Teurer Wunsch nach Ruhe

20.02.2012 | 18:15 |  WOLFGANG BÖHM (Die Presse)

Das nächste Hilfspaket für Athen bringt noch nicht die Lösung, nur einen Zeitgewinn.

Drucken Versenden
 
A A A
Schriftgröße
Kommentieren

Mehr zum Thema:

Das Wort „Atempause“ ist ein semantisch zweifelhafter Begriff, bedeutet er doch eigentlich, dass es eine Zeit gibt, in der nicht geatmet wird. Der semantisch korrekte Wunsch, den ganz Europa mit dem nächsten Hilfspaket für Griechenland verbindet, ist eher der nach einer „Ruhepause“. Das 130-Milliarden-Paket soll Athen vorübergehend aus den Schlagzeilen bringen, die Finanzmärkte beruhigen und der Regierung in Athen Zeit geben, ihre Schulden abzubauen. So weit der Plan, so weit die Hoffnung.

Mehr zum Thema:

Zu einer völligen Rettung Griechenlands, zu einer Lösung für den gesamten Euroraum werden die 130 Milliarden Euro freilich nicht ausreichen. Die Angst vor einem Fass ohne Boden wird uns also weiter begleiten. Griechenland ist ja auch nicht allein das Problem. Es braucht über dieses Paket hinaus einen Euro-Rettungsschirm, der so groß ist, dass er glaubhaft Länder wie Italien umspannen kann. Und würde selbst über einen solchen weiteren finanziellen Kraftakt eine längere Ruhepause erkauft werden, wäre das Grundproblem damit noch nicht bereinigt: die Sanierung aller europäischer Staatshaushalte.

Nach Monaten mit immer neuen Horrormeldungen gieren wir alle nach Ruhe – nicht nur in Griechenland. Doch es muss klar sein, dass diese Ruhephase auch im übertragenen Sinn keine „Atempause“ wird. Sollten sich die Märkte beruhigen, und sollte das Wachstum in Folge wieder steigen, erwartet uns eine anstrengende Zeit, in der wir in erster Linie für die Sanierung unserer Staaten, nicht für unseren eigenen Wohlstand arbeiten werden.

wolfgang.boehm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2012)

 
Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Lesen Sie hier weiter zum Thema:

1 Kommentare
periskop
21.02.2012 15:24
1

Eine "Atempause" kann mit viel verschwendetem Geld immer wieder erreicht werden, eine Lösung des Problems jedoch niemals!

Den Griechen nicht für sich, sondern nur für die Befriedigung der Zinsansprüche ausländischer Gläubiger (Banken, die sich verzockt haben) Geld zu geben, ist eine Strategie, die nichts bessert, sondern nur eine Zahlungsfähigkeit Griechenlands vortäuscht, die es nicht gibt. Ein erfolgreiches Ende dieser Strategie ist unmöglich, weil dabei die Schulden Griechenlands immer nur wachsen und die Zinszahlungen von Jahr zu Jahr höher werden müssen. Das Ganze findet aber notwendig dann ein Ende, wenn sich niemand mehr diese sinnlosen, immer höher werdenden Zahlungen leisten kann. Dann muss man endlich doch zugeben, dass Griechenland insolvent ist.

Wenn man das gleich gemacht hätte, wären gar keine Hilfszahlungen, die nicht den Griechen sondern nur den Banken helfen, angefallen und auch der durch eine griechische Pleite verursachte Schaden wäre anfangs noch viel kleiner gewesen!

Statt dessen zwingt die EU Griechenland ein "Sparpaket" auf, welches die schwache griechische Wirtschaft vollends ruiniert und eine Tilgung von Schulden immer weniger möglich macht. So wurde durch dieses Paket im vergangenen Jahr ein Wirtschaftseinbruch von -5,5 % verursacht! Schon jetzt müssen die Griechen mehr neue Schulden machen denn je, um Not und Elend zu bekämpfen.

Das ist aber erst der Anfang. Wenn die EU ihre Politik nicht radikal ändert, muss sie in Griechenland - und wahrscheinlich nicht nur dort - in einer schlimmen Katastrophe enden!


Top-News

  • TTIP: Kein Pakt mit Amerika?
    Frankreich erklärt das Freihandelsabkommen mit den USA für tot. Auch Österreichs Regierung ist zunehmend skeptisch. EU und USA trommeln Durchhalteparolen, aber ein Deal unter Obama ist unrealistisch.
    Amatrice: Beben enttarnt Bauskandal
    Falsche Zertifizierungen, nicht ausgeführte Sicherungsarbeiten: Nach dem Beben in Mittelitalien von voriger Woche häufen sich Berichte über Pfusch bis hin zur Veruntreuung.
    Saudiarabien erlebt sein Vietnam
    Der Krieg hat den Jemen in drei Machtzonen zerfallen lassen. Al-Qaida beherrscht große Landstriche, 10.000 Menschen sind tot. Doch Saudiarabien fliegt weiter Luftangriffe auf den Nachbarn – ohne seine Strategie offenzulegen.
    Ein abgesagtes Hunderennen und eine SMS
    Bundeskanzler Kern trägt das Pressefoyer in der bisherigen Form zu Grabe. Die rot-schwarze Koalition gibt sich selbst den Lieferauftrag für Ergebnisse: Ab Oktober soll die Erntezeit von der Integration bis zur Wirtschaft sein.
    ÖFB-Team: Baumgartlinger, der einzig logische Anführer
    Fuchs-Nachfolge ist geklärt, Koller bestimmte Baumgartlinger, 28, zum Kapitän.
    Wiener Terrorverfahren um 21 Tote
    Auf Wien kommt ein Terrorprozess zu, der in der Dimension einzigartig ist: Der Tschetschenien-Flüchtling Magomed I. wird für 21 Morde verantwortlich gemacht.
AnmeldenAnmelden