Die großen Ängste hören auf die Namen „Euro“ und „Islam“

Hinter Zweifeln an der EU-Währung und der Furcht vor kulturellem Identitätsverlust steht das schwindende Vertrauen in die Gestaltungskraft konventioneller Politik.

Zum Jahreswechsel wägen die Menschen individuell und kollektiv Hoffnungen und Befürchtungen ab. In der Regel werden dabei individuelle Hoffnungen durch kollektive Befürchtungen beeinträchtigt. Das ist nicht verwunderlich. Der Einzelne hat Hoffnungen und Erwartungen, deren Erfüllung überwiegend an eigene Leistung geknüpft ist. Er weiß, was er tun und worauf er verzichten will, um seine Wünsche an die Zukunft in Erfüllung gehen zu lassen. Aber er weiß, dass er zugleich Rahmenbedingungen ausgeliefert ist, auf deren Gestaltung er begrenzten Einfluss hat.

Die beiden großen Befürchtungen, die viele Menschen als Beeinträchtigung ihrer durchaus von Optimismus geprägten persönlichen Planungen empfinden, sind ökonomischer und kultureller Natur: Sie hören auf die Namen „Euro“ und „Islam“.Wie sparsam der Einzelne auch sein mag, wenn im Zuge der großen Staatsschuldenkrise das EU-Währungssystem zusammenbricht, muss er damit rechnen, dass auch sein Vermögen in Mitleidenschaft gezogen wird, am wahrscheinlichsten durch eine auf die gegenwärtige Geldschwemme folgende Hyperinflation.


Und auch wenn der Einzelne sich in seinem Familienverband, in seiner Gemeinde, in seinem Verein, in seiner Kirche als Teil der von Christentum und Aufklärung geprägten Mehrheitsgesellschaft kulturell verankert sieht, so muss er doch, wenn die Prognosen der Demografen einigermaßen zutreffen, damit rechnen, dass spätestens seine Enkel sich in einer kulturell-religiösen Minderheitenposition wiederfinden.

Verschärft wird die gefühlte Lage für den Einzelnen dadurch, dass ihm vom Establishment signalisiert wird, er sei – wenn er solche Befürchtungen habe – ahnungslos und/oder borniert. Zweifel am Euro und an der EU insgesamt werden in fast schon traditioneller Weise als Ausweis nationalistischer Gesinnung denunziert. Und wer Befürchtungen hinsichtlich künftiger kultureller Hegemonieansprüche der moslemischen Zuwanderer äußert, muss mit der öffentlich verhängten Diagnose „Islamophobie“ rechnen. Es handelt sich dabei um eine schwere psychopolitische Erkrankung, deren auffälligstes Symptom die Nichtanerkennung der multikulturellen Heilsordnung ist. Noch sind die Kreuzritter der Political Correctness nicht so stark, dass sie auf diese Diagnose die politische Zwangspsychiatrierung folgen lassen können. Noch.

Wie kompliziert das alles sein kann, haben Reaktionen auf unsere Weihnachtsausgabe gezeigt. Lukas Puschs Thematisierung der wechselseitigen christlich-islamischen Befürchtungen hat neben erfreulichen Äußerungen von Zustimmung auch eine erfreuliche Vielfalt an Kritik hervorgerufen. Manche fanden die künstlerische Umsetzung nicht angemessen, andere den Anlass unpassend, wieder andere äußerten den Vorwurf, es handle sich um die Fortsetzung der FPÖ-Propaganda mit anderen Mitteln.

Bei einigen Christen hat Puschs Arbeit auch jene Reaktion hervorgerufen, die sonst vor allem Muslime zeigen, die wenig von der Säkularisierung halten: Beleidigtheit. Auch diese Reaktion sollte nicht gering geschätzt werden. Sie steht für unhinterfragte religiös-kulturelle Bindungen, ohne die eine Gesellschaft viel ärmer wäre. Allerdings sind sie auf Monolog programmiert, nicht auf Dialog. Wo sie und allzeit beleidigungsbereite Muslime aufeinandertreffen, wird es in Zukunft gefährlich werden.


Langfristig haben vermutlich religiös fundierte kulturelle Befürchtungen die größere Bedeutung. Für den Moment dominieren allerdings die ökonomischen Sorgen: 2011 gilt als das „Schicksalsjahr“ des Euro. In den nächsten Monaten wird sich zeigen, ob sich der Wunsch der Euroländer nach einem permanenten Schutzschirm und die ökonomische Realität der PIGS-Staaten tatsächlich unter einen Schirm bringen lassen.

Gemeinsam ist den skizzierten Befürchtungen, dass es sich um politische Krisenphänomene handelt. Sowohl hinter dem schwindenden Vertrauen in die Gemeinschaftswährung als auch hinter den Befürchtungen des kulturellen Identitätsverlusts steht das schwindende Vertrauen in die Gestaltungskraft konventioneller Politik. Wir befinden uns in der schwersten Legitimationskrise demokratischer Politik seit dem Zweiten Weltkrieg. Alles Gute im neuen Jahr. S. 1, 2

 

E-Mails an: michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2010)

Mehr zum Thema:

Lesen Sie mehr zum Thema

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.