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Putin: Europa kann nur hoffen

MICHAEL FLEISCHHACKER (Die Presse)

Dass die EU mit Moskau nicht zurechtkommt, liegt an drei europäischen Totengräbern: Schröder, Chirac, Berlusconi.

Die vollkommene Ratlosigkeit der Europäischen Union gegenüber dem sogenannten „russischen Partner“ hat beim EU-Russland-Gipfel in Samara eine wenig eindrucksvolle, aber umfassende Bestätigung erhalten. Was aber in den Empörungsbeteuerungen aller europäischen Menschenrechts- und Pressefreiheitsorganisationen immer untergeht, ist der Grund für das Russland-Problem der Europäischen Union: der liegt in Berlin, Paris, Rom und Brüssel, nicht in Moskau.

Dass Putin ist, wie er ist, wissen die Europäer nicht erst seit der Ermordung von Frau Politkowskaja und der Verhaftung von Herrn Kasparow. Wir alle wissen seit Jahren, dass wir es mit einem Nachbarn zu tun haben, der weder demokratische Mindeststandards erfüllt noch sonst in irgendeiner Weise signalisiert, dass er sich als Teil der freien Welt verstehen will.

Die Antwort auf die Frage, wie man mit einem solchen Gegenüber angemessen umzugehen hätte, wird man allerdings nicht in Russland zu suchen haben, sondern in Europa selbst.

Und da mutet es dann doch wie eine bittere Ironie der Geschichte an, dass ausgerechnet Frank-Walter Steinmeier als gegenwärtiger EU-Ratsvorsitzender den Troubleshooter vor dem Sinnlos-Gipfel geben durfte. Der amtierende deutsche Außenminister war der engste Vertraute jenes Mannes, der hauptverantwortlich dafür ist, dass die Union zum Spielball des Kreml wurde: Gerhard Schröder.


Dass sich Europa nicht nur in eine Position der „wechselseitigen Abhängigkeit“ begeben hat, wie Angela Merkel immer wieder euphemistisch beteuert, sondern dass es der russischen Obstruktionspolitik derzeit vollkommen hilflos gegenübersteht, verdanken wir Schröder und den beiden anderen Totengräbern des europäischen Projekts, die gottlob während des vergangenen Jahres in den politischen Ruhestand getreten sind: Jacques Chirac und Silvio Berlusconi. Es wird kein Zufall sein, dass sich neben Schröder, der ja recht bald als hoch bezahlter Agent in Diensten der russischen Ölindustrie enttarnt wurde, ausgerechnet jene beiden Staatschefs als Putin-Freunde gefielen, die ihre wirtschaftspolitische Inkompetenz durch affektiertes Monarchengehabe kompensieren mussten.

Schröder, Chirac und Berlusconi passten haargenau in jenes Konzept, das der britische Sicherheitsexperte Jonathan Eyal in einem Beitrag für die Financial Times plausibel beschrieben hat: Putin, der den Zerfall des Sowjetimperiums immer wieder als die große Katastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet hat, ging es von Beginn an darum, die ehemaligen Satellitenstaaten trotz ihrer Nato- und EU-Beitritte möglichst stark in seinem bilateralen Einflussbereich zu halten. Voraussetzung dafür war, dass er seinerseits durch starke bilaterale Beziehungen mit einigen der mächtigsten EU-Staatschefs eine einheitliche Linie der Union unterminierte.

Das ist ihm ziemlich gut gelungen: vom baltischen Öl bis zum polnischen Rindfleisch reicht die Bandbreite an Konfliktfeldern, in denen die Europäer nicht in der Lage sind, einheitliche Positionen zu vertreten. Angesichts eines russischen Machthabers, der nicht daran denkt, sich auch nur einen Millimeter zu bewegen, klingt Angela Merkels Mantra von der „wechselseitigen Abhängigkeit“ schon eher wie das laute Pfeifen ängstlicher Europäer in finsteren russischen Wäldern.


Soll man also, wie Jonathan Eyal vorschlägt, auf Härte umstellen, weil jedes „europäische Appeasement die russische Aggression verschlimmern“ würde? Theoretisch ja, weil sich die Wirkungslosigkeit des bisherigen Kurses in den vergangenen Monaten ausreichend erwiesen hat. Praktisch nein, denn die Voraussetzung für einen solchen Kurswechsel wäre die außen- und sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit der Union. Die ist, auch wenn man dem deutsch-französischen Tandem Merkel-Sarkozy deutlich mehr zutrauen kann als dem Egomanenduett Chirac-Schröder, auch mittelfristig nicht in Sicht.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass Putins Strategie des „Herrsche und Teile“ aufgegangen ist: die instabilen politischen Verhältnisse in den neuen EU-Mitgliedsländern sind auch eine Folge ihrer mangelhaften europäischen Integration. Diese wiederum ist eine Folge des Reformstaus, den die EU den vorhin genannten Herren Schröder, Chirac und Berlusconi verdankt.

Sie haben dafür gesorgt, dass Europa heute nicht viel mehr tun kann, als auf eine Veränderung in Russland zu hoffen.

Putin, die EU und Österreich Seiten 1 bis 4


michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2007)


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14 Kommentare
 
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Von Helmut Magnana am 19.05.2007 um 23:48

Putin hat mit Brüssel leichtes Spiel!

In einem anderen Artikel zu diesem Thema kann man lesen, daß Putin nicht wirklich weiß, woran er mit der EU ist; bei uns ist es nicht anders! Denn die einzige wirkliche, doch zufällige Gemeinsamkeit der EU-27 besteht noch immer darin, daß sie den selben Kontinent als Heimat haben. Doch wie in der Vergangenheit kämpfen auch heute (wenngleich mit wesentlich zivilisierteren Mitteln!) die "großen Drei"; also Großbritannien, Frankreich und Deutschland um die Vorherrschaft in Europa. Dazu gesellen sich temporäre Mitstreiter aufgrund gemeinsamer Interessen. Doch ALLE 27 wird man NIE auf Dauer gleichschalten können! Putin spricht IMMER nur für sich selbst; er braucht auf niemand Rücksicht nehmen. Er mag ein "ungeliebter Partner" sein; doch die internationale Politik wird eben (fast) ausschließlich von rationalen Sacherwägungen geprägt. Nur wenn es unbedingt sein muß, wird zusätzlich ein bisserl Sympathie für Propagandezwecke geheuchelt. All diese Formalismen kann sich ein starker Putin sparen!

Von Gast: vladimir am 19.05.2007 um 13:40

Slava

Rossiyi, slava presidenta Putina!!!

Von panda82 am 19.05.2007 um 09:18

Manche dachten...,

dass Europa kurzsichtig sei. Es ist aber falsch!
Europa ist Blind. Europa hat in freundenrausch des Zerfalls vom Ostblock das wesentliche übersehen.
Europaer haben gedacht, dass Russland sich in nachster Zukunft nicht aufbauen kann.
Dieses Irrtum haben sie schonmal gehabt. Nun ja, das ist nicht das eigentliche..
Russland hat veigentlich Blast abgeworfen. All die Parasiten, die Oststaaten, hangen nicht mehr am Bein von Russen. Es sind nur die geblieben, die Rohstoffe haben. Öl und Gas.
Jetzt werden neue und kraftige Partner dazu kommen, nahmlich die Türkei, Indien und wo möglich Iran.

Solche Bündnisse entstehen nicht umsonst. D.h. Es wird früh oder spat zu einem kalten Krieg kommen. Da wollen wir mal die Europaer sehen!

Von Dr. M. Hiermanseder am 19.05.2007 um 08:04

il principe

In seinem bekanntesten Werk »Der Fürst« stellte Machiavelli Regeln auf, wie ein Herrscher seine Macht erhalten bzw. verlieren kann. Hat ein Fürst beispielsweise ein Land erobert, lehrt Machiavelli sinngemäß, soll er einen seiner Vertrauten mit der Gründung einer Partei beauftragen und sie die Schwarzen nennen. Dann soll er einen anderen mit der Gründung einer zweiten Partei beauftragen und sie die Roten nennen. Der Fürst würde dann, seinen Interessen gemäß und den Zeitverhältnissen entsprechend, mal den Schwarzen oder den Roten zum Sieg verhelfen und auch die Minister ernennen. Damit hat der Herrscher einem uralten Brauch gemäß das Volk in zwei Parteien gespalten (Prinzip: Teile und herrsche).

Von Dr. M. Hiermanseder am 19.05.2007 um 07:54

Divide et impera

Das Prinzip, unter Gegnern Zwietracht und Uneinigkeit zu säen, um so in der Machtausübung ungestört zu bleiben, beherrscht der neue "Zar" des 21.Jahrhunderts Putin ebenso perfekt wie die britischen Empire-Builder vor 200 Jahren. Der französische König Ludwig XI. (Vorgänger von Chirac) formulierte die macchiavellische Maxime als "diviser pour régner", wiederzuerkennen ist sie ohne Zweifel bereits in der antiken römischen Außenpolitik (Berlusconis Vorbild?).
Wer hört da noch auf Goethe: „Entzwei und gebiete! Tüchtig Wort. – Verein und leite! Besserer Hort.“?

Antworten Von Dr. M. Hiermanseder am 19.05.2007 um 08:18

Re: Ludwig XI.

Schon d Beinamen würden auf Wladimir Putin passen: Louis XI le Prudent (der Kluge), Louis XI le Rusé (der Listige), Louis XI l'Araigne (die Spinne).
U erst sein Leben:
Ludwig war einer d bestunterrichteten Männer seines Jhs, klug u fest, unermüdlich tätig u gerecht, wo nicht d Interessen seiner Macht i Spiel waren, dann aber bigott u grausam. So sperrte er seinen d Verrats beschuldigten Minister, d Kardinal Jean de La Balue, 11 Jahre i einem Schloss ein. Dabei war er jedoch im höchsten Grad abergläubisch (er glaubte durch Verehrung v Reliquien sein Leben zu verlängern), misstrauisch, heuchlerisch u extrem zynisch, was ihm d Beinamen l'Araigne od l'universelle Araigne - "die Spinne" oder "die universelle Spinne" einbrachte. "Wer nicht heucheln kann, kann nicht herrschen", pflegte er zu sagen. Er umgab sich, um sich v den Großen unabhängig zu machen, m Vorliebe m Dienern niedern Standes, wie Olivier le Daim (gen Oliver le Mauvais ['der Schlechte'] oder Oliver le Diable ['der Teufel'])!

Von Ophicus am 18.05.2007 um 23:21

Die EU, Russland und die Welt

Die EU ist nicht im speziellen schwach und verwundbar gegenüber Russland. Die EU ist einfach in der Weltpolitik kaum mehr handlungsfähig.
Die politische Zusammenarbeit oder gar das Schreckensgespenst einer zentralen (und damit vielleicht sogar handlungsfähigen) und starken Führung der EU wurden sorgfältig verhindert von den nationalen Machthabern und der skeptischen Bevölkerung.
Wirtschaftsharmonisierung und regionale Erweiterung wurden dennoch oder gerade deswegen immer weiter vorangetrieben.
Die Folge war eigentlich abzusehen. Eine EU, die nicht handeln kann weil ihr die zentralen Organe fehlen, und 27 Staaten die nicht handeln können, weil sie durch die Harmonisierungen in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt werden.
Teile und Herrsche ist ein Spiel das hier vorprogrammiert ist. Wenn die USA und Russland es nicht anzetteln spielen wir es eben so alleine unter uns.
Ohne eine grundlegende Reform der EU bleiben wir in der Weltpolitik der Spielball der Anderen. Selbst Schuld, EU.

Von Müller am 18.05.2007 um 22:32

http://tinyurl.com/37yttn

Oliver Pink und Martin Fritzl, die neue Linie der Presse. Ärger gehts ja nicht mehr. So abgöttisch verliebt schreibt ja nicht einmal die SPÖ selbst über sich und die ihren...

Von Gast: Dr.N.Seifert am 18.05.2007 um 22:16

Russland hat Recht

Unsere Gesellschaft ist verfahren, verdorben, langweilt sich und muss sich von innen heraus erneuern. Es gibt keine Patrioten mehr. Putin ist einer. Unsere Demokratien sind zu Anarchien geworden. Keine Regierung kann etwas reformieren. Unsere Pressefreiheit sucht nicht mehr nach Wahrheit, sondern verbreitet dieselben Nachrichten, die aus den USA kommen wie im Kulturleben, wo es nur amerikanische Filme und Musik gibt. Sie kennen das russische Volk und seine Geschichte nicht genug und ist daher Ihre Stellungnahme etwas einseitig. Die Totengraeber sind die neuen Machthaber und nicht Schroeder & Co. Vergessen Sie nicht, dass Russland nie einen Krieg vervorgerufen hat und auch keinen verloren hat. Putin ist mutig. Gut, dass es Leute gibt, die anders denken als die Einheitsdoktrin aus den USA.

Antworten Von Gast: Boris am 19.05.2007 um 18:16

Re: Russland hat Recht

Herr Dr. Seifert, ja Russland hat Recht und das zu Recht. Nach der Zeit die es unter Jelzin zu leiden hatte und von allen Belaechelt wurde ist Putin das was Russland braucht - keine Ergebenheit gegeueber dem Westen und einen eigenen Weg. Ob das gefaellt oder nicht ist eine andere Seite, doch 33% wollen Putin sogar als President auf Lebenszeit - ein Kompliment der Bevoelkerung wuerde ich sagen! Ein Mittelstand etabliert sich (gegeteilig zu einer Meinung die in der Presse veroeffentlicht wurde) und das Leben ist wieder Lebenswert. Man muss sehr lange in Russland leben oder ein Russe sein um Russland zu verstehen!

Jedoch (der einzige Punkt mit dem ich nicht einverstanden bin)hat Russland sehr viele Kriege begonnen um sein jetziges Groesse zu erhalten...

Von Klartext am 18.05.2007 um 21:39

Herr Fleischhacker

stimmt genau in den Tenor jener Leute ein, die meinen, mit einem „anderen Russland“, wie es sich die Herren Exil- Oligarchen in England und Israel vorstellen, besser zu recht zu kommen.
Das „andere Russland“ ist zwar ein Land, in dem zwar Rede-, Versammlungs- und andere Freiheiten herrschen, aber das dramatisch verarmt, weil eben besagte Oligarchen in Zusammenarbeit mit ausländischen Kapitalisten Russland nach Belieben wieder filetieren und ausweiden können wie unter Jelzins Zeiten.
Dem Großteil der Russen sind die Ambitionen eines Kasparow und Pseudodemokraten reichlich wurscht, alles was sie wollen, ist am wirtschaftlichen Aufschwung mitzunaschen und zu Wohlstand zu kommen.
Das kann Ihnen nach siebzig Jahren kommunistischer Herrschaft und Diktatur niemand verübeln.

Von Gast: LePenseur am 18.05.2007 um 20:20

Was in diesem geistvollen Artikel leider fehlt

... ist der dezente Hinweis, daß von der anderen Seite des Atlantiks das "Teile und Herrsche" gegenüber der EU schon viel länger und — leider! — auch erfolgreicher gespielt wird, als von Seiten Rußlands. So gesehen steht nun die EU zwar auch in einer Abhängigkeit von Rußland, aber tariert jetzt wenigstens damit die einseitige Abhängigkeit gegenüber den USA ein wenig aus. Ohne diese "Gefahr von Ost" hätte uns die US-Regierung schon längst die Türkei als Mitglied auf's Aug gedrückt und über ihre Schoßhündchen (v.a. Großbritannien und die ehemaligen Ostblockstaaten) die EU so positioniert, wie sie es gerne hätte: stets zahlungsbereit, wenn's darum geht, verpfuschten Sachen wie den Irak oder dergl. nicht zum Desaster werden zu lassen, machtlos in militärischer Hinsicht, abhängig vom Dollar als Weltwährung (und damit die Marionette der Fed), anspruchslose Lieferanten, spendable Abnehmer — m.a.W.: die EU als Trottel, der immer zahlt und kuscht. Wenn es da nicht Rußland gäbe ...

Antworten Von Gast: Zahlmeister am 19.05.2007 um 10:54

G´schamster Diener

Schreibt man den vorletzten Satz als Formel, müßte man wohl EU² = A schreiben, oder? Danke Loisl! Danke Wolfi! Pax vobiscum!

Von Gast: Fast-Freund von Bush am 18.05.2007 um 20:16

Mich würde nur eins interessieren...

Nämlich, ob Herrn Michael Fleischhacker eine Bush-Cheney-Rumsfeld-Politik für Rußland lieber wäre.
Also, mir nicht.

 
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Michael Fleischhacker
Michael Fleischhacker ist seit 2004 Chefredakteur der "Presse".

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