25.05.2012 13:44 | Meine Presse Merkliste 0

Die Biedermänner helfen schon wieder den Brandstiftern

MICHAEL FLEISCHHACKER (Die Presse)

Die „Seht ihr, was ihr angerichtet habt“-Predigten gegen die Rechtspopulisten sind heuchlerisch. Und sie sind mit einiger Wahrscheinlichkeit politisch kontraproduktiv.

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Nach dem Attentat von Oslo und Utøya sind die europäischen Rechtsparteien unter Druck geraten. Sie werden sowohl von ihren politischen Gegnern als auch von den politisch nicht organisierten Wohlgesinnten mehr oder weniger deutlich als Mittäter im Wege der Anstiftung angeklagt. „Brandstifter“ sagen die Biedermänner der politischen Korrektheit, „Anstifter“ würde die Absicht zu deutlich zu erkennen geben. Denn mit der Anklage wird die wortreiche Beteuerung mitgeliefert, dass man damit natürlich nicht sagen wolle, den Rechtspopulisten, Islamkritikern oder wie auch immer man die bedauernswerten Geschöpfe nennt, die von den Segnungen des fraktalen Transkulturalismus nicht ausreichend begeistert sind, sei eine direkte Schuld am Tod von 76 Menschen zuzuschreiben.

Die ungelenken Distanzierungsbemühungen der solcherart unter Druck Geratenen werden als erster, schlagender Beweis für die Richtigkeit der Anschuldigung zu den Akten des Moraltribunals genommen. Wo nicht rechtsstaatliche Prinzipien das Verfahren beherrschen, sondern die viel strengeren Regeln des Moralismus, dort regiert die Beweislastumkehr: Nicht der Ankläger muss einen empirischen Beleg für seine Anschuldigung liefern, sondern der Angeklagte muss seine Unschuld beweisen. „Man weiß doch, dass Worte töten können“, heißt es dann – was soll man dagegen sagen?

Straches FPÖ und die anderen populistischen Bewegungen Europas müssen einem dafür nicht leid tun. Erstens machen sie es genau so, und zweitens kann es sein, dass ihnen die aktuelle Ihr-seid-schuld-an-Oslo-Debatte am Ende nicht nur nicht schadet, sondern sogar hilft. Denn sie beziehen ihre Energie, wie fast alle zum Extremismus neigenden Organisationen – der Islamismus zum Beispiel – aus der effizienten Bewirtschaftung eines Opfermythos. Was ihre Anhänger eint, ist nicht eine gemeinsame Vorstellung von der Welt, sondern das unbestimmte, aber intensive Gefühl, verfolgt zu werden.

Ein iranischer Mullah und ein ägyptischer Student in Hamburg, der zum Mitglied einer Terrorzelle geworden ist, haben sehr unterschiedliche Vorstellungen von dem, was Islam bedeutet – aber beide sind davon überzeugt, dass ihr Jihad, ihre Bemühung, ein guter Muslim zu sein, sich darin äußert, sich und die Ihren mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln vom Joch des westlichen Kulturimperialismus zu befreien. Ein Wiener Steuerberater und ein steirischer Bergarbeiter haben ziemlich unterschiedliche Vorstellung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft – aber beide verstehen ihre Stimme für die FPÖ als Widerstand gegen die „Political Correctness“, die ihr Unbehagen über die Welt, wie sie durch die rasanten Beschleunigungseffekte der Globalisierung geworden ist, pathologisieren. Oder, wie im gegenständlichen Fall kriminalisieren.

Die Distanzierungsbemühungen der europäischen Rechtsparteien gelten ihren Gegnern als Schuldeingeständnis. Die Beteuerung der linken Moralapostel, dass man den Rechtspopulisten und ihren Anhängern keine „direkte“ Schuld an der Tat des Anders Behring Breivik geben wolle, gilt diesen als Beweis dafür, dass man ihnen schon wieder den Mund verbieten will. Aus dieser Endlosschleife, die sich als Debatte ausgibt, wird man nicht leicht herausfinden. Schon gar nicht mit so schafsköpfigen PR-Schmonzetten wie einem „Pakt gegen die Hetze“, den die österreichischen Regierungsspitzen als ihren spezifischen Beitrag zur Abrüstung der Worte verkaufen wollen. Darauf muss man auch erst einmal kommen: den politischen Mitbewerber zur Mäßigung zu bewegen, indem man ihn als Hetzer denunziert.

Die handelsüblichen „Seht ihr nun, was ihr angerichtet habt“-Predigten, sind über weite Strecken heuchlerisch. Sie werden von Politikern gehalten, die mit ihrer blauäugigen Politik die Probleme geschaffen haben, deren Ausbeutung die Geschäftsgrundlage der Populisten ist. Dass sie jetzt politischen Profit daraus schlagen wollen, dass ein Verrückter sich des Vokabulars der Empörten bedient, ist moralisch fragwürdig. Vor allem aber ist es politisch dumm. Man kann nicht Menschen, die man verloren hat, weil sie das Gefühl haben, Opfer zu sein, dadurch zurückgewinnen, dass man dieses Gefühl durch Schuldzuweisungen verstärkt.

 

E-Mails an: michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2011)

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122 Kommentare
 
1 2 3
mig29
05.08.2011 14:30
1 0

Trefflich formuliert wie ich finde!

Ich persönlich verstehe mich überhaupt nicht als Rechtspopulistenanhänger, damit habe ich nichts am Hut. Aber mir geht schon seit langem jegliches "Pseudogutmenschentum" mit ewig betroffenen Mienen, Genderschwachsinn, Political Correctness und süffisantes "Heruntermachen" von Anderstickenden, so wie das der von Herrn Fleischhacker sehr trefflich beschriebenen Personenkreis bei jeder Gelegenheit der Bevölkerung als einzig Richtig einsugeriert und vorzeigt aber derart am A.....! Mittlerweile ignoriere ich dies und habe auch kein Problem mehr zu meiner Meinung öffentlich zu stehen.

Gast: Biersauer
02.08.2011 06:45
0 0

Deren Ausreden gibt es viele...

um an den Zuständen festzuhalten.
Nonsens ist aber keine Ursache seine Überzeugung über Bord zu werfen.
Solche Wortfindungen sind Nonsens.

Nobodaddy
01.08.2011 16:45
1 0

George Orwell hat's gewusst: "Krieg ist Frieden - Freiheit ist Sklaverei - Ignoranz ist Stärke!"

Heute würde man vielleicht sagen: „Wer frei und kritisch seine Meinung äußert begibt sich damit in die Nähe von Massenmördern.“

Gast: so sehe ich das
01.08.2011 15:46
4 0

Politiker

Wer sollen die Biedermänner sein?
Doch nicht die ROT / ROT / GRÜN / Politiker.

die Zündeleih dieser Clique wird aber auf jeden Fall sich für die FPÖ und den BZÖ in Österreich sowie auch auf die anderen Rechtspolitiker in Europa für Wählerstimmen positiv auswirken.

Das ist auch richtig so, denn Rot/Rot/Grün wollten auf Kosten der Opfer Stimmen gewinnen.
Deren Heuchelei und Perfidität ist aber auch für den unbedarfttesten Wähler erkennbar.

Es war kein Politiker, der diesen Wahnsinn praktiziert hat.
Es waren aber die Rot/Rot/Grün Politiker die ihn dazu getrieben haben.

ssid
01.08.2011 15:24
2 0

Politik?

was auf jeden Fall sich für die FPÖ und den BZÖ in Österreich sowie auch auf die anderen Rechtspolitiker in Europa für Wählerstimmen positiv auswirken wird.

Das ist auch richtig so, denn Rot/Rot/Grün wollten auf Kosten der Opfer Stimmen gewinnen.
Diese Heuchelei und Perfidität ist aber auch für den unbedarftesten Wähler erkennbar.

Es war kein Politiker, der diesen Wahnsinn praktiziert hat.
Es waren aber die Rot/Rot/Grün Politiker die ihn dazu getrieben habe.

ssid
01.08.2011 15:22
2 0

Und sie sind mit einiger Wahrscheinlichkeit politisch kontraproduktiv.

was auf jeden Fall sich für die FPÖ und den BZÖ in Österreich sowie auch auf die anderen Rechtspolitiker in Europa für Wählerstimmen sich positiv auswirken wird.

Das ist auch richtig so, denn Rot/Rot/Grün wollten auf Kosten der Opfer Stimmen gewinnen.
Diese Heuchelei und Perfidität ist aber auch für den unbedarften Wähler erkennbar.

Es war kein Politiker, der diesen Wahnsinn praktiziert hat.
Es waren aber die Rot/Rot/Grün Politiker die ihn dazu getrieben habe.


Gast: schlÄchter
01.08.2011 09:24
3 0

sg herr chefredakteur fleischhacker!

+

"linke moralapostel", "predigten"......völlig richtig, das kulturrelativistische bild und einheitsmenschenbild, die religion ist opium fürs volk-bestandteile linker ideologie fangen an, an der lebensrealität zu zerbrechen. für vielé ist das auch ein verlust ihrer politischen identität, ihres individuellen glaubensbekenntnisses, ihrer selbsttröstung...

deshalb auch das "jetzt erst recht"-gefühl.

mfg
s.


Antworten Gast: Vogel Strauss
01.08.2011 15:19
1 0

Re: sg herr chefredakteur fleischhacker!

Wilde Zensur!! Zwischen 31.07.11, 10.30 Uhr, und 01.08.11, 9.24 Uhr, fehlen jede Menge Beiträge. Entweder man hat ein Forum und pflegt es oder man lässt es bleiben ...

galli leo
31.07.2011 10:30
1 18

hallo herr fleischhacker,

eine kleine information: die poster in ihrer zeitung widerspiegeln NICHT die gesamtheit der leser ihrer zeitung!

falls sie also im forum für rechten hasspredigern schmeichelnde artikel gelobt werden, dann können sie davon ausgehen, dass es bei der mehrzahl der leser dennoch ekel auslösen könnte.

Antworten Gast: gastgastgast
31.07.2011 20:38
1 7

Re: hallo herr fleischhacker,

Ich finde, Sie haben recht, galli leo.

Antworten Stephanos
31.07.2011 18:25
8 1

Re: hallo herr fleischhacker,

Auf welchem Auge sind Sie blind?
Fleischhacker sieht mit beiden gut.

Antworten Gast: justerix
31.07.2011 12:52
10 1

Re: hallo herr fleischhacker,

Wohl in`s falsche "Forum" verirrt? Der Standard bzw. der Falter sind gleich links um die Ecke.....

Gast: last_exit
31.07.2011 09:12
0 12

Fleischhacker bleibt auch nach seinem erst Artikel dabei: "Ich lasse mir meine Poster nicht schlecht reden."


Und ganz im Sinne der FPÖ stilisiert er sie einmal mehr zu den "Opfern" der ihn selbst mittlerweile auch schon wie ihm Wahn umzingelnden 'politisch korrekten linken Moralapostel'.
Sein postuliertes 'unbestimmte, aber intensive Gefühl, verfolgt zu werden' färbt anscheinend schon ab.

Dabei baut er wiederholt einen Popanz auf, um den es aber in der politischen Auseinandersetzung nicht (mehr) geht: die die 'unbestimmte, aber intensive Gefühl, verfolgt zu werden' haben.
Die 16% Hardcore-rechte, aus denen sich auch die Menschenfeinde, Neon@zis und Hezposter kommen die man im Netz zu lesen bekommt, kann man ohnehin mit differenzierter Argumentation nicht erreichen.

Es geht um (frustrierte und verunsicherte) Wechsel- und Protestwähler, die man in einer von Fleischhacker selbst geforderten politischen Diskussion erreichen kann und will.
Dazu gehört eben auch die Analyse und Auseinandersetzung mit dem politisch und medialen Wirken der als weitgehend verniedlicht bezeichneten "Rechtspopulisten" in Europa und ihren Verbindungen ins radikale bis Rechtsextreme Lager. Somit auch die möglichen (extremen) Auswirkungen solcher wahnhaft übersteigerten Ideologien.

Aber in der immer gleichen Manier wird versucht sich gegen jede Kritik zu immunisieren. "Wenn ihr das oder jenes kritisiert oder tut, oder auch nicht, oder auch genau das Gegenteil, helft ohnehin nur uns/denen."

Dabei streichelt er selbst als Biedermann mal wieder die (politischen tätigen) Brandstifter.

Gast: last_exit
31.07.2011 09:11
0 4

Ist mittlerweile jegliche kritische Entgegnung untersagt,...


...die den CR als eigentlichen Biedermann beim streicheln und trösten seiner Poster-Brandstifter stört?

Was die Politiker eben nicht

verstehen wollen und können ist, dass man Meinungen nicht verbieten kann.
Sie wollen das Meinungs(mache) Monopol eben behalten. So ist das eben bei Monopolisten.


Gast: justerix
30.07.2011 22:59
9 0

die biedermänner helfen schon wieder den brandstiftern

Guter Kommentar, der Nagel auf den Kopf trifft.

cosinus
30.07.2011 21:04
13 0

Anzunehmen ist ...

... dass das einer der letzten Beiträge Fleischhackers war. Wenn er noch 1, 2 Mal sowas schreibt, ist er weg vom Fenster. Wäre ja noch schöner, wenn sich der Chefredakteur der Presse ungestraft mainstream-konträr äußert!

Antworten Stephanos
31.07.2011 02:08
10 0

Re: Anzunehmen ist ...

Ich hoffe, dass dem nicht so sein wird.
Hr. Fleischhacker hat den ersten Schritt getan. Andere können sich ein Beispiel an ihm nehmen und ihn nicht deswegen wie im Standard medial in der Luft zerreißen ( "Leserbrief").

Ln__
30.07.2011 20:49
8 0

Nachdem hier so viel unnützes Zeug zum Thema des Amoklaufs von Oslo geschrieben wurde, muß ich auch meinen Senf dazu abgeben

Dieser Amoklauf (und andere) hat im wesentlichen nichts mit Links-Rechts zu tun, sondern hier war jemand am Werk, DER AUF SICH AUFMERKSAM MACHEN WOLLTE.

Die Frage und der eigentliche Punkt ist doch, in welcher Welt leben wir eigentlich, in dem es jemanden nur gelingen kann auf sich aufmerksam zu machen, WENN ER 76 LEUTE ABKNALLT?

Und die Antwort darauf: in einer Welt in der das Gute, Wahre, Echte, Aufrichtige, Sinnvolle erbarmungslos unterdrückt wird, nicht mit Knebeln und Fesseln, sondern weil derart viele überflüssige Zeitgenossen ihre ganze Zeit damit verbringen sich wichtig zu machen, sei es im Staatsbetrieb, Medien, Finanz, Kultur, kurz in allen relevanten Stellen und darüber hinaus, und sie lärmen und tollen und dröhnen uns die Ohren zu mit lauter Gebrabbel und Getöse, so dass wir das Echte nicht mehr wahrnehmen können. Der Sinn dieses ganzen Getöses ist derselbe, warum der Pfau sein Rad schlägt, und letztlich würde auch Freud kombinieren: ein Amoklauf hat sexuell motivierte Hintergründe.
Wir sind also alle nur mehr Rädchen in einer alles erstickenden, alles kontrollierenden Anpassungsmaschinerie von kafkaesken Ausmaßen, das von Leuten eines Strauss-Kahn- und Elsner-Schlages, von Gaunern Ausnutzern Ellbogentechnikern Parasiten Bonzen Opportunisten geführt wird, und zwar unweigerlich an die Wand.

So, und das ist der Grund, warum Leute amoklaufen, und jetzt dürft ihr eure Stricherl vergeben.


Antworten Gast: Eleonora K.
01.08.2011 15:33
2 0

Re: Nachdem hier so viel unnützes Zeug zum Thema des Amoklaufs von Oslo geschrieben wurde, muß ich auch meinen Senf dazu abgeben

Ich bin sicher, dass Sie vielen Menschen aus der Seele sprechen.

Gast: tom111
30.07.2011 19:55
7 0

Welche Beschränkungen der Freiheit wird die geforderte neue Offenheit mit sich bringen?


Gast: Schade, dass die Presse zum
30.07.2011 19:25
0 17

Affenblatt

mutiert ...

Gast: Crux
30.07.2011 18:10
11 0

Der Täter(sozialistische Familie=Prägung) stammt wie Franz Fuch und die Ebergassing Täter(Linke) aus dem sozialistischen Dunstkreis.

Das wollen wir doch anmerken zum Thema.

Antworten Gast: Wie jetzt
30.07.2011 19:22
0 11

Sippenhaftung in Bezug auf pol. Meinung?

HHAHHHHHAAAAAAAAAAAAAAAAAAHHHAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAHHHAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAHHHAAAAAAAAHHHAAAAAAAAAAAAAAAAHHAH ,,,

wmaurer
30.07.2011 17:48
22 0

"Vor allem aber ist es politisch dumm"

und gefährlich. Denn weiter werden die Tugendterroristen ihrem Handwerk frönen und wirren Typen, derer es genug gibt, innere Rechtfertigung für ihre krausen Pläne liefern. Die verschärfte "Political Correctness" wird Kritik an - durchaus bestehenden - Missständen noch weiter unterdrücken und echte und rasche Lösungen dieser noch schwieriger machen. Fleischhacker hats, wie viele schon, erkannt. Vielleicht dringt es in die Köpfe der etwas helleren Politiker. Leider haben wir derzeit nicht allzuviele davon.

Gast: Governed by Idiots
30.07.2011 17:06
1 0

Ich warte noch immer auf ein "mea culpa" von

SPÖ, ÖVP, FPÖ, den Grünen. BZÖ, ÖGB und den ELITEN die "sich nicht vorstellen konnten" was die Folgen ihres tuns sein werden.
Respice finem !

 
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