25.05.2012 13:29 | Meine Presse Merkliste 0

Imperialisten, Waldschrate und andere Katastrophen

MICHAEL FLEISCHHACKER (Die Presse)

Medientechnisch besteht zwischen Japan und Libyen wenig Unterschied. Beide Krisen zeigen die Dysfunktionalität von Krisenjournalismus.

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Wie ist das nun eigentlich? Konnten die Kleptokraten in Libyen, Bahrain und im Jemen ihr brutales Geschäft im Windschatten der japanischen Katastrophen leichter besorgen, weil die Weltmedien von einem auf den anderen Tag den Schalter von „arabischer Revolution“ auf „japanischen Weltuntergang“ umgelegt haben? Wurde der UN-Sicherheitsrat, die Gremium gewordene Weltschläfrigkeit, durch die Medien aufgeschreckt, die ihrerseits dadurch aufgeschreckt wurden, dass „ihre“ Revolution gegen den Revolutionsführer mit der Einnahme Bengasis durch Muammar al-Gaddafis Truppen kurz vor dem Scheitern stand?

Wurde also die Politik durch die Rückkehr der massiven Medienberichterstattung zum Handeln gezwungen – oder hat das Handeln der Politik die Medien zur Rückkehr von den verwüsteten Stränden Japans auf den nordafrikanischen Revolutionsschauplatz gezwungen? Wäre die Gegenoffensive des Psychokraten von Tripolis durch eine Fortsetzung der flächendeckenden Libyen-Berichterstattung auf allen Kanälen in irgendeiner Weise beeinträchtigt worden? Hätten die Saudis in Bahrain unter der 24-Stunden-Beobachtung durch CNN anders gehandelt, als sie es im medialen Windschatten der ostasiatischen Angst-Lust-Exzesse taten?

Medientechnisch besteht ja zwischen Libyen und Japan nicht wirklich ein Unterschied. In beiden Fällen erfordert die Unterscheidung zwischen Gut und Böse kaum mehr als einen regionalen Hauptschulabschluss und die Sozialisierung in einem der europäischen Mittelmaßparadiese: Diktatoren sind schlecht, Atomreaktoren sowieso, und die menschliche Ausbeutung von Mutter Erde wird sich noch einmal ganz bitter rächen.

Die moralisierenden Schlagzeilenhelden haben ja die Möglichkeit, sich selbst die peinlichen Fragen, die sie jetzt im Brustton der Empörung den Politikern stellen, zu ersparen: Warum hat man Gaddafi, den nachmaligen „irren Killer von Tripolis“, jahre- und jahrzehntelang wie einen Richard Lugner auf Weltniveau unter besonderer Berücksichtigung seiner Vorliebe für hübsche junge Mädchen behandelt? Wieso hat man jahrelang die imperialistischen Ambitionen der USA in der Region gegeißelt, während die systematische Unterdrückung und Folter in den arabischen Diktaturen wie eine schützenswerte kulturelle Ausprägung der menschlichen Natur behandelt wurden, am ehesten vergleichbar mit den Schilfbewohnern der Hainburger Au, die man vor dem Zugriff der Energieindustrie retten musste?

Die Super-GAU-Berichterstattung der abgelaufenen Woche wird noch einmal Stoff für große wissenschaftliche Arbeiten über die Dysfunktionalität von Journalismus in Krisensituationen hergeben. Wir alle wussten nichts. Da auch die Wissenschaftler, die von uns befragt wurden, nichts wussten, mussten sich alle darauf beschränken, so etwas wie „Ausgewogenheit“ herzustellen: Zunächst waren „Krisenforscher“ (was soll das eigentlich sein?) der Marke Waldschrat am Wort, denn am Anfang wird es ja immer schlimmer, und genau das sagen sogenannte Krisenforscher, dass es schlimmer wird, warum auch immer.

Wenn im Fortgang der Tragödie Verzögerungen eintreten, treten die Beschwichtigungsexperten auf den Plan. Der Super-GAU lässt jetzt schon eine Woche auf sich warten, was gar nicht so übel ist, weil man sich am schönsten vor den Dingen fürchten kann, die kurz bevorstehen, und sei es über Jahrzehnte. Als Füllmaterial zwischen solchen Phasen eignet sich hausgemachte Betroffenheitsprosa über den Wahnsinn von Atomkraft und den Fortschrittswahn des Menschen überhaupt. Im Zweifelsfall glaubt der Österreicher übrigens dem Waldschrat. Trachtenjanker schauen auf Plasmabreitbildschirmen besonders energiesparend aus.


Heute also wieder Libyen. Die feigen Europäer und Amerikaner, die dem Morden des verrückten Obersts so lange zugeschaut haben, sollen jetzt mal zeigen, wie sie die libysche Revolution wieder auf die Reihe kriegen. Dass sie Imperialisten sind, wird man ihnen kurzfristig nachsehen, wenn sie versprechen, ihre Unterschrift unter ein intergalaktisches Anti-Atom-Volksbegehren zu setzen.

 

E-Mails an: michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2011)

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38 Kommentare
 
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Gast: censör
26.03.2011 05:51
0 0

nix gegen wort-neukreationen,

aber ein psychokrat ist wörtlich ein seelenherrscher oder beherrscher der seele, also nicht gerade treffend.

Gast: Luzifer
25.03.2011 00:11
0 0

Das ganze erinnert an Bush juniors Sprüche über die "Achse des Bösen"

wobei sich Herr Bush anmaßte, welche Staaten in dieser Welt böse und welche gut sind. Einziges Kriterium bei dieser Unterscheidung waren offensichtlich die Interessen der USA.

Zu Zeit gilt es - aus westlicher Sicht - alle Baath-Regime in der Arabischen Welt (und nebstbei auch noch das Mullah-Regime im Iran) zu beseitigen, weil diese eine "Nahost-Lösung" nach Gusto Israels als einzige im Wege stehen. Zu diesem Zwecke wird den arabischen Massen ständig ein Wurstzipfel vor die Nase gehalten: Assoziierungsabkommen mit der EU samt Arbeitsgenehmigung für die zahlreichen arabischen Jugendlichen in Europa, hohe Investitiionen von europäischem Kapital in die Wirtschaft der arabischen Staaten ... etc.

Angesichts dieser künftigen Wohltaten schwindet natürlich das Interesse der arabischen Massen am Schicksal der Palästinenser und werden auch die autokratischen Regime am Golf durch ihre Rolle als "Befreier" zu Wohltätern..

Hoffentlich gibt es dann kein plötzliches Erwachen aus diesem schönen Traum, wenn sich Europa in einer Wirtschaftskrise gegen soviel Zuwanderung sperrt und Europa sein Kapital im eigenen Land braucht ...

Klapp! Klapp! Klapp!


Gast: Mihi Olet
20.03.2011 00:10
0 0

Verbalinjurien und Sprechdurchfall

Es kann schon sein, dass sich auch ein Chefredakteur der "Presse" in seinem schriftlich als Leitarktikel festgehaltenen Sprechdurchfall und im Zeitdruck verheddert. Wenn dabei aber schon die gezielte Beleidigung eines doch einigermaßen anerkannten Wissenschafters unumgänglich erscheint, wäre allenfalls die korrekte Schreibweise des Verbalinjuriums indiziert. Dazu gibt es sogar jedermann verfügbare Möglichkeiten zum Nachschlagen online! Sie könnten auch von Chefredakteuren zu Rate gezogen werden, die mit (eigenen) Model-Auftritten viel mehr im Sinn haben als mit Waldschratten.

Gast: ratloser leser
19.03.2011 19:49
0 0

Also, ich weiß nicht -


- ich kann mit den Artikeln des Herrn Fleischhacker immer weniger anfangen. Was eigentlich will er uns sagen? Will er was sagen?

Gast: Gast 7
19.03.2011 18:51
0 0

Kritik vom Falschen

Nicht grad feine, aber sicher treffende Zynismus-Klinge eines sich ewig in Opposition zum PC-Establishment befindenden Redakteurs.
Solche Kommentare sind der Grund, wieso etwa Hr. Unterberger eines der wenigen geldbringenden Blogs des Landes betreiben kann - und einen ähnlichen Abgang in die Freigeist-Ecke würde ich auch dem Hr. Fleischhacker nahelegen. An der Schaltstelle einer der wenigen sog. Qualitätszeitungen einen solchen Kommentar zu verfassen kommt einer Kapitulation vor der eigenen Verantwortlichkeit gleich, und verhöhnt nicht etwa die kritisierten Waldschrate etc, sonder viel mehr die Leser und vor allem die eigenen Mitarbeiter.

Es mag eine dreiste Forderung sein, anonym gepostet, und ich erwarte mir auch entsprechend wenig Wirkung - vergleichbar mit Fleischhackers Kommentar. Reflexe machen berechenbar.
Good night and good luck.


Gast: mig29
19.03.2011 17:37
0 0

Bravo!!!!

Eine vortreffliche Analyse - so etwas ließt man normalerweise nur in ausländischen Qualitätsblättern!

Sebifredi
19.03.2011 17:23
0 0

So macht Lesen Spaß!

Ein interessanter , witziger und boshafter Artikel!

Gast: schonwiedereingast
19.03.2011 16:05
0 0

Tja, mit Zynismus geht die Welt zugrunde,

oder liegt das auch daran, dass es noch nie so schwer war eine eigene Meinung zu haben?

Gast: Nemesis
19.03.2011 13:45
1 1

Unsere linken Lügenmedien brauchen sich über Japan, Lybien & Co. gar nicht aufregen.

Lügen sie doch täglich in gleichem Ausmaße.
Und jetzt ist Europa feig?
Die linken Herrschaften (aber nicht nur die) haben doch das Gad afferl jahrzehntelang beschützt!
Ich sag nur SPÖ ( der Herr aus Kärnten war ja nur Trittbrettfahrer).

kobold
19.03.2011 13:23
0 0

Na ja,

die Presse hat bei der Hysterie der vergangenen Tage wohl auch ein bisschen mitgemacht.

Gast: zk
19.03.2011 10:59
2 0

Witzig, originell, gescheit

Der Artikel alleine ist das Geld für mein Jahresabo wert.

Antworten galli leo
20.03.2011 11:00
1 0

Re: Witzig, originell, gescheit

ich interpretiere den artikel als eine abrechnung mit den medien.

allerdings: ist die zeitung, für die sie ein jahresabo haben, nicht teil davon?
und hat sie nicht genau so bei diesem spiel mitgemacht?

ist also ihr jahresabo vielleicht doch (unterm strich) eine fehlinvestition?

Antworten Sebifredi
19.03.2011 17:24
0 0

Re: Witzig, originell, gescheit

Find ich auch!

Antworten Svenco
19.03.2011 13:06
1 1

Re: Witzig, originell, gescheit

Schleimer der Leser...

Antworten Antworten Gast: zk
19.03.2011 17:46
0 0

Re: Re: Witzig, originell, gescheit

Anerkennung wird doch wohl noch erlaubt sein.

Gast: Pedro
19.03.2011 10:53
0 0

Ein aussergewöhnlich kritischer Artikel

danke sehr Herr Fleischacker. Und erfrischende Analyse.
Was mich, als Jankerträger, stört ist das kleine Quäntchen Abneigung gg. Waldschratte.
Daher beziehe ich ja meine Widerstansfähigkeit gg. manches Unbill zurzeit

Svenco
19.03.2011 10:34
0 3

Ein Leitartikel, der keine Meinung beinhaltet!

Was solte auch ein Österreicher zum Thema schreiben! Auf Bahrain befinden sich 1000 Fremdsoldaten. Dies Besatzer gehen gegen die Demonstranten, die für die Freiheit und Demokratie auf die Strasse gehen....
Nein ein Österreicher kann nicht so weit sehen. Der Österreicher sieht nur in seiner Verlegenheit, wo er mit Diktatoren Geschaefte macht und diese noch zum Fall gebracht werden.
In Jemen sterben taeglich mehr Menschen als in Libyen. Jemen hat verdammt noch mal kein Öl. Warum soll der Österreicher seinen Finger bewegen!

Antworten Gast: Anti-Troll
19.03.2011 13:27
0 0

Re: Ein Leitartikel, der keine Meinung beinhaltet!

Weiß Türkentroll Svenco nicht, dass die seine Türken in Libyen geschäftlich viel mehr engagiert sind als Österreich?

Türkentroll Svenco weiß sicherlich auch, dass Erdogan alles tut, das Geld von arabischen Despoten in die Türkei zu leiten.

Türkentroll Svenco weiß sicherlich auch, dass Erdogan den Gaddafi-Preis für Menschenrechte bekommen hat...

Was die Türken alles für Geld machen würden, sieht man an den Millionen türkischen Gastarbeitern in Europa...

Antworten Antworten Arethas
23.03.2011 13:23
0 0

Re: Re: Ein Leitartikel, der keine Meinung beinhaltet!

Viel schlimmer finde ich doch, was Türken für Geld alles nicht machen...

Gast: Vogel Strauss
19.03.2011 10:14
2 0

Täuschungsmanöver

Dieser Kommentar soll darüber hinwegtäuschen, dass auch die PRESSE in der Japan-Berichterstattung schwer daneben gelegen ist - siehe erster Bericht von Hr. Riecher samt dazupassendem Forum. Wer im Glashaus sitzt usw.

Gast: Waldschrat
19.03.2011 09:49
0 3

Nomen est Omen

"Fleischhacker" - Nomen est Omen

Antworten kobold
19.03.2011 13:22
1 0

Re: Nomen est Omen

Das gilt wohl auch für Sie.

Gast: Tiefseetaucher
19.03.2011 09:46
1 0

Doppelmoral

Gaddafi und Lugner.....na das find ich ja gut. Dem Gaddafi hat man ja wahrscheinlich auch so viel nachgesehen, weil er sich immer so hübsch medienwirksam kostümiert hat.

Sie zeigen sehr gut die verlogen Doppelmoral mancher Berichtersattung auf !

Kokopelli
19.03.2011 09:18
2 0

Ein Parforceritt sondergleichen, Hut ab!

Mit der Eloquenz eines Sprachartisten hebelt der Herr Chefredakteur sowohl die Welt wie auch sich selber aus. Eine Welt im Zenit ihres beginnenden Untergangs, Abendröte über der menschlichen Zerstörungskunst sowie tödliches Wetterleuchten von Mutter Natur. Alles wird gesammelt und gebündelt auf den Plasmaschirmen aufbereitet wie ein Menü von unseren besten medialen Kochgenies. So lange wir dabei Bierli trinken und Knabberlis kauen können, so lange ist zumindest unsere Welt noch in Ordnung...doch hoppla, krabbeln da nicht ein paar selbstgemachte Gespenster in unseren Längen-und Breitengraden ebenfalls bedrohlich herum? Es ist alles allzumal so herrlich spannend...

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* * * D AN K E * * *


Sg. Hr. Fleischhacker.

nach dem lesen ihres Kommentares ergeht es mir wie dem kranken Mesner im Spital. Dieser bekommt nämlich beim Besuch durch seinen Pfarrer vom selbigen eine Gesamtausgabe Wilhelm Busch mitgebracht. Und wie der Pfarrer beim nächsten mal fragt: "Na Mesner, wie hat dir denn das Buch gefallen?" meint der Mesner: "Herr Pfarrer, ganz ehrlich: wenn ich nicht so genau gewusst hätte, dass es das Wort Gottes ist, ich hätte oftmals laut lachen müssen."

Zur Sache selbst:

Der Trachtenjanker war es auch, der im ORF gemeint hat, es bestünde die Gefahr dass dieses Reaktorunglück "zu glimpflich" ausgehen könnte und damit seine Ideologie wieder nicht zum Durchbruch kommt.

Oder wie ein "daniel4free" hier meinte:

"Schade, dass es nicht in Europa zur Katastrophe gekommen ist
...
Deswegen freue ich mich jetzt schon, auf das große Leid und Elend, dass auch mal über Europa kommen könnte. Hunger und Elend für die Menschen, Machtverlust für die Regierung ist die einzige Sprache die verstanden wird. Alles andere ist Zeitverschwendung und sinnlos."

Originalzitat ende.


 
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