05.07.2009 00:05 | Meine Presse Merkliste0

Irisches Roulette

WOLFGANG BÖHM (Die Presse)

Die EU geht mit einem neuerlichen Referendum in Irland ein gewaltiges Risiko ein. Sie könnte ihren Ruf damit völlig zerstören.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Der zweite Schuss könnte tödlich sein. In der Demokratie ist es wie beim russischen Roulette: Je öfter abgedrückt wird, desto größer ist das Risiko. Wird Irland, wie es sich derzeit abzeichnet, tatsächlich zu einer zweiten Volksabstimmung über den EU-Vertrag gedrängt, würde damit das Schicksal Europas in fahrlässiger Weise aufs Spiel gesetzt. Denn letztlich könnte der Schaden weit schlimmer ausfallen als das erste Mal. Nicht nur in Irland selbst, auch in vielen anderen EU-Ländern käme sich die Bevölkerung überrumpelt vor.

Ein neuerliches Nein der Iren ist absolut möglich, ja sogar wahrscheinlich. Umfragen belegen, dass es der Bevölkerung schon in der ersten Abstimmung nicht gerade um den Inhalt des Lissabon-Vertrags ging. Es ging ihr um das mulmige Gefühl gegenüber einer Union, die sich von den Menschen zu sehr entfernt hat. Allein die Durchführung eines zweiten Referendums in Irland würde solche Emotionen nur bestärken.

Und dann? Die Kluft zwischen dem Elitenprojekt EU und seinen Bürgern wäre noch größer. Die EU-Regierungen wären aus innenpolitischen Gründen noch mehr gehemmt, sinnvolle Gemeinschaftsaktivitäten wie eine einheitliche Umwelt-, Zuwanderungs- und Sicherheitspolitik voranzutreiben. Weil einmal zu oft über den Bürgerwillen eines Landes hinweggegangen wurde, wäre dem seichten Anti-EU-Populismus ein bequemer Weg bereitet. Dieses Risiko ist selbst dieser – an sich sinnvolle – Vertrag nicht wert. (Bericht: S. 5)


wolfgang.boehm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2008)

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Artikel kommentieren Kommentieren BookmarkBookmarken bei [Was ist das?]

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

9 Kommentare
Gast: Nimmerschreiber
11.09.2008 22:10

EU = a) Europa der Vaterländer (=Subsidiaritätsprinzip)

oder b) Vaterland Europa (=Zentralstaat). Das ist die wahre Frage. Das Volk will, ebenso die Gründer seinerzeit, a). Die derzeit Herrschenden wollen b).

Gast: Gast
11.09.2008 18:46

Die Impertinenz der Eurokraten ist für mich unfassbar!

Nach Frankreich und Holland willl die verblendete Eurokratie nun auch in Irland dem Volk eine lange Nase
drehen ......
DAS WIRD AUF DAUER NICHT GUT GEHN

Der dt. Bundestagsabgeordnete H. Nitzsche
bringt es auf den Punkt:

WEIL WIR DEM VOLK NICHT TRAUEN (dürfen)...
(siehe unten)
http://de.youtube.com/watch?v=XyGUFLs44a0


LePenseur
11.09.2008 09:52

Naja, wenn die Bürger die Europawahlen nicht ernst nehmen

... könnte das auch den Grund haben, daß man dieses EU-Parlament auch nicht ernstnehmen kann. Es ist schließlich bloß das pseudodemokratische Feigenblatt einer EU-Bürokratie, ohne wirkliche Kompetenzen und Kontrollmöglichkeiten. Das Problem der EU ist, daß sie von einer überbordenden, sich nahezu jeder Kontrolle entziehenden Eurokratie gelenkt wird, deren einzige (ohnehin recht theoretische) Aufsicht im EU-Rat liegt, dessen Mitglieder (=die Regierungschefs) von nationalen Parlamenten, denen dank EU-Richtlinien ohnedies nur mehr das Abnicken von Durchführungsgesetzen übrigbleibt, bestimmt werden. Man läßt also kompetenzlose Pseudoparlamente jene bestimmen, die dann Europa richtungsweisend regieren sollen — daß das nicht gutgehen wird, kann sich schon ein Laie unschwer vorstellen! Damit es ganz sicher nicht gutgeht und die Eurokratie ungefährdet ihre Machtspielchen treiben kann, verkompliziert das alles noch der Vertrag von Lissabon. Und dann wundert man sich, daß die Iren "NO" sagten!

freeman
11.09.2008 08:06

Wie abgehoben kann man sein?

Anstatt das Ergebnis zu akzeptieren nocheinmal abstimmen?

Nur wenige haben etwas gegen die Vorteile der EU - zuallererst die "Grundfreiheiten".

Probleme haben die Menschen mit den von Brüssel oktroyierten Richtlinien, die immer mehr zur alleinigen Grundlage nationaler Politik werden und deren Grundsätze nicht demokratisch legitimiert sondern von "Experten" deklariert wurden.

Politik hat näher beim Bürger zu sein. Die EU-Komission ist kein geeignetes Instrument, sie ist demokratisch überhaupt nicht legitimiert, aber auch das Parlament ist keine Alternative: Abgehalfterte Provinzpolitiker, die in ungeliebten, reinen Protestwahlen gekürt werden schaffen nunmal schlechte Gesetze, die jedem denkenden Bürger die Haare zu Berge stehen lassen.

Die EU als politische Gemeinschaft ist von der Bevölkerung nicht gewünscht.

Antworten Ophicus
11.09.2008 09:34

Re: Wie abgehoben kann man sein?

Naja, wenn die Bürger die Europawahlen nicht ernst nehmen sondern nur als Protestwahlen betrachten, dann kann die EU da wenig dafür.
Es steht doch zu hoffen, dass im Falle einer Aufwertung des Parlaments die Bürger dieses auch entsprechend für sich entdecken.
Eine Alternative wäre es jedenfalls.

Antworten Antworten freeman
11.09.2008 10:24

Selbst dann

wäre der Einfluß der Bürger begrenzt.

Gewählt werden nationale Parteien, die sich dann zu europäischen Parteienverbünden zusammenschließen.

Wenn eine Koalitionsregierung schon nichts wirklich demokratisches mehr ist, so sind diese Verbünde es ers recht nicht.

Prinzipiell sind derart große Einheiten weitgehend unregierbar. Deshalb gilt es ein Höchstmaß an Kompetenz bei den natonalen Parlementen zu belassen und nur Dinge von wirklich gemeinschaftlichem Interesse (Grundfreiheiten der EU, tlw. Außenpolitik) zentral zu bestimmen.

citoyen
10.09.2008 21:08

Wer nicht hören will muß fühlen

Um diese - und genau darum geht es, um diese - EU ist nicht schade. Brüssel agiert überheblich, arrogant und um Lichtjahre von den Menschen entfernt.

Kein vernünftiger Mensch ist gegen Europa. Aber zunehmend mehr gegen das, was sich derzeit als Europa ausgibt.

Die zweite Abstimmung in Irland wird ein noch größeres Debakel. Vielleicht sollten die EU-Bonzen einmal mit normalen Menschen reden, soferne sie es noch nicht verlernt haben.

Leider werden sie das nicht tun. Sie werden den Iren eine neuerliche Abstimmung auf¿s Auge drücken und sich dann über das Ergebnis wundern. Da kann man aber dann keinen Dichand oder Martin dafür verantwortlich machen...

Antworten Ophicus
11.09.2008 09:32

Re: Wer nicht hören will muß fühlen

Leider, leider richtig.
Nur bestehen die EU-Bonzen zu einem nicht unerheblichen Teil aus unseren lieben nationalen Staats- und Regierungschefs die immer und immer wieder gewählt werden.
Schüssel: "Kein Türkeibeitritt ohne Volksabstimmung"
Faymann: "Kein künftiger Vertrag ohne Volksabstimmung"

Immer viel für die Zukunft versprechen was man in der Vergangenheit konsequent vermieden hat. Aber morgen, ja morgen, fang ich eine neue Politik an. Und wenn nicht morgen, dann halt irgendwann...oder auch nicht. Mal sehen. Aber JETZT wählt mich jedenfalls, weil so schlecht wie in der Vergangenheit machen wir es in der Zukunft jedenfalls nicht mehr. Höchstens noch eine Legislaturperiode lang, aber die zählt nicht.

Leere Versprechungen soweit das Auge reicht. Und das Vertrauen in die Versprechungen der Opposition ist auch endenwollend...

Gast: hawkeye
10.09.2008 20:02

EU-Reformverfassungsvertragszusatz:

"Art. 4372. Einmal ist keinmal."

Mehr Kommentare:

Top-News

  • Flughafen Wien: Die vorprogrammierte Schlammschlacht
    Das Finanzdebakel am Flughafen Wien ist noch lange nicht aufgeklärt. Aber schon jetzt zeichnet sich ab, dass in den rot-schwarz dominierten Führungsgremien kein Stein auf dem anderen bleiben wird.
    Afghanistan: Taliban schlagen nach US-Offensive zurück
    Zwei Tage nach Beginn der US-Offensive in Südafghanistan haben Taliban am Samstag einen US-Stützpunkt angegriffen. Die Aufständischen brachten vor der US-Basis einen Tankwagen zur Explosion und griffen dann an.
    Erziehung: Wie viel Mutter braucht das Kind?
    In der Debatte über die Fremdbetreuung von Kleinkindern regiert die Ideologie. Doch es zeigt sich, dass "Krippenkinder" nicht schlechter dran sind als Kinder, die länger zu Hause bleiben. Und ihre Mütter auch nicht.
    "Die Uhr tickt": Israel warnt vor Atomgefahr aus Iran
    "Israel wäre innerhalb von Sekunden von der Landkarte gelöscht", warnt Michael Oren, der neue israelische Botschafter in den USA. Die Iraner könnten so vollenden, was Irans Behauptungen nach Hitler nicht getan hat.
    Formel 1-Chef Ecclestone: "Hitler? Er hat Dinge erledigt"
    Hitler sei in der Lage gewesen, "Dinge zu erledigen", sagt Formel 1-Chef Ecclestone in einem Aufsehen erregenden Interview. Am Ende habe Hitler aber "die Orientierung verloren", so Ecclestone weiter.
  • Viktor Juschtschenko: "Sind wie Rufer in der Wüste"
    Der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko empfängt morgen Bundespräsident Heinz Fischer in Kiew. Der "Presse am Sonntag" gibt er Auskunft über all die vielen Sorgen, die ihn plagen.
    Österreichische Schrottautos für Afrika
    Jedes Jahr werden 180.000 gebrauchte Autos mehr oder weniger legal aus Österreich vor allem nach Afrika exportiert. Doch jetzt droht der Markt wegen der Verschrottungsprämie einzubrechen.
    Das politische Hasardspiel der Sarah Palin
    Die Gouverneurin von Alaska hat sich aus der Lokalpolitik verabschiedet, um sich womöglich auf der nationalen Bühne auf ein Comeback als Präsidentschaftskandidatin vorzubereiten.
    Tour de France: Cancellara gewinnt Auftaktszeitfahren
    Der Schweizer Zeitfahrspezialist Cancellara nahm dem spanischen Tour-Favoriten Contador auf der 15,5 Kilomter langen Strecke 18 Sekunden ab. Lance Armstrong belegte mit 40 Sekunden Rückstand Platz zehn.
    Hype: Der Michael-Jackson-Zirkus
    Die Amerikaner sehnen sich nach einer Pause im Totenkult. Los Angeles bereitet sich auf die Trauerfeiern und das Begräbnis vor.
  • Notlandung: Den Absturz überleben
    Viele Menschen glauben, dass es keine Chance gibt, einen Crash oder eine Notlandung heil zu überstehen. Doch mit dem richtigen Verhalten lässt sich die Überlebenswahrscheinlichkeit im Unglücksfall drastisch erhöhen.
    Wien autofrei: Willkommen in Slow City
    Was wäre, wenn der Wiener Gürtel autofrei wäre? Architekturstudenten haben sich den Kopf darüber zerbrochen, wie eine entschleunigte Stadt funktionieren könnte.
    Mit 100 km/h und 2,1 Promille durch die Stadt Salzburg
    Ein 34-jähriger Mann ohne Führerschein lieferte sich am Samstag im Stadtgebiet eine Verfolgungsjagd mit der Polizei. Ehe er gestoppt wurde, rammte er einen Reisebus und fuhr durch eine Baustelle.
    Gehörlos im Parlament: „Tu so, als könntest du hören“
    Im Alter von zwei Jahren verlor die Wienerin Helene Jarmer bei einem Autounfall ihr Gehör. Knapp 35 Jahre später ist die Grüne die erste gehörlose Abgeordnete im österreichischen Nationalrat.
    Franz Josef Smrtnik: Der Asylrebell aus Kärnten
    Franz Josef Smrtnik, Bürgermeister von Bad Eisenkappel, ist bisher der einzige Ortschef, der das geplante Erstaufnahmezentrum Süd für Flüchtlinge will. Dafür und für die Sanierung der Gemeindekasse legt sich der Kärntner Slowene mit Bürgern, vor allem aber mit den Haider-Erben vom BZÖ an.