25.05.2012 17:54 | Meine Presse Merkliste 0

Zynische Perversion einer Schutzzone

MICHAEL PRÜLLER (Die Presse)

Das Srebrenica-Massaker von 1995 ist nicht nur in Ex-Jugoslawien eine offene Wunde. Auch das Versagen des Westens bleibt ungesühnt.

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Das Massaker in der bosnischen Stadt Srebrenica vor 15 Jahren ist noch lange nicht Geschichte. Das wurde auch bei den gestrigen Gedenkveranstaltungen wieder deutlich – auch wenn der serbische Präsident anwesend war. Das Eingeständnis der Bluttat, auch durch die bosnisch-serbische Republika Srpska, ist ein wichtiger Anfang, aber die Konsequenzen sind bisher dürftig.

Schöne Reden ohne Taten kennzeichnen aber auch die europäischen Mächte, die 1995 grob fahrlässig gehandelt haben: Die Einrichtung einer UN-„Schutzzone“ in Srebrenica ohne ausreichende militärische Bedeckung und ohne den Willen der Herkunftsländer, ihre UNO-Soldaten im Ernstfall auch als solche einzusetzen, war eine Schandtat sondergleichen. Verantwortung dafür hat eigentlich niemand übernommen, wenn man von einem eher halbherzigen Rücktritt des niederländischen Ministerpräsidenten Wim Kok absieht, der 2002 nach einem kritischen Bericht über holländische Blauhelme das Handtuch geworfen hat – einen Monat vor den Wahlen und einige Monate nachdem er ohnehin seinen Abschied aus der Politik angekündigt hat.

Das jämmerliche Versagen der UN-Mission hat zwar Untersuchungsberichte nach sich gezogen, aber auch nicht das politische Erdbeben verursacht, das dem Ereignis einzig angemessen gewesen wäre. Geblieben ist der Hang europäischer Politiker, in den Krieg zu gehen, ohne sich, den Wählern und den Soldaten das auch einzugestehen. (Bericht: S. 3)


michael.prueller@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2010)

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3 Kommentare
Digital
13.07.2010 09:11
0 0

Nicht vergessen - die Masters of Versailles

Dass das Massaker vor den Augen der französischen UNO-Generäle und der holländischen regionalen und lokalen Befehlshaber der "UNO-Schutztruppe" geschehen und einige Zeit vertuscht werden konnte, ist doch nur ein Ausfluss der seit einem Jahrhundert bestehenden proserbischen Ressentiments im "europäischen Westen"! (Aufgedeckt wurde es erst zum Unwillen der damaligen US-Außenministerin Albright durch einen US-Journalisten des Christian Science Monitor, David Rohde!)

Genau so, wie schließlich die britischen UNO-Generäle wie Michael Rose und Rupert Smith die serbischen Belagerer von Sarajewo mit Treibstoff versorgten, um ihre "guten Beziehungen" mit dem jetzt als Kriegsverbrecher gesuchten Radko Mladic zu kultivieren.
Kroatien wurde wegen Gotovina von der EU jahrelang in Geiselhaft genommen, um seinen Beitritt zur EU zu hintertreiben. Bis heute, obwohl der schon ohne Prozess zwei Jahre lang in Den Haag sitzt. Warum? Kroatien gilt als "deutschlfreundlich".
Die alten Gespenster der Haager und Londoner Bankanpolitik samt klammheimlicher Unterstützung in Paris sind durchaus lebendig. Werden aber bei uns politkorrekt verschwiegen und negiert...

Gast: Luzifer
12.07.2010 11:29
0 0

Früher sah man ruhig zu, wie am Balkan die Völker aufeinander einschlugen!

Dann glaubten die Deutschen, am Balkan "Ordnung schaffen" zu müssen, wofür die Volksdeutschen und ihre slawischen Verbündeten bitter zahlen mußten. Im Bosnienkrieg versuchte es die Nato neuerlich. Und Millionen Bosniern emigrierten schließlich zu den bösen Deutschen und Österreichern. Am besten wäre wohl gewesen, man hätte sich die die balkanischen Händel nicht eingemischt, so wie es der schlaue Stalin getan hat ...

Ophicus
12.07.2010 10:57
0 0

Stellen Sie sich vor es ist Krieg...

Das ist das typische Dilemma des "Westens" bzw. vor allem Europas (und mittelbar auch der EU).

Einerseits fühlt man sich für alle Probleme auf der Welt verantwortlich und dementsprechend verpflichtet zu helfen, andererseits scheut man davor zurück zu viel Einsatz zu zeigen. Einerseits weil Einsatz Opfer verlangen würde. Geld opfert man noch gerne - so lange den Wählern nicht auffällt, dass die großzügigen Summen die in ihrem Namen versprochen werden tatsächlich ein Opfer sind - Menschenleben riskieren will man aber nicht.
Außerdem würde in vielen Fällen das Eingreifen der Helfenden auch einen Eingriff in die Dynamik vor Ort bedeuten. Man muss Entscheidungen in die Hand nehmen und diese den betroffenen Akteuren damit auch aus der Hand nehmen. Das riecht nach Kolonalismus und würde auch jede Menge Verantwortung bringen. Will man also auch vermeiden.

Was bleibt sind all zu oft kontraproduktive Pseudo-Hilfen. Viel Geld und gute Worte, wenig Effizienz und gar keine Konsequenz.

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