25.05.2012 18:05 | Meine Presse Merkliste 0

Leben mit den Islamisten

HELMAR DUMBS (Die Presse)

Der Westen muss sich nun mit Ägyptens Moslembrüdern arrangieren. Und sollte ihnen klare Bedingungen stellen.

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So haben sich Wael Ghonim und seine weniger bekannten Mitstreiter von der liberalen „Tahrir-Platz-Jugend“ das Ergebnis ihrer Revolution nicht erträumt: Wenn heute das erste frei gewählte Parlament Ägyptens zusammentritt, nehmen Islamisten unterschiedlichen Härtegrads drei Viertel der Sitze ein. Das neue Ägypten trägt Vollbart.

Dies mag ungerecht sein: Die siegreichen Moslembrüder sprangen erst auf den Revolutionszug auf, als dieser bereits in voller Fahrt war und eine fürs Ancien Regime nicht mehr beherrschbare Dynamik hatte – aber so ist nun einmal Demokratie. Dass der komplizierte Wahlprozess in Summe länger als die Revolution gedauert hat, ist eine nette Fußnote.

Als Erstes ist daher festzuhalten: Dass diese Wahl so glatt über die Bühne gegangen ist, ist ein Riesenerfolg. Die Ägypter können stolz darauf sein.


Über das Ergebnis mag man im Westen die Nase rümpfen, akzeptieren muss man es, um die Glaubwürdigkeit halbwegs wiederherzustellen, die durch jahrzehntelanges Füttern des Mubarak-Regimes genug gelitten hat. Den Sieg der Islamisten zu verdammen wäre genauso kontraproduktiv, wie in die Verharmlosungsfalle zu tappen. Denn speziell was Frauenrechte und eine Trennung von Staat und Religion (bei zehn Prozent Christen eigentlich eine Frage der Staatsräson) anbelangt, wird man den Moslembrüdern genau auf die Finger schauen müssen.

Ihnen wird klar sein, dass sie auf Hilfe des Westens bei der Bewältigung der enormen wirtschaftlichen und sozialen Probleme schwerlich verzichten können. Und dem Westen sollte klar sein, dass er diese Hilfe an Bedingungen knüpfen muss. Man mag es Erpressung nennen – klug ist es allemal.

 

helmar.dumbs@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2012)

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14 Kommentare
sir007
23.01.2012 14:32
2 0

Widerspruch in sich

Demokratie kann nicht funktionieren, wenn Parteien teilnehmen, deren Ziel die Abschaffung der Demokratie ist, seien es kommunistische, nationalsozialistische oder radikalreligiöse Parteien. Das ist ein Widerspruch in sich. Die Demokratie in Ägypten hat an diesem Wochenende den Todesstoß erhalten bevor sie noch richtig begonnen hat.

Gast: schlÄchter
23.01.2012 13:31
2 0

sg herr redakteur dumbs!

"So haben sich Wael Ghonim und seine weniger bekannten Mitstreiter von der liberalen „Tahrir-Platz-Jugend“ das Ergebnis ihrer Revolution nicht erträumt" nicht nur diese jungen aktivisten-sondern vielmehr noch diverse westl. journalisten.

ansonsten:
ihr reziprozitätsansatz ist sicher richtig.

mfg
s.

derfreund
23.01.2012 10:24
0 7

Als erster sollte der Vertrag

mit Israel gekündigt werden! Israel hat als Handlanger des Westens viel zu viel Schaden angerichtet!

Pete
23.01.2012 08:40
6 0

Keine Sorge

Keine Panik ein Wenig twittern bzw. facebooken und alles wird gut. Ist ja die Generation Facebook!

12 0

Die Geschichte lehrt:

Immer wenn sich die Linke bei einer Revolution nicht auch scharf gegen die Islamisten wehrt, gewinnen diese die Oberhand. Das war im Iran so, das ist jetzt in Ägypten der Fall. Leider haben das unsere lieben Linke in Österreich immer noch nicht behirnt!

Und noch etwas: alle, die jetzt die Machtergreifung der Islamisten in Ägypten Schönreden und Verharmlosen mögen bitte SCHWEIGEN, wenn Strache 2013 in Österreich Kanzler wird. Die Empörung nimmt euch keiner mehr ab!

8 0

Sicherlich keine Hilfe vom Westen.

Keinen Cent ohne entsprechende Ware als Gegenleistung. Ansonsten sollen die hinter ihren Grenzen tun und lassen, was sie wollen. Sollen sie doch in die Steinzeit zurück, was schert das uns?

10 0

Religiöse Fanatiker lassen sich nie "erpressen"!

Denn für sie gelten andere Prioritäten als ökonomischer Sachverstand und Wohlstand für viele im Lande! Wer beispielsweis bereit ist, sich selbst und möglichst viele andere im Umkreis in die Luft zu sprengen, der fühlt sich dem "Drüben" eben mehr verbunden als dem "Hüben". Diese Leute scheuen nicht nur nicht den Tod; sie sehnen ihn gleichsam sogar herbei!

Zugegeben: DIESMAL war der Wahlgang in Ägypten noch wirklich "demokratisch". Beim nächsten Mal; sofern es ein solches überhaupt noch geben wird, dürfte das Prozedere vermutlich ganz anders sein!

Ein Hauptfehler, der uns im Westen immer wieder unterläuft: Wir schätzen die zahlenmäßige Relation zwischen dem "modernen" und dem "konservativen" Element in den muslimischen Gesellschaften völlig falsch ein! Wir sehen dort Internet, Facebook und Twitter in Gebrauch und übersehen, daß nur eine sehr kleine intellektuelle Bevölkerungsschicht dieser modernen Kommunikationssystem bedient! Der überwiegende Teil der der dortigen Bevölkerung ist nach wie vor analphabetisch! Und voll indoktriniert von Mullahs und Imamen, die im Einfluß westlicher Ideen eine Gefahr für ihre eigene Posiition erblicken. Denen gelingt es jedesmal sehr schnell, die aufgebrachten Massen auf die Straße zu bringen, wenn irgendwo in Europa eine Mohammed-Karikatur abgedruckt wird!

Kurzfristig wird der Tourismus in Ägypten ähnlich einbrechen wie bereits jetzt in Tunesien. Ob man daraus die richtigen Lehren zieht? Ich bleibe da sehr skeptisch...

Antworten derfreund
23.01.2012 10:26
0 5

Re: Religiöse Fanatiker lassen sich nie "erpressen"!

Zeugt die Wahl der FPÖ von Sachverstand?

Antworten fefe
23.01.2012 07:13
2 1

Re: Religiöse Fanatiker lassen sich nie "erpressen"!

Richtig, die verhungern lieber. Die Zeit der Steuerung von außen dürfte vorbei sein.

2 0

Re: Religiöse Fanatiker lassen sich nie "erpressen"!

in mubaraks Ägypten herrschte die Schulpflicht beider Geschlechter ohne Schulgeld. soooo ungebildet konnens nicht sein

Gast: Luzifer
22.01.2012 22:46
10 0

Man darf sich nichts vormachen: die arabischen Baath-Regime

waren laizistisch und versuchten, den Islam aus der Tagespolitik zu verdrängen. Diese Unterart des "Sozialismus" stand der westlichen Ideologie im Grunde näher!

Ob mit dem arabischen Frühling der Demokratie in den islamischen Staaten wirklich gedient wurde, ist daher fraglich!

Gast: Gerne nur Gast
22.01.2012 22:10
12 0

Wahrheit:


Was "Leben mit den Islamisten" - also ihre Überschrift, konkret heißt, sehen wir aktuell im Norden Nigerias.

Am meisten Verachtung verdienen jedenfalls jene linksliberalen Schwärmer, die bei der "agyptischen Revolution" euphorisch wurden.

Contix
22.01.2012 18:40
0 0

Pro und Kontra

Man kann nur abwarten. In den nächsten Monaten werden wir es erfahren, und richtig, es ist eine 50 % Chance.
In diesem Zusammenhang heute von Frauenrechten zu sprechen ist anmaßend.
Die Revolution hatte andere Kinder als Frauenrechtler. So was muss sich entwickeln.
Andererseits ist es eine Nebensächlichkeit in dem Zusammenhang.
Es geht heute um Wirtschaft, Demokratie-Entwicklung, Arbeitsplätze. Und um Entwicklung einer Politik für Inneres und Äussere Beziehungen. Über 1000 Jahre herrschte die Türkei über Ägypten. Was wird sich in der Region nun abspielen.

Antworten karl gross
23.01.2012 06:03
6 0

Re: Pro und Kontra

es geht in erster linie darum die einwanderer aus diesen ländern dazu zu bewegen wieder zurück in ihre heimat zu gehen.

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