In der guten alten Volksschule, die alle Kinder des Dorfes in einer Klasse zusammenfasste, bis zu acht Jahre lang, gab es eine frühe, ziemlich drakonische Differenzierung durch den Lehrer – die Eselsbank. Die Rauschkinder, die Verhaltensauffälligen, die Genies, all jene, die ganz einfach störten, wurden in die letzte Reihe verbannt, damit der Dorfschullehrer in aller Ruhe seine Favoriten fördern konnte. Letztere waren nicht immer die Besten, sondern die künftigen Bürgermeister und sonstigen Meister, jene, die sich am geschicktesten ins System fügten.
Die alte Eselsbank wurde mit der Zeit verpönt, stattdessen hat man sie, wenn man das Bildungswesen aus urbaner Sicht betrachtet, in modifizierter Form wieder eingeführt. Heute gibt es für die Kinder nach vier Jahren gemeinsamer öffentlicher Volksschule die Eselsklasse und die Aufsteigerklasse. Die meisten Kinder der Immigranten und Arbeiter, die Spätzünder, die lästigen Hochbegabten und die gewöhnlichen Verhaltensauffälligen landen in der Stadt in einer Hauptschule, die Söhne und Töchter der Mittel- und Oberklasse werden durch das Gymnasium gelotst – wahrscheinlich auch jene, bei denen der IQ nicht allzu spektakulär hochwächst. Irgendwo findet sich dann doch eine Privatschule, die dafür sorgt, dass die für das B-Beamtentum nötige Reife noch irgendwie geschafft wird. Mangel an diesem durchschnittlichen Phänotyp hat es in unserem Land schon lange nicht gegeben.
Aber ist diese egoistische Besitzstandswahrung, diese frühe Teilung in oben oder unten, tatsächlich auch klug? Die Zukunft unseres Landes, sagen betuliche Politiker und andere Funktionäre, liegt in der Bildung. Nur Staaten, die ihren Bürgern eine möglichst umfangreiche und qualitätvolle Ausbildung angedeihen lassen, seien im globalen Wettbewerb konkurrenzfähig, heißt es. So wäre es also nur logisch, die bestmögliche Bildung ganz früh anzusetzen – in Kindergärten, die durch entsprechende Sprachkurse dafür sorgten, dass man Ernst machte mit der Integration der Zuwanderer und anderer Benachteiligter.
Ein Klassenkampf? Aber ja! Wir haben ihn dringend nötig. Und das ist erst der Anfang. Wer ermöglicht, dass alle Kinder bis zum 14., 15. Lebensjahr Chancengleichheit haben, indem sie gemeinsam eine öffentliche Gesamtschule besuchen, handelt volkswirtschaftlich vernünftig. So können versteckte Talente länger gefördert und auch Schwächen bekämpft werden. Soziales Lernen bedeutet diese Schule für alle. Insgesamt wird das auch den Zugang zu Hochschulen fördern. Es ist ein Skandal, dass hierzulande nur elf Prozent der Arbeiter- und Bauernkinder in den Genuss höherer Bildung kommen. Beinahe 90 Prozent der heute in Österreich angebotenen Jobs verlangen höhere Qualifikationen. Die müssen wir möglichst viele unserer Kinder und Enkel erlernen lassen.
Damit die Gesamtschule erfolgreich wird, sollte sie vor allem als Ganztagsschule angeboten werden, weil die Begabten und die Schwachen differenziert unterrichtet werden müssen. Flexiblere Lehrpläne sind anzuraten. Ein Gymnasium für alle muss alles Mögliche lehren können.
In solch einer Schule sind menschenwürdige Arbeitsbedingungen für die Lehrer Voraussetzung. Viele Konferenzzimmer, in denen Stunden vorbereitet, Korrekturen gemacht werden, ähneln heute Legebatterien für unglückliche Hühner.
PS: Wer die Gesamtschule ablehnt, sollte Alternativen geboten bekommen. Warum nicht auch Chancengleichheit für exzellente Privatschulen? Schaffen wir zwei, drei, viele Schotten-Gymnasien!
norbert.mayer@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.05.2010)
















