Günter Grass hätte schweigen sollen

THOMAS KRAMAR (Die Presse)

Sein „poetischer“ Einwurf zur Israel-Politik ist eine peinliche Anmaßung.

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Warum schweige ich?“, fragt Günter Grass, um dann just nicht zu schweigen. Er schweigt nicht oft, schon gar nicht zu Fragen der Politik.

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In einer Sache hat er sehr lange geschwiegen: über seinen Einsatz bei der Waffen-SS. Den hat er bis 2006 verschwiegen. Die meisten haben ihm das verziehen, und das ist richtig so: Viele Deutsche (und Österreicher) haben ihre NS-Vergangenheit verdrängt, und ein Dichter muss kein moralisch vorbildlicher Mensch sein, er ist keine ethische Instanz, muss nicht „staatstragend“ sein.

Genau diesen Gestus pflegt Grass aber, besonders penetrant in seinem neuen Gedicht. Da maßt er sich an, dass sein Schweigen oder Nichtschweigen, Wohlwollen oder Nichtwohlwollen bedeutender wäre als das anderer Bürger. Und da darf man ihm schon sagen: Wer sich – und sei es auch in seiner Jugend – politisch so peinlich geirrt hat, muss sich nicht lebenslang schämen. Aber er soll wenigstens schweigen, wenn es um Themen geht, die mit seiner Schuld zu tun haben. Und das haben sie. Das gesteht Grass selbst ein, wenn er – man möchte fast sagen: kokett – über den „nie zu tilgenden Makel seiner Herkunft“ schreibt.


Und wenn sich Grass schon anmaßt, moralische Instanz zu spielen, warum gerade, wenn es um Israel geht? Dieses Land ist gewiss nicht das einzige, das den „brüchigen Weltfrieden“, wie Grass pathetisch schreibt, gefährdet. Und noch gewisser werden in anderen Ländern des Nahen Ostens die Menschenrechte ärger verletzt.

Grass ist freilich nicht der einzige politische Interessierte in Deutschland (und Österreich), der sich obsessiv mit Israel befasst, der einen Gutteil seines Protestpotenzials diesem Land widmet. Der – wie Grass in einer besonders perfiden Passage – dem Staat Israel vorwirft, ein Volk (diesfalls das iranische) „auslöschen“ zu wollen.

Man kann an der Politik Israels einiges kritisieren. Aber als Deutscher, der noch dazu in das für den Holocaust verantwortliche Regime verflochten war, sollte man den Anstand besitzen, besonders behutsam über den Staat zu sprechen, den sich Juden aufgebaut haben. Und auch einmal einfach zu schweigen. Günter Grass hätte schweigen sollen.

 

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2012)

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53 Kommentare
 
12
Gast: Jiri
21.04.2012 14:55
0

Seit wann darf man seine Meinung nicht mehr sagen?

Wenn es einmal gegen die Mainstraem USA/Israel-Meinung geht, ist Kritik eine Staatsaffaere und offensichtliche Rechtsbrueche sollen wie immer elegant unter den Teppich gekehrt werden!?

Ich wuerde mir viel mehr von dieser Sorte Kritik wie sie Grass uebt, wuenschen! Insbesondere wenn es um die Aufarbeitung der amerikanischen - Indianer Kriege geht. Man koennte naemlich genauso der Meinung sein, dass auch dieses Land illegal in Beschlag genommen wurde.

Spielt sich nicht jeder,...

der Kommentare zu Politik abgibt, als "moralische Instanz" auf?

Gast: Arne Duering
09.04.2012 16:43
0

Neue Generation

Herr Grass moechte sich mit seiner Prosa ins Gewissen der Deutschen zurueckrufen, als Instanz respektiert und seine Meinung geachtet. Bei mir loest dieser Versuch nur Ablehnung aus, welche Herr Kramar stylistisch klug in seinem Artikel in Worte umsetzt, vielen Dank dafuer. Es wirkt einfach nur peinlich, wenn belastete Stimmen aus der Vergangenheit mit vermeintlich raffinierter Rhetorik Geschehnisse der Gegenwart einseitig interpretieren wollen...dies geschieht am Besten im kleinen Kreise unter Gleichgesinnten, die derselben Generation entstammen...die heutige Generation spricht eine andere Sprache und verzichtet gerne auf "grasse" Ermahnungen.

Gast: nkerl
06.04.2012 12:40
1

ganz im Gegenteil,

er meldet sich reichlich spät. Diese Reaktionen wären früher die gleichen gewesen,hätten aber vermutlich früher zum Denken angeregt. Nun überbieten sie einander wieder an pflichtgemässer Aufregung, Verunglimpfung und Verdrehung, so als wäre das Ganze seine Schuld.
Über Grass wird man noch sprechen,wenn niemand mehr weiss,dass es all diese Wadelbeisser überhaupt gegeben hat.

Gast: Andreas Hofer
06.04.2012 10:56
3

Falsch, Herr Redakteur,

der Staat den sich die Juden aufgebaut haben, diesen Staat vergrößert Israel durch Landdiebstahl und Vertreibungen. Das sind Verbrechen - und das muss man sagen, wenn man nicht an Charakterschwäche leidet.

Antworten Gast: Nu--ja
08.04.2012 15:02
0

Zu 148 Jahrestag Deutsch-Dänischen Krieg.


Gast: Ernst Einstekin
06.04.2012 10:53
3

Wegschauen ist keine Lösung

und einen Staat, der sich als Kriegstreiber aufspielt, der Menschenrechtsverletzungen am laufenden Band begeht und dem Kriegsverbrechen vorgeworfen werden, einen solchen Staat auch noch mit Waffen zu beliefern, wie das Frau Merkel tut, das ist ein Verbrechen.
Herr Grass hat kritisiert, was kritisiert werden muss. Wer wegschaut, wenn Israel Land stiehlt, wenn es die Menschen in Gaza wie Verbrecher behandelt und noch dazu kiregstreiberisch tätig ist, mach sich mitschuldig.

Gast: Albertus
06.04.2012 02:23
5

Falsch verstandene Vergangenheitsbewältigung

"Man kann an der Politik Israels einiges kritisieren. Aber als Deutscher, der noch dazu in das für den Holocaust verantwortliche Regime verflochten war, sollte man den Anstand besitzen, besonders behutsam über den Staat zu sprechen, den sich Juden aufgebaut haben. Und auch einmal einfach zu schweigen. Günter Grass hätte schweigen sollen."

Dieser Absatz ist eine ganz besondere Frechheit, Herr Kramar. Israel ist ein souveräner Staat mit staatlichen Organen, die für ihr Handeln politisch und moralisch verantwortlich sind. Darum ist es sogar geboten, dass Israel sich der internationalen Kritik stellen muss, vor allem um als gleichwertiger Gobal Player die nötige Anerkennung beizubehalten. In diesem Zusammenhang sehe ich nicht den geringsten Grund, warum Deutsche gegenüber Israel "vorsichtig" sein sollen. Es gibt keine deutsche Kollektivschuld, und es darf auch keine Abhängigkeit der deutschen Öffentlichkeitsmeinung vom Wohlwollen Israels geben. Ich finde es mehr als verwunderlich, mit was für einem Gleichtakt die Medien versuchen auf Günter Grass einzuschlagen. Günter Grass hat seine politische Verantwortung als Nobelpreisträger wahrgenommen und hat sich zu Israel geäußert. Es gibt keine Verpflichtung, dass man sich auf andere Staaten konzentriert und keine, dass man sich alleine gegenüber Israel äußern muss. Falls Sie es noch nicht verstanden haben: bei uns herrscht das klassische Freiheitsrecht der Meinungsäußerung!

Gast: comander
06.04.2012 01:57
3

Wahrheit über Israel

Endlich wird das ausgesprochen, was
85 % der deutschen Bevölkerung denkt.
Nur die Politiker,beeinflußt durch die Wirtschaft
und die Zentralräte schweigen, obwohl sie
wissen , welche Kriegsverbrechen die Israelis
begehen.

Es mußte wirklich mal gesagt werden.

Danke Herr Grass

Re: Wahrheit über Israel

"Endlich wird das ausgesprochen, was 85 % der deutschen Bevölkerung denkt."

Da haben Sie aber wirklich recht ! Und weil mich Ihre Offenherzigkeit freut, und weil ich den 85 Prozent der Deutschen gerne zeigen will, dass sie nicht alleine sind, und dass sie sich nicht fürchten müssen, so wenige zu sein, so gestatten Sie mir, comander, Ihnen nebst meiner Gratulation für Ihrer aller bewiesenen Tapferkeit die Mitteilung zu machen, dass auch 95 % von uns Österreichern Schulter an Schulter mit Ihnen und Herrn Grass stehen !

MINDESTENS ! ! !

Re: Wahrheit über Israel

Da haben Sie aber wirklich recht ! "85 % der deutschen Bevölkerung denken so !

Und als Österreicher darf ich mich Ihnen anschließen und Ihnen versichern : 95 % der Österreicher ! Mindestens !!!

Gratulation an Herrn Grass, und an beide Schwesterparteien, die SPD und die SPÖ !

Re: Re: Wahrheit über Israel

Gratulation an Herrn Grass genügt. SPÖ oder SPD müssen nicht sein ! Grass hat endlich das ausgesprochen, was ohnehin schon jeder denkt. Israel provoziert mit den USA im Rücken einen Flächenbrand im Nahen Osten. Es wird Zeit, dass die USA und die Staatengemeinschaft die Leute in die Schranken weist.

Gast: multwqiuz
06.04.2012 00:55
2

Hochachtung

Und selbst wenn die Gefahr nicht vorhanden ist in der Größe wie Grass sie einschätz- so hält er doch die Lupe auf die Israel und die Macht und Waffenverhältnisse. Iran erinnert mich an Irak - man braucht wieder mal einen Vorwand seine schicken Waffen einzusetzen. Traurig sind wir und unsere Regierungen - dagegen erfahren -alt- aber nicht altersschwach o. dement sondern mutig und glasklarzeigt sich hier Günther Grass dessen Aktion uns ein Beispiel sein sollte.

Gast: Gast 17
05.04.2012 19:33
1

Grass...

und Scholl-Latour sind alte Männer, die man einfach nicht mehr ganz ernst nehmen kann. Manche Weine werden eben mit dem Alter besser, andere einfach nur immer ungenießbarer.

postscriptum zum Posting "Zustimmung ..."

Nicht einer Meinung bin ich allerdings mit Ihrem Dafürhalten, "der Dichter ... (sei) ... keine ethische Instanz" und "das Schweigen etc. des Dichters ... (sei keineswegs) ... bedeutender als ... (das) ... anderer Bürger".

Jene hohe Kompetenz gibt es wirklich. Und sie lässt sich vom Leser auch feststellen - ohne dass dieser spezielles Wissen um die letzten Kriegswochen haben müsste, oder um die jahrzehntewährende "Kultur des Schweigens", oder um die dieselbe übergangslos ablösende "Trauerarbeits"konjunktur, oder um die linken Sympathien für den totalitären Islam, oder sogar ohne dass er die Patentrezepte für den Mittleren Osten kennen müsste, welche doch jeder Autor des Suhrkamp-Verlages in der Tasche hat:

Er muss nur das Gedicht lesen - und hernach feststellen, ob es gut oder ob es schlecht ist. Und wenn es gut ist, Herr Kramar, dann sind Schweigen und Leiden, Sprechen und Pathos des Dichters tatsächlich bedeutender als die eines jeden Zeitungslesers.

Das vorliegende Gedicht hingegen ist ein Schmarrn.

Bei Kritik an Israel

gibt es für deutschsprechende Menschen besondere Regeln? Mit 17 bei der Waffen SS - na sowas, da ist es schon besser später geboren zu sein ohne jemals ein totalitäres Regime erlebt zu haben, schreibt sichs auf alle Fälle leichter, noch leichter wenn man stets bemüht ist pc zu sein. Ob Israel verbotenerweise Atomwaffen hat und damit seine möglichen Gegner (ich weiß, die sind auch auch nicht die Guten ) in Panik versetzt, interessiert sie nicht mal. Schwacher Kommentar Herr Redakteur und schwacher Charakter ...

Re: Bei Kritik an Israel

Es war nicht so ganz egal wenn ein Wehrmachtsoldat, der er ja ursprünglich war, sich dann freiwillig zur Waffen SS meldet. Dieser sorte Soldaten war die Wehrmacht zu "weich" da wurde nicht mit der nötigen härte und Entschlossenheit gekämpft.

Re: Re: Bei Kritik an Israel

Na Sie haben wohl keine Ahnung. Als Polizist wurden sie zur Waffen-SS eigezogen, oder mit der Sippenhaftung der ganzen Familie "bestraft" - ab in ein Internierungslagen.

Re: Bei Kritik an Israel

Die Regel gibt ´s wirklich - und keineswegs nur im Falle Israels:

KLAPPE HALTEN, wenn man selber in allen einschlägigen Disziplinen regierender Weltmeister ist !

Gast: Austrianer
05.04.2012 17:39
6

Es wäre besser gewesen sie hätten diesen

Kommentar nicht geschrieben.

Sie haben eindrücklich bewiesen dass man sie nicht ernst nehmen kann.

die Faschismuskeule zieht nicht mehr.

Sehr geehrter Herr Kramar,

das ist so eine Sache mit dem Schweigen:

ad NS-Vergangenheit d. Hrn. Grass: Das war kein SSler der ersten Stunde (wie sie nach dem Krieg haufenweise unbehelligt geblieben sind - aber das ist eine andere Geschichte), sondern ein in der Endphase Zwangsverpflichteter. Aber in jedem Fall darf 2 x 2 auch dann 4 sein, wenn´s von jemandem kommt, der in Mathematik durchgefallen ist.

ad "werden in anderen Ländern des Nahen Ostens die Menschenrechte ärger verletzt": Was wollen Sie damit beweisen? Was hat Hr. Grass geschrieben mit dem er etwas anderes behauptet hätte? Darf man nur das Allerschlimmste kritisieren, da es ja ansonsten immer etwas "noch schlimmeres" gibt?

ad "dem Staat Israel vorwirft, ein Volk (diesfalls das iranische) „auslöschen“ zu wollen": Wo steht das?
"Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag, der das [...] iranische Volk auslöschen könnte"
Könnte er das nicht? Da steht nichts von "wollen".

Sie müssen das Gedicht nicht mögen. Aber Ihre Kritikpunkte sind leider schwach.

Zustimmung zum Artikel, und etwas negative Kritik.

Sehr geehrter Herr Kramar !

Vielen Dank für die beiden Hauptpunkte, die Sie verdienstvoll und knapp herausgearbeitet haben:

Erstens: Dass im Bereiche jener merkwürdigen Veranstaltung, die man "deutsches Geistesleben" nennt (inclusive österreichischer Provinzfiliale), es heute bereits möglich ist, mit der eigenen Nazi-Vergangenheit zu kokettieren.

Und zweitens: Dass Sie sich vom roten Lack, der über alles mögliche drübergeschmiert worden ist, in beispielhafter Weise nicht täuschen lassen.

Ad 1) Im Falle Grass evident. Geboren 1928, wurde er in den letzten Kriegswochen als Folge der ungeheuren Verluste der Waffen-SS zwangsweise eingezogen (wie so viele seines Jahrganges); und selbst dann, wenn er freiwillig zur Himmelfahrt eingerückt wäre, könnte dem damals 16-,17-Jährigen heute im Ernst nur ein historischer (und psychologischer) Ignorant einen Vorwurf machen. Allerdings ergibt sich daraus auch kein Büßerbonus einer übergroßen persönlichen Schuld, welcher ihn als deutschen Dichter ermächtigen würde, in einem (noch dazu beispielhaft schlechten Gedicht) einem fremden Staat auf die Schulter zu klopfen und sowohl pathetische als auch strategische Ezzes zu geben.

Ad 2) Die "obsessive Befassung unserer politisch Interessierten mit Israel" haben Sie zurecht herausgestellt. Mehr kann man nicht tun. Der Hass, der Ihnen aus dem Forum entgegenschlägt, zeigt, dass man Sie hierin nicht verstehen w i l l !

Negative Kritik: (in einem zweiten Posting)




Volltreffer

Der alte Fuchs hat sich über die scheinheilige " political correctnes" und den Druck der allumfassenden Lobby hinweggesetzt und ist in den Hühnerstall eingedrungen.
Nun ist das aufgeregte Gegackere groß und die persönliche Diffamierung läuft auf Hochtouren.
Endlich ein Friedensnobelpreisträger, der diese Auszeichnung verdient!

Gast: jesermann
05.04.2012 14:45
0

Treffend

Geschreibener Kommentar! Danke!

Und was sagt der Pschyrembel dazu?

Moralische Logorrhoe (= Morbus Grass).

Symptome: selbstgerechter Größenwahn, gepaart mit verbaler Inkontinenz.

Therapievorschlag: einfach ignorieren.

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P.S.: Grass hat sich hier selbst ein Eigentor geschossen; dermaßen einseitig und übertrieben kann man ein so diffiziles Problem nicht kommentieren.

Re: Und was sagt der Pschyrembel dazu?

steigerung bzw. österreichische varietät: morbus grasser.

 
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