25.05.2012 13:33 | Meine Presse Merkliste 0

Revolutionen in den Zeiten der Verhausschweinung

MICHAEL FLEISCHHACKER (Die Presse)

Was kommt nach den Umstürzen in der arabischen Welt? Revolutionäre Massen, die sich im Facebook-Modus durch den Cyberroom wälzen? Oder doch die Islamisten?

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Möglicherweise ist die Welt nicht ganz gerecht. In Nordafrika riskieren und verlieren junge Menschen ihr Leben, weil sie endlich auch das Leben führen wollen, das ihre Altersgenossen in den europäischen Komfortzonen zunehmend anödet. Fast alles, wofür die jungen Revolutionäre von Tunis bis Manama zu sterben bereit sind, finden die Wohlstandsverwahrlosten unserer Breiten gestrig: Mitbestimmung, politische Öffentlichkeit, kulturelle Formationen.

Wenn die „Generation 11“, die hinter den Facebook-Revolten der vergangenen Monate steht, wirklich so unideologisch ist, wie der französische Islamwissenschaftler Olivier Roy meint, ist das eine gute und eine schlechte Nachricht zugleich. Die gute Nachricht wird jeder leicht verstehen: Was für ein Glück, das sind nicht lauter kleine Osama bin Ladens. Wohl wahr, aber wie viele sie sind und wie repräsentativ für ihre Generation diejenigen sind, zu denen wir über das globale Netz Kontakt aufnehmen können, kann uns keiner sagen.

Womit wir bei der schlechten Nachricht wären. Eines der großen Probleme der gegenwärtigen Regime-Change-Prozesse ist, dass die stürzenden Diktatoren praktisch ohne Institutionen geherrscht haben. Libyen ist dafür ein gutes Beispiel. Gaddafi hat nicht einmal ein Präsidentenamt für sich beansprucht. Wo junge Menschen, die in erster Linie ihre individuellen Bewegungsspielräume vergrößern wollen, in ein institutionelles Vakuum vorstoßen, wird der Aufbau demokratischer Institutionen nicht leicht, auf jeden Fall aber langwierig sein.

Sollte Roys Analyse richtig sein, haben wir es mit einem Generationenkonflikt zu tun, der den Generationenkonflikt unserer Breiten exakt spiegelt.

In Tunis, Kairo, Bengasi und Manama gehen junge Muslime auf die Straße, die nicht wie ihre Eltern sein wollen. Sie haben die religiös grundierte und von autokratischen Regimes weiterkultivierte Ergebenheit ihrer Erzeuger in das Schicksal der Fremdbestimmtheit satt. Sie wollen weder für die arabische Nation eifern noch für die Sache Allahs sterben, sie wollen die Musik hören, von der sie wissen, dass sie auch in New York gehört wird, und sie drängen in die öffentlichen Räume, weil sie endlich sagen und schreiben wollen, was sie denken.

Die im Westen lebenden Altersgenossen dieser Revolutionäre in eigener Sache haben aus spiegelverkehrten Gründen die öffentlichen Räume verlassen. Ihnen hängt das angestrengte Dauerengagement ihrer umwelt- und friedensbewegten Elterngeneration zum Hals raus. Letztlich leben sie nur die Verhausschweinung der wilden 68er-Hunde, die ihre Eltern gewesen sein möchten, konsequent zu Ende. Ihre Öffentlichkeit ist der digitale Raum, der ideale Aufenthaltsort für Menschen, die sich intensiv austauschen wollen, auch wenn sie einander kaum etwas zu sagen haben.

Wenn, dann sind die Repräsentanten der „Generation 11“ im arabischen Raum nicht mit den Trägern des demokratischen Umbruchs in Europa 1989 zu vergleichen, sondern mit den „68er“-Revolutionären. 1989 haben jene triumphiert, die an die „Wiedervereinigung Europas“ glaubten und diesen Glauben über die Jahrzehnte des sowjetischen Terrors hinweg aufrechterhielten. 1968 hatten junge Leute aufbegehrt, denen es in den Häusern und Institutionen ihrer Elterngeneration zu eng und stickig geworden war.


Es wird interessant sein zu sehen, ob und wem es gelingen kann, dieses individualistisch grundierte revolutionäre Pathos ideologisch zu kanalisieren. 1968 war es die Linke. 2011 regiert die Angst, dass es die Islamisten sein werden. Roy sagt, dass diese Generation für keinerlei politische oder religiöse Ideologie anfällig sei. Ob man sich freuen soll, wenn es gar niemandem gelingt und sich die revolutionären Massen über längere Zeit im Facebook-Modus durch den Cyberroom wälzen?

Vielleicht müssen wir selbstkritisch feststellen, dass wir gar nicht mehr wissen, was wir denken sollen, wenn die uns so vertraut gewordene Angst vor der islamistischen Bedrohung abhandenkommt. Vielleicht haben wir aber auch recht, wenn wir darauf bestehen wollen, dass es Freiheit ohne Verantwortung auf Dauer nicht geben kann.

 

E-Mails an: michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2011)

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21 Kommentare
periskop
27.03.2011 18:01
0 0

Eines ist aber sicher: was Demokratie ist, weiß die "Generation 11" gar nicht und deshalb kämpft sie auch nicht dafür!


Gast: Lausbub
27.03.2011 15:34
0 0

Wo liegt die "demokratische" Legitimation de neuen Führer?

Ist es einfach der Hegelsche "Zeitgeist" der die Neuen mit Hilfe von außen aber ohne freie Wahlen, in denen sich die Libyer für ein Regime entscheiden können, an die Macht "weht". Im Grunde ist es ja wiede ein Gewalt-Rezwigime, das die Macht im Lande erobert. Und das bisherige Regime kann sich nicht dagegen wehren, ohne gegen die UN-SR-Entschließung zu verstoßen, weil die Rebellen ja Zvilisten sind ....

Richtigerweise hätte die UN eine echte friedenstiftende Mission zwischen den beiden Bürgerkriegsparteien installieren sollen, mit dem Ziel, freie demokratische Wahlen im Land durchzuführen. Denn unter dem Bombenhagel von ausländischen Staaten und dem Geschütz- u. Gewehrfeuer von 2 Bürgerkriegsparteien wird es im besten Fall ein neuerliches Gewaltregime, aber keine freien Wahl für die libyschen Bürger geben.

Und noch etwas: lachender Dritte sind meiner Meinung nach gerade jene Staaten, wo wirklich die Verhältnisse unerträglich sind: das Besatzungsregime im (eingemauerten)Westjordanland und vor allem im kommunistischen Nordkorea (aber das ist halt eine ganz andere Geschichte)!

Gast: Fatalist
27.03.2011 06:45
1 0

Überschätzte Macht

Was hat denn früher zu Aufständen und Revolutionen geführt?, es war die Unterdrückung der Massen und ihre Armut, Perspektivlosigkeit!
Genau diese Lebensumstände haben jetzt in Nordafrika zur "Revolution" geführt und nicht das Facebook!
Der Cyberroom wird einfach überschätzt, sonst hätten wir in Österreich auch schon eine andere Politik!

3 0

Also ich habe keine Angst davor, dass uns die ilsamistische Bedrohung so schnell abhanden kommen könnte...


Das Schicksal der Kopten in Ägypten zeigt ja deutlich, wie es um die vielbejubelte "Generation Facebook" tatsächlich bestellt ist, wenn diese mal ihre neugewonnene Freiheit und Toleranz anwendet.


Antworten galli leo
27.03.2011 10:05
1 4

Re: Also ich habe keine Angst davor, dass uns die ilsamistische Bedrohung so schnell abhanden kommen könnte...

im sinne der psychologischen arbeitsmaxime "haltet die idioten beschäftigt, sonst kommen sie auf dumme gedanken" finde ich es positiv, dass "die islamisten" leute wie sie so sehr in atem halten!

Antworten Antworten gofy
27.03.2011 15:28
3 1

Re: Re: Also ich habe keine Angst davor, dass uns die ilsamistische Bedrohung so schnell abhanden kommen könnte...

darum flüchten die nordafrikaner alle ins christliche europa und nicht etwa in die türkei.
danke gali für die aufklärung.

Antworten Antworten Antworten galli leo
28.03.2011 09:11
0 1

"..die nordafrikaner alle..."

alle, ja alle...

galli leo
26.03.2011 15:15
0 1

Es wird interessant sein zu sehen, ob und wem es gelingen kann, dieses individualistisch grundierte revolutionäre Pathos ideologisch zu kanalisieren.

wozu?

da haben sie in langen sätzen erst die verbindung der arabischen jugend zu den 68ern konstruiert, und sind dann nicht konsequent genug nachzuschauen, was mit den 68ern so passierte?

sie waren, wie in arabien, die wohl wichtigste soziale und politische bewegung des 20. jh.
sie wurden korrumpiert/besiegt von der stärksten macht, die auf unserem planeten umgeht: dem konsum.
sie werden heute noch denunziert von idioten, deren leben ohne die 68er bei weitem nicht so angenehm verlaufen wäre.

und haargenauso wird es auch der generation 11 ergehen..

0 0

Facebook.

Dient vor allem, um gute Kommentare zu posten, auch wenn sie vielleicht weder zur Kenntnis genommen geschweige denn gelesen werden. Aber man hat zumindest hineingerufen in die Wüste!

0 0

Verantwortung ist ein wichtiges ...


Einige Gedanken zum Schlussabsatz:

Verantwortung
ist ein wichtiges Wort.

Jeder bezahlt für seine Fehler,
aber nicht jeder kommt in diesem Leben
auch dahinter, dass es so ist:
Manchmal bedeutet Dummheit eben
tatsächlich Glück: zweifelhaftes Glück.

Jeder bezahlt für seine Fehler,
aber leider gilt auch:
nicht jeder, der für Fehler bezahlt,
hat diese auch selbst gemacht
oder durch Fehlverhalten verschuldet.

P.S.:
Mancher schätzt sich glücklich,
weil er eine Einsicht versäumt -
er wäre weniger glücklich, wäre ihm klar,
dass er damit auch das Leben selbst versäumt.

Gast: gast nobody3
26.03.2011 09:28
0 0

Hoffnung

Wäre an der Zeit, wenn der Mensch global kapiert, dass weder Gott, Mohamed oder sonst ein Heiliger, oder korrupte Politiker, Diktatoren, Konzernbosse, Bankenhaie helfen. Oder glaubt echt wer, das beten hilft in Fukushima die ständig steigende austretende Radioaktivität wegzuzaubern? Es gab religiösen Fanatismus einst auch im Christentum, vielleicht überwindet der Islam dieses Stadium nun hoffentlich auch.

Solon
26.03.2011 08:32
0 0

Die Schalen des Zorns füllen sich

da wie dort, denn keine Freiheit ohne Verantwortung ist ein globaler Wunschtraum geblieben und kein Staat ohne Gewaltmomopol ist ein Naturgesetz.

Gast: Hr.Zyni
26.03.2011 07:28
2 0

was zu erwarten ist

Die unpolitischen Rebellen werden nach getaner Revolution wiede zurück an ihre PCs kehren und das Feld den Einzigen überlassen, die noch irgendwie organisiert sind, den Islamisten. Diese aber werden den Jungen bald ihre PCs (oder zumindest die Sex- und Music-Seiten) abdrehen. Für Europa steht dann eine neue arabische Einwanderungswelle ins Haus mit den alt bekannten Problemen.

2 3

das is keine Facebook- sondern eine CIA-Revolution

(obwohl da eh nicht viel Unterschied ist)

Die Bombardierung von Libyen - das werden sich die dort wohnenden Leute gut merken.
DANKBAR WIRD DANN KEINER SEIN, nicht mal die angeblichen liberalen-Rebellen.

Gaddafi is zwar ein Haschischrauchender Irrer, aber sicher noch besser als alles was nachkommt nach dem Bombardement.

Gast: Viel Einfacher
26.03.2011 06:25
1 0

Es kommen

Lampedusa-Schiffsreisen und die von den großtürkischen Kolonialkriegern geförderte Evros-Route gegen Europa, Landnahme und All-Inclusiv-Sozialleistungen auf unsere Kosten.

Die fünfte Kolonne der Gutmenschen scharrt schon in den Startlöchern.

Gast: bakuko
25.03.2011 23:40
0 0

ich glaube nicht

daß das bild, das uns facebook zeigt, viel mit der realität zu tun hat.

ich glaube, daß das ganz gut ist, denn ernsthafte rebellion braucht den untergrund, nur dort kann sie wachsen.
es gibt viel zu viele, die sich einmischen, obwohl sie die sache gar nichts angeht. die solln sich ruhig in die facebookschwadrille verbeißen und dort ihre anmaßenden machtgelüste ausleben. dadurch sind die wirklichen revolutionäre vor ihnen geschützt. an die kommen sie nicht heran.

Gast: Gastname
25.03.2011 21:16
1 0

Selektive Wahrnehmung

Einerseits bemängeln sie die Untätigkeit der Jugend im Westen, andererseits nerven dann die unsäglichen Uni-Demonstranten doch immer wieder rum.

(PS: wieso ist "Gast" als Gastname neuerdings nicht mehr erlaubt?)

Gast: 8--8
25.03.2011 20:57
2 0

Anarchie setzt sich dort durch.


Resistance
25.03.2011 20:51
8 0

Hm,

wer also wird in Ägypten wohl gewinnen.
Werfen wir doch mal einen Blick nach Europa: Es sind die konservativen islamischen Strömungen, die über Strukturen und, noch wichtiger, über viel Geld und damit über viel Einfluss verfügen.
Anders lässt sich kaum erklären, warum es hierzulande so viele Gehilfen seitens der Politik gibt.
Über Geld, Einfluss und politische Strukturen verfügen auch in Ägypten bis jetzt nur die Muslimbrüder.
Also werden sie sich auch durchsetzen.

Wobei ich froh wäre, eines Besseren belehrt zu werden.

Antworten antikarl
27.03.2011 15:24
0 0

Re: Hm,

vergessen Sie das Militär nicht. Es ist schon jetzt erkennbar, wem die Umwälzung genützt hat.

Gast: Punkto
25.03.2011 20:39
1 0

Also Anarchisten.


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