20.06.2013 11:18 Merkliste 0

Wiens Opernfreunde dürfen beruhigt weiterraunzen

WILHELM SINKOVICZ (Die Presse)

Mit der Verlängerung der Verträge der Staatsopernführung müssen die notorischen Nörgler zumindest keine neuen Strategien entwickeln.

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Die Ministerentscheidung ist gefallen. Die Wadlbeißereien bleiben nicht aus. Wär' net Wien! Wenn Ministerin Schmied einen neuen Chef für die Staatsoper gesucht hätte, wäre mindestens ebenso heftig gemurrt worden wie angesichts der Verlängerung der derzeit aktiven Direktion. Deren Bilanz ist für Opernfreunde, deren Perspektive über den monatlichen Spielplan hinausreicht, durchaus erfreulich.

Zunächst legt Direktor Dominique Meyer offenkundig auf eine gewisse optische Ästhetik Wert, pflegt funktionierende ältere Produktionen und kauft für Neuinszenierungen nicht automatisch im Regietheaterzirkus ein, was dem deutschen Feuilleton gerade teuer ist. Das allein sollte ihm Sympathien sichern. Dann genügt vielleicht ein kurzer Rückblick auf die erste Hälfte der laufenden Saison, um in Sachen Wagner („Ring“, „Tannhäuser“), Richard Strauss („Arabella“, „Daphne“, „Rosenkavalier“) exquisit zu bilanzieren.

Eben läutet eine Aufführungsserie von „André Chénier“ die zweite Hälfte der Spielzeit ein, die für Tenor-Aficionados spannend beginnt. Immerhin folgt auf Johan Bothas Revolutionshelden der Faust von Jonas Kaufmann, ein Recital von Roberto Alagna, ein „Liebestrank“ mit dem genesenen Rolando Villazón. Wer den Spielplan studiert, wird in der Folge Starnamen von der Fleming bis zur Garanca, von Beczala bis Cura finden – und kann immer noch jammern, dass ihm das alles zu wenig ist.

Wer zurückdenkt, erlebt auch bei den Raunzereien manches Déjà-vu. Oft gehörte Klagen – etwa jene über „zu kleine Stimmen“ – sind im ersten Jahr der Ära Waechter/Holender genauso laut geworden wie während der vorigen Spielzeit. Diesbezüglich musste – von Egon Seefehlner vielleicht abgesehen – noch jeder Wiener Direktor korrigierend eingreifen. Vieles andere relativiert sich bei genauem Studium des Programms von selbst. Der Spielplan ist vielfältig, große Namen sind da, ein souveräner Generalmusikdirektor pflegt ein breites Repertoire.

In Wahrheit muss Wien dankbar sein. Die politische Führung hat offenbar verstanden, dass Österreichs erstes Musiktheaterhaus keinen zeitgeistigen sogenannten „Erneuerungsschub“ braucht, der kurzfristig Erfolge beim deutschen Feuilleton bringt und langfristig Abonnenten verscheucht.

Statt Regieklassiker durch (wie sich gezeigt hat, mehrheitlich unbrauchbare) „Neudeutungen“ zu ersetzen, führt es gewiss weiter, Uraufführungen zeitgenössischer Werke herauszubringen. Solche wollen Dominique Meyer und Franz Welser-Möst für jede Saison ab 2015 in Auftrag geben. Im Übrigen bleibt der „Rosenkavalier“ der „Rosenkavalier“. Und auch die „Tosca“ wirkt ja bekanntlich, selbst wenn die Inszenierung ein halbes Jahrhundert alt ist, frisch genug, sobald exzellente Sänger auftreten.

 

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2012)

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4 Kommentare
Gast: merelli
30.01.2012 17:28
2 0

wirklich exzellent war die "Anna Bolena"

aber diese kennt Sin offenbar nicht, deshalb ist sie ihm auch nicht wichtig.
Dieses Beispiel zeigt das traurige Niveau hiesiger Musikkritik deutlich auf!

Gast: Luchino Visconti
30.01.2012 03:36
0 2

Ich bezweifle das Repertoiresystem

Das Repertoiresystem hat funktioniert. Bis vor ein paar Jahren. Es war sinnvoll und wurde akzeptiert.
Aber ich bin zur Auffassung gelangt: Das Repertoiresystem ist ein Relikt der - nicht schlechten, sondern einfach vergangenen - Vergangenheit.
Es ist schlicht so, dass das Publikum heute - bewusst oder unbewusst - höhere Anforderungen an die Leistungen einer Aufführung stellt und Improvisiertes ablehnt. Mit dem, was etwa die Salzburger Festspiele bieten, kann die Staatsoper allein aus technischen Gründen kaum noch mithalten. Dazu kommt, dass das Repertoiresystem auf Inszenierungen aufbaut, die wechselnde Besetzungen erleichtern. Heute will man Leute sehen, die nicht bloß von Assistenten eingewiesen wurden, sondern mit dem Regisseur gearbeitet haben. Welchen Unterschied das macht, haben die Auffrischungen Otto Schenks bewiesen. Plötzlich war der lang verlorene Flair wieder da.
Ein stärker dem Stagioneprinzip angenähertes System mit weniger Opern pro Jahr, dafür längerer Spieldauer und häufigerem Wechsel der Produktionen brächte viele Vorteile. Die Inszenierungen würden frisch bleiben und dann verschwinden, Misslungenes würde weniger Schaden anrichten (weil man damit ohnehin nur auf begrenzte Zeit leben müsste), die Probenmöglichkeiten könnten gezielter und sinnvoller genutzt werden. Die Zahl der Dekorationstransporte wie auch das oftmalige Einrichten der Beleuchtung wären reduzierbar.
Und kostengünstiger wäre es zudem. Das Geld könnte im Theater sinnvoller investiert werden.

Antworten Gast: cammarano
30.01.2012 17:32
1 0

Re: Ich bezweifle das Repertoiresystem

nur falls Sie es nocht nicht bemerkt haben - die Staatsoper pflegt bei den meisten Reprisen das Blocksystem. Das ist letztlich nichts anderes als ein Semistagionebetrieb. Man spielt eine Oper drei bis fünfmal in der gleichen Besetzung, wobei zuvor kurze Proben stattfinden. Wenn die Besetzung stimmt, reicht das völlig aus!

Antworten Antworten Gast: Luchino Visconti
01.02.2012 00:57
0 0

Re: Re: Ich bezweifle das Repertoiresystem

Nein, das reicht eben nicht mehr völlig aus. Die Zeiten haben sich geändert. Die ästhetischen Ansprüche sind andere, höhere.
Und: Nein, drei bis fünf Reprisen allein machen noch keinen Semistagionebetrieb. Sondern da wären fünf Vorstellungen pro Serie das Minimum. Abgesehen davon, dass da über 10 Jahre alte Produktionen nur auf den Spielplan kommen, wenn es sich um exzeptionell gelungene Inszenierungen handelt.

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