Nahrungsmittel gehören zu den wenigen Dingen, die in unserer spätindustriellen Gesellschaft ungefähr dieselben emotionalen Reflexe hervorrufen wie in der vorindustriellen Gesellschaft unserer Vorfahren. Sie gelten zumindest der heutigen Generation 40 plus, deren Eltern noch die Nahrungsmittelengpässe der unmittelbaren Nachkriegszeit erlebt haben, als Dinge, denen über ihren Gegenwert in Geld hinaus etwas Erhabenes zukommt. Der symbolische Wert, über den Nahrungsmittel verfügen, kommt wohl daher, dass die Notwendigkeit der mehrmaligen Nahrungsaufnahme die einzige Erinnerung an die Zeiten darstellt, in denen das Leben des Menschen überwiegend von der Sicherung seiner basalen Lebensgrundlagen in Anspruch genommen wurde.
Es ist eine Ironie unserer sogenannten Wissensgesellschaft, dass zwar tatsächlich noch nie so viele Menschen über so viel Wissen verfügten wie heute, dass aber gleichzeitig noch nie so viele Menschen so wenig darüber wussten, woher die Dinge kommen, mit denen sie ihr Überleben sichern und ihre Grundbedürfnisse befriedigen: Nahrung, Kleidung, ein Dach über dem Kopf. Die Grundnahrungsmittel stellen so etwas wie die einzige Verbindung des heutigen Menschen mit seiner Herkunft dar.
Das könnte bis zu einem gewissen Grad auch den sehr ambivalenten Umgang mit Lebensmitteln erklären. Einerseits werden in den entwickelten Ländern Abermillionen von Tonnen an unverdorbenen Lebensmitteln weggeworfen. Andererseits führen steigende Lebensmittelpreise zu Ausbrüchen kollektiver Hysterie, ganz so, als würde eine Erhöhung der Getreidepreise um einige Prozent den unmittelbaren Ausbruch einer Hungersnot bedeuten.
Dabei würden nicht einmal verdoppelte Rohstoffpreise etwas daran ändern, dass die Menschen noch nie einen so geringen Teil ihres Einkommens für Nahrung ausgegeben haben wie heute. Das zeigt, dass die Frage nach der Verfügbarkeit von leistbaren Nahrungsmitteln rational nicht zu beantworten ist.
Also behilft man sich der handelsüblichen Muster der Pseudo-Rationalisierung. Die beliebteste hört auf den Namen „Spekulanten“. Überall dort, wo sich das Bewusstsein der Erkenntnis eigener Verursacherschaft verschließt, müssen es die Spekulanten sein, die für unser Unglück verantwortlich sind. Jeder könnte wissen, dass die – im Übrigen als Risiko-Absicherung für von der Natur abhängigen agrarischen Produzenten in die Welt gekommene – Spekulation auf zukünftige Ernteerträge an den Getreidebörsen nur für einen ziemlich kleinen Teil der zuletzt beobachteten Preisanstiege verantwortlich ist.
Womit man bei Pseudo-Rationalisierung Nummer zwei wären: die neuheidnische Gaia-Religion, der auch Klimaapokalyptiker, Radikalökologen und Risikoforscher angehören. Sie sehen alles, was uns derzeit so passiert, von der Nahrungsmittelknappheit bis zum Tsunami als Rache der gequälten Mutter Erde. Dass die Früchte dieser Mutter Erde in den kalten Stahltanks böser Automobile verbrannt werden, halten die akademischen Alm-Öhis für einen Frevel. Dabei wäre es doch viel vernünftiger, Zuckerrohr und Getreide zu Biotreibstoff zu erarbeiten und damit Autos zu betreiben, als sie zu Lebensmitteln zu verarbeiten, um sie auf den Müll zu kippen.
Die Geschichte der Nahrungsmittelmüllberge erzählt vor allem von Menschen, die nicht mehr bereit sind, Verantwortung für die unmittelbaren Folgen ihres Verhaltens zu übernehmen. Wer nicht darüber nachdenken will, wie er seine Einkäufe so gestaltet, dass möglichst wenig davon weggeworfen werden muss, sollte sich nicht zugleich über steigende Lebensmittelpreise beklagen. Nicht Spekulation und Naturfrevel führen dazu, sondern durch Verhalten beeinflusste Nachfrage. Wer erwartet, dass sein Bausparvertrag mindestens fünf Prozent jährliche Rendite abwirft, sollte sich nicht über die Wachstumsideologen und ihre Gier beklagen.
Die Grundnahrungsmittel erfüllen ihren symbolischen Zweck, uns an einige der Grundbedingungen unserer Existenz zu erinnern, immer noch ganz gut. So schlimm kann es also noch nicht sein mit der Entfremdung des Menschen von seiner Natur.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.04.2011)















