch ein zweites Referendum abzuhalten. Der Rest soll weitermachen wie bisher. So, als wäre nichts geschehen. So, als gebe es kein Problem. So, als bräuchte Europa keine Feuerwehr, die endlich rettet, was noch zu retten ist. Nein! Es ist Zeit, von diesem Vertrag Abschied zu nehmen und mit realisierbaren Schritten die notwendigsten Anpassungen für die erweiterte Union vorzunehmen. Alles andere verlängert und vergrößert nur die Krise. (Bericht: S. 6)


wolfgang.boehm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2008)

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Artikel kommentieren Kommentieren BookmarkBookmarken bei [Was ist das?]

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

19 Kommentare
Gast: Sir Paul McCartney
19.06.2008 00:16

Das Parlament des Vereinigten Königreichs

hat vor ein paar Stunden den Vertrag von Lissabon ratifiziert, also ganz im Sinne der "Väter und Mütter" dieses Vertrags. Das ist die normalste Sache die es gibt. Also ich sehe das völlig emotionslos.

Gast: Freedomfighter
18.06.2008 22:05

Dieser Beitrag von Herrn Böhm ist in sich widersprüchlich.

Wieso den Vertrag in den Papierkorb werfen? Er wurde jetzt ca. 6 1/2 Jahre mühsam demokratisch ausverhandelt. Auf alle Eventualitäten wurde in diesem ausgewogenen Kompromisspapier eingegangen. Bitte nachfragen bei dem österr. EU-Abg. Voggenhuber, der war von Anfang an dabei.

Welche Antwort gibt Herr Böhm den 26 anderen Ländern (außer Irland)? Die sollen sich von den Iren etwas diktieren lassen?

Einige Monate kann die E.U. ohnehin noch mit dem Vertrag von Nizza funktionieren. Allerdings kann es mit diesem Vertrag keine Erweiterungen geben. Persönlich bin ich für den Vorschlag des deutschen Außenministers Steinmeier, der für eine integrierte EU der 26 eintritt u. Irland bekommt einen Sondervertrag.

Antworten roger
19.06.2008 07:32

Die Antwort lautet

Volksabstimmungen auch in den anderen 26 Ländern! Dann werden wir ja sehen, wer sich was diktieren lässt.

diogenes
18.06.2008 18:19

BRAVO HERR DR. BÖHM !

Die erste klare und sinnvolle Aussage die ich hier von der PRESSE und noch dazu vom Leiter der Abteilung EUROPA lesen konnte.
Herzlichen Glückwunsch!

diogenes
18.06.2008 18:15

BRVO HERR DR BÖHM!


Gast: H. Portisch
18.06.2008 17:53

Weitere Ratifizierung betrifft andere Nationen

Der Vergleich von Herrn Böhm mit dem "Schule abbrennen" ist maßlos übertrieben u. unpassend. Es ist voll in Ordnung wenn andere Länder wie z.B. Spanien oder Schweden oder andere die Ratifizierung des Lissabon-Vertrags weiter betreiben. Diese Länder haben das vollste Recht dazu!

Natürlich werden sich d. Staatschefs beim EU-Gipfel in dieser Woche mit der gegenwärtigen Krise befassen. Und auch nächtliche Beratungen sind nichts Neues.

Ist es die Denkweise von Herrn Böhm dass man nur den Vertrag wie eine heisse Kartoffel fallenlassen muss und dann ist alles gut?

Es wurde jetzt seit 2001 von demokratisch gewählten u. delegierten Personen über dieses Vertragswerk verhandelt, die Iren waren immer mit ihren Delegierten eingebunden. Die Mehrheit der EU-Nationen wird weiteren Zugeständnissen an Irland nicht zustimmen. Was meint Herr Böhm mit "Feuerwehr"?

Antworten stefania
20.06.2008 07:56

Re: Weitere Ratifizierung betrifft andere Nationen

Die Mehrheit der Bevölkerung der EU Nationen wurden einfach nicht gefragt.
Es ist eine Anmaßung ,von einem stillen Einverständnis der Bevölkerung auszugehen.
Da die Iren als einzige befragt wurden, stehen sie repräsentativ für die gesamte europäische Bevölkerung.

Paco
18.06.2008 16:54

Der anglo-irische Vertrag von 1921 ist ungültig!

Problem Irland hat sich von selber erledigt ...

Dienstag, 17. Juni 2008
Rule, Europa!
Seit heute Nacht ist die Welt um eine Episode menschlicher Historie reicher. Eine Episode voller Niedertracht, lange von der britischen Regierung geheimgehalten. Doch letztendlich kommt ans Tageslicht der Geschichte, was lange in Aktenordnern verstaubte und ermöglicht eine Wendung der Umstände, ermöglicht ein völliges Umdenken. Europa scheint gerettet, weil sich Großbritannien zur Wahrheit entschloss! Man sollte sich festhalten, denn das Folgende kommt einem Erdrutsch gleich: Der anglo-irische Vertrag von 1921 ist ungültig! Ungültig! Wie der britische Geheimdienst in einer außerordentlichen, hektisch einberufenen Pressekonferenz bekanntgab, sollen alle damaligen Mitglieder der irischen [...]

http://ad-sinistram.blogspot.com/2008/06/rule-europa.html

kurti blahowetz
18.06.2008 15:40

demokratische entscheidungen?

der ruf nach einem europaweiten referendum erscheint auf den ersten blick ja angemessen.

bedenken wir aber, dass bei solch einer abstimmung sehr wahrscheinlich kaum ein drittel der berechtigten zur urne gehen werden.

und ich habe schon probleme mit der vorstellung, meine zukunft von einer minderheit, die (siehe irland) über alle möglichen anderen befindlichkeiten abstimmt, bzw im rahmen von geschickter wahlpropaganda entsprechend manipuliert wurde. nein danke, da doch lieber abstimmung in den parlamenten.

evtl lösung dieses problems wäre eine europaweite wahlpflicht (samt empfindlichen sanktionen) und eine rigorose kontrolle der wahlwerbung. aber wer will das schon?

Antworten diogenes
18.06.2008 18:34

Re: demokratische entscheidungen?

Ich will nichts gegen EU-Referenden, welcher Art auch immer sagen.
Auch die Frage der Wahlpflicht, die es bei uns zumindest bei der Präsidentenwahl vor einigen Jahren noch gegeben hat, könnte diskutiert werden.

Aber das hat überhaupt nichts mit dem gegenwärtigen Problem zu tun.

Das "demokratisch" (oder auch nicht) zustandegekommene gültige Recht sieht bei der Veränderung gewisser grundlegender Fragen eine Zustimmung ALLER Staaten der EU vor. Die Abstimmung über die Abschaffung gerade dieses Rechtes der einzelnen Staaten ist ein solcher Fall.
Es ist daher Aufgabe und Recht jedes Staates in der von ihm alleine zu bestimmenden Form diese Zustimmung zu geben oder zu verweigern. Das ist in einem Rechtsstaat so.
Eine Abschaffung der Einstimmigkeit durch eine Mehrheit der Gegner ist UNRECHT und kann daher nicht in Frage kommen.

Antworten roger
18.06.2008 16:31

Nicht ganz dicht?

Wahlpflicht mit Sanktionen? Es ist jedermanns demokratisches Recht, zur Wahl zu gehen oder auch nicht. Von denen, die zur Wahl gehen, entscheidet die Mehrheit. Sie haben das Wesen der Demokratie in keiner Weise verstanden.

Gast: Anti-Giscard
18.06.2008 08:47

Eine Verfassung bitte.

Wenn selbst Europarechtler zugeben, dass die Verfassung/Reformvertrag für sie schwer zu verstehen ist, sagt das eigentlich alles. Eine Verfassung richtet sich an die Bürger und soll verständlich die Grundsätze festlegen, wie eine Gemeinschaft funktioniert.

Art 1 Alles Recht in der EU geht von den Bürgern aus.
Art 2 Der Kommissionspräsident und seine Kommissare werden als Liste in freier, geheimer Wahl direkt von den europäischen Bürgern gewählt.
Art 3(1) Folgende Angelegenheiten unterliegen der Gesetzgebung und Exekutive der EU: .....
(2) Alle anderen Angelegenheiten unterliegen der Gesetzgebung und Exekutive der Nationalstaaten.
Art 4 (1) Die Gesetzgebung nach Art 3(1) obliegt dem europäischen Parlament. Dieses besteht aus 2 Kammern, Senat und Repräsentantenhaus.
(2) Jeder Mitgliedsstaat entsendet 2 Mitglieder in den Senat.
(3) Das Repräsentantenhaus wird ....

Dies wird dann einer europaweiten Volksabstimmung unterzogen. Das was jetzt passiert, ist 18. Jhdt.

Antworten leokoller3
20.06.2008 01:17

Re: Eine Verfassung bitte.

(3) Das Repraesentantenhaus wird aus 3 Mitgliedern je Mitgliedsstaat plus 1 Mitglied je volle Million Staatsbuerger je Mitgliedstaat zusammengesetzt. (z.B. Oesterreich 10)
(4) Einfache Gesetze werden von beiden Kammern mit einfacher Mehrheit oder vom Repraesentantenhaus mit doppelter Mehrheit beschlossen.
(5) Der Unionshaushalt wird von beiden Kammern mit einfacher Mehrheit beschlossen.
(6) Verfassungsaenderungen werden vom Unionsvolk mit einfacher Mehrheit in ALLEN Mitgliedsstaaten beschlossen.

roger
18.06.2008 07:51

Gratuliere Herr Böhm

Endlich traut sich ein Journalist in Österreich mal Klartext zu schreiben. Das ist angesichts einer politisch erwünschten, "systemkonformen" EU-Hofberichterstattung durchaus als mutig einzustufen. Wohin politische Einflussnahme und Manipulationsversuche führen, sieht man ja tagtäglich an der völlig einseitigen EU-"Information" im ORF. Reformvertragsgegner werden ins rechte Eck gestellt, Diskussionsrunden völlig einseitig zusammengesetzt, Vertreter von "Rettet-Österreich" kommen kaum zu Wort, während die Frau Außenministerin in der Pressestunde völlig unbehelligt eine Stunde lang über die EU referieren darf, ohne ein einziges Mal unterbrochen zu werden.

simplicissimus
17.06.2008 22:17

falsche voraussetzungen

"....eine rasche Lösung erarbeiten, wie die Union auch ohne diesen Vertrag handlungsfähig bleiben kann"

tja, leider gar nicht.

Staatsphilosoph 2000
17.06.2008 21:20

Ich bin froh dass der Herr Böhm nur

ein einfacher Redakteur bei einer Zeitung ist und nicht irgend einen einflussreichen Posten in der Regierung, Parlament oder einer Partei hat.

Antworten roger
18.06.2008 07:54

Zum Glück

sieht der tschechische Präsident Vaclav Klaus die Dinge sehr ähnlich. Der Vertrag von Lissabon ist tot. Es lebe der Neue Prager Frühling, eine europäische Bürgerbewegung gegen das EU-Diktat der Mächtigen!

Antworten Antworten typhon typhoon
18.06.2008 09:39

Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich

EU = SU
PFF!

Gast: hawkeye
17.06.2008 20:44

Das irische Nein ...

ist eine Bagatelle, verglichen mit den penetranten englischen Extrawürsten bei jeder Gelegenheit!

Sie wollen den Euro -- für die anderen. Sie wollen eine Verfassung, die für sie selber nicht gilt. Sie wollen eine Ausnahme bei der Finanzierung. Jedesmal, wenn ein kleines Integrationsschrittchen tatsächlich stattfindet, verlangen sie den Beitritt von weiteren fünfzehn Staaten.

Sie mästen sich an Kapitalflucht und Steuerhinterziehung, beschützen russische Gangster und lateinamerikanische Diktatoren, mißachten ihre Verpflichtungen gegenüber Zimbabwe, führen völkerrechtswidrige Kriege ...

Mehr Kommentare:

Top-News

  • Fall Madoff: Neue Spuren führen nach Wien
    Im „Fall Madoff“ gibt es schwere Vorwürfe gegen Sonja Kohn, Gründerin der Wiener Bank Medici. Dabei geht es um umstrittene Geldflüsse von rund 40 Mio. Dollar (28,4 Mio. Euro).
    Ohne Job: Generation Krise
    Der Einstieg ins Berufleben wird schwieriger. Die Jugendarbeitslosigkeit steigt daher deutlich stärker als die allgemeine Arbeitslosenquote. Firmen nehmen lieber freigesetzte Mitarbeiter als Neueinsteiger.
    Sarah Palin tritt als Gouverneurin von Alaska zurück
    Die frühere US-Vizepräsidentschaftskandidatin der Republikaner wird ihr Amt als Gouverneurin von Alaska am 26. Juli zurücklegen. Damit nährt sie Gerüchte, 2012 für das Amt des Präsidenten kandidieren zu wollen.
    Verteilungskonflikt: "Wir brauchen Aufstand der Jungen"
    Keine Pension, kein Job und keine Kinder. Droht ein Kampf der Generationen? „Die Verteilungskonflikte zwischen Alt und Jung werden zunehmen“, meint Experte Wolfgang Gründinger.
    Hochwasser kehrt nach Spitz an der Donau zurück
    Die Situation ist ähnlich dramatisch wie beim Donau-Hochwasser vor wenigen Tagen. Doch diesmal kommt das Hochwasser von drei Bächen. Der Wasserstand des üblicherweise 30 Zentimeter hohen Spitzerbachs beträgt vier Meter.
  • USA: Polizei sucht Serienmörder
    Ein Serienmörder soll im US-Bundesstaat South Carolina innerhalb von sechs Tagen vier Menschen getötet haben.
    Vassilakou: Gegen die Tarzanisierung der Politik
    Maria Vassilakou ist im Sommer Grünen-Chefin. Für die Wien-Wahl wünscht sie sich ein „gehöriges Erdbeben“, das die politische Landschaft wieder in Bewegung setzen soll.
    Nadja Benaissa in St. Pölten: "Ich habe keine Angst"
    Die No Angels feierten beim Stadtfest in St. Pölten ihren ersten Auftritt seit der Festnahme von Sängerin Nadja im April. "Wir haben viele Höhen und Tiefen erlebt", sagte Benaissa bevor sie auf die Bühne ging.
    Wimbledon: Traum von Lokalmatador Murray geplatzt
    Der Schotte Andy Murray scheiterte im Wimbledon-Halbfinale in vier hart umkämpften Sätzen gegen Andy Roddick. Der wiedererstarkte US-Amerikaner hat gegen Finalgegner Federer nur zwei von 20 direkten Duellen gewonnen.
    Hype: Der Michael-Jackson-Zirkus
    Die Amerikaner sehnen sich nach einer Pause im Totenkult. Los Angeles bereitet sich auf die Trauerfeiern und das Begräbnis vor.
  • Medizin-Eignungstest: Zittern im Austria Center
    Tausende Maturanten versuchen sich an einem Test, der über ihre Zukunft entscheidet. Begleitet werden sie von einem Plastiksackerl und dem Wunsch, Arzt zu werden. Ein Besuch im Austria-Center.
    Iran macht Jagd auf kritische Journalisten
    Aus Journalisten und Politikern wurde Freiwild, das ohne Angaben von Gründen hinter Gitter gesperrt wird. Ein Besuch in der Zeitung "Etemade Melli", der letzten Zufluchtsstätte kritischer Geister.
    Polizei: Geigers rätselhaftes Comeback
    Ab Montag arbeitet Ex-Kripo-Chef Ernst Geiger (55) wieder für die Bundespolizeidirektion Wien. Wo genau, weiß er aber nicht. Er war im März 2006 wegen Verletzung des Amtsgeheimnisses suspendiert worden.
    Eisschnelllauf: Dopingsperre für Claudia Pechstein
    Die erfolgreichste deutsche Winterolympionikin aller Zeiten wurde des Blutdopings überführt. Doch Claudia Pechstein und der Eisschnellauf-Verband wehren sich: "Die Sperre stützt sich ausschließlich auf Indizien".
    Nitsch: Orgel spielen, bis der „Pornojäger“ tobt
    In seinem Museum erklingt als „Begleitmusik“ zur Ausstellung die Uraufführung der „Ägyptischen Symphonie“ des Aktionskünstlers – sie könnte „meine Neunte sein“, sagt Nitsch im Gespräch.