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Von Einbahnen, Angst und Osteuropa

WOLFGANG BÖHM (Die Presse)

Warum die Furcht vor Zuwanderungswellen aus und Betriebsabwanderungen nach Osteuropa nur ein kurzes zeitgeschichtliches Phänomen sind.

Keine guten Nachrichten für die Angstmacher-Branche: Österreich wird selbst bei einer Öffnung des Arbeitsmarkts von mittel- und osteuropäischen Menschen nicht überschwemmt werden. Die große Zuwanderungswelle aus den 2004 beigetretenen EU-Ländern wird auch in Zukunft ausbleiben. Und sogar die befürchtete Abwanderung von Unternehmen und damit von Arbeitsplätzen dürfte sich mittelfristig eindämmen. Der Grund liegt in der demografischen Entwicklung von Ländern wie Tschechien, Slowakei oder Ungarn und in einem Ausgleich zwischen den Märkten. Das belegt nun eine umfassende Studie des Rostocker Zentrums für Erforschung des Demografischen Wandels.

Die österreichischen Nachbarstaaten werden wegen ihrer guten wirtschaftlichen Entwicklung und wegen ihrer zunehmenden Überalterung bald die eigenen Arbeitskräfte benötigen. Und sie werden diesen Menschen wohl auch immer bessere Löhne bezahlen müssen, da sie noch stärker als Österreich mit einer schrumpfenden Arbeitnehmerschaft konfrontiert sind. Ihr einziger verbliebener Boomfaktor wird die Arbeitsproduktivität sein, die sie noch steigern können.

Österreich steht trotz aller Ängste nach der Osterweiterung weit besser da als angenommen. Das liegt daran, dass die Marktöffnung nie eine Einbahnstraße war, sondern geholfen hat und hilft, die Ungleichgewichte abzubauen. (Bericht: Seite 1)


wolfgang.boehm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2008)


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6 Kommentare
 
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Von Gerald am 05.09.2008 um 12:27

Was der Hr. Böhm da schreibt mag für die Zukunft stimmen

jedoch stimmt es nicht für die Vergangenheit. Die Übergangsfristen die sich Österreich und Deutschland ausverhandelt haben waren dringend notwendig. Das sah man am Bsp. GB wo der Arbeitsmarkt geöffnet wurde und die danach von arbeitswilligen Ostarbeitern nahezu überrannt wurden. Bei Österreich und Deutschland wäre noch eine gewisse Zahl an Grenzpendlern dazugekommen. Der Sinn der Übergangsfristen war ja auch, den Ex-Ostblockländern Zeit zu geben aufzuholen, genau das ist nun auch geschehen. Man kann die Sperre nun auslaufen lassen, daraus jedoch abzuleiten, dass sie unnötig war, ist absolut unseriös.

Antworten Von Gast: Christian am 05.09.2008 um 14:37

Re: Aus eigener Beobachtung weiß ich, daß es nach der Wende in Polen ein Überangebot an Facharbeitern gab.

Länder ohne Übergangsregelung haben die Vorteile des Zustrom von Facharbeitern für die eigene Wirtschaft genützt. Andererseits haben sie den Polen geholfen, das Problem der hohen Arbeitslosigkeit zu bewältigen.

Österreich hat zwar den Polen nicht geholfen, aber aus dem Balkan etwa 150 000 bis 200 000 meist muslimische und ungelernte Arbeitskräfte, die vor den Bürgerkriegswirren geflüchtet sind bei sich aufgenommen. Im Gegensatz zu Deutschland wurde der Aufenthalt nicht befristet.

Seither hat Ö. einen Überluß an ungelernten Arbeitkräften, für deren (schon wegen des Mangels an Sprachkenntnissen) schwierige Weiterbildung viel Geld nötig ist. Andererseits gibt es bei uns immer schon einen Mangel an Fachkräften, der unsere wirtschaftl. Weiterentwicklung schwer behindert.

Das einzige Trostpflaster waren die Zuwanderer aus dem wirtschaftlich darniederliegenden Ostdeutschland, die sich hier aber nicht angenommen fühlen!

Von Systemkritiker am 04.09.2008 um 22:50

Das haben auch

die Engländer gedacht, als sie ihren Arbeitsmarkt geöffnet haben.

Mittlerweile sind eigene polnische Viertel in London entstanden, die um mehr zu verdienen auf die Heimat pfeifen und einen guten Rubel machen.

So ganz verstanden haben es die Experten nicht, schließlich gibt es ja, EU sei dank, auch Rumänien und Bulgarien als EU Mitglieder.... da kann die Wirtschaft von Slowenien wachsen wie sie will, diese Lohndumper werden wohl oder lang auch zu uns kommen....

Antworten Von Gast: Österreicher am 05.09.2008 um 11:24

Re: Lieber christliche Polen als muslimische Anatolier!

In einer bestimmten Phase der wirtschaftlichen Entwicklung waren eben zusätzliche Arbeitkräfte einfach notwendig. Kreisky hat in seiner Zeit Werbebüros in Istanbul eröffnen lassen. Das war der Start für die Masseneinwanderung der Anatolier. Dem Kreisky hat bekanntlich FPÖ-Peter zur Absoluten verholfen, sodaß man sagen kann, die FPÖ hat indirekt selbst an den vielen Muslimen in Österreich Schuld!

Andererseits hat man sich scharf von Deutschland und seinem Arbeitsmarkt abgeschottet. Dadurch wurde eine Zuwanderung von Deutschsprachigen erfolgreich verhindert. Also ist auch die betonte Eigenstaatlichkeit und Neutralität einer der Gründe, warum man sich die Arbeitkräfte aus Kleinasien holte, statt einen gew. Ausgleich im Bedarf an Arbeitskräften innerhalb Zentraleuropa zu fördern.

Eine Rückwanderung ist eher bei Polen und Europäern denkbar als bei Anatolieren. Die Letzteren sind nicht mehr bereit in ihre relativ rückständigen Heimatländer zurückzugeht (keine soziales Netz im Alter).

Antworten Von GHS am 05.09.2008 um 09:21

Re: Das haben auch

Na Hauptsache, "Systemkritiker" hat es verstanden .... Immerhin beweist er, dass die Angstmacher-Branche nach wie vor floriert.

Antworten Von Helmut Magnana am 05.09.2008 um 09:13

Re: Das haben auch

Auch bei mir wächst der Eindruck, daß die "permanente EU-Erweiterung" primär dem Wunschbild der Konzerene enstammt, die sich auf diese Weise billigere Produktionsstandorte schaffen möchten. Und wenn irgendwo dann einmal doch die Löhne steigen (müssen), so zieht man eben wieder ein Häuserl ostwärts weiter...

Von England sind übrigens immer mehr dort lebende und arbeitende Polen immer weniger angetan. Einer der Gründe: Die Einheimischen neiden den Zugereisten deren Erfolg, weil diese einfach strebsamer sind. Sie sind fließiger, höflicher und schlicht einsatzbereiter als viele Briten. Dem entsprechend wird auch die allgemeine Stimmung gegenüber den Polen rauher! Von einer Massenrückkehr in die Heimat kann zwar noch nicht die Rede sein, aber immer öfter beginnt man eine Rückkehr durchaus realistisch ins Auge zu fassen...

 
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