11.02.2012 09:47 | Meine Presse Merkliste0

Justitia macht sich die Hände schmutzig

KARL GAULHOFER (Die Presse)

Als Schuss vor den Schweizer Bug mag der Kauf gestohlener Steuerdaten noch so wirksam sein: Unrecht ist nur durch Recht zu bekämpfen.

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Frustrierte Bankangestellte, Denunzianten und alle Freunde des schnellen Geldes: Aufgepasst, euch winkt ein Geschäftsmodell. Wegen des Erfolges im Fall Liechtenstein will der deutsche Fiskus jetzt auch für gestohlene Bankdaten aus der Schweiz Millionen zahlen. Er betätigt sich also als Hehler und motiviert Nachahmungstäter. Die könnten ja noch, ergänzend zum Grundgeschäft, die anvisierten Steuersünder erpressen. Aber auch für den Staat ist das Modell ausbaubar, etwa auf Schwarzarbeit. Die polnische Putzfrau des unfreundlichen Nachbarn ist nicht angemeldet? Wär doch fein, wenn der Fiskus auch für zweckdienliche Hinweise dieser Art etwas springen lässt. Solche Zukunftsvisionen drängen sich auf, und um sie zu verscheuchen, wird zu Vergleichen gegriffen, die hinken wie der Teufel mit dem Pferdefuß: Das gezahlte Geld sei ja nur ein „Informationshonorar“, der Dieb ein ähnlich wertvoller Komplize der Justiz wie ein Kronzeuge oder ein V-Mann.

Mit Verlaub, ist er nicht. Aber heiligt der Zweck die Mittel? Liechtenstein hat gezeigt: Ein Schuss vor den Bug, und schon zeigen sich auch notorisch verhandlungsresistente Steueroasen kooperativ. Aber das ist ein Argument aus dem Archiv Machiavellis, das Justitias Waage nicht um einen Millimeter neigt. Ja, es ist Unrecht, dass die Schweizer Steuersünder schützen. Aber wer auf Unrecht mit Unrecht reagiert, verliert seine moralische Legitimation. Haben wir das nicht lange genug den Amerikanern unter die Nase gerieben?


karl.gaulhofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2010)

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27 Kommentare
 
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Thonet H.
03.02.2010 10:02
1 0

Langsam kommt der Rechtsstaat

in Bedrängnis, denn die Gesetze orientieren sich schon lange nicht mehr am Naturrecht (sittlichen Naturgesetz), sondern am gesetzten Recht. Rechtspositivismus kennt keine Moral und keine Rechtsphilosophie. Das Unheil begann mit der Rechtssetzung im Zusammenhang mit der Fristenlösung. Das natürliche Rechtsempfinden wurde durch die große Lüge Selbstbestimmung aus den Angeln gehoben. Der Staat schützt nicht mehr alle Bürger. Überleben in den meisten Staaten dieser Welt ist oft Glückssache. Pech hat wer als Ungeborener den Verdacht von schlechten Genen oder den Nachteil des weiblichen Geschlechtes (China und Indien) hat. Er oder sie werden selektioniert, genauso wie die bedauernswerten Embryos vulgo Zelllinien, die nach künstlicher Befruchtung übriggeblieben sind oder die Geschwister von zu vielen Befruchtungserfolgen, denen die Fahrtkarte des Lebens verweigert wird.
Ganz zu schweigen von dem grauenhaften Ende spätabgetriebener bzw. zwangsgeborener "behinderter" Kinder, die man nach der Geburt einfach verrecken lässt (einige haben sogar diese Behandlung überlebt).
Schöne neue Welt, wo wir da angekommen sind. Geht aber alles sehr human udn diskret zu. Wer dann von einem Zusammenhang zwischen Sünde(nur für Christen) und Strafe (wohlgemerkt nicht zwischen Gott und Strafe!) spricht, wird als politisch unkorrekt gebrandmarkt. Die Strafen bereiten wir und alle selber und wie so oft kommen dann viele Unschuldige zum Handkuss. Siehe Klüngel zwischen Politik, Banken und Wirtschaft.

ernestus
02.02.2010 12:58
2 0

Hehlerei

Wer gestohlene bewegliche Sachen vorsätzlich ankauft, macht sich der Hehlerei schuldig und ist gesetzeskonform zu bestrafen.
Dies auch dann, wenn der Käufer sich durch diese Handlung ein bequemeres Leben gönnen könnte.

Wenn ein Staat gestohlene Informationen vorsätzlich ankauft, macht er sich der Hehlerei ebenfalls schuldig.
Dies auch dann, wenn er sich durch diese Handlung eine bequemere Fahndung gönnen könnte.

"Kleine Diebe henkt man - große läßt man laufen!"

Gast: Besserwisser
02.02.2010 12:45
0 1

Wo bleibt die Moral der Schweiz?

Was die Vernaderung betrifft, setzt unsere Bundesregierung z.B. beim Nichtraucherschutzgesetz auch voll und ganz auf diese Schiene, da es keine Kontrolle durch Behörden vorsieht. Man muss also, will man etwas bewirken, erst den Wirt anzeigen, bei dem man jeden Tag sein Mittagessen einnimmt.
Und was ist an der Vorgangsweise der Schweiz ehrenhaft und moralisch, wenn es zum nationalen Konzept erhoben wird, Diebe und Diebsgut zu schützen und mit dem Geld, das dem Nachbarstaat entwendet (vorenthalten) wird, einen erheblichen Beitrag des Staatseinkommens zu erwirtschaften? Und den unmoralischen Steuerhinterziehern und ebenso unmoralischen Nachbarstaaten soll man nur mit ehrenhaften Methoden entgegentreten?

bankfuzzi
02.02.2010 12:44
1 1

Gleiches Recht für alle

Wie würde Herr Gaulhofer wohl argumentieren, wenn ein Gericht einen Mörder, einen Kinderschänder laufen ließe, nur weil die Beweismittel rechtswirdrig erlangt würden.

Seine Empörung wäre wohl allgegenwärtig.

Warum dann so zimperlich bei kriminellen Steuerhinterziehern?

Gleiches Recht für alle, auch für Verbrecher im Nadelstreif!


0 0

Re: Gleiches Recht für alle


Sie haben "Gleiches Unrecht für alle" recht wortreich umschrieben.

Falls ich mich dennoch hinkünftig dagegen wehre, dass der Staat Sie als rechtloses Objekt behandelt, dann nicht aus Sympathie Ihnen gegenüber, sondern dafür, damit unsere Kinder davon verschont bleiben.

Belohnung der Vernaderung

Herrn Gaulhofer ist zu seinem Beitrag zu gratulieren. Vernaderung in dieser Form zu honorieren ist nicht nur ein Gesetzesbruch, sondern würde den moralischen Verfall unserer Gesellschaft beschleunigen.

Antworten guste
02.02.2010 18:30
0 0

Re: Belohnung der Vernaderung

Unsere Gesellschaft ist doch schon moralisch verfallen. Es ist doch auch Unrecht was die Schweiz, Lichtenstein und auch Österreich usw. machen, indem sie Steuerhinterziehung für Ausländer ermöglichen und diese Personen noch schützen. Nach dem Motto Geld stinkt nicht.

WAB
02.02.2010 12:03
0 0

nun ja,

machiavelli war ein sehr gescheiter mann.

Gast: fraumithirn
02.02.2010 11:17
1 0

wie immer die falschen schlüsse

ja, steuerhinterziehung ist strafbar und sollte auch bekämpft werden, aber mit legalen mitteln! doch viel mehr sollten sich die politiker einmal mit der frage auseinandersetzen, warum so viele steuerzahler ihr geld im ausland veranlagt haben. für ein paar prozentpunkte mehr oder weniger tut man sich das ganze doch nicht an. interessant wird es erst, wenn der eigene staat so viel will, dass es nicht mehr als gerecht und gerechtfertigt empfunden wird. die sinnvollste maßnahme gegen steuerhinterziehung wäre, die abgabenquote im eigenen land unter kontrolle zu bringen...

Gast: Tomj
02.02.2010 09:59
2 0

Nach österreichischem Datenschutzgesetz voll illegal

Bez. Steuerhinterziehung: Durch die Kooperation - auch der Schweiz - schon bei Verdacht auf Hinterziehung, wird dem Scheinargument, daß man den Steuertätern anders nicht auf die Schliche käme, die Grundlage entzogen.

Die Diktatur kommt nicht, sie ist bereits da. Allen empörten Postern ins Stammbuch: "Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten" war immer Schwachsinn bzw. Propaganda und wird's immer sein.

Tomj

PS: Bez. Vergleich mit Drogen etc.: Auch verdeckte Fahnder dürfen keine Straftaten begehen bzw. zu solchen anstiften.

PPS: Der Ankauf gestohlener Ware ist und bleibt Hehlerei, da braucht sich der Staat nicht als moralische Instanz gerieren.

NeroRosso
02.02.2010 09:15
2 0

Ihr lieben Schreiber

Ist es nicht auffällig, dass bei all diesen Sachen die Begriffe Jersey, Luxemburg etc. nichth vorkommen?

Haben die Bankbeamten dort etwa das neue Geschäftsmodell noch nicht kapiert oder läuft die ganze Angelegenheit anders?

Gast: Wegelin
02.02.2010 07:58
8 0

Und das ist erst der Anfang

der Staat entlarvt sich immer mehr als alles verschlingendes Monster, dass im Bedarfsfall rasch die Maske des Rechtstaates ablegt. Ja die reichen Steuerhinterzieher sind nach Volkes Stimme zu strafen. Aber wer bestraft Florida Rolf, wer bestraft die rd. 400.000- 1.000.000 Hartzer, die noch nie in ihrem Leben den Willen aufgebracht haben, ohne Stütze zu leben? Wer bestraft Politiker, die ein Staatsverständnis a¿la DDR haben, aber problemlos vom Geld der Reichen leben, Kaviar und Hummer konsumieren, und Wagenknecht und Lafontaine heißen?

Gast: Freiheit
02.02.2010 03:53
2 3

Unrecht und Recht

Einige Kommentare haben vollkommen Recht. Steuerhinterziehung ist auch illegal und mit der Beschaffung des Drogenmilleus vergleichbar. Jedoch gibt es einige Punkte die man beachten muss. 1. gibt es auf der anderen Seite kein Recht des Volkes Politiker wegen Schulden und Steuerverschwendung vor Gericht zu bringen. 2. Ist gerade das deutsche Steuergesetz mehr ein Enteignungsverein als irgendwas anderes. lt. dem deutschen Finanzamt haben 2008 12% der Steuerzahler 90% der Nettoeinkommenssteuern eingezahlt. Ganz normal kann das nicht sein oder? 3. mich persoenlich aergert die Tatsache, dass der Staat glaubt er hat ein Recht Steuern wie er will einzutreiben, tun und lassen kann was er will und umverteilen kann wie er will. fragt denn sich keiner warum europa nicht waechst? die 0,2 0,5% im Jahr sind ja laecherlich. es rendiert sich nicht in Europa fuer einen grossteil der Bevoelkerung Wachstum zu schaffen. Ich finde es ja lustig dass die Bevoelkerung sich ueber die Steuerhinterzieher aufregt aber nicht versteht, dass gerade sie die sind die wegen diesem System fuer immer und ewig hackeln muessen.

4 0

MinderheitenMeinung, Gaulhofer.

Erstklassige journalistische Aufarbeitung in der SZ:

http://www.sueddeutsche.de/,tt2m1/politik/692/501932/text/

Sogar das Schweizer-Fernsehen ließ einen ansässigen Strafrechts-UniProv. zu Wort kommen, wonach eine effiziente Strafverfolgung im "Milieu" (Drogen, Prostitution) ohne gekaufte Informationen gar nicht möglich und überall auf der Welt gang und gebe sei, von den Gerichten gebilligt werde. Der einzige Unterschied, so meinte der Professor, sei nicht etwa die schwere der drohenden Strafen sondern dass die Straftäter einer anderen gesellschaftlichen Sicht angehörten.

Und Banken involviert sind, meine ich.

0 0

Re: MinderheitenMeinung, Gaulhofer.


Den Unterschied zwischen "gekaufte Informationen" und "gekaufte gestohlene Infomationen" sollte schon ein Dreijähriger auf dem Kamm blasen können.

Den Rest, so er recht oder billig, haben andere schon ausreichend ausgelotet.

Antworten klaus h
02.02.2010 13:07
1 0

Sehr interessant

Auch Folter ist international gang und gebe, genau so wie das Liquidieren "unerwünschter" Personen durch Geheimdienste oder das Halten von Geheimgefängnissen, damit die mutmaßlichen Täter nicht der nationalen Rechtsprechung unterliegen.

Nachdem es gang und gebe ist und von den Gerichten gebilligt wird ist es nun also rechtens. Sehr interessante Auffassung.

4 3

Unrecht ist nur durch Recht zu bekämpfen

Und weltfremder geht es nicht mehr. Oder wird in diesem Fall nur Weltfremdheit vorgeschürzt? Um zweifelhafte Interessen zu schützen? Und um die Kriminalität der besseren Gesellschaft nur ja nicht zu stören? Wofür muss Datenschutz noch alles eine Rechtfertigung sein?

Die deutsche Polizeigewerkschaft sieht es jedenfalls praktischer und hält den Datenkauf für rechtmäßig und notwendig. An bestimmte Delikte sei ohne Mithilfe Krimineller kaum heranzukommen, stellt man trocken fest, und Steuerflucht ins Ausland gehöre dazu.

Antworten Gast: gastname123
02.02.2010 12:18
1 0

Re: Unrecht ist nur durch Recht zu bekämpfen

vielleicht etwa wegen unfähigkeit der behörden?????

Antworten Gast: Philip Morris
02.02.2010 08:03
3 0

Re: Unrecht ist nur durch Recht zu bekämpfen

OK. Aber wie würden Sie die Sache sehen, wenn der Iran oder China Geld für Daten über Dissidenten anbietet?

Das Argument, dass mit dieser Ankaufsaktion auch anderem Datenklau + Erpressung - bis in die Privatwirtschaft hinein - Tür und Tor geöffnet wird, ist nicht von der Hand zu weisen

Antworten Antworten Gast: fraumithirn
02.02.2010 11:24
1 1

Re: Re: Unrecht ist nur durch Recht zu bekämpfen

vollste zustimmung! außerdem wär zum anfangsposting noch anzumerken: das sind nicht nur die gelder der bösen reichen, "die¿s eh verdient haben", nein da sind auch viele konten von braven arbeitern darunter, die ihr ganzes leben brav gehackelt und gespart haben, und nun ihr eh schon einmal (hoch) versteuertes geld, nicht noch einmal schmälern wollen.

Gast: richard krainz
01.02.2010 21:40
7 4

kronzeugen

ich sehe das ähnlich wie die kronzeugenregelung und als verbrecher sehe ich hier nicht den deutschen staat, sonst länder wie die schweiz, die hier beihilfe zur steuerhinterziehung als geschäftsmodell betreiben.

Antworten waxolunist
04.02.2010 14:32
0 0

Re: kronzeugen

Wusste nicht, dass man Kronzeugen zu Millionären macht.

Antworten guste
02.02.2010 18:35
0 0

Re: kronzeugen

Ich bin ganz Ihrer Meinung.

Gast: Hubertus
01.02.2010 21:40
3 0

Unrechtmäßig?

Wieso ist die kronzeugenregelung und der V-Mann nicht damit zu vergleichen? Wieso sollte eine Auslobung einer prämie für Hinweise auf den Täter nicht vergleichbar sein? Und ist die bezahlung eines Entgeltes für widerrechtlich entwendete Daten Hehlerei. Vielleicht ist das in der Schweiz ein verbrechen, ist es das auch in Deutschland oder österreich, noch dazu ,wenn es Unrechtstatbestände aufdeckt? Was wäre ,wenn man diese CD unentgeltlich bekäme. Ist das dann auch unrechtmäßig? Es zeigt nur, daß es in der schweiz relativ einfach ist ,an sehr sensible daten heranzukommen. Das ist der Fluch der Automatisierung. Die Schweiz sollte in solchen Fällen wieder zur händischen Buchhaltung zurückkehren. Die Konten von diesen paar tausend Steuerflüchtlingen und die "unrechtmäßigen" gewinne, die die schweiz davon hat, sollten den Banken doch den vertretbaren Mehraufwand wert sein.

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Re: Unrechtmäßig?


"Wieso sollte eine Auslobung einer prämie für Hinweise auf den Täter nicht vergleichbar sein? "

Es ist nicht vergleichbar, weil keine Auslobung stattfand. Hätte es diese gegeben, wäre der Aufschrei absehbar gewesen. Na ja, angesichts der inzwischen verrotteten Sitten in D vielleicht auch nicht ..

Gast: Philipus
01.02.2010 20:03
2 5

Mit zweierlei Maß ...

Eine eigenartige Rechtsansicht transportiert der Artikel.
Wenn ein Polizist im Supermarkt zwei Einbrecher abknallt, findet niemand etwas dabei ...
Aber eine CD mit Steuersünder darf der Staat nicht kaufen ...???
Für wen wird hier "Recht" gemacht ?

 
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