Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle hat zur Eröffnung der diesjährigen Technologiegespräche in Alpbach eine ziemlich beeindruckende Rede gehalten. Statt für seine tags zuvor präsentierten Rohkonzepte zur Neugestaltung der Zugangsregelung der Universitäten zu werben, konzentrierte er sich – in freier Rede und unter Verzicht auf die derzeit handelsüblichen Parolen – auf das Generalthema des diesjährigen Forums: „Gerechtigkeit“.
Als Altphilologe mit den Schriften der Klassiker vertraut, erinnerte er an eine Szene, die Cicero im dritten Buch seiner Schrift über den Staat („De re publica“) schildert. Als Mitglied der griechischen Philosophendelegation, die im Jahr 155 v. Chr. Rom besucht hatte, sprach der Vertreter der Akademie, Karneades, über Gerechtigkeit und erklärt den Römern, dass sie, wenn sie gerecht wären, alle Gebiete, die sie erobert hätten, zurückgeben müssten. Der Besuch währte nur kurz. Cato der Ältere drängte darauf, die Griechen möglichst rasch nach Hause zu schicken, weil die Einlassungen des Skeptikers Karneades die moralische Konstitution der römischen Jugend in Mitleidenschaft ziehen könnte.
Man wird im Rückblick gute Argumente finden, um das Verhalten des Realpolitikers Cato gegenüber dem skeptischen Philosophen Karneades zu rechtfertigen. Es sind die gleichen Argumente, die auch die zeitgenössischen Debatten über Imperialismus und Revolution dominieren. Karneades fände es mit einiger Wahrscheinlichkeit gerecht, den Völkern Nordafrikas, die sich vom Joch ihrer kleptokratischen, vom Westen geduldeten Despoten befreit haben, ohne Weiteres die Herrschaft über ihr Land und seine Reichtümer zu überlassen. Der Realpolitiker Cato würde wohl darauf hinweisen, dass man, würde man ein Land, dem man dabei geholfen hat, einen Diktator zu besiegen, einfach sich selbst überlassen, weder den Bürgern dieses Landes nutzen würde – was, wenn die Fundamentalisten das Ruder übernehmen? – noch den Bürgern jener Länder, die vom Handel mit den Bodenschätzen des befreiten Landes profitierten.
Karneades würde wohl auch darauf hinweisen, dass die Gerechtigkeit es erforderte, den syrischen Aufständischen, die mit mindestens der gleichen Brutalität an der Ausübung ihrer bürgerlichen Rechte gehindert werden wie einst die Libyer, auf dieselbe Weise zu Hilfe zu eilen wie jenen. Wer aber wollte dem Realpolitiker Cato widersprechen, wenn er darauf hinweist, dass die exponierte Stellung Syriens im komplexen Geflecht des Nahostkonflikts eine deutlich vorsichtigere Vorgangsweise erfordere?
Und selbst auf den Einwand des Skeptikers, dass das eigentliche Motiv für die unterschiedliche Behandlung ausschließlich in den libyschen Ölvorkommen zu suchen sei, hätte der Realpolitiker einen gewichtigen Einwand: Wofür solle man seine militärischen Ressourcen denn sonst einsetzen, wenn nicht für die Sicherung der Rohstoffe, ohne die die Weltwirtschaft nicht in Gang zu halten wäre? Noch dazu, wenn sich das Praktische mit dem Prinzipiellen auf so angenehme Weise verbinden lässt wie im Falle Libyens.
In den Aufständen des Arabischen Frühlings sind die Möglichkeiten und Grenzen der Realpolitik so kompakt sichtbar geworden wie schon lange nicht. Es ist kein Zufall, dass in der Erzählung Ciceros der Realpolitiker Cato als Hauptargument gegen den anti-imperialistischen Affront des Karneades die Gefährdung der Jugend ins Treffen führte. Realpolitik ist nur realisierbar unter der Voraussetzung der Relativierung ethischer Normen. Für diese Relativierung sorgt im Laufe des Lebens Einzelner und von Gemeinschaften die Erfahrung, dass wir nicht damit rechnen dürfen, ausschließlich auf Menschen und Institutionen zu treffen, die unsere Wertvorstellungen teilen. Diese Erfahrung steht den jugendlichen Revolutionären Nordafrikas zum Teil noch bevor, zum Teil haben sie sie bereits gemacht.
In der Regel gestehen erfahrene Politiker jugendlichen Revolutionären immerhin zu, dass es in der besten aller Welten nach ihren Vorstellungen zugehen müsste. Der österreichische Wissenschaftsminister ist kein Realpolitiker, und er wird noch oft darauf hingewiesen werden. Aber es tut gut, von Zeit zu Zeit auf der politischen Bühne einen Gast auftreten zu sehen, der wie der Skeptiker Karneades riskiert, nach relativ kurzer Zeit wieder ausgeladen zu werden.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2011)















