Die Frage, wer Thomas Gottschalk als Moderator von „Wetten dass..?“ nachfolgt, bewegt seit Monaten die Medienbranche. Kein Wunder, Gottschalks Sendung war das letzte Bollwerk des Fernsehens, wie wir es kannten: Die Samstagabend-Familien-Show, in der Unterhaltung im klassischen Mix der 1980er- und 90er-Jahre geboten wurde, mit internationalen Showgrößen, politischen Berühmtheiten, Sportstars und einem Moderator, der auch im fortgeschrittenen Alter über bubenhaften Charme verfügte.
Dass das so nicht mehr geht, weiß man schon lange. Nur hilft einem das nicht weiter, solange man nicht weiß, was geht. Der ORF hat diese Erfahrungen mehrfach gemacht, am nachhaltigsten mit dem Ende der „Durchschaltung“ der „Zeit im Bild 1“. Die dahinterliegende Überlegung war zweifellos richtig: Dem Publikum um 19.30 Uhr zwangsweise auf beiden Kanälen Nachrichten zu servieren, das ging und geht nicht mehr. Aber was geht? Darauf fand der ORF keine Antwort. Er sendet seit der Einstellung der gefloppten Eigenproduktion „Mitten im Achten“ die US-Serie „Mein cooler Onkel Charly“, auch nicht wirklich ein Ausweis für den forcierten Qualitätsanspruch öffentlich-rechtlichen Fernsehens.
Kürzlich war in dieser Zeitung der ironische Hinweis zu lesen, dass die Wiener ÖVP die einzige Veranstaltung sei, für deren Leitung es noch mehr Absagen gebe als für Gottschalks Nachfolge bei „Wetten dass..?“. Dieser Hinweis trifft den Kern der Sache. Denn das, was sich derzeit an fundamentalen Umwälzungen im Bereich des Fernsehens ereignet, gilt über weite Strecken eins zu eins für die Politik: Es ist ist nicht mehr möglich, sich an „alle“ zu wenden.
Nur: So wie „Wetten dass..?“ bei allen Schwierigkeiten und Ausdünnungserscheinungen immer noch eines der erfolgreichsten Formate ist, sind die alteingesessenen Formen politischer Kommunikation über Parteien und Verbände trotz kontinuierlich schwindender Mitglieder- und Stammwählerzahlen in ihrer Wirkung bislang unerreicht. Fernsehmacher und Politikmacher sehen sich also dazu verdammt, die alten Formate aufrechtzuerhalten, um nicht auch noch die Alten zu vergrätzen. Auch wenn „Wetten dass..?“ weiter an Quoten verliert, zeichnet sich kein Format ab, das kurzfristig in der Lage wäre, an Samstagabenden so viele Zuschauer vor die Fernsehschirme zu bringen. Selbst wenn die Wiener ÖVP bei den kommenden Wahlen ein Ergebnis im einstelligen Prozentbereich einfährt, würde sie mit einiger Wahrscheinlichkeit stärker sein als alles, was sich derzeit in der Vorstellungswelt enttäuschter Bürgerlicher an neuen „Bewegungen“ tummelt.
Es wird also hier wie dort am Bestehenden herumgedoktert, um zu retten, was noch da ist. Das ZDF hat Thomas Gottschalk vor zwei Jahren eine blonde Allerweltsschönheit zur Seite gestellt, in den alteingesessenen Parteien ist man permanent auf der Suche nach präsentablen Gesichtern, weil angeblich „Personalisierung“ das einzige Mittel ist, die bestehenden Strukturen und Mechanismen am Laufen zu halten.
Die Folge dieser Entwicklung ist, dass in den großen Strukturen der öffentlich-rechtlichen Medien und der Politik immer mehr Geld für immer weniger Leute ausgegeben wird. Da immer mehr, vor allem junge Menschen den berechtigten Eindruck haben, dass sie für ihr Geld – Gebühren, Steuern – immer weniger bekommen, steigt der Veränderungsdruck. Während der vergangenen Jahre hat dieser Druck zu einer Nivellierung nach unten geführt. Die öffentlich-rechtlichen Sender kopieren die Privaten, die Politik hat sich dem Populismus verschrieben.
Auch dieser Ausweg hat nicht funktioniert. Es wird Zeit für die öffentlich-rechtlichen Institutionen, ernsthaft auf die gesellschaftlichen Veränderungen zu reagieren. Die Menschen wollen selbst entscheiden, was sie denken, konsumieren und tun. Man wird nicht umhinkommen, ihnen dafür auch die Mittel zur Verfügung zu stellen. Das heißt, dass die öffentlich-rechtlichen Sender mit weniger Gebühren und die politisch Verantwortlichen mit weniger Steuern auskommen sollten. Dafür können sie sich dann wieder auf die Aufgaben konzentrieren, die sie eigentlich haben.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2011)















