Kommentar

Kanzler Kern im ORF – so schnell wirkt eine frische Show alt

Die Sendung „Nationalraten“ war aufgezeichnet. Sie wurde von der SPÖ-Facebook-Affäre überrollt.

Gleich zwei Mal hintereinander war Bundeskanzler Christian Kern am Montag im TV zu sehen. Ab 20.15 Uhr in der ORF-Show „Nationalraten“ und ab 21.20 Uhr – da lief das Ratequiz sogar noch – im Duell mit HC Strache auf Puls 4. Dass die letzte Ausgabe von „Nationalraten“ (wie alle anderen auch) aufgezeichnet war, hätte man also fast nicht dazusagen müssen. Der ORF entschied sich nach den Enthüllungen zur SPÖ-Facebook-Affäre vom Wochenende sicherheitshalber für volle Transparenz und informierte die Zuseher in Einblendungen darüber, dass die Sendung schon früher aufgenommen worden war. Sehr viel früher, dachte man sich, angesichts der dezenten Gesichtsbräune des Kanzlers (die auf Puls 4 verschwunden war) und den Sommerkleidern und kurzen Ärmel der Studiogäste. Wobei das sanfte Licht im dunklen Studio und das entspanntere Quiz-Ambiente allen fünf Spitzenkandidaten geschmeichelt hatte.

Es war keine einfache Entscheidung für das „Nationalraten“-Team. Was tun mit einer Sendung, die fertig abgedreht, also teuer war, aber offensichtlich nicht mehr aktuell ist: Kübeln? Schade drum. Wiederholen? Die Zeit dafür reichte nicht. Bleibt nur mehr Variante drei, ergo Inserts einbauen. Noch dazu, weil im Quiz eine Frage zu Tal Silberstein gestellt wurde. Also wurde die Sendung am Montag zu einer schrägen Reise in die unmittelbare Vergangenheit. Man sah einen Kanzler, zwar schon im Wahlkampfmodus, aber doch deutlich entspannter als zuletzt, respektive am vergangenen Wochenende. Auf die Frage zum Umgang mit Wahlkampfstress von Moderatorin Lisa Gadenstätter, reagierte er noch so gelassen: „Es klingt unvorstellbar, aber es ist so, du gehst am Abend wirklich zufrieden und eigentlich mit einem guten Energie-Level ins Bett.“ Das klingt schon generell unvorstellbar, nach Tagen wie den jüngsten erst recht.

Schneller und anders hätte der ORF jedenfalls am Sonntag bei „Im Zentrum“ reagieren müssen: Das Thema „Österreichs Umgang mit Zuwanderern“ wirkte an diesem Wochenende sehr unaktuell.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2017)

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