25.05.2012 13:35 | Meine Presse Merkliste 0

Geschichtsvergessenheit, Geschichtsversessenheit

MICHAEL FLEISCHHACKER (Die Presse)

Es kann sich lohnen, die Unterschiede der meritokratischen Wettbewerbsgesellschaft Großbritanniens und der österreichischen Schnarchokratie näher zu beleuchten.

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Großbritannien ist eine konstitutionelle Monarchie ohne Konstitution. Österreich ist eine konstitutionelle Monarchie ohne Monarchen. Man muss beides nicht mögen. Aber es kann lohnen, sich die Unterschiede genauer anzuschauen: Die englische Königin agiert einmal im Jahr, aus Anlass der sogenannten Thronrede, als emotional sedierte Staatsschauspielerin. Der österreichische Bundespräsident macht regelmäßig von seinem Recht Gebrauch, sich in grundsätzlichen Fragen zu Wort zu melden, und hat dabei Mühe, seine moralische Erregung in einer Buchstabenwattepackung sicher zu verwahren.

Man könnte auch sagen: Unser in der Hofburg nur amtierender Bundespräsident verfügt über eine geringere Apanage als die im Buckingham Palace lebende Queen, dafür hat er mehr politischen Bewegungsspielraum. Die Queen schenkt der meritokratischen Wettbewerbsgesellschaft Großbritanniens aristokratische Unterhaltung. Der Bundespräsident ist so freundlich, die österreichische Schnarchokratie nicht durch Wettbewerbsgedanken aufzuscheuchen.

Die Briten leben in einem politischen System, das, nicht zuletzt als Folge des dort praktizierten Mehrheitswahlrechts, auf klaren Entscheidungen beruht. Die Regierung Cameron arbeitet hart und ohne Erfolgsgarantie an einem Sanierungspaket gigantischen Ausmaßes. Die Briten leben in einem ökonomischen System, das den Einzelnen relativ schonungslos mit den Risken der Freiheit konfrontiert. Und sie leben in einem medialen System, in dem politische Präferenzen offen ausgespielt werden und das von Unbarmherzigkeit und Niedertracht geprägt ist. Da kann man die Sehnsucht nach der heilen Welt von gestern verstehen, die sich in der Massenbegeisterung für königliche Hochzeiten manifestiert.

Die Österreicher leben in einem politischen System, in dem der Wettbewerb systematisch ausgeschaltet und durch korporatistische Absprachestrukturen ersetzt wird, Abgeordnete werden nicht vom Wähler, sondern von der Partei gewählt, Regierungen können de facto nicht abgewählt werden.

Die sogenannte Regierung hat eines der wesentlichen Instrumente zur Begrenzung der Budgetprobleme, die Neuverhandlung des Finanzausgleichs, auf 2014 verschoben, um die sogenannten Wahlen 2013 nicht durch inhaltliche Debatten zu verwässern. Die Österreicher leben in einem ökonomischen System, in dem das Substantiv „Wettbewerb“ selten ohne das Adjektiv „ruinös“ verwendet wird und in dem den Bürgern vom Staat versichert wird, dass es möglich sei, ein Maximum an Sicherheit und ein Maximum an Freiheit gleichzeitig zu konsumieren. Und in einem medialen System, das von der Politik systemisch korrumpiert wird, dafür aber auch in seiner Niedertracht zur Barmherzigkeit neigt.

Wie kann es da sein, dass man in Österreich praktisch nie Hochzeiten, aber so oft es geht, Begräbnisse überträgt? Es wird wohl an der Gleichzeitigkeit von Geschichtsversessenheit und Geschichtsvergessenheit liegen, die dieses Land so sehr prägt. Sisi-Manie und Habsburg-Kannibalismus haben immer gut mit-, neben- und voneinander gelebt, aber ein entspanntes, erwachsenes Verhältnis zur Vergangenheit lässt sich daraus nicht ableiten. Wie absurd das pseudorepublikanische Moralpathos der Habsburg-Hasser ist, hat sich bei den letzten Bundespräsidentenwahlen gezeigt, als es einem besonders netten Spross der einstigen Herrscherfamilie nicht möglich war zu kandidieren. Sogar Heinz Fischer war der Ansicht, dass man die Sache noch einmal abwägen sollte.


Also wog man ab – und handelte: Die Verfassungssprecher der beiden Regierungsparteien brachten am Freitag ein Wahlrechtspaket ins Parlament, das den Mitgliedern der Familie Habsburg das passive Wahlrecht auch bei der Wahl zum Staatsoberhaupt brächte. (Kanzler konnte ein Habsburger auch bisher schon werden, aber wer will so etwas?) Selbst wenn der nächste österreichische Bundespräsident Habsburg hieße, würde der ORF die Hochzeit seiner Tochter mit Prinz Harry vielleicht nicht live übertragen. Aber es könnte den Österreichern helfen, einen etwas entspannteren Blick auf die eigene Vergangenheit zu werfen.

 

E-Mails an: michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2011)

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20 Kommentare
derpradler
10.05.2011 11:14
0 0

Sozialleistungen,

Krankenversorgung..............am Boden. So stellen sich die Neoliberalen eine gesunde Wirtschaft vor!

Gast: Vogel Strauss
01.05.2011 09:02
1 0

Auch in GB nicht alles Gold, was glänzt ...

Gehen Sie dort mal zum Arzt bzw. zu diesem blöden staatlichen Gesundheitsdienst ... Sie werden froh und dankbar sich beim heimischen Hausarzt als bescheidener Kassenpatient anstellen ... eine Freundin von mir lebt seit Jahren drüben, die geht möglichst nur in Ö zum Arzt und holt sich Österr. Handwerker rüber, weil die dortigen sind unfähig. Nein, so schlecht lebt es sich nicht bei uns - nicht immer ist Ö-Bashing berechtigt.

Kokopelli
30.04.2011 23:35
1 0

Österreich ist anders

In Ö hängt fast jeder an irgendeinem Tropf, wo letztlich eine Partei dahintersteckt. Unser System ist engmaschig geflochten, keiner kommt so schnell nach oben, dafür fällt auch keiner so schnell durch das Netz. Das hat eben seinen Preis und seine politischen Folgen. Schnarchokratie ist gut, aber unsere Journalisten wecken leider niemanden mehr auf, sind selber Schlafmützen oder sogar Schlafmittel...

artemis70
30.04.2011 19:20
0 1

gute güte!

warum in ö. keine hochzeiten, sondern nur begräbnisse übertragen werden?
wessen hochzeit sollte uns denn im tv in voller länge präsentiert werden? die der tochter eines unserer landeshäuptlinge etwa.

viel ist dem cr an diesem wochenende ja nicht eingefallen ...


galli leo
30.04.2011 14:57
0 1

man kann ja mal einen schwachen tag haben,

an dem man mit den gedanken ganz wo anders ist. oder einfach grundlos unkonzentriert, ausser form....

aber muss man an so einem tag gleich einen leitartikel schreiben???

Antworten Gast: leogalli
30.04.2011 18:07
1 1

Re: man kann ja mal einen schwachen tag haben,

oder einen "kommentar"...leserbrief, posting, wie immer man das nennen mag...

Gast: Fatalist
30.04.2011 14:04
1 1

In anderen Ländern ist alles besser!

Warum müssen die Briten dann ein Sanierungspaket schnüren, wenn alles so perfekt ist?

Svenco
30.04.2011 11:25
0 3

Mit dem Journalismus in Österreich ist schlecht bestellt!

Östrr. Journalisten sind intreventiert! Sie können die Ereignisse ausserhalb von Österreich nicht mehr wahrnehmen und kommentieren! Österreicher sind also zu sehr mit sich selbst beschaeftigt. Das führt zwangslaufig zu inneren Unruhen! Und die Sündenböcke sind schon ausgemacht. Die Fremde in Österreich. In erster Linie werden die Türken Vogelfrei erklaert aber was passiert nach den Türken? Es ist nicht sehr weit, dass die Osteuropaer und danach Nachbarn ins Visier genommen werden! Den Zustand werden sich die östrr. Politiker und Journalisten selbst verdanken!

1 0

Re: Mit dem Journalismus in Österreich ist schlecht bestellt!

Was sagen sie als Rothaut dazu, dass der Bildungsstandard in Österreich seit ca. 20 Jahren SINKT und die Rate der An-alphabeten STEIGT?

Umd wenn man nachforscht recht schnell die Verursacher zu finden sind.

Ist das gut für Österreich?

Antworten Antworten Gast: mir reichts
01.05.2011 15:41
0 0

Re: Re: Mit dem Journalismus in Österreich ist schlecht bestellt!

er ist tür ke und das wird ihm wurscht sein.

bula sagt
30.04.2011 01:56
0 0

eine kleine übereinstimmung -

habe ich dem rundfunk entnommen - gibt es derzeit zumindest theoretisch doch.
bei staatstragenden zeremonien ist die farbe rot als dressing code nur dem monarchen vorbehalten.
und so könnte unser ersatz eines gesalbten hauptes in zukunft auch seine innerste gesinnung mit dem tragen eines eleganten roten einreiher krönen.

Antworten Gast: Vogel Strauss
30.04.2011 08:41
0 0

Re: eine kleine übereinstimmung -

Welches Dressing ist rot? Chili?

Antworten Antworten bula sagt
01.05.2011 02:18
0 0

Re: Re: eine kleine übereinstimmung -

ich sollte nicht posten und gleichzeitig essen.

starclimb
29.04.2011 19:06
1 0

Leider schwebt SP/ÖVP aber kein Persönlichkeitsmehrheitswahlrecht wie in Englandvor

, wo abgeordnete am Apparat vorbei ins Parlament einziehen können sondern ein Listen Mehrheitwahlrecht.

Wo man sich dann praktisch zwischen Rot und Scharz eintscheiden kann und die Konkurrenz ausgeschalten wird.

Und ob man sich dann für Rot oder Schwarz entscheidet ist bekanntlich auch egal weil beschlossen wird sowieso von beiden gemeinsam hinter Polstertüren

Sozusagen ewige große Koalition, die in Rot/Schwarzer Eintracht die Steuern erhöht um die ASVGler und Privatwirtschaft auszubeuten für die Parteibonzen.


Antworten EvE_
30.04.2011 10:49
1 0

Re: Leider schwebt SP/ÖVP aber kein Persönlichkeitsmehrheitswahlrecht wie in Englandvor

Wie gut ein "Persönlichkeits"wahlrecht in Österreich funktioniert sieht man ja bei H. P. Martin.
Solange DAS die "Persönlichkeiten" sind, ist dieses Land mit dem derzeitigen Listenwahlrecht jedenfalls besser dran.

Antworten Antworten starclimb
30.04.2011 15:24
0 0

Re: Re: Leider schwebt SP/ÖVP aber kein Persönlichkeitsmehrheitswahlrecht wie in Englandvor

Die Wahl zum Europaparlament ist eine Listen-Wahl und keine Persönlichkeitswahl.

Außerdem ist HP Martin tausend mal billiger als der SPÖ/ÖVP Propurz und Korruption.

Antworten Gast: sepplbauer
30.04.2011 07:45
0 0

Re: Leider schwebt SP/ÖVP aber kein Persönlichkeitsmehrheitswahlrecht wie in Englandvor

das würde in Tirol die Diktatur der Steixner -Bauernbund-Mafia auf 1000 Jahre zementieren,
alle NÖ Mandate kämen von der ÖVP, davon die Hälfte Bauernbund,

weil es bei uns keine ausreichende Anzahl von Bürgern gibt die bereit sind das andere Lager zu wählen (wir haben immer noch Klassen und Berufsparteien und Regionalkaiserparteien)

Besser wäre zuerst einmal die Macht der Parteien über die Abgeordneten abzuschwächen und das lassen die Parteiführer nicht zu!

Antworten Antworten freeman
30.04.2011 13:51
1 0

Genau das ist ja das Problem

des Listenwahlrechts. In diesem kann es keine unabhängigeren Abgeordneten geben, weil diese letzenendes dem Listenersteller und nicht dem Wähler ihren Job verdanken.
Nur ein Mehrheitswahlrecht erfüllt die Grundanforderung, dass eine Regierung abwählbar sein muss.

Arethas
29.04.2011 18:44
0 0

Koalition

"Die Briten leben in einem politischen System, das, nicht zuletzt als Folge des dort praktizierten Mehrheitswahlrechts, auf klaren Entscheidungen beruht."

Eine Koalition haben sie aber auch.

Antworten Gast: BKM
30.04.2011 09:53
1 0

Re: Koalition

Ja schon, aber als Ausnahme und nicht als verfassungsmäßig einzementierte Regierungsform der letzten 25 Jahre.

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