Papandreous Fluch und Ende

WOLFGANG BÖHM (Die Presse)

Griechenlands Premier versucht, sein Land zu sanieren. Die eigene Partei und die Opposition vereiteln es.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Mehr zum Thema:

Mitleid ist keine politische Kategorie. Wenn ein Ministerpräsident leidet, selbst wenn sein ganzes Land leidet, versuchen seine Gegenspieler, daraus Kapital zu schlagen. Das politische Geschäft ist eiskalt. Das stellt Griechenland dieser Tage unter Beweis. Dort hat sich Ministerpräsident Giorgos Papandreou glaubhaft darum bemüht, sein Land zu sanieren. Doch seine Widersacher in der eigenen Partei und sein größter politischer Gegner, der Chef der konservativen Nea Dimokratia Antonis Samaras, haben es ihm vereitelt. Sie boykottieren den Umbau des Staates, die Zerschlagung der Pfründe von Parteien und Familien. Sie erschweren einen Sparkurs, für den es keine Alternative gibt.

Mehr zum Thema:

Papandreous Tage sind gezählt, weil seine eigene Partei nicht hinter ihm steht. Sie ist nicht länger bereit, das politische Leid zu teilen, das die schmerzhafte, aber notwendige Sanierung ausgelöst hat. Der Ministerpräsident ist angezählt, weil sich auch Oppositionschef Samaras strikt weigert, die Reformen mitzutragen. Für Außenstehende ist logisch, dass Griechenland nur durch einen Kraftakt aller Parteien umgestaltet werden kann. Denn anders ist es nicht möglich, ein fatales Klientelsystem aufzubrechen, das dazu geführt hat, dass jede einflussreiche Familie ihre Leute in der Steuerbehörde sitzen hat, dass Korruption blüht, dass der Staatsapparat zwar aufgebläht ist, aber völlig ineffizient agiert.

Ein Rücktritt Papandreous und Neuwahlen würden das Vertrauen in Griechenland weiter schwächen, die europäische Schuldenkrise sogar vorantreiben. Das zu provozieren ist moralisch verwerflich, aber es geschieht – allein aus Machtkalkül.

 

wolfgang.boehm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2011)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Lesen Sie hier weiter zum Thema:

Mehr aus dem Web

3 Kommentare
Gast: Sirtaki
22.10.2011 10:08
4 0

Spar-Show

Papandreou erstellt "Sparprogramme" damit die EU weiterhin zahlt. Zur Anwendung kommt das nie.

Griechenland und seine Diebe

In Griechenland war es immer üblich, dass Gruppen aus den Bereichen Industrie, Politik und Militär sich grenzenlos bereicherten. Dabei hatten sie, bevor sie ihr Vermögen in Dollar oder Franken außer Landes schafften, die Drachme sozusagen als Katalysator.

Für diese Gesellschaft war der Euro ein Geschenk des Himmels. Keine Abwertung. Der Euro floss 1:1 in ihre Taschen.

Jedoch kann nun keiner auf diese gestohlenen Milliarden, die überall auf der Welt angelegt sind zurückgreifen. Daher wird die breite Masse zur Kasse gebeten.

Dass das Volk, das niemals davon etwas hatte, jetzt den Staat anzündet ist verständlich.


Gast: iona
21.10.2011 19:57
7 0

und deshalb kann es keinen gemeinsamen weg mit griechenland und dem euro geben.


intelligenz und verantwortungsbewußtsein erkennt man auch daran, wem man seinen wohnungsschlüssel und eine bankvollmacht gibt.

Top-News

  • Antisemitismus: Ankaras fataler Anti-Israel-Kurs
    Mehrere türkische Jugendliche haben in Salzburg israelische Fußballer attackiert. Immer öfter werden innerhalb der Community antijüdische Töne eingeschlagen - parallel zur Rhetorik in der Türkei.
    Air-Algerie-Absturz: Wrack offenbar gefunden
    116 Menschen starben am Donnerstag, als eine Verkehrsmaschine von Air Algérie im Norden Afrikas verunglückte. Unter den Opfern sollen sich auch 50 Franzosen befinden. Österreicher waren nicht an Bord.
    Wien: Sprayer "Puber" schuldig gesprochen
    Der Richter verhängte 14 Monate Freiheitsstrafe, davon zehn Monate bedingt. Die unpräzise Dokumentation der Staatsanwaltschaft machte den Prozess zum Marathon der Faktenprüfung.
    Bundesheer: Sparkurs frisst Reformen
    Vor eineinhalb Jahren wurde über die Abschaffung der Wehrpflicht debattiert. Jetzt sprechen manche schon von der Abschaffung des Heeres. Wie geht es mit der Truppe weiter?
    Hollands Wut auf Putin-Tochter Maria
    Nach dem Flugzeugabschuss richtet sich der Zorn auch gegen die Tochter des russischen Präsidenten, die bei Den Haag lebt. Ein Bürgermeister forderte sogar ihre Ausweisung.
    Auch Westjordanland steht kurz vor Explosion
    In Israel nahm Präsident Peres nach sieben Jahrzehnten mitten im Krieg Abschied von der Politik, während in Ramallah die Lage zu eskalieren drohte.
AnmeldenAnmelden