Wettbewerb der Narren

CHRISTIAN ULTSCH (Die Presse)

Schwer zu sagen, was dümmer ist: Israels Einreiseverbot gegen Günter Grass oder dessen Gedicht.

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Günter Grass hat ein elendes Gedicht geschrieben. Wer die Welt auf den Kopf stellt und Israel andichtet, das iranische Volk in einem Erstschlag auslöschen zu wollen, verzapft schlicht und einfach Unsinn. Deutschlands Großschriftsteller hat die vernichtende Kritik an seinem dilettantischen Agitprop-Gesäusel redlich verdient. Dass aber Israels Regierung Grass deswegen nun mit großer Geste zur Persona non grata erklärt, ist fast ebenso absurd und töricht. Ein demokratischer Staat wie Israel sollte in der Lage sein, auf eine schwachsinnige Meinungsäußerung, die sich selbst disqualifiziert, bei aller Verärgerung angemessen und souverän zu reagieren, ohne gleich hyperventilierend ein Einreiseverbot zu verhängen.

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Es ist nicht bekannt, dass der 84-jährige Nobelpreisträger eine Frühjahrslesetournee durch Israels Stadien oder ein Strandwochenende in Tel Aviv geplant hätte. Das Einreiseverbot ist ein symbolischer Akt der Entrüstung, mit dem Eli Yishai, der notorisch platte Innenminister der orthodoxen Shas-Partei, billige Punkte im innerisraelischen Wettbewerb ums goldene Halsband für den schärfsten Hund sammeln will. Dabei nimmt er in Kauf, Grass, den verbalen Aggressor, zum Opfer einer übertriebenen Strafe zu adeln. Israels Regierung wäre besser beraten gewesen, zur lyrischen Logorrhö des falsch getakteten „Blechtrommel“-Autors zu schweigen und den Vorsitz im Scherbengericht dem deutschen Feuilleton zu überlassen. Doch so viel Zurückhaltung ist bei Israels regierender Testosterontruppe offenbar nicht drin.

Erst meldete sich, wenigstens noch ohne Ankündigung konsularischer Vergeltungsschläge gegen Grass, hochoffiziell das Amt von Premier Netanjahu zu Wort, jetzt legten auch noch sein Innenminister Yishai, der Grass auch gleich den Nobelpreis aberkennen will, sowie der brachial undiplomatische Außenminister Avigdor Lieberman nach.

Besonders ärgerlich an den Beiträgen der zwei Tiefflieger in Netanjahus Koalition ist, dass sie Grass leichtfertig als Antisemiten, also Judenhasser, verunglimpfen. Dazu gibt keine Zeile des Schriftstellers Anlass, auch nicht seine neun antiisraelischen Strophen. Yishai und Lieberman laden damit das in 99 Prozent der Fälle unbegründete Klischee auf, wonach Israel bei Kritik reflexartig die Antisemitismuskeule auspacke.

Nicht nur Grass hätte länger nachdenken sollen, bevor er dumpf absondert, was angeblich so dringend gesagt werden muss. Wo ist die Stopptaste? Die Debatte um das Gedicht bringt keinen Erkenntnisgewinn. Sie ist deshalb überflüssig.

 

christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.04.2012)

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39 Kommentare
 
12

Nun, vielleicht...

sahen einige israelische Offizielle das Gedicht als gar nicht so schwach von Sinn?

Gast: Wahrheitssucher
11.04.2012 14:23
7

Übeflüssiger Artikel

Grass hat in allem Recht: Israel plant einen Angriffskrieg und das ist ein Verbrechen.
Der Autor hat nicht Recht: Sobald man Israel kritisiert, wird die Antiesmitismuskeule ausgepackt. Das zeigt sich seit Jahren...vielleicht schläft der Autor...
Ein schwachsinniger Artikel, der nur zur Verteidigung der rechtsradiikalen israelischen Regierung dient.

Sinnerfassendes Lesen

ist offensichtlich nicht die Stärke der allermeisten "Poster" zu diesem Artikel - dafür Polemik pur. Schade um das Leserniveau der "Presse".

Gast: Assistent
10.04.2012 15:04
1

Realist

vielleicht sollte israel auch einfach angreifen und diesem spuk ein ende bereiten!
der iran hat jakrelang die tilgung israels propagiert, israel hat also durchaus rechtfertigung für gegenwehr!

nicht die "Tilgung",

sondern das Ende des Besatzungsregimes (!) wurde propagiert - eine Forderung, die im Einklang mit dem Völkerrecht steht!
Ein israelischer Angriff als "rechtfertigung für gegenwehr"?
Gegen eine verbale Aufforderung?
"Wer sich mit anderen Waffen als denen des Geistes verteidigt, von dem muß ich voraussetzen, daß ihm die Waffen des Geistes ausgegangen sind."
frei nach Bismarck

Guter Artikel

Schön den Punkt des Irrsinns auf beiden Seiten herausgearbeitet.
Womit sich wieder zeigt, dass die Presse in vielen Bereichen lesenswert ist, leider gehört der prominenteste Teil - der unsäglich wie eine Monstranz vor sich hergeschwungene Wirtschafts-Neoliberalismus einger Markttaliban im Wirtschafts- und tw. Politik Resort - aber nicht dazu.

Gast: rincewind
10.04.2012 11:23
5

Erstschlag

Natürlich wird Israel den Iran nicht auslöschen. Dazu hat selbst die mit Abstand stärkste militärische Macht im nahen Osten weder die Mittel noch ein Interesse. Ein militärischer Erstschlag ISraels ist hingegen nicht so unwahrscheinlich und könnte tatsächlich einen vor allem für Israel nicht ungefährlichen Konflikt führen. Ich vermute und hoffe, dass Grass diese Gefahr nicht zuletzt durch die von ihm ausgelöste Diskussion weniger wahrscheinlich gemacht hat.

kleine korrektur

Ihr Zitat: "... die Diskussion - sie ist überflüssig"
kleine Korrektur: nein - sie findet in Israel statt - und sonst nirgends!

Israel salzte nach.

Leider mit genauso wenig Augenmaß wie Hobbykoch Grass.

Wer soll diese Suppe jetzt auslöffeln?

Aber das Gericht, getarnt als Gedicht, war ohnehin von Anfang an ungenießbar.

Und die vielen Köche, die jetzt ihren entbehrlichen Senf dazugeben, verderben den Brei vollends.

Da kann man sich nur Grausen abwenden.


Re: Israel salzte nach.

Ihr Beitragstitel ist geistreicher, als der gesamte Pressekommentar - vielen Dank!

Nicht Genügend, Setzen

Den letzten Absatz könnte man einfach und unproblematisch wie folgt modifizieren:

Nicht nur Ultsch hätte länger nachdenken sollen, bevor er dumpf absondert, was angeblich so dringend gesagt werden muss. Wo ist die Stopptaste?

Einer der schwächsten Kommentare, die ich jemals in der Presse gelesen habe. Ultsch springt auf den Zug der halbwissenden Grass-Kritiker aus boulevard-nahem Umfeld auf, ohne in irgendeiner Weise die Thematik inhaltlich reflektiert zu haben. Dabei wäre es doch so einfach: alles was Grass im Kern sagt, ist: momentan ist eher Iran von einem Erstschlag Israels bedroht, als Israel von einem Erstschlag Irans. Und: Israels Atomarsenal ist >>>> Irans Atomarsenal (wenn denn ein solches überhaupt existiert...das ganze erinnert an den Mythos von den irakischen Massenvernichtungswaffen). Auch wenn man ihm nicht zustimmt: absurde Vermutungen sind das ganz und gar nicht.

Weiters: die JÜDISCHE STIMME FÜR GERECHTEN FRIEDEN IN NAHOST hat das Gedicht von Grass GELOBT!
Eine der wenigen nicht-polemischen Friedensorganisationen.....und sie LOBEN das Gedicht.

Nehmen Sie sich diese klugen Worte zu Herzen!

http://www.juedische-stimme.de/?p=687

Re: Nicht Genügend, Setzen

Nur weil diese "Stimme"-Truppe bei den jüdischen Organisationen und erst recht in Israel völlig unbekannt ist, ist sie noch nicht klug.

was ist so unrealistisch an "das iranische Volk in einem Erstschlag auslöschen "?

ein angriff auf die atomanlagen hat mit sicherheit vergeltungsaktionen zur folge. und wenn diese massiv genug sind, sodass israel ebenfalls hohe verluste zu erleiden hat: wer kann garantieren, dass die nicht ihre a-waffen einsetzen?

ob komplett auslöschen oder millionen von iranern töten, ist buchstabenklauberei.

jedenfalls kann vor einer eskalation und einem ausser-kontrolle-geraten gar nicht genug mit drastischen worten gewarnt werden!

Im Wettbewerb journalistischer Niedertracht

liegt Ultsch mit seinen unsäglichen Artikeln gegen Grass mit Sicherheit an der Spitze. Selten habe ich in einer sich unabhängig nennenden Zeitung derart tendenziöse untergriffige Artikel gelesen. Auf diese Art wird die Presse noch ihre letzten Leser verlieren.
Fleischhacker leistet da ganze Arbeit.

Gast: chenier
10.04.2012 08:39
18

Ein Winzling möchte einem Dichter und Nobelpreisträger den Mund verbieten

um zu zeigen, wie brav er im Stil der politcial correctness Artikel verfassen kann.
Leider unterstützt er damit moralisch die Kriegsvorbereitungen auf einen Angriffskrieg gegen den Iran.
Ultsch ist das absolut Letzte, was Journalismus derzeit in der PRESSE aufzubieten hat. Fleischhacker hätte Handlungsbedarf, ansonst müßte der Eigentümer handeln.

Gast: Gluteus Maximus
10.04.2012 06:34
7

schön zurückgerudert herr ultsch!

und trotzdem mischen sie äpfel mit birnen. sie turnen in lichter höh´ von affenbrotfrucht zu affenbrotfrucht.............

Christian ULTSCH kürt sich selbst zur Persona non grata des Journalismus


Gast: Weil es grad so gut zusammenpasst ...
10.04.2012 03:07
11

Nobelpreis: Günter Grass macht sich für Amos Oz stark (30.09.2011)

Neben den Anti-Grass-Texten der Presse ist ganz unscheinbar ein Presse-Artikel verlinkt, in dem berichtet wird, dass der pöhse "Anti-Semit" Günther Grass sich vor einem halben Jahr dafür eingesetzt hat, dass der israelische Dichter Amos Oz den Literatur-Nobelpreis bekommt.

Lesen die Presse-Redakteure die eigene Zeitung nicht ?

http://diepresse.com/home/kultur/literatur/697322/Nobelpreis_Guenter-Grass-macht-sich-fuer-Amos-Oz-stark?from=simarchiv

Gast: obi
09.04.2012 23:57
11

uff

Jetzt sch... sich alle gleich ins hemd... Grass kann doch schreiben was er will. Der Autor des Presseartikels hat das Gedicht an Schwachsinnigkeit jedenfalls dramatisch übertroffen.

Gast: adrfgjr
09.04.2012 23:54
2

es ist sehr selten, dass...

...ich einem kommentar in der presse uneingeschränkt zustimmen kann. dieser hier ist ein solcher...

Gast: genial
09.04.2012 23:16
1

genial

Den Titel dieses Artikels finde ich genial :-)

Gast: Wettbewerb der Narren?
09.04.2012 23:12
11

Wenn der Herr Ultsch glaubt, was er hier schon wieder von sich gibt

Hat er den Wettbewerb eindeutig gewonnen.

Wir wollen Demokratie!

Bei Anlässen wie diesem, wo offenkundig wird, daß öffentliche und veröffentliche Meinung aber auch schon sowas von auseinanderklaffen, wird einem bitter bewußt, daß in Österrreich und Deutschland direkte Demokratie niemals zugelassen werden wird...

Persona non grata - Christian Ultsch

Christian Ultsch gibt sich wie er ist, arrogant, einseitig und ein verlässlicher Part beim laufenden Playing with the war!

Sein Journalismus verdient den Namen nicht. Das ein Schreiber mit solchem Unformat in der PRESSE Platz und Brot findet, bezeugt nur eindringlich den Zustand der Medienwelt.

99% find ich etwas hoch angesetzt


Gast: huttenke
09.04.2012 21:09
8

nicht zu bestreitende Tatsache

ist, dass Grass die Unterstützung einer breiten Mehrheit seiner Landsleute hat, da können die Hochhuths,Broders und wie sie alle heissen geifern, so viel sie wollen.Westerwelle nimmt ohnehin niemand mehr ernst.
Darauf kommt es an, wer das als "dumpf" empfindet,sollte nicht solche Kommentare schreiben.

 
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