Wie ist das nun eigentlich? Konnten die Kleptokraten in Libyen, Bahrain und im Jemen ihr brutales Geschäft im Windschatten der japanischen Katastrophen leichter besorgen, weil die Weltmedien von einem auf den anderen Tag den Schalter von „arabischer Revolution“ auf „japanischen Weltuntergang“ umgelegt haben? Wurde der UN-Sicherheitsrat, die Gremium gewordene Weltschläfrigkeit, durch die Medien aufgeschreckt, die ihrerseits dadurch aufgeschreckt wurden, dass „ihre“ Revolution gegen den Revolutionsführer mit der Einnahme Bengasis durch Muammar al-Gaddafis Truppen kurz vor dem Scheitern stand?
Wurde also die Politik durch die Rückkehr der massiven Medienberichterstattung zum Handeln gezwungen – oder hat das Handeln der Politik die Medien zur Rückkehr von den verwüsteten Stränden Japans auf den nordafrikanischen Revolutionsschauplatz gezwungen? Wäre die Gegenoffensive des Psychokraten von Tripolis durch eine Fortsetzung der flächendeckenden Libyen-Berichterstattung auf allen Kanälen in irgendeiner Weise beeinträchtigt worden? Hätten die Saudis in Bahrain unter der 24-Stunden-Beobachtung durch CNN anders gehandelt, als sie es im medialen Windschatten der ostasiatischen Angst-Lust-Exzesse taten?
Medientechnisch besteht ja zwischen Libyen und Japan nicht wirklich ein Unterschied. In beiden Fällen erfordert die Unterscheidung zwischen Gut und Böse kaum mehr als einen regionalen Hauptschulabschluss und die Sozialisierung in einem der europäischen Mittelmaßparadiese: Diktatoren sind schlecht, Atomreaktoren sowieso, und die menschliche Ausbeutung von Mutter Erde wird sich noch einmal ganz bitter rächen.
Die moralisierenden Schlagzeilenhelden haben ja die Möglichkeit, sich selbst die peinlichen Fragen, die sie jetzt im Brustton der Empörung den Politikern stellen, zu ersparen: Warum hat man Gaddafi, den nachmaligen „irren Killer von Tripolis“, jahre- und jahrzehntelang wie einen Richard Lugner auf Weltniveau unter besonderer Berücksichtigung seiner Vorliebe für hübsche junge Mädchen behandelt? Wieso hat man jahrelang die imperialistischen Ambitionen der USA in der Region gegeißelt, während die systematische Unterdrückung und Folter in den arabischen Diktaturen wie eine schützenswerte kulturelle Ausprägung der menschlichen Natur behandelt wurden, am ehesten vergleichbar mit den Schilfbewohnern der Hainburger Au, die man vor dem Zugriff der Energieindustrie retten musste?
Die Super-GAU-Berichterstattung der abgelaufenen Woche wird noch einmal Stoff für große wissenschaftliche Arbeiten über die Dysfunktionalität von Journalismus in Krisensituationen hergeben. Wir alle wussten nichts. Da auch die Wissenschaftler, die von uns befragt wurden, nichts wussten, mussten sich alle darauf beschränken, so etwas wie „Ausgewogenheit“ herzustellen: Zunächst waren „Krisenforscher“ (was soll das eigentlich sein?) der Marke Waldschrat am Wort, denn am Anfang wird es ja immer schlimmer, und genau das sagen sogenannte Krisenforscher, dass es schlimmer wird, warum auch immer.
Wenn im Fortgang der Tragödie Verzögerungen eintreten, treten die Beschwichtigungsexperten auf den Plan. Der Super-GAU lässt jetzt schon eine Woche auf sich warten, was gar nicht so übel ist, weil man sich am schönsten vor den Dingen fürchten kann, die kurz bevorstehen, und sei es über Jahrzehnte. Als Füllmaterial zwischen solchen Phasen eignet sich hausgemachte Betroffenheitsprosa über den Wahnsinn von Atomkraft und den Fortschrittswahn des Menschen überhaupt. Im Zweifelsfall glaubt der Österreicher übrigens dem Waldschrat. Trachtenjanker schauen auf Plasmabreitbildschirmen besonders energiesparend aus.
Heute also wieder Libyen. Die feigen Europäer und Amerikaner, die dem Morden des verrückten Obersts so lange zugeschaut haben, sollen jetzt mal zeigen, wie sie die libysche Revolution wieder auf die Reihe kriegen. Dass sie Imperialisten sind, wird man ihnen kurzfristig nachsehen, wenn sie versprechen, ihre Unterschrift unter ein intergalaktisches Anti-Atom-Volksbegehren zu setzen.
E-Mails an: michael.fleischhacker@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2011)















