Es ist den Israelis nicht zu verdenken, dass sie nervös auf Irans Atomprogramm reagieren. Schließlich lässt Irans Präsident die Welt regelmäßig wissen, wie gerne er die „zionistische Entität“ von der Landkarte tilgen möchte. Klar, die Israelis verfügen mit ihren geschätzten 200 Nuklearwaffen über ein beträchtliches Abschreckungspotenzial. Doch eine Atomaufrüstung Irans würde das strategische Gleichgewicht in Nahost zuungunsten Israels verändern. Und dann bleibt da immer noch ein Restrisiko, dass Irans Islamisten irrational genug für einen Erstschlag wären.
Alles nur Panikmache? Nur die gutmütigsten Optimisten nehmen es der Führung in Teheran ab, dass sie nur deshalb so fleißig Uran anreichert, weil sie die Wohnungen ihrer Bürger heller erleuchten will. Trotz aller gegenteiliger Beteuerungen deuten einige Indizien darauf hin, dass der Iran sich zumindest die Option für eine Atombombe aufbauen will. Darum ist der Fall auch vor dem Weltsicherheitsrat gelandet. Dessen Sanktionen indes hatten auf die Mullahs bisher eine ähnlich einschüchternde Wirkung wie ein Kinderfaschingsumzug.
Daher fühlt sich Israel nun veranlasst, offener denn je mit Präventivangriffen auf Irans Nuklearanlagen zu drohen. Das ist verständlich, aber kontraproduktiv. Denn es erschwert eine Verhandlungslösung, die lukrativ für den Iran und deshalb immer noch möglich wäre. Israel hat klüger gehandelt, als es sich im Atomstreit im Hintergrund hielt. (S.4)
christian.ultsch@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2008)

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