25.05.2012 13:44 | Meine Presse Merkliste 0

Die EU-Politik führte zur Japanisierung Europas

MICHAEL FLEISCHHACKER (Die Presse)

Die Anzeichen für die Rückkehr der Krise kommen wenig überraschend. Die Theorie, dass man durch hohe Staatsschulden Wachstum erzeugen kann, ist widerlegt.

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Erinnern Sie sich an das Frühjahr 2010? Der ärgste Teil der „größten Finanz- und Wirtschaftskrise seit der Großen Depression“ schien damals vorüber zu sein, und die Debatte der Experten drehte sich um die Frage, welchen Verlauf die weitere wirtschaftliche Entwicklung nehmen könnte. Als Chiffren für diese Szenarien standen drei Buchstaben zur Wahl. Optimisten rechneten mit einem „V-Verlauf“: Dem tiefen Absturz würde ein ebenso steiler Aufstieg folgen. Das „W“ hätte bedeutet, dass der wirkliche Wiederaufschwung erst nach einem kurzen Zwischenhoch und einem weiteren Rückfall kommen würde, das sogenannte „peppelnde W“ legte einen Verlauf mit mehreren solcher Zwischenszenarien nahe. Ein Verlauf in „L-Form“ hätte bedeutet, dass auf den Absturz ein langes Stagnieren auf niedrigem Niveau folgt.

Sicher wissen wir heute nur eines: Ein „V-Verlauf“ ist es dann nicht geworden, derzeit sieht es eher nach einem „W“ aus. Wenn jetzt gerade das Zwischentief nach dem Zwischenhoch bei uns angekommen ist, stellt sich die Frage, wie oft das noch so sein wird, bis wir wieder mit solidem, nachhaltigem Wachstum rechnen dürfen.

Ein näherer Blick auf die Prämissen für die Prognose des einen oder des anderen Szenarios legt leider einen anderen Schluss nahe. Nämlich den, dass da jemandem beim Aufmalen eines L kurz der Bleistift ausgekommen ist. Es droht eine Japanisierung Europas und der USA: Stagflation, also Stagnation bei relativ hohen Inflationsraten. Die Theorie, dass man durch eine hohe strukturelle Staatsverschuldung Wachstum generieren kann, wurde in Japan widerlegt.

Das Entwerfen von ökonomischen Zukunftsszenarien unterscheidet sich von den Buchstabensuppenspielen unserer Kinder dadurch, dass wir nicht unserer Fantasie und dem Zufall freien Lauf lassen, sondern versuchen, aus dem gegenwärtigen Verhalten aller Beteiligten – Gesetzgeber, Unternehmen, Konsumenten – möglichst plausible Schlüsse für die Zukunft zu ziehen.

Was wir derzeit erleben, ist das Ergebnis eines Abgleichs zwischen Erwartungen und Realität. In den Vereinigten Staaten mussten vor Kurzem Konjunkturdaten, auf denen optimistischere Prognosen gründeten, revidiert werden. Und in Europa finden solche Revisionen praktisch wöchentlich statt. Man muss, um den Verlauf der Kursentwicklungen auf dem Anleihenmarkt und die kontinuierliche Verdüsterung der Prognosen für den ganzen Euroraum zu verstehen, weder Spekulant noch Depressant noch Hellseher sein. Es reicht, die Frequenz der Treffen der Staats- und Regierungschefs der EU in Relation zur Entwicklung der Anleihenzinsen zu setzen.

Wer das tut, sieht, dass die europäischen Politiker nicht dazu in der Lage sind, das Problem zu lösen. Seit einem Jahr werden jene, die festhalten, dass der Euro nicht durch die Umschuldung Griechenlands, sondern durch die Rettungspakete in Gefahr ist, als verantwortungslose Obskuranten mit Hang zur Apokalypse denunziert. Obwohl ihnen jeder einzelne Akt im griechischen Drama recht gibt.


Man hat die Spitzenpolitiker der EU und die US-Regierung zu Recht dafür gelobt, dass sie im September 2008, nach dem Zusammenbruch der Lehmann-Bank, schnell und richtig reagiert haben, indem sie das schreckstarre Finanzsystem durch massive Liquiditätsspritzen wiederbelebt haben. Die Fortsetzung dieser Politik über volle zwei Jahre kam allerdings der Bekämpfung eines Schwelbrandes mit Benzinspritzen gleich.

Die dennoch positiven Erwartungen der Marktteilnehmer gründeten auf dem Versprechen der G20 und anderer Organisationen, neue Spielregeln zu definieren, die eine Wiederholung der Krise verhindern sollten. Ziemlich zentral, das zeigt sich auch in der Griechenland-Krise, wäre die Wiederherstellung des marktwirtschaftlichen Grundsatzes gewesen, dass jene die Verluste riskanter Geschäfte zu tragen haben, die zuvor auch die Risikoprämien kassiert haben.

Angela Merkel und Nicolas Sarkozy haben ein Krisentreffen angekündigt. Sollte jetzt auch noch Ewald Nowotny erklären, dass im Großen und Ganzen alles in Ordnung sei, empfehlen wir den Erwerb warmer Kleidung.

 

E-Mails an: michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2011)

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92 Kommentare
 
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Darkdidi
14.08.2011 15:59
0 0

Japan

hat aber eher mit Deflation als mit Inflation zu kämpfen.

Geldfux
08.08.2011 05:37
1 0

Selten so gut die aktuelle Krise beschrieben!!


Sehr geehrter Herr Chefredakteur Fleischhacker

"Es reicht, die Frequenz der Treffen der Staats- und Regierungschefs der EU in Relation zur Entwicklung der Anleihenzinsen zu setzen.

Wer das tut, sieht, dass die europäischen Politiker nicht dazu in der Lage sind, das Problem zu lösen!"

Ja die europäischen Politiker sind unfähig die Krise zu lösen. Es gibt ein altes Zitat aus meinem Lateinunterricht, das schon zwei tausend Jahre Gültigkeit hat: "Nomen est Omen" Trichet, dessen Name laut Langenscheidt bedeutet:"betrügen, mogeln, schummeln"
ist die unverantwortliche Fehllbesetzung der EZB!!!

Gast: HDW
07.08.2011 22:32
4 1

Der endgültige Beweis

dass Planwirtschaft (in diesem Fall des Geldes durch die Zentralbanken i.e. der Politik) also die Utopie des Sozialismus, ganz sicher nicht in diesem komplizierten Produktions-Komsumptions System funktionieren kann. besonders tragisch ist das Weiterbestehen der kulturellen Hegemonie des Sozialismus, wenn auch mehr durch Korrumpierung als durch Wissen darüber in der republikanisch österr.- postmonarchistischen Gesellschaft. Und zwar trotz Menger, Böhm-Bawerk, von Mises, Kohr, Popper und v.Hayek. Sowie nach dem kläglichen Scheitern des Kommunisten Ing. Waldbrunn mit dem Modell der Verstaatlichten Industrie in Gewerkschaftshand, ganz zu schweigen von Konsum Bawag und Wohnungssektor etc.!

Gast: Civis
07.08.2011 18:57
1 0

Zappel-Euro

Ob der Euro heute still
wohl unterm Rettungsschirmchen sitzen will?
...
Seht ihr lieben Kinder seht
Wie's dem Euro weiter geht
Dow und Dax zeigen's, sogar die Zeit im Bild
Seht er schaukelt schon ganz wild
Bis der Rettungsschirm nach hinten fällt
Da ist nichts mehr was ihn hält
Die Euro-pa-ppenheimer sind in großer Not.
Und Mutter Merkel blicket stumm
um den ganzen Tisch herum.

(Dabei hatte sie so schön angerichtet.)

der graf
07.08.2011 15:17
2 1

Hie wie dort, totale Unfaehigkeit

Greenspan, Paulson, Bernanke... Nicht das die FED Chefs alleine Schuld am Debakel haben, die haben schon von der Politik Vorgaben erhalten aber ohne einen Mukser mitzumachen, das ist der echte Skandal. Aber was soll man erwarten von Leuten die ja aus genau den Firma kommen über die Sie eigentlich wachen sollten... Und kein Mann kommt ins Weisse Haus ohne der finanziellen Unterstützung von Wall Street. Ein geschlossenes System der Korruption. In Europa hingegen war die Linke Politik schuld an der Anhäufung immer mehr Schulden, nur um die 'soziale Umverteilung' durchzuziehen. Dazu noch ein aufgeimpftes Multi Kulti Brainwashing und man ist wo wir jetzt sind.

Gast: Debakel
07.08.2011 14:39
0 4

Das sehe ich anders gerade die Weigerung

Europas für einander einzustehen und sich auch gemeinsam zu verschulden (Eurobonds) wird den Kontinent zerreißen http://stadtbekannt.at/de/wien/debatte/ein-nachruf-auf-europa.html

Antworten Gast: radius
08.08.2011 00:03
0 0

Dann träumen Sie mal schön weiter.


Re: Das sehe ich anders gerade die Weigerung

Solange es Leute gibt die an gemeinsame Verschuldung glauben wird sich nix ändern. Wer glaubt das der österr. Finanzausgleich zu Budgetdisziplin führt, der ...tja, der sollt eigentlich zum Psychiater gehen.

Antworten periskop
07.08.2011 18:57
3 0

Re: Das sehe ich anders gerade die Weigerung

Eurobonds wären reiner Massenselbstmord, wie bei den Lemmingen!

periskop
07.08.2011 10:22
4 0

“Warm anziehen” wird nötig sein, die warmen Kleider werden wir aber nicht haben!

Je höher die Schulden eines Staates sind, umso höher auch die Zinsen, die er für neue Schulden zahlen muss, sodass diese einmal nicht mehr leistbar werden. Dann bleibt nichts anderes übrig, als weniger Geld auszugeben (man nennt das “Sparen”, es ist aber “Einschränken”). Damit die Wirtschaft dabei durch die abstürzende Inlandsnachfrage nicht zugrunde geht, muss die Währung abgewertet werden, um mehr Export zu schaffen, der den Ausfall der Inlandsnachfrage wettmachen kann.
Das hätte die EU vor zwei Jahren mit Griechenland machen müssen, dann wäre jetzt das Schlimmste schon überstanden und man könnte daran denken, den nächsten Schuldenstaat zu retten.

Statt dessen haben die EU-Politiker, um ihren leichtfertig aufgeblähten Euroraum zu erhalten, den “Rettungsschirm” erfunden, der nichts und niemanden rettet, sondern auch die, die vernünftig gewirtschaftet haben, in die Schuldenfalle stürzt. Wenn sich aber ein so großer Brocken wie der Euroraum einschränken muss, gibt es kein Ausland, das groß genug ist, um die fehlende innere Nachfrage durch Käufe wettmachen zu können. Die EU muss unweigerlich in eine ungeheure Wirtschaftskrise fallen, bei der niemand mehr die Fähigkeit hat, “sich warm anzuziehen”!

Dafür wird sich das Volk bei den völlig unfähigen, von niemand gewählten EU-Politikern “bedanken“, was mit hoher Wahrscheinlichkeit das Ende des Euro und auch der ganzen EU zur Folge haben wird!

Dagobert
06.08.2011 23:27
4 0

Umverteilung

Gerade Griechenland ist ein tollen Beispiel dafür wie man mit garantieren "Risikoanleihen" tolles (Steuer-)Geld lukrieren kann.

Wer es noch immer nicht kapiert hat: Wachstum wird durch materielle Produkte erzeugt und nicht durch immatierelle Geschäfte diverser Bankinstitute!

Der Euro ist bereits tot, aufgrund der nicht mehr tilgbaren Schulden und es deutet alles auf eine Währungsreform innnerhalb der nächsten Jahre hin.

Lange Rede, kurzer Sinn: Papier-Euro bald nix mehr wert sein.


Gast: gast gast gast
06.08.2011 17:53
0 3

wann kommt endlich ein foto von fleischhacker

mit dem kreuz in der hand

Gast: Fliegerslogan
06.08.2011 17:14
0 0

Herunter kommen sie alle - auch die Aktien


Gast: Blümchen
06.08.2011 16:58
0 0

Glaubt jedermann dem Ackermann, wirds bitter dann für jedermann.

Weitere Beweise erübrigen sich.

Gast: 16Uhr48
06.08.2011 16:53
0 4

So schlimm können japanische Verhältnisse nicht sein .

Der Yen ist noch immer eine harte Währung!
Und hätte man der (Atom)wirtschaft etwas mehr auf die Finger geschaut wäre Japan beinahe vorbildlich auch mit 200%BIP-Staatsverschuldung.

Gast: Governed by Idiots
06.08.2011 16:48
0 0

Mit einer durchdemokratisierten (Finanz)wirtschaft wär das alles nicht passiert !

Sozialpflichtigkeit des Eigentums muß endlich Verfassungsrang bekommen !

0 0

Re: Mit einer durchdemokratisierten (Finanz)wirtschaft wär das alles nicht passiert !

nomen est omen !

Gast: Elitissimus
06.08.2011 16:44
1 0

Da haben uns die ELITEN wiedereinmal in ein schönes Schlamassel hineingeritten !

Wir sollten über Käfighaltung für Gscheiderln nachdenken. Die sind doch gefährlich !

Gast: Hell Seher
06.08.2011 16:40
0 0

Triple Dip statt Triple AAA

Oder Verlauf nach NIKKEI-Index-Chart um 10 Jahre versetzt !

Gast: Karl Pusterding
06.08.2011 16:35
3 0

Wo bleiben die Reformen ?

Bodenreform, Vermögensreform, Währungsreform, Zuwanderungsreform, Justizreform, Demokratiereform .....

Antworten Gast: Leser178945234
06.08.2011 17:08
0 0

Re: Wo bleiben die Reformen ?

Du traust Dich was ! Oder bist vieleicht der Zensurleser yourself ?

Gast: Horxy Porxy
06.08.2011 16:30
0 1

Schulden begleichen ist angesagt. Das Geld ist da !

Schließlich gibt es in Österreich 100 000 Nettovermögens(multi)millionäre. Tut endlich was fürs Vaterland.

Antworten Gast: Kommentarleser
06.08.2011 17:01
0 0

Re: Schulden begleichen ist angesagt. Das Geld ist da !

Um Gottes Willen! Weck doch den 1.Parteilosen nicht auf!

Gast: Hally Dudel
06.08.2011 16:24
0 2

Vielleicht sollten wir doch Karl Marx nochmal genauer lesen !

Das Wirtschaftsdiktat scheint uns doch nicht gut zu bekommen !

Antworten Gast: Frieda Meisinger
06.08.2011 17:03
0 1

Re: Vielleicht sollten wir doch Karl Marx nochmal genauer lesen !

Hast ja recht, aber der hat leider eine schlechte PRESSE.

Antworten Antworten Gast: radius
08.08.2011 00:09
1 0

Re: Re: Vielleicht sollten wir doch Karl Marx nochmal genauer lesen !

Oh je, die Frauenquote wirkt sich aus.


 
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