06.02.2012 20:17 | Meine Presse Merkliste0

Unspektakuläre Revolutionäre

MICHAEL FLEISCHHACKER (Die Presse)

1968 wurden repressive Verhältnisse aufgebrochen. 2008 geht es darum, in Freiheit Verbindlichkeit zu schaffen.

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Diskussionen darüber, was die 68er-Bewegung für unsere Gesellschaft geleistet und was sie ihr angetan hat, enden gewöhnlich in allgemeiner Konfusion.

Einigkeit besteht eigentlich nur darin, dass die Bewegung gemessen an ihrem Anspruch, das kapitalistische System zu überwinden und im neomarxistischen Verständnis der „Frankfurter Schule“ durch die Vereinigung von Intelligenz und Arbeiterschaft eine „neue“, klassenlose Gesellschaft zu etablieren, gescheitert ist. Und zwar Gott sei Dank gescheitert ist. Dass die paar Versprengten, denen dieses Scheitern leidtut, in heutigen Debatten überhaupt noch vorkommen, hat ausschließlich mit den Gesetzmäßigkeiten der Unterhaltungsindustrie zu tun, die aus Gründen der Ökonomie der Aufmerksamkeit darauf angewiesen ist, von Zeit zu Zeit Abseitiges ins Programm zu nehmen.

Uneinigkeit herrscht über jenen Teil der 68er-Anliegen, von denen man sagt, sie seien umgesetzt worden: sexuelle Befreiung, Lockerung repressiver Familienstrukturen, Revision autoritärer Erziehungsmethoden. Es gehört heute zu den Grundmustern konservativen Denkens, die Ursachen für einige der drängendsten Probleme der Gegenwartsgesellschaft den „68ern“ zuzuschreiben: Die sinkenden Geburtenraten werden als Folge der „hemmungslosen“ Selbstverwirklichung der Frauen identifiziert, die Probleme mit jugendlicher Gewalt als Preis für die Abschaffung der Autorität in Erziehung und Schulwesen, die hohen Scheidungsraten als Strafe für den sexuellen Freiheitsrausch.


Das ist so naheliegend wie falsch: Wahr ist, dass es nicht gelungen ist, das Gesellschaftsmodell der unmittelbaren Nachkriegszeit, das Ende der 60er-Jahre zerstört worden ist, durch ein tragfähiges neues zu ersetzen. Wahr ist aber auch, dass die 68er-Generation vollkommen zu Recht gegen dieses Modell aufbegehrt hat, vor allem mit Blick auf die Situation der Frauen. Alles, was heute vor dem Hintergrund aktueller Probleme so gelobt wird an der guten alten Zeit – die stabilen Familienverhältnisse, die Rundumbetreuung der Kinder und die hohen Geburtenraten –, hatte einen hohen, einen unverantwortlich hohen Preis: die ökonomische und gesellschaftliche Marginalisierung der Frauen. Darum muss man auch einen gewissen Anteil an den höheren Scheidungsraten uneingeschränkt positiv sehen: jenen, der daraus resultiert, dass Frauen heute deutlich weniger oft gezwungen sind, aus ökonomischen Gründen Beziehungen und Familienstrukturen aufrechtzuerhalten, die ausschließlich auf ihre Kosten funktionieren.

Heute stehen wir – weitgehend noch ohne Antworten – vor der Frage, wie Familie unter geänderten Vorzeichen als die oft zitierte „Keimzelle der Gesellschaft“ fungieren kann. Dafür haben uns die wackeren Revolutionäre des Jahres 1968, von denen nicht wenige sich als Machos gefielen, kaum Hilfreiches hinterlassen. Denn sie haben, wie die Vertreter des „reaktionären“ Systems auch, die Grenzen der Freiheit der Frauen dort gezogen, wo ihre eigene Freiheit in Gefahr war. Also dort, wo die Etablierung stabiler Familienverhältnisse eine Einschränkung ihrer eigenen Freiheit und eine Neuverteilung der Aufgaben zwischen Männern und Frauen erfordert hätte.


Darum ist es ziemlich sinnlos, die aktuellen Debatten über Familie und Erziehung als „Wertedebatte“ zu führen. Die „Werte“, um die es dabei geht, stehen nämlich vollkommen außer Streit. Oder haben Sie schon einmal jemanden getroffen, der stabile Beziehungen und Entfaltungsmöglichkeiten für Kinder nicht für einen der höchsten Werte hält? Über „Werte“ reden in der Familienfrage nur Leute, die meinen, dass Frauen im Interesse von Familie und Kindern auf Beruf und Karriere verzichten sollen.

Die unbestrittene Leistung der 68er-Generation besteht darin, sich nicht mit der Unveränderlichkeit der bestehenden Verhältnisse abzufinden. Heute sehen wir, dass es mit dem Aufbrechen repressiver Strukturen nicht getan ist. Wenn der weniger spektakuläre zweite Schritt, die Vereinbarung verbindlicher Regeln auf der Grundlage der Freiheit, nicht getan wird, führt das über kurz oder lang zu einer Art Repression der Unverbindlichkeit. Ungefähr dort sind wir inzwischen angekommen. Die Revolutionäre des Jahres 2008 wären also jene, die die gewonnene Freiheit dazu nutzen, neue Verbindlichkeiten für tragfähige Beziehung zu schaffen.

Sie, vor allem die Frauen unter ihnen, zu unterstützen oder zumindest nicht zu behindern ist wichtiger als jede Debatte über die revolutionäre Welt von gestern.


michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2008)

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12 Kommentare

68er

Sind 40 Jahre wirklich so ein epochales Jubiläum
(außer für die Alt-68er)?
Warten Sie doch bis 2018, dann ist's wenigstens ein goldenes!

Antworten Gast: Österreicher
27.05.2008 23:11
0 0

Re:Epochal war jedenfalls die Arroganz und Ignoranz,

vor allem das Fehlen jeder Art von Rücksichtnahme und Gesittung, die den echten 68-er auszeihnete. Und wie bei jeder Modeströmung eine erkleckliche Zahl von Nachahmern!

Gast: Niederösterreicher
25.05.2008 22:58
0 0

Man könnte die "Zielrichtung" der "68-er"-Revolte noch viel allgemeiner beschreiben:

Ausgehend von der hauptsächlich auf dem Säulenheiligen Engels beruhenden "Gesellschaftsanalyse" (die nebstbei total in die Irre führte) strebten die anarchischen 68-er den totalen Individualismus zur Durchsetzung ihre eigenen Bedürnisse ohne Rücksichtnahme auf andere an:
Die Folgen waren chaotisch und zerstörerisch! Zumindestens im letztgenannten Punkt hat Fleischhacker recht!

Offenbar ist es in der menschlichen Entwicklung ein Bedürfnis, sich von Zeit zu Zeit wider jede Vernunft austoben zu können. Vor solchen Barbarenakten sind - wie die Geschichte zeigt - nicht einmal Intellektuelle gefeit. Die Langzeitfolgen dieses Chaotensturms zeigen sich erst jetzt in unserer Gesellschaft, zusätzlich noch verstärkt durch die Entwurzelung, die die Österreicher durch den rasanten wirtschaftlichen Fortschritt und die Globalisierung erfahren haben.

Von segensreichen Auswirkungen der 68-er-Revolte aber ist weit und breit nichts zu merken...


Antworten freeman
26.05.2008 11:02
0 0

"Nicht einmal Intellektuelle"

Die sogenannten "Intellektuellen" waren und sind meist wesentlich verführbarer durch totalitäre Gesellschaftsmodelle, als der Durchschnittbürger.

Im Gegensatz zu jenem haben sie ihren Plato gelesen und liebäugeln mit der Rolle des "Philosophenkönigs", der die Produkte ihres Studierzimmers plötzlich "Grundlage eines allgemeinen Gesetzes" werden lässt.


Gast: nick4713
24.05.2008 10:59
0 0

Biologische Fakten werden gerne vergessen

Frauen bekommen die Kinder nicht die Männer, sichern das biologische Überleben der Gruppe, der Gesellschaft, des Staates. Männer sind zu derem Schutz da, sichern deren Unterhalt. Das haben andere erkannt, wir haben es verlernt. Sofern man sich gegenseitig in Liebe anerkennt ergibt das ein sinnvolles, harmonisches Ganzes, wenn nicht - dann nicht. Totale "Selbstverwirklichung" ist genauso schlecht wie keinerlei "Selbstverwirklichung", "totale Macht" so schlecht wie "Ohn-Macht" weil überall die Ausgewogenheit fehlt. Von der haben wir uns aber schon entfernt, inkl. der Ausgewogenheit der
Verteilung der finanziellen Mittel. Mindestens 500.000 Abtreibungen seit 1972 sind eine einzige Anklage über falsche gesellschaftliche Lösungen. Zudem: Mit mindestens 500.000 Österreichern mehr hätten wir da noch Zuzug gebraucht mit all seinen Problemen ? Hätten wir da mehr Zukunft oder weniger ? Warum das Problem nicht endlich lösen statt "Schifferl versenken" und damit unsere Zukunft ?

Gast: NoFit
24.05.2008 10:23
0 0

Hmm. Irgendwie fehlt da was

Selbstverständlich gibt es unterdrückte Frauen, das sind aber selten diejenigen die protestieren. Es gibt aber auch unterdrückte Männer, Männer in Not - von denen spricht auch keiner. Während die einen gesellschaftlich anerkannt sind, werden andere als lächerlich angesehen. Wie z.B. stellt sich die Reaktion der Gesellschaft dar wenn eine Frau arbeitslos ist und ein Mann ? Setzt der Mann die arbeitslose Frau vor die Tür wie es so manche Frauen mit Männern tun bzw. läßt er sich dann scheiden ? Wie ist das mit den Obdachlosen und deren Vorgeschichten ? Wie ist das mit Scheidungen und Besuchsrecht ? Mit Alimenten + Kindergeld ? Mit Selbstmordraten ? Mit Gewalt durch Frauen (Intrige und Verleumdung kann genau so tödlich sein wie ein Waffe) ? Gewalt Frau gegen Frau, Mann gegen Mann ? D.h.: Es kommt immer auf den Einzelfall an. Aus dem Geschlecht "Gut" und "Böse", "hilfsbedürftig" oder nicht abzuleiten ist rassistisch. Bei uns ist dieser Rassismus gesellschaftlich sanktionierter Alltag.

Paige
23.05.2008 19:52
0 0

Wie bei einem anderen Artikel

schon geschlossen und beinhart z e n s i e r t von einer überkorrekten Kreszentia, die im Geist jener, die durch alle Institutionen marschiert sind und Nebenwirkungen wie die Wortpolizei erzeugten, alles wegputzt, was irgendwie an die klare Aussage des kleinen Kindes in "Des Kaisers neue Kleider" erinnert, weil wahr und viel zu peinlich für die Ikonen, leite ich hier zwar nicht mehr dazu hin, sage den Schlusssatz aber trotzdem noch einmal:
Es war durchaus nichts Neues, sich auf Kosten anderer einen faulen Lenz machen zu wollen, aber - wenig überraschend - hat auch dieses Mal die Gesellschaft zurückg e s c h i s s e n.

Inkonsequenz ist das Motto der 68-er.
Freiheit? Denkverbote und Regulierungswut lassen keinen Freiraum mehr zu. Danke an die 68-er-Anarchisten, die uns einen ungeahnten (techn. Möglichkeiten) metter n i c h schen Polizeistaat in der EU-D i k t a t u r beschert haben.

Antworten Gast: hawkeye
23.05.2008 22:22
0 0

Re: Wie bei einem anderen Artikel

Ja, hätten wir uns alle noch ein bißchen mehr wohlverhalten, es wäre glatt noch die eine oder andere kleine Belohnung drin gewesen!

Antworten Antworten Paige
24.05.2008 08:12
0 0

In der Jugend ist man immer aufmüpfig

Die gesellschaftlichen Veränderungen haben indes längst andere getragen. Begonnen hats in den 50ern mit James Dean und Elvis Presley. Das waren die ersten Rebellen. Selbst in Doris Day Filmen ist das zu hören. Das Richtige war in Bewegung. Die 68er gab es bei uns nicht. Bei uns gab es ein paar "Schlurf", die an Überdosis eingegangen sind und ein paar Studenten, die auf Uni-Katheder kac.kten, Kommunen gründeten und für "Baby-F i c k" warben. Die amerikanischen Hippies waren ja irgendwie lieb mit ihren Blümchen und die Prostlieder von Joan Baez süßliche Hymnen.
Die österr. Schlurfe wären alle gerne bei Woodstock dabei gewesen, waren sie aber tragischer Weise nicht.
Die freie Liebe haben sie natürlich aus Eigennutz propagiert, damit sie an möglichst viele Frauen rankommen. Motto: "Wer täglich mit der selben pennt, gehört schon zum Establishment". Frauenfreundlich ist das ja wirklich nicht.
Ihre wahnsinnigen Vorstellungen waren allesamt unrealistisch.
Heute wird vieles verklärt.

Antworten Antworten Antworten Paige
24.05.2008 10:35
0 0

Hui

"Prostlieder" = Protestlieder..

Antworten Antworten Antworten Paige
24.05.2008 08:20
0 0

und Marlon Brando natürlich


Antworten Antworten Antworten Paige
24.05.2008 08:19
0 0

Haaaa, jetzt fällts mir wieder ein

Valie Export - sie ist heute Professorin :-))

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