Die Ministerentscheidung ist gefallen. Die Wadlbeißereien bleiben nicht aus. Wär' net Wien! Wenn Ministerin Schmied einen neuen Chef für die Staatsoper gesucht hätte, wäre mindestens ebenso heftig gemurrt worden wie angesichts der Verlängerung der derzeit aktiven Direktion. Deren Bilanz ist für Opernfreunde, deren Perspektive über den monatlichen Spielplan hinausreicht, durchaus erfreulich.
Zunächst legt Direktor Dominique Meyer offenkundig auf eine gewisse optische Ästhetik Wert, pflegt funktionierende ältere Produktionen und kauft für Neuinszenierungen nicht automatisch im Regietheaterzirkus ein, was dem deutschen Feuilleton gerade teuer ist. Das allein sollte ihm Sympathien sichern. Dann genügt vielleicht ein kurzer Rückblick auf die erste Hälfte der laufenden Saison, um in Sachen Wagner („Ring“, „Tannhäuser“), Richard Strauss („Arabella“, „Daphne“, „Rosenkavalier“) exquisit zu bilanzieren.
Eben läutet eine Aufführungsserie von „André Chénier“ die zweite Hälfte der Spielzeit ein, die für Tenor-Aficionados spannend beginnt. Immerhin folgt auf Johan Bothas Revolutionshelden der Faust von Jonas Kaufmann, ein Recital von Roberto Alagna, ein „Liebestrank“ mit dem genesenen Rolando Villazón. Wer den Spielplan studiert, wird in der Folge Starnamen von der Fleming bis zur Garanca, von Beczala bis Cura finden – und kann immer noch jammern, dass ihm das alles zu wenig ist.
Wer zurückdenkt, erlebt auch bei den Raunzereien manches Déjà-vu. Oft gehörte Klagen – etwa jene über „zu kleine Stimmen“ – sind im ersten Jahr der Ära Waechter/Holender genauso laut geworden wie während der vorigen Spielzeit. Diesbezüglich musste – von Egon Seefehlner vielleicht abgesehen – noch jeder Wiener Direktor korrigierend eingreifen. Vieles andere relativiert sich bei genauem Studium des Programms von selbst. Der Spielplan ist vielfältig, große Namen sind da, ein souveräner Generalmusikdirektor pflegt ein breites Repertoire.
In Wahrheit muss Wien dankbar sein. Die politische Führung hat offenbar verstanden, dass Österreichs erstes Musiktheaterhaus keinen zeitgeistigen sogenannten „Erneuerungsschub“ braucht, der kurzfristig Erfolge beim deutschen Feuilleton bringt und langfristig Abonnenten verscheucht.
Statt Regieklassiker durch (wie sich gezeigt hat, mehrheitlich unbrauchbare) „Neudeutungen“ zu ersetzen, führt es gewiss weiter, Uraufführungen zeitgenössischer Werke herauszubringen. Solche wollen Dominique Meyer und Franz Welser-Möst für jede Saison ab 2015 in Auftrag geben. Im Übrigen bleibt der „Rosenkavalier“ der „Rosenkavalier“. Und auch die „Tosca“ wirkt ja bekanntlich, selbst wenn die Inszenierung ein halbes Jahrhundert alt ist, frisch genug, sobald exzellente Sänger auftreten.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2012)















