11.02.2012 10:03 | Meine Presse Merkliste0

Ende vom Anfang? Anfang vom Ende?

THOMAS SEIFERT (Die Presse)

Zwölf Monate vergingen vom Beginn der islamischen Revolution bis zur Flucht des Schahs. Wie lange wird die Revolution 2.0 dauern?

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Auf gerade einmal 15 Zeilen meldete „Die Presse“ am 21. 2. 1978 die größte Anti-Shah-Kundgebung seit 1953. Damals wurden rund 100 Demonstranten von der Polizei des Schahs erschossen. Diese Proteste vom Jänner und Februar 1978 markieren den Beginn der islamischen Revolution, die den Iran und die ganze Region bis heute prägt. Und wir wissen noch etwas: Die Revolution siegte erst am 16. Jänner 1979, als der Schah aus Persien floh.

Journalismus ist das Handwerk der Geschichtsschreibung der Gegenwart. Doch wie sind Ereignisse, die vergangene Woche passiert sind, im historischen Kontext einzuschätzen? Konsultieren Sie in 30 Jahren das „Presse“-Archiv.

Was auf den Straßen von Teheran passiert ist, hatte alle Merkmale des Beginns einer Revolution. Nach den Ereignissen der vergangenen Woche wird deutlich, dass die Staatsführung zwar die Straßenschlacht vorerst für sich entschieden hat, den Krieg um die Seele des Iran aber verlieren wird. Warum? Der oberste Führer ist nach seinen Fehleinschätzungen diskreditiert, das Bild einer islamischen Republik lässt sich nun nicht weiter aufrechterhalten. Nicht, dass nicht auch Republiken auf Demonstranten einprügeln lassen. Aber alle Reaktionen der iranischen Regierung auf die Proteste waren die einer paranoiden Militärdiktatur. Nach 30 Jahren islamischer Republik ist ein neues Kapitel aufgeschlagen, nichts wird mehr sein wie zuvor.


thomas.seifert@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2009)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

7 Kommentare
0 0

was in der berichterstattung so gut wie gar nicht vorkommt...

ist die situation ausserhalb der städte.
vermutlich sind von dort keine gesicherten informationen verfügbar.

aber es ist höchst unprofessionell, wenn journalisten, kommentatoren oder 'experten' einfach die verfügbaren infos (und die kommen halt aus den bevölkerungszentren) hochrechnen aufs ganze land.


0 0

Das stärkste Bollwerk ist die Religion!

Auch wenn rein äußerlich gewisse Parallelen zwischen der islamischen Revolution von 1978/79 und den Ereignissen von heute festzustellen sind: Es gibt einen wesentlichen Unterschied, den man keineswegs bagatellisieren sollte: Den der Religion!

In den Moscheen und in deren Umfeld bagann sich der Widerstand gegen den Schah zu formieren, weil das offenbar ein Bereich war, den selbst der ebenso gefürchtete wie omnipotente Geheimdienst SAVAK respektierte. Oder auch die Strenggläubigen für politisch harmlos hielt.

Zudem galt der Schah mehr oder weniger als Marionette der USA (was er auch tatsächlich war!);besaß also in den Augen der Bevölkerung sicher weniger Legitimität als die seit 30 Jahren herrschenden Mullahs. Mit denen identifzieren sich, laute oder auch nur leise Kritik an ihnen hin und her, noch immer ein Großteil der Iraner.

Gegenüber den "Schwarzen Turbanen" wird also wohl noch für eine ganze Weile eine gewisse "Beißhemmung" seitens der zu Recht unzufriedenen Maßen vorherrschen. Im Islam spielt die Religion im Alltagsbewußtsein seit jeher eine wesentlich größere Rolle als bei uns.

Ich würde mir wünschen, daß die aktuellen Ereignisse im Iran tatsächlich "der Anfang vom Ende" wären. Nur: Wann es mit diesem wirklich so weit ist, darum würde ich nicht wetten,,,

Antworten Gast: schlÄchter
26.06.2009 13:14
0 0

Re: Das stärkste Bollwerk ist die Religion!

sg herr magnana!

zunächst: ich lese ihre beiträge immer mit großem interesse! meistens stimme ich auch mit ihnen überein.

auch ihre obige darstellung trifft mmn wieder ins "schwarze", ich erlaube mir aber eine anmerkung samt frage:

die mullahkartie an sich ist ein recht erfolgreicher versuch ein demokratisches system mit dem koran in einklang zu brinegn, gewissermaßen ein prototyp - mit allen schwächen - für die islamische welt aus den bisherigen meist despotischen staatsformen auszubrechen.

ich verstehe daher nicht, dass im westen so für den sturz des "mullahregimes" eingetreten wird. der iran ist vdas vielleicht stabilste land in der region, pflegt geradezu einen vorbildlichen umgang mit seinen religiösen minderheiten und der eigenen opposition imvergleich zu seinen unmittelbarenb und etwas entferneteren nachbarn.

sicher außenpolitisch gibts spannungsfelder, die man aber auch im gesamtzusammenhang sehen muss: ein staat vdieser größe,geschichte und strategischen lage muss geradezu eine regionale vormachtstellung wahrnehmen, eine atomwaffenaufrüstung wird nicht verhinderbar sein und ist bereits in israel und pakistan realität.

israels sorgen verstehe ich, aber gleichzeitig muss man diese tatsachen anerkennen, alles andere verschlimmert die lage nur, schiebt die probleme auf die lange bank.

in diesem sinne, besthet die chance für eine "islamische demokratie", warum wünschen sie sich ein ende dieser entwicklung?

mfg
s.




0 0

Re: Re: Das stärkste Bollwerk ist die Religion!

lieber herr schlÄchter,

leider stimmt der von ihnen angeführte vorbildliche umgang mit minderheiten nicht.

der islam kennt nur ruhephasen gegen minderheiten, niemals deren gleichberechtigung oder gleichwertigkeit an.

die bahai nur als ein beispiel für andere minderheiten wissen das. ihre religiösen führer zum teil eingesperrt, die gläubigen aus ihren häusern vertrieben, ihre heiligtümer geschändet.

das gleiche gilt für das märchen von al andalus. es ist halt eine sehnsucht des westlichen menschen, das paradies, wo löwe und lamm nebeneinander leben, herbeizuwünschen. auch in al andalus war der islam genauso brutal wie er es im laufe seiner geschichte und auch heute war und ist.

mfg
mc

Antworten Antworten Antworten Gast: schlÄchter
28.06.2009 18:47
0 0

Re: Re: Re: Das stärkste Bollwerk ist die Religion!

sg - sehr geschätzter herr collins!

ich war nie im iran, kenne die situation nur aus presseberichtenund literatur+eigenen gedanken. auch bin ich in sachen islam nicht so eingelesen wie sie.

die von ihnengezogenen schlüsse hinsichtlich des problematische verhältnisses zw. religione undinsb. des "auschließlichen" machtanspruches des islam vollzieh ich nach und sehe es ählich - bes. in hinblickauf die zunahme der moslems in westlichen gesellschaften.

im gebiet der umma sehe ichs aber etwas diffenezierter. islamische mehrheitsgeselschaftensind on einer neuen religionsrenaissance erfasst. der islam ist zunehmend ein identifikationsmittel der rasch anwachsenden, mit damit immer größer werdenden sozialenproblemen, korrupt- diktatorischen herrschaftsstrukturen geplagten menschen. die staaten sind fast ausschließlich in kolonialen grenzen gefasst, mit allen ethnisch-kulturellenprobleme die damit einhergehen, fühlen sich vom westen immer noch bevormundet/unterdrückt, benachteiligt.
hier wird der ausweg n der rückbesinnung auf glanzzeiten und damitden islam gesehen. in diesem zusammenhang wird natürlich die situatuionfür minderheiten - bes. religiöse härter.
in diesem gesamtzusammenhang ist der iran mmn immer noch eine oase inmitten zunehmeden unberechenbaren umbruchs - vielleicht auch wegen seinesgewaltigen kulturellen erbes.die islamische welt hat ein rechtauf eigene enwicklung, wir auf schutz unserer kultur. das sollte doch dienft sein?

mf sonnäglichen g
s.

Antworten antikarl
26.06.2009 09:53
0 0

Re: Das stärkste Bollwerk ist die Religion!

dazu kommt dass der Schah für die kleinen Händler eine Bedrohung war, weil er Supermärkte einführen wollte.
Außerdem darf man nicht vergessen, dass sich dieses System eine fanatische Privatarmee, die Basiji, hält, denen es gut geht.
Nur eine dramatische Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation kann daher die Grundlage für einen Umsturz sein. Ich glaube auch, dass die Leute von der Opposition teilweise missbraucht werden, weil es in höhreren Kreisen vor allem darum geht, wer die Hand in der Erdölkassa haben darf.

Mehr Kommentare:

Top-News