25.05.2012 13:33 | Meine Presse Merkliste 0

Die Volkspartei laboriert an einer politischen Thrombose

MICHAEL FLEISCHHACKER (Die Presse)

Josef Pröll ist das kleinste Problem, das die ÖVP derzeit hat. Im Gegenteil: Die Idee, ihn zu ersetzen, ist Teil der latenten Suizidneigung der schwarzen Hirschzähne.

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Aus welcher Giftküche die Gerüchte stammen, dass Josef Pröll nach der Erholung von seinem Lungeninfarkt gar nicht mehr in die politische Arena zurückkehren könnte, wird man nie erfahren. Am wahrscheinlichsten ist, dass sowohl das Bundeskanzleramt als auch die ÖVP-Zentrale als Quellen zu betrachten sind.

Werner Faymann hat ein Motiv: Er weiß, dass er es mit jedem anderen ÖVP-Obmann viel leichter hätte als mit Pröll. Michael Spindelegger zum Beispiel wäre sehr nach seinem Geschmack. Die beiden verfügen über ein ähnliches Politikverständnis, das von Fehlervermeidung geprägt ist und von dem Wunsch, die Welt sei Wien oder die Hinterbrühl. Spindelegger hat das Charisma eines Aktenschranks und wäre damit als koalitionärer Juniorpartner die Idealbesetzung: treu und ungefährlich.

Die sogenannten ÖVP-„Grandln“ haben kein Motiv, aber das haben die Hirschzähne der Volkspartei nie gebraucht, wenn sie die Obmannmordlust gepackt hat. Die Kriminalpsychologie nennt das Phänomen „erweiterten Selbstmord“: Man bringt zuerst die anderen um und dann sich selbst. Die chronische Suizidneigung der ÖVP-Führungsleute ist erblich und liegt in der organisatorischen DNA der Partei, die die föderale Lebenslüge dieses Zwergenstaates besonders genau abbildet. Wichtig ist, dass die Landesfürsten und Vizekönige aus den Mitteln des Finanzausgleichs ihre Operettenfestspiele finanzieren können. Wer unter ihnen als Bundesobmann scheitert, ist ihnen eher egal. Und weil ein idiotisches Prinzip für das Scheitern einer Organisation möglicherweise nicht ausreichend ist, hat man ein zweites einbetoniert: das der Bünde.

Die Idee, dass sich mit Josef Prölls Rückzug von der Parteispitze die Lage der ÖVP verbessern könnte, ist ziemlich absurd. Jeder weiß, dass genau das Gegenteil der Fall wäre. Es gibt zum Vizekanzler und Finanzminister in der Volkspartei nicht einmal den Hauch einer Alternative. Das bedeutet nicht, dass Pröll keine Fehler gemacht hätte. Im Gegenteil: Sein großer Fehler war und ist, dass er, um im kriminalpsycholgischen Jargon zu bleiben, nicht bereit ist, unter den erweiterten Selbstmördern der Parteispitze ein Massaker anzurichten. Pröll muss den Scherzbolden, die jetzt aus ihren Provinzhecken und Bündebunkern herauskrabbeln, um den rekonvaleszenten Parteichef mit einem Kranz von guten Ratschlägen zu erdrosseln, zuvorkommen.

Das war und ist die größte Schwäche der politischen Naturbegabung Josef Pröll: ein Mangel an Härte und Konsequenz. Seit er die Partei übernommen hat, erweckt er in jeder Krisensituation den Eindruck, dass es sich nur um einen vorübergehenden Zustand handle, der schon bald mit einer besonders spektakulären Volte beendet und gewendet würde. Die kam nur nie, denn sie hätte immer ein gewisses Maß an Härte und Konfliktbereitschaft erfordert. Pröll hat sich viel zu früh und viel zu bereitwillig der Tatsache ergeben, dass der Bundesobmann der Österreichischen Volkspartei ein König ohne Land ist.


Die falschen Personalentscheidungen, die er getroffen hat, haben unmittelbar mit der Lebenslüge der ÖVP zu tun: Ernst Strasser betrat die politische Bühne, für die er immer schon zu klein war, durch den unterirdischen Souffleurkasten namens Niederösterreich. Familienstaatssekretärin Verena Remler kann als einzige Qualifikation für ihr Amt die Tatsache anführen, dass sie Mitglied des Tiroler Arbeiter- und Angestelltenbundes ist.

Josef Pröll ist unter den derzeit in Österreich agierenden Politikern so etwas wie der Einäugige unter Blinden und jedenfalls das kleinste Problem, das die ÖVP hat. Unglücklicherweise ist er der Vorsitzende einer Partei, deren seit Jahrzehnten nicht mehr zeitgemäße Struktur sich inzwischen zur akuten Lebensgefahr weiterentwickelt hat. Diese Struktur ist so etwas wie eine politische Thrombose. Der Pfropfen gestockter politischer Energie ist dabei, beide Lungenflügel der Volkspartei, den föderalen und den bündischen, lahmzulegen.

Gott sei Dank wurde Josef Pröll nach seiner Lungenembolie rechtzeitig behandelt. Es wäre schade um ihn gewesen. Von der ÖVP kann man das nicht behaupten.

 

E-Mails an: michael.fleischhacker@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.04.2011)

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65 Kommentare
 
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Die ÖVP implodiert nicht so schön wie die FDP

...aber der Geruch dabei ist dafür um vieles schlimmer.

Luzius
04.04.2011 15:22
4 0

deise Partei ist ebenso wie ihre rote Schwester

quasi am Nullpunkt angelangt, und sollte sofort zurücktreten um schlimmeres für das Land zu verhindern !
Was unterecheidet denn den Seppal vom Werner ?
Beide agieren völlig ahnungs- und Kopflos nach Lust und Laune ihrer Bonzen, um wenigstens solange als möglich am Futtertrog bleiben zu dürfen.

Lug und Betrug an der Tagesordnung .... Neuwahlen traut sich keiner der Beiden ausrufen da sie wissen, ins Nirvana geschickt zu werden. WER braucht die BEiden ?!


Grantig
04.04.2011 10:18
2 0

Trombose

Wenn Demenz eine Trombose ist, dann hat die ÖVP sowas

Gast: gast 48
04.04.2011 05:23
1 0

Es musste ja einmal kommen

"Gott sei Dank wurde Josef Pröll nach seiner Lungenembolie rechtzeitig behandelt. Es wäre schade um ihn gewesen. Von der ÖVP kann man das nicht behaupten".

O-Ton Fleischhacker. Danke.

Ich wusste, diese Aussage wuerde einmal kommen. Fehlt nur noch der Hinweis auf die staatsmaennischen Faehigkeiten eines Werner Faymann und einer Laura Rudas.

Antworten Gast: toro
04.04.2011 10:10
3 0

Re: Es musste ja einmal kommen

Sie dürften Herrn Fleischhacker nicht verstanden haben.

Antworten Antworten Gast: gast 48
04.04.2011 10:45
0 2

Re: Re: Es musste ja einmal kommen

Doch.

Ich habe was anderes nie verstanden. Dass er zum Chefredakteur der "Presse" gemacht wurde. Zum Chefredakteur des "Standard" - bitte! Passt! Aber bei der "Presse" . . . ?

Re: Re: Re: Es musste ja einmal kommen

Lesen Sie doch erst mal den Artikel, bevor Sie Sich so erregen.

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: ausgerechnet
06.04.2011 05:44
0 1

Re: Re: Re: Re: Es musste ja einmal kommen

Schnabeltierfresser: falsch, setzen.

Antworten Antworten Antworten freeman
04.04.2011 14:34
2 0

???

"toro" scheint doch Recht zu behalten.

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: eltororosso
06.04.2011 11:45
0 1

Re: ???

Ist freeman der nickname von Faymann, dem Bedeutenden? Seine Ausdrucksweise ("? ? ? ", wie ausdrucksstark!) legt es nahe.

galli leo
03.04.2011 10:08
3 0

"Aus welcher Giftküche die Gerüchte stammen, dass Josef Pröll nach der Erholung von seinem Lungeninfarkt gar nicht mehr in die politische Arena zurückkehren könnte, wird man nie erfahren. Am wahrscheinlichsten ...."

halte ich, dass diese gerüchte von j. pröll selbst stammen.

denn die tage der bettruhe haben ihm wohl in den sinn kommen lassen, welch erbärmliches leben er (und andere politiker natürlich auch) führen:

*er ist kennt keinen gedanken ausser den mit seinem job verbundene.
*er ist vice-chairman eines 7 mio mitarbeiter-konzerns namens österreich, doch er bekommt nicht mal 1% des gehalts, den ein berufskollege bei viel kleineren firmen erhält.
*er darf sich dafür aber von hinz und kunz auf das erbärmlichste beschimpfen oder ansudern (was ist eigentlich schlimmer?) lassen.

wer heute vor allem in diesem land politiker wird, KANN nicht klar in der birne sein:
entweder er/sie ist intellektuell gehandicapt.
oder er/sie BENUTZT die politik für die befriedigung persönlicher eitelkeiten.


Antworten Gast: Vogel Strauss
03.04.2011 18:10
0 0

Re:

Deshalb haben wir unsere Politik-Elite - aber das ist ja nicht nur bei uns so, sondern in ganz Europa (Berlusconi, Zapatero, Westerwelle) - das Volk hat die Politiker, die es verdient.

Gast: Fatalist
03.04.2011 07:58
6 1

Protegierter Bauer

Was erwartet man sich denn von diesen protegierten Bauern, der hat doch nichts in seinem Leben ohne fremde Hilfe erreicht!
Bei jedem Interview merkt man, dass er nur das von sich gibt was ihm vorgegeben wurde, eine Marionette im Dienste von Erwin und vorallem von Raiffeisen!

Josef Pröll, ein guter ÖVP-Obmann??

Das ist nicht zu beantworten, denn bisher führt er ausschließlich die Wünsche vom Onkel Erwin aus, der diese wiederum vom Raika-Konrad diktiert bekommt!

Und das jeweilige Geschwafel, mit dem er zu vernebeln trachtet, daß ihm Onkel Erwin wieder einmal die Richtung vorgegeben hat, ist auch nur öd und langweilig, ohne jeglichen Geisteswitz!

Ob der Mann überhaupt eine eigene Meinung, geschweige denn politische Visionen hat, kann daher beim besten Willen nicht beurteilt werden!

Insoferne liegen Sie falsch, Herr Chefredakteur!

Österreich - Österreichische Volkspartei

Die PRESSE hat sich in der Ausgabe vom 2. April 2011 der ÖVP und vor allem um deren Obmann Josef Pröll angenommen. Auf der Titelseite, im Kommentar des Chefredakteurs Michael – mit dem Flammenschwert – Fleischhacker und natürlich auch bei Frau Dr. Anneliese - wo eine „Lisl ist….“ -Rohrer sind die Ursachen der ÖVP-Langzeitneurose, die sich gerade wieder im Krankheitsbild einer bipolaren Störung - derzeit mehr depressiv als manisch - zeigt, beschrieben. Es sind dies, die in der österreichischen Verfassung von 1920 durch den Gründungsmythos des Jahres 1918 verursachte bundesstaatliche Konstruktion, die wiederum durch neun Landesparlamente und Landeshauptmänner in einer unglücklichen Weise festgezurrt ist. Diese glückliche (Bundeländer als Staatsgründer der Republik) und zugleich unglückliche (Bundländer als teurer Bremsklotz) Fügung der Zeitumstände, ist in der Organisationsstruktur der ÖVP – wie in keiner anderen Partei unseres schönen Landes im Herzen Europas – abgebildet.

Re: Österreich - Österreichische Volkspartei

Eine Fügung oder gar ein Fingerzeig führt uns in diesen Jahren die Ohnmacht unserer Bundesregierungsspitze sehr dramatisch vor Augen. Es ist die personelle Besetzung von wichtigen Funktionen in unserem Land: Dr. Häupl hat als Wiener Bürgermeister „seinen Politlehrling“ Werner Faymann auf die Bundesbühne geschickt und durch die Demontage des Politprofessors und nunmehrigen professoralen Lobbyisten Dr. Gusenbauer auch gleich zum Bundeskanzler gemacht. Noch anschaulicher sind die Vorgänge in der ÖVP die wahrscheinlich nicht zufällig an die Übergabe von Erbhöfen erinnern. Allerdings – und dieser Unterschied ist gewiss historisch erklärbar und für Vizekanzler, Finanzminister und ÖVP Obmann Josef Pröll ein Handicap – der niederösterreichische Landeshauptmann hat in der Öffentlichkeit weit deutlicher gezeigt, wer der Erbhofbauer ist. Der Wiener Bürgermeister hat sich in der „zur Schau Stellung der wahren Machtverhältnisse“ auf unserer „Insel der Seligen“, bei der Vorgabe der Abschaffung der Wehrpflicht – O-Ton Häupl: „Wahlkampfzeiten sind…………… „ - dem LH von Niederösterreich sehr deutlich angenähert. Möglicherweise war dies auf ein aufflackern der bürgerlichen Herkunft von Dr. Michael Häupl zurückzuführen, diese Verhalf ihm auch zur Verbesserung des Wahlergebnisses für die SPÖ, jedenfalls in einigen Wiener Bezirken.

Gast: egi
02.04.2011 20:15
1 0

Getroffen!

Das o. Geschriebene ist wirklich gut.

starclimb
02.04.2011 18:46
4 1

Bevor Pröll für eine Sache kämpft zahlt er lieber mit dem Geld der Österreicher

Egal ob bei den Landeshauptleuten, bei Faymanns ORF und Zeitungsbestechung, bei ÖBB, oder Häupls Gemeindebediensteten-Privilegien, bei seinen Bünden sowieso und in Brüssel auch.

Pröll ist vielleicht ein guter Redner, aber ein schlechter Politiker.

Er ist zu schwach.

Man merkt einfach er ist ein Protektionskind, das sich noch nichts erkämpfen hat müssen - nichteinmal eine Wahl geschlagen.

Und daran zerbricht er gerade und mit ihm die ÖVP.

Er sollte schon aus Rücksicht auf seine eigene Gesundheit das Amt zurücklegen.

Antworten Gast: Pedro
03.04.2011 10:35
1 0

Re: Bevor Pröll für eine Sache kämpft zahlt er lieber mit dem Geld der Österreicher

falsch, richti : Und daran zerbricht gerade die ÖVP und mit ihr er.

Gast: Schamane
02.04.2011 17:58
0 2

"...politische Thrombose"

Dagegen hilft auch kein Katholen-Voodoo !

Gast: Gast: Leser
02.04.2011 16:44
6 0

Problem Pröll

Josef Pröll ist, ganz im Gegenteil, das Hauptproblem der ÖVP. Seine Personalfehlentscheidungen sowie seine Inaktivität bei Reformen (innerparteilich oder staaatlich) resultieren primär aus seiner "Beißhemmung" gegen die Haupthindernisse dabei: die Landesfürsten, personifiziert durch seinen Onkel Erwin (der ihm wohl auch den Strasser aufs Aug' gedrückt hat). Und so lange der Onkel Landeshauptmann und/oder einflussreicher ÖVP-Mann ist, wird der Neffe auch nichts zuwege bringen. Wenn also die ÖVP sich irgendwie verändern und ihre derzeit miserable Lage verbessern will, muss sie sich schnellstens einen anderen Obmann suchen.

Antworten Gast: Bestatter
02.04.2011 17:17
3 1

Re: Problem Pröll

Da wüßt ich wen ! Den Vranz - der kann gar net genug Buße tun, und wia ma a Partei ruiniert was er a !

Gast: Nepotisten
02.04.2011 16:43
3 0

"..es wäre schad um ihn gewesen." ????

Mein lieber Goderlsepperl !
Das Schicksal meint es gut mit Dir. Nütz die Chance und tritt (aus gesundheitlichen Gründen natürlich) zurück, bevor Du zurückgetreten wirst. Zum Kanzleramt fehlen Dir ohnedies Format und Talent. Es stehen zwar jetzt alle hinter Dir, aber werweiß was die in der Hand haben. "Auch Du mein Sohn Brutus ?" wirst jo net ano frogn wolln ! Moch kane Umständ, geh !

Sebifredi
02.04.2011 16:19
4 0

Auch um Fekter wäre schade!

- ich glaube, mit ihr an der Spitze , würde Faymann das Dauerlächeln bald vergehen!

Antworten Gast: Kotzbrocken
02.04.2011 16:57
1 1

Re: Auch um Fekter wäre schade!

Richtig ! Reihern und Lächeln - des geht nit !

mxmanner
02.04.2011 15:21
7 0

pröll verteidigt

maximal eine alte, korrupte bünde und landespfründepartei!

er kann sich niemals der bünde und schon gar nicht der länderzugriiffe entledigen, denn dann ist er am gleichen tag politisch tot.
die övp kann sich und wird sich nicht ändern. vielleicht dann, wenn österreich pleite ist, aber nicht einmal das würde ich unterschreiben, denn die beamtenschutzpartei par excellence wird es sich auch dann zu richten wissen!

 
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