Diskussionen darüber, was die 68er-Bewegung für unsere Gesellschaft geleistet und was sie ihr angetan hat, enden gewöhnlich in allgemeiner Konfusion.
Einigkeit besteht eigentlich nur darin, dass die Bewegung gemessen an ihrem Anspruch, das kapitalistische System zu überwinden und im neomarxistischen Verständnis der „Frankfurter Schule“ durch die Vereinigung von Intelligenz und Arbeiterschaft eine „neue“, klassenlose Gesellschaft zu etablieren, gescheitert ist. Und zwar Gott sei Dank gescheitert ist. Dass die paar Versprengten, denen dieses Scheitern leidtut, in heutigen Debatten überhaupt noch vorkommen, hat ausschließlich mit den Gesetzmäßigkeiten der Unterhaltungsindustrie zu tun, die aus Gründen der Ökonomie der Aufmerksamkeit darauf angewiesen ist, von Zeit zu Zeit Abseitiges ins Programm zu nehmen.
Uneinigkeit herrscht über jenen Teil der 68er-Anliegen, von denen man sagt, sie seien umgesetzt worden: sexuelle Befreiung, Lockerung repressiver Familienstrukturen, Revision autoritärer Erziehungsmethoden. Es gehört heute zu den Grundmustern konservativen Denkens, die Ursachen für einige der drängendsten Probleme der Gegenwartsgesellschaft den „68ern“ zuzuschreiben: Die sinkenden Geburtenraten werden als Folge der „hemmungslosen“ Selbstverwirklichung der Frauen identifiziert, die Probleme mit jugendlicher Gewalt als Preis für die Abschaffung der Autorität in Erziehung und Schulwesen, die hohen Scheidungsraten als Strafe für den sexuellen Freiheitsrausch.
Das ist so naheliegend wie falsch: Wahr ist, dass es nicht gelungen ist, das Gesellschaftsmodell der unmittelbaren Nachkriegszeit, das Ende der 60er-Jahre zerstört worden ist, durch ein tragfähiges neues zu ersetzen. Wahr ist aber auch, dass die 68er-Generation vollkommen zu Recht gegen dieses Modell aufbegehrt hat, vor allem mit Blick auf die Situation der Frauen. Alles, was heute vor dem Hintergrund aktueller Probleme so gelobt wird an der guten alten Zeit – die stabilen Familienverhältnisse, die Rundumbetreuung der Kinder und die hohen Geburtenraten –, hatte einen hohen, einen unverantwortlich hohen Preis: die ökonomische und gesellschaftliche Marginalisierung der Frauen. Darum muss man auch einen gewissen Anteil an den höheren Scheidungsraten uneingeschränkt positiv sehen: jenen, der daraus resultiert, dass Frauen heute deutlich weniger oft gezwungen sind, aus ökonomischen Gründen Beziehungen und Familienstrukturen aufrechtzuerhalten, die ausschließlich auf ihre Kosten funktionieren.
Heute stehen wir – weitgehend noch ohne Antworten – vor der Frage, wie Familie unter geänderten Vorzeichen als die oft zitierte „Keimzelle der Gesellschaft“ fungieren kann. Dafür haben uns die wackeren Revolutionäre des Jahres 1968, von denen nicht wenige sich als Machos gefielen, kaum Hilfreiches hinterlassen. Denn sie haben, wie die Vertreter des „reaktionären“ Systems auch, die Grenzen der Freiheit der Frauen dort gezogen, wo ihre eigene Freiheit in Gefahr war. Also dort, wo die Etablierung stabiler Familienverhältnisse eine Einschränkung ihrer eigenen Freiheit und eine Neuverteilung der Aufgaben zwischen Männern und Frauen erfordert hätte.
Darum ist es ziemlich sinnlos, die aktuellen Debatten über Familie und Erziehung als „Wertedebatte“ zu führen. Die „Werte“, um die es dabei geht, stehen nämlich vollkommen außer Streit. Oder haben Sie schon einmal jemanden getroffen, der stabile Beziehungen und Entfaltungsmöglichkeiten für Kinder nicht für einen der höchsten Werte hält? Über „Werte“ reden in der Familienfrage nur Leute, die meinen, dass Frauen im Interesse von Familie und Kindern auf Beruf und Karriere verzichten sollen.
Die unbestrittene Leistung der 68er-Generation besteht darin, sich nicht mit der Unveränderlichkeit der bestehenden Verhältnisse abzufinden. Heute sehen wir, dass es mit dem Aufbrechen repressiver Strukturen nicht getan ist. Wenn der weniger spektakuläre zweite Schritt, die Vereinbarung verbindlicher Regeln auf der Grundlage der Freiheit, nicht getan wird, führt das über kurz oder lang zu einer Art Repression der Unverbindlichkeit. Ungefähr dort sind wir inzwischen angekommen. Die Revolutionäre des Jahres 2008 wären also jene, die die gewonnene Freiheit dazu nutzen, neue Verbindlichkeiten für tragfähige Beziehung zu schaffen.
Sie, vor allem die Frauen unter ihnen, zu unterstützen oder zumindest nicht zu behindern ist wichtiger als jede Debatte über die revolutionäre Welt von gestern.
michael.fleischhacker@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2008)
















