Den großen Wurf gibt es gar nicht

Der Kapitalismus, sagen die Enteignungseuphoriker, hat genau so versagt wie der Sozialismus, es muss etwas Neues her. Stimmt ja vielleicht. Aber was ist das Neue?

Den großen Wurf, ohne den angeblich die Euro-Schuldenkrise nicht beendet werden kann, wird es wohl nicht geben. Jedenfalls nicht an diesem Wochenende, vermutlich auch nicht am Mittwoch. Das hat verschiedene Gründe. Der wichtigste: Den großen Wurf, der die gegenwärtige Krise lösen könnte, gibt es gar nicht. Jedenfalls nicht innerhalb des mechanisch-quantitativen Denkens, das derzeit vor allem den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy auf der Suche nach noch mehr Billionen für den Rettungsschirms umtreibt. „Size does matter“ ist einfach ein Klassiker für Menschen, die am „short man syndrome“ leiden, und so lässt der Franzose nicht locker.

So wird es aber – abgesehen davon, dass sich der Rest der Europäer die französisch-deutschen Allmachtsfantasien nicht ewig gefallen lassen wird – nicht gehen: Einfach noch mehr Geld in ein ansonsten unverändertes System zu schütten, ob nun auf dem Weg einer Banklizenz für den EFSF oder sonstiger Hebelvorrichtungen (das „Leverage“-System von Finanzierungen mit zu hohem Fremdkapitalanteil gilt übrigens als einer der großen Verursacher der 2008er-Krise), führt zu nichts als immer teureren, immer kürzeren Aufschüben.

Im Große-Würfe-Supermarkt stehen derzeit leider nur zwei Modelle im Regal: Entweder man wandelt die Europäische Union in einer Art Blitz-Zentralisierung zumindest auf wirtschaftspolitischer Ebene in einen Bundesstaat um. Oder man verkleinert die Eurozone auf die Hartwährungsländer. Beides ist mit ziemlicher Sicherheit sehr teuer, der Unterschied liegt eher im Prinzip. Manche wollen einen europäischen Bundesstaat, andere sind der Ansicht, dass die von den Briten immer schon favorisierte Vorstellung einer Freihandelszone, innerhalb der Staaten mit je eigener Währung freundschaftlichen Wettbewerb pflegen, angemessener ist.

Die netten Europäer, die meinen, ein europäischer Bundesstaat sei die gutbürgerliche Fortsetzung dessen, was sie im Griechischunterricht im Schottengymnasium gelernt haben, sollten sich allerdings keine Illusionen machen: Nach der angeblich so grausamen Periode des sogenannten Neoliberalismus kommt jetzt die Blütezeit des Neosozialismus, und zwar, um im deutschsprachigen Raum zu bleiben, unter Einbeziehung der neosozialistischen CDU, CSU und ÖVP. Die herzjesumarxistische Propaganda von Attac und ähnlichen Enteignungseuphorikern, die sich darauf verlassen kann, dass die yogageeichte liberal-katholische Hausfrau in Hietzing die „Occupy Wall Street“-Aktivisten für die Urenkel des heiligen Franz von Assisi hält, geht voll auf: Der Kapitalismus, sagen sie, hat genauso versagt wie der Sozialismus, es muss etwas Neues her.

Stimmt ja auch irgendwie. Aber was ist das Neue? Das Neue, das sich derzeit im linken Mainstream von Sozialwissenschaften und Medien ankündigt, und auf das die verängstigten Konservativen aufspringen, weil sie fürchten, für ihre wirtschaftsliberalen Restpositionen in die gemeinwohlökonomische Gummizelle gesteckt zu werden, ist auf jeden Fall eines: antiliberal. Eigeninteresse ist Gier, Selbstbestimmung ist Egoismus, Eigenverantwortung ist soziale Kälte. Die Verstaatlicher und Entmündiger wittern Morgenluft. Man fühlt sich an Dostojewskis Großinquisitor erinnert: Der Mann, der die Freiheit predigt und die Ordnung infrage stellt, wird verhaftet und in der Dunkelheit davongejagt. Er wird hier nicht gebraucht, die Menschen wollen nach der Überzeugung des Großinquisitors keine Freiheit, Freiheit ängstigt sie nur, sie wollen und brauchen die Sicherheit der Institution.


Der Chefredakteur jenes Konsumverweigerermagazins („Adbusters“), das die Wall-Street-Demos organisiert, spricht im Sinn einer neuen Bescheidenheit von der ersten Weltrevolution, die sich da ankündige (falls sich an dieser Stelle jemand fragt, ob Größenwahn in dieser Branche einfach dazugehört, die Antwort ist Ja). Das revolutionäre Pathos hat auch schon das eine oder andere Mainstream-Medium erfasst. Kein Wunder: Wer verschläft schon gern eine Weltrevolution?

Falls Sie, liebe Leserinnen und Leser, ein Gefühl dafür bekommen möchten, wie das Ergebnis dieser Weltrevolution ungefähr aussehen wird, werfen Sie einen Blick nach China. Wer wollte bezweifeln, dass es sich dabei um eine Erfolgsgeschichte handelt?

 

E-Mails an: michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2011)

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