25.05.2012 17:54 | Meine Presse Merkliste 0

Rücktritt eines Dünnhäuters

HELMAR DUMBS (Die Presse)

Deutschlands Bundespräsident Horst Köhler hält sein Amt für beschädigt und geht. Für heimische Politiker wohl schwer vorstellbar.

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Nein, Horst Köhler ist kein Mann des Wortes. Und so war sein Abtritt symptomatisch für die sechs Jahre, die er versucht hatte, sich im Amt des deutschen Staatsoberhaupts zurechtzufinden. Er wirkte zögerlich, unsicher, las sogar den Satz „Ich erkläre hiermit meinen Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten“ vom Manuskript. Das Wort ist eigentlich die wichtigste Waffe des Bewohners von Schloss Bellevue, doch Rhetorik war Köhlers Sache nie, so sehr er ein „Bürgerpräsident“ sein wollte.

Der große Bonus des einstigen IWF-Chefs war auch sein größtes Handicap: Er kam nicht aus der aktiven Politik. Das verlieh ihm Frische und Glaubwürdigkeit. Von der Notwendigkeit, in politischen Kategorien zu denken, entbindet es nicht. Und ein deutsches Staatsoberhaupt kann sicher Klügeres tun, als ohne Not darüber zu schwadronieren, dass für ein handelsabhängiges Land auch Militäreinsätze zum Schutz von Wirtschaftsinteressen notwendig sein können.

Das hat berechtigte Kritik hervorgerufen, doch Köhler ließ die Aussage zurechtrücken – und damit wäre die Sache normalerweise gegessen gewesen. Dass er nun wegen der Kritik zurücktritt, ist irgendwie absurd, zumal er in sechs Jahren – etwa von Gerhard Schröders SPD – schon kräftigere Hiebe ausgehalten hat. Doch er hält das Amt für beschädigt. Welcher österreichische Politiker würde wohl zurücktreten, wenn sein Amt tatsächlich beschädigt wäre? Wo hier zu wenig Sensibilität herrscht, herrscht in Deutschland zu viel Dünnhäutigkeit.


helmar.dumbs@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.06.2010)

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8 Kommentare
Gast: Horst Lüpke
01.06.2010 15:47
0 0

Mein Gott Walter

nun tritt der König von Afrika zurück, traurig. Er wurde doch so geliebt von seinem Nichtwahlvolk. So eine Tragödie hatten wir doch in Ösiland auch schon. Man erinnere sich an das Matrazenlager in der Hofburg. Problematischer sehe ich aber, dass die politische Upperclass durch den Abschuss von Horst Lüpke II, in den Augen der "einfachen" Bürger immer mehr an Glaubwürdigkeit verliert und einen Watschentanz förmlich herausfordern möchte.

Gast: schlÄchter
01.06.2010 11:41
1 0

sg herr redakteur dumps!

der fast gleich betitelte kommentar von herrn unterberger greift weiter und behandelt auch die mmn wichtigere symbolwirkung: der rücktrittsgrund kritik bzw. auslandseinsatzdiskussion verbirgt die wahre sachlage:
als finanzexperte scheint herrn ex-BP böhler die finanzpolitik (stichwort: € -rettungspaket und folgewirlungen) zu belasten und hat seine disbezügliche - nichtöffentliche - kritik an den parteifreunden nicht gefruchtet sondern negierte die deutsche regierung seine ratschläge/befürchtungen.
jetzt zur wahrung des gescihtes aller wird diese offensichtlich nichtausschalggebende begründung hervorgeholt. es ist ein wink nicht nur mit dem zaunpfahl-nein mit dem ganzen bretterzaun !

im übrigen ist es aber auch schon etwas seltsam wenn deutsche grüne von kanonenbootpolitik sprechen, wenn sie zur zeit ihrer regierungsbeteiligung das dogma des damaligen spd-verteidigungsministers "verteidigung deutschlands am hindukkusch" freudig mitunterstützt haben. das polit. gedächtnis ist halt kurz....

mf aber verwunderten g
s.

Gast: Zeitgeist
01.06.2010 10:24
1 0

Themaverfehlung! Setzen! 5!

Herr Dumbs hat mit dem Begriff "Dünnhäutigkeit" wohl nicht falscher liegen können. Richtig ist, dass Köhler in der Vergangenheit heftigere Schläge locker weggesteckt hat. Warum sollte er also jetzt "dünnhäutig" sein? Macht doch keinen Sinn?

Die Wahrheit liegt darin, dass jene "Königsmacher" Merkel und Westerwelle zum wiederholten Male "Ihren" BP im Regen der Presse haben blöd stehen lassen. Kein Rückhalt, keine Mahnung an die Presse zum sachlichen Umgang mit Aussagen Köhlers...nichts!

Köhler hat in den letzten 6 Jahren durchaus Geschick bewiesen (siehe u.a. Schröderentlassung) und hat die Bürde des Amtes sehr ernst genommen. Die Art der Presse ihm die jüngsten Aussagen als dem extremen politischen Denken verdächtig zu unterstellen, hat Köhler nicht verdient. Man kann nur hoffen, das D weiss, wen es da als Staatsmann verloren hat...

Gast: ein Leser
01.06.2010 09:21
1 0

die Bezeichnung Dünnhäuter

hätt man sich ebensogut sparen können!
Alter Grundsatz: auf Liegende tritt man nicht auch noch drauf :)

Gast: Regina aus Duisburg
01.06.2010 07:49
1 0

Adieu, Herr Köhler!

Als übersensible Kurzschlusshandlung möchte ich, mit Verlaub, den Rücktritt des deutschen Bundespräsidenten nicht bezeichnen, sondern als statuierendes Exempel als Aufruf und Zeichen für die eine und einzige lebendige Welt, in der wir Gast sind, leben und die wir zu pflegen haben. Die Pflege der Sprache beinhaltet auch achtungsvollen Umgang miteinander und neben einer politisch korrekten Fairness lebt und atmet auch das Herz. Horst Köhler hat dies demonstriert.

Expat
31.05.2010 22:11
0 0

Rücktritt

Mir stellt sich die Frage, ob er von weiteren Bezügen, Vergünstigungen, etc. auch beleidigt zurücktritt?

Antworten Gast: Schani
01.06.2010 06:39
2 1

Re: Rücktritt

das ist wieder typisch "Wiener Hausmeisterdenken"!
Auf die Idee, dass Köhler als Direktor des IMF(IWF) mehr verdient hat denn als deutscher BP kommt wohl ein Kleingeist nicht.
Da dreht sich wohl alles um die Kategorie: "was steht ma zua"?
Und auf den Gedanken, dass man den Bogen weit überspannt, wenn man dem BP in Deutschland (nicht in Österreich) vorwirft, er hätte das Grundgesetz (Verfassung) verletzt, kommt man ausserhalb des Gürtels ohnehin nicht?

Antworten Steininger
01.06.2010 00:22
1 1

Re: Rücktritt

Ich nehme mal an daß eine Amtszeit als Staatsoberhaupt reicht um den Anspruch zu erwerben eine Politikerpension zu beziehen die auch unbedingt notwendig ist!
Niemand will Politiker die Vorteile im Amt annehmen um sich die Zeit nach dem Amt annehmlicher zu machen.
Daher sind hohe Pensionen für hohe Amtsträger vernünftig und notwendig. Und darüber gibt es auch allgemeinen Konsens!
(und ich bin auch dafür!)

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