Günter Grass hätte schweigen sollen

Sein „poetischer“ Einwurf zur Israel-Politik ist eine peinliche Anmaßung.

Warum schweige ich?“, fragt Günter Grass, um dann just nicht zu schweigen. Er schweigt nicht oft, schon gar nicht zu Fragen der Politik.

In einer Sache hat er sehr lange geschwiegen: über seinen Einsatz bei der Waffen-SS. Den hat er bis 2006 verschwiegen. Die meisten haben ihm das verziehen, und das ist richtig so: Viele Deutsche (und Österreicher) haben ihre NS-Vergangenheit verdrängt, und ein Dichter muss kein moralisch vorbildlicher Mensch sein, er ist keine ethische Instanz, muss nicht „staatstragend“ sein.

Genau diesen Gestus pflegt Grass aber, besonders penetrant in seinem neuen Gedicht. Da maßt er sich an, dass sein Schweigen oder Nichtschweigen, Wohlwollen oder Nichtwohlwollen bedeutender wäre als das anderer Bürger. Und da darf man ihm schon sagen: Wer sich – und sei es auch in seiner Jugend – politisch so peinlich geirrt hat, muss sich nicht lebenslang schämen. Aber er soll wenigstens schweigen, wenn es um Themen geht, die mit seiner Schuld zu tun haben. Und das haben sie. Das gesteht Grass selbst ein, wenn er – man möchte fast sagen: kokett – über den „nie zu tilgenden Makel seiner Herkunft“ schreibt.


Und wenn sich Grass schon anmaßt, moralische Instanz zu spielen, warum gerade, wenn es um Israel geht? Dieses Land ist gewiss nicht das einzige, das den „brüchigen Weltfrieden“, wie Grass pathetisch schreibt, gefährdet. Und noch gewisser werden in anderen Ländern des Nahen Ostens die Menschenrechte ärger verletzt.

Grass ist freilich nicht der einzige politische Interessierte in Deutschland (und Österreich), der sich obsessiv mit Israel befasst, der einen Gutteil seines Protestpotenzials diesem Land widmet. Der – wie Grass in einer besonders perfiden Passage – dem Staat Israel vorwirft, ein Volk (diesfalls das iranische) „auslöschen“ zu wollen.

Man kann an der Politik Israels einiges kritisieren. Aber als Deutscher, der noch dazu in das für den Holocaust verantwortliche Regime verflochten war, sollte man den Anstand besitzen, besonders behutsam über den Staat zu sprechen, den sich Juden aufgebaut haben. Und auch einmal einfach zu schweigen. Günter Grass hätte schweigen sollen.

 

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2012)

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