Das Bild darf in keiner Dokumentation über Amokläufe von Jugendlichen fehlen: im Blumen- und Kerzenmeer, das den Ort des Unfassbaren markiert, ein Schild mit der Frage „Warum?“. Warum stürmt ein 17-Jähriger in seine ehemalige Schule, um wahllos Menschen zu töten? Die Frage wird auch den spektakulärsten Prozess der österreichischen Justizgeschichte dominieren, der morgen in St. Pölten beginnt: Warum sperrt ein Mann seine Tochter in ein Kellergefängnis, zeugt mir ihr sieben Kinder und nimmt den Tod eines dieser Kinder in Kauf, um nicht entdeckt zu werden? Warum haben die Nachbarn nichts gemerkt, und warum haben all die Menschen, die hinterher erklären, sie hätten immer schon gewusst, dass da etwas nicht stimmt, nichts unternommen?
Die handelsüblichen Antworten auf diese Frage gehören zur Gattung der hilflosen Betroffenheitsprosa. Wir lesen wortreiche Glossen über die Sprachlosigkeit als einzig angemessene Reaktion auf den Einbruch des Bösen in die medial geschönte Wirklichkeit. Man fordert das Verbot von Gewaltvideos, Computerspielen und Waffenbesitz und diskutiert das Für und Wider einer stärkeren Kontrolle der Sozialbürokratie über das Leben von Einzelnen und Familien.
Die gängigen Erklärungsmuster laufen darauf hinaus, die tieferen Ursachen singulärer Ereignisse in den gesellschaftlichen Strukturen zu suchen. Die Taten des Herrn F. aus Amstetten werden dann als Echo der latenten nationalsozialistischen Gesinnung der österreichischen Landbevölkerung interpretiert (das Delikt heißt ja nicht zufällig „Blutschande“). Und die tödlichen Amokläufe von Jugendlichen lassen sich am besten als Kollateralschäden der schönen neuen Medienwelt verkaufen, in der ihnen die Unterscheidungsfähigkeit zwischen Realität und Fiktion abhandengekommen sei.
Das erklärt natürlich gar nichts. Würden all die elaborierten Hypothesen der amtlichen Sozialingenieure und Seelenmechaniker auch nur in Ansätzen ein realistisches Bild der gesellschaftlichen Wirklichkeit zeichnen, sähe unsere Welt anders aus. Jugendliche, die nicht mehr wissen, ob sie sich gerade die jüngste Version ihres „Egoshooter“ hochgeladen haben oder ein Blutbad in ihrer ehemaligen Schule anrichten, wären dann nicht der schaurige Mittelpunkt medialer Ausnahmezustände, sondern Teil unseres Alltags. Und der Folterkeller wäre Teil der Heimwerkerindustrie.
Irgendetwas stimmt da nicht. Es fällt auf, dass in all den schlauen Beschreibungen der gesellschaftlichen Zustände, die Massaker, familiäre Verbrechen und Gewaltexzesse hervorbringen, die Begriffe Schuld und Verantwortung ausgespart werden. Es ist irgendwie aus der Mode gekommen, in der Beurteilung von außergewöhnlichen Verbrechen individuelle Verantwortung ins Zentrum zu stellen. Bei Herrn F. aus Amstetten geschieht das, indem er zum „Monster“ erklärt und damit gewissermaßen der Sphäre menschlicher Verantwortung entzogen wird, die jugendlichen Amokläufer werden als hilflose Gefangene der „Matrix“ dem Reich der Cyberrealität zugeordnet.
Auch hier sollte man fragen: Warum? Vielleicht hat es damit zu tun, dass wir auch in Fragen der alltäglichen Existenzsicherung, des beruflichen Fortkommens und der Lebensgestaltung nicht mehr die Verantwortung des Einzelnen in den Mittelpunkt stellen, sondern die Verantwortung der Gesellschaft? Wie soll jemand, der von Kindesbeinen an erklärt bekommt, dass für das Funktionieren seines Lebens die Gesellschaft verantwortlich ist, lernen, dass für das Nichtfunktionieren er selbst zur Verantwortung gezogen werden kann? Natürlich, die Gesellschaft kann Jugendlichen den Konsum gewalttätiger Filme und Videospiele verbieten. Aber sie wird damit kein einziges Massaker verhindern. Es wäre nur ein weiterer Schritt auf dem Weg, die individuelle Verantwortung der Bürger – Tim K., der Amokläufer von Winnenden, wäre in Österreich wahlberechtigt gewesen – für das, was sie tun und lassen, durch Sozialmechanik zu ersetzen.
















