25.05.2012 13:58 | Meine Presse Merkliste 0

Nicht die Zeit vergeht – wir vergehen

MICHAEL FLEISCHHACKER (Die Presse)

So, wie es aussieht, werden wir auch 2012 Silvester feiern. Vielleicht wäre es keine schlechte Idee, ein wenig vom zyklischen Denken der Maya zu lernen.

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Dass die Weltuntergangshypothesen rund um den Maya-Kalender, der zur nächsten Wintersonnenwende endet, sich so gut vermarkten lassen, muss niemanden wundern. Angst-Lust-Phänomene florieren in saturierten Gesellschaften, in denen die mit der Deutungshoheit ausgestatteten Eliten nie die Erfahrung existenzieller Ängste gemacht haben, wie sie Kriege und große Naturkatastrophen mit sich bringen.

Zur Erzeugung von Angst-Lust-Reizen eignen sich besonders gut Ereignisse oder Vorgänge, die zwei Voraussetzungen erfüllen: Erstens müssen die Menschen genug davon verstehen, um zu wissen, dass dahinter so etwas wie ein reales Bedrohungspotenzial liegt. Zweitens müssen sie wenig genug davon verstehen, um den Übergang von einem realen Bedrohungspotenzial in eine fiktionale Untergangserzählung nicht wahrnehmen zu können.

Ökonomische Krisendiskurse, wie wir sie 2008/2009 und auch während des gerade zu Ende gehenden Jahres erlebt haben, funktionieren inzwischen auch nach diesem Muster: „Wir haben in den Abgrund geschaut“, erklärten die Finanzmagier, die von Taschenspielern nicht immer leicht zu unterscheiden sind, nachdem die Notenbanken die Finanzinstitute weltweit mit gigantischen Liquiditätsspritzen versorgt hatten. Man prägte das Bild von der gerade noch verhinderten „Kernschmelze“ des Finanzsystems (obwohl es sich technisch eher um eine Art Gefrierschockstarre handelt).

Was bedeutet das Bild? Dass in einem solchen Fall alles Leben im Umkreis der Finanzreaktoren ausgelöscht würde? Physisch? Oder doch nur ökonomisch? Bedeutet es, dass wir alle Geldkrebs bekommen und unsere Kinder mit Fingern aus wertlosen Münzenrollen zur Welt kommen?

Nun, wir wissen es nicht, und davon lebt das Geschäft mit der Angst-Lust. Dass dieses Nichtwissen Angst hervorrufen kann, hängt damit zusammen, dass unser Denken sich auf einem linearen Zeitstrahl abspielt, der ohne Ende schwer zu denken ist. Und Ende ist nie wirklich toll, ehrlich gesagt nicht einmal dann, wenn man an ein Leben danach glaubt. Die Maya würden sich vor ihrer eigenen sogenannten „Prophezeiung“, wenn sie nicht aufgrund ihrer unterdurchschnittlichen Prognosefähigkeit früher zugrunde gegangen wären, heute mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht fürchten. Ein Zyklus geht zu Ende, ein nächster beginnt: So what?

Nein, die Welt wird 2012 nicht untergehen. Und doch geht etwas seinem Ende zu, und etwas Neues beginnt. Nicht heute, nicht morgen, nicht endgültig. Es scheint auf dem Feld der politischen Ökonomie so etwas wie 20-JahresZyklen der ideologischen Prädominanz zu geben: Die ersten 20 Jahre nach dem Krieg gehörten der rechten Mitte, von 1968 bis 1989 krallte sich ein softer Sozialismus fest, der während der vergangenen zwei Jahrzehnte von einer liberalen Oberflächenstruktur überwuchert wurde. Diese wurde vom Wind der Krise weggeblasen, und man ist gerade dabei zu sehen, was denn wirklich darunterliegt.


Mildere Formen der linearen Zeitvorstellungsparanoia sind Vorsätze. Wer jemals erfolglos versucht hat, das Rauchen aufzugeben, weiß, wie es geht: Wer jedes Vorhaben zum Armageddon hochstilisiert, sorgt dafür, dass die Welt nur noch aus Untergängen besteht. Das gilt für ökonomische Prognosen genauso wie für politische Erwartungen, in pädagogischen Fragen ist es nicht anders als in medizinischen. Die Hysterisierung, die in dieser Art des Denkens angelegt ist, führt dazu, dass Einzelne, Organisationen und Gesellschaften immer deutlicher hörbar mit Vollgas im ersten Gang fahren.

„Nicht die Zeit vergeht – wir vergehen.“ Konrad Paul Liessmanns Bonmot könnte beim dringend nötigen Hochschalten in den dritten oder vierten Gang eine hilfreiche Anleitung sein. Ein größeres Maß an Verständnis für die Eigenzeitlichkeit und den zyklischen Charakter der entscheidenden Entwicklungen in unserer Gesellschaft hätte den Effekt, den jeder Autofahrer kennt: In einem höheren Gang ist man mit weniger Lärm und weniger Kraftstoffverbrauch schneller unterwegs.

 

E-Mails an: michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2011)

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22 Kommentare
lurch
01.01.2012 13:17
0 0

„Nicht die Zeit vergeht – wir vergehen.“

Die Zeit als kostante "Größe" hat ja Kant auch schon angedacht!
Wenn man will, "wir nützen uns an der Zeit ab" wie ein Autoreifen auf der Straße!

Was Gegenwart ist, kann man eigentlich gar nicht definieren. Denn was passiert, es braucht auf alle Fälle Zeit um in unserem Gehirn verarbeitet zu werden und dann ist dieses Geschehen auch schon Vergangenheit. Wenn man der Fachliteratur Glauben darf, dann ist diese Wahrnehmung im Gehirn auch noch getaktet. Was in der Zwischenzeit passiert ist für uns nicht wahrnehmbar. Vielleicht gibt es da sogar noch Parallelwelten, aber das ist natürlich nur Spekulation!

Antworten Gast: Minimaximus
02.01.2012 10:24
0 0

Re: „Nicht die Zeit vergeht – wir vergehen.“

Dass Kants Vorstellung von der Zeit falsch war, hat bald darauf die Relativitätstheorie belegt und mit dem Konzept der Raumzeit eine völlig neuartige philosophische Herausforderung geschaffen.

"Die Zeit" vergeht tatsächlich nicht - dies aber deshalb, weil es "Die Zeit" als universelle Größe nicht gibt.

Ka_Sandra
31.12.2011 14:53
1 0

Alles nur Illusion?

Die unerfreuliche und beängstigende Erkenntnis unserer Vergänglichkeit ist halt der hohe Preis für unser Bewusstsein. Ob wir jetzt linear denken oder zyklisch, es gibt kein Anhalten der Zeit und schon gar kein Zurück.

Und während der Zeitstrahl die Assoziation mit Fortschritt hervorruft, und die Zeitspirale eine kontinuierliche Höherentwicklung der Menschheit, kann man sich momentan des Eindrucks nicht erwehren, dass wir in einer Abwärtsspirale gefangen sind.

Ist vielleicht aber nur eine (optische) Täuschung, ähnlich wie bei den Kugeln in den sich um die Längsachse drehenden „magischen Spiralen“ in esoterischen Shops, wo man auch eine Auf- und Abwärtsbewegung der Kugel wahrnimmt, obwohl sie immer an der gleichen Stelle bleibt.

Ein interessantes Phänomen, auch als Geschäftsmodell, weil diese harmlosen Deko-Spiralen unter der Bezeichnung DNS- bzw- Feng-Shui-Spiralen reißenden Absatz finden. Die Welt will betrogen sein ;-)


Nun....

.... ich hoffe ein "Gott" hält das Unisversum zusammen, da wir Menschlein auf diesem kleinen Planeten in Wahrheit nur darauf achten, dass wir mit den Beziehungen untereinander und mit unseren gemeinsamen Beziehungen einigermaßen sorgsam umgehen. Dabei können uns aber Regeln die wir längst kennen ganz gut helten, besonders dann wenn wir diese auf die Zeit adaptieren. Sokrates, Buddha und für uns Christen vor allem Jesus der zum Christus sind uns dabei als Vorbilder vorangegangen. Ein wenig Demut und nicht glauben dass wir - die Menschen - das Maß aller Dinge sind. Die Katastrophenpropheten haben doch bloß die Funktion uns die notwendige Demut vor der Schöpfung und dem Schöpfer immer weider in Erinnerung zu rufen.

Gast: Bärenfalle...
31.12.2011 10:22
0 0

Vom zyklischem Denken lernen.

Eben.

Taler - Kronen - Schilling - Reichsmark - Schilling - Euro - ?

Aber der mit der Finanz-Kernschmelze ist gut.

"Bedeutet es, dass wir alle Geldkrebs bekommen und unsere Kinder mit Fingern aus wertlosen Münzenrollen zur Welt kommen?"

Haha .. Bitte einfach mal informieren was passiert wenn es keine Kredite mehr zur Finanzierung der Vorprodukten gibt (ganz aktuelles Beispiel: Petroplus und deren Raffinierien, die Folgen davon auch bald an Ihrer Tankstelle) bzw. mal Ausmalen was passiert wenn keiner mehr die "letters of credit" akzeptiert.

Und die Einschläge kommen näher, 2008, Frühjahr 2010 stand die Kernschmelze schon unmittelbar bevor .. und in Europa haben wir aktuell min. 5 potentielle "Lehman-Events" am Köcheln (bankrotte Staaten nicht inkludiert)

Die Maya haben damit übrigens nichts zu tun ;)


1 1

Wachstumszyklen u. andere brauchen Glauben.

So what? Wachstum nun auch für Fussgänger? Im Dauer-Spazierschritt o. Dauer-Laufschritt?

Lieber sozial leben als zu schnell vergehen!

Antworten Gast: b754
31.12.2011 09:46
0 0

Re: Wachstumszyklen u. andere brauchen Glauben.

sozial und fleischhacker das schließt sich aus

0 0

Wachstumszyklen u. andere brauchen Glauben.

So what? Wachstum nun auch für fussgänger? Im Dauer-Spazierschritt o. Dauer-Laufschritt?
Lieber sozial leben als zu schnell vergehen!

Gast: ajaaa
31.12.2011 02:58
0 0

Wachstumszyklen u. andere brauchen Glauben.

So what? Wachstum nun auch für fussgänger? Im Dauer-Spazierschritt o. Dauer-Laufschritt?
Lieber sozial als zu schnell vergehen!

bula sagt
31.12.2011 00:48
0 0

in reflexion zum eigenen kosmos

ist auch zu bedenken, dass so manche katastrophen in den redaktionssitzungen beginnen.

Michael
31.12.2011 00:46
1 0

20 Jahreszyklen der politischen Prädominanz

Ich sehe da eher seit 65 Jahren rot. Und die Verschuldungsmentalität ist auch schon seit 35 Jahren da.

Konsens
30.12.2011 20:33
8 0

Was ist schon Zeit?

Es hängt davon ab, was man unter "Zeit" versteht. Was ist Vergangenheit, was Gegenwart, was Zukunft?
Die Gegenwart existiert nicht, denn sie ist in denselben Moment vorbei. Die Zukunft existiert auch nicht, denn wir können sie nicht vorhersagen, bestenfalls abschätzen.
Die Vergangenheit ist die einzige Zeitform, die auch existiert.
Betrachtet man die Zukunft als Fiktion, dann ist die Vergangenheit die Realität - und somit das einzige, das immer mehr wird.

Wir Menschen haben die Zeit erfunden, um uns besser in der Welt zurechtfinden zu können.
Zeit ist keine Dimension, es ist nur ein menschliches Gefühl; niemand ausser uns Menschen braucht das; weder das Universum, noch die Natur um uns.
Früher noch haben sich Menschen "am Vormittag" verabredet, heute muss es eine exakte Uhrzeit sein. Wir sind zu Sklaven der "Zeit" geworden. Alles ist dringend, und muss bis zu einem bestimmten "Zeitpunkt" erledigt sein, sonst haben wir wieder das Gefühl(!), etwas versäumt zu haben.
Mit der genauen Zeitmessung haben wir uns eine künstliche Welt geschaffen, genauso wie die Welt der Rechtecke, in der wir leben (müssen). Häuser, Wände, Fenster, Möbel, Bücher, Monitore, die Textbox die Sie gerade lesen: alles ist aus Rechtecken geformt.

Der eigentliche Sinn des Lebens oder der Evolution wird ob dieser Dinge schlichtweg vergessen.


Antworten nachdenken
31.12.2011 10:00
0 0

Re: Was ist schon Zeit?

Waren es nicht schon immer die Mächtigen die befohlen haben wo es langgeht? Erinnern wir uns an den heute lächerlich anmutendenden Zehent, der im Mittelalter zu leisten war.
Und ist es heute nur der, bis zur Unerträglichkeit einengende Zeitraster geworden, dem wir uns zu beugen haben?
Es ist viel mehr, es ist die Pensionsversicherung, dem immer höher werdenden Steueraufkommen und den gesellschaftlich notwendigen Konsumvorgaben, denen wir uns zu unterwerfen haben.
Es ist längst nicht mehr "nur" das Zeitdiktat und das ist das Schlimme daran - wir sehen längst den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr und haben uns darin verirrt - so wie es "die Mächtigen" wollten.

Antworten Michael
31.12.2011 00:55
1 0

Re: Was ist schon Zeit?

Sie haben recht. Das wird mir als Kindervater jeden Tag bewusst, wenn ich sehe, was den Menschen bei ihrem Nachwuchs so wichtig ist.

Als erstes muss die Selektion ausgeschaltet werden, auch wenn es die Gesundheit und die Freiheit kostet. Aber sicher ist sicher. Sowas nennen sie dann "Kinderliebe".

Und Ihre angesprochene "Zeit" ist dann für alles da, um das Leben rund um die Kinder selbst zu gestalten. Nur nicht für die Kleinen selbst.

Mit spätestens 5 Jahren geht es dann ab in die staatliche Erziehungsmaschinerie, damit später etwas "aus ihnen wird". Also Job, Auto, Beziehung, Eigenheim, Kinder. Natürlich jedes Jahr die neuesten Küchengeräte ... kurz gesagt "Wohlstand". Mehr ist nicht drin.

Dass in dieser Welt alle zu sozialen Zombies verkommen, ist egal. Psychische Probleme werden ignoriert, weil man sie von aussen nicht erkennt, sie also nicht existent wird. Und wenn das Kind dann manisch depressiv wird, ist das halt eine Krankheit - wie Grippe halt - die man halt bekommt oder nicht bekommt.

Und das ist unser westlicher Wohlstand, den wir der restlichen Welt nachzustreben empfehlen.

Ln__
30.12.2011 19:24
0 0

In Zeiten der starken Veränderung

ist es aber manchmal von Vorteil im ersten Gang erstmal die Umgebung zu erkunden bevor man im Vierten gegen die Wand kracht, den Fahren setzt voraus, dass man auch weiß wo es lang geht.


Gast: b754
30.12.2011 18:35
2 7

ein hohn wenn dass der fleischhacker schreibt

die presse lebt doch selbst nur mehr vom panik verbreiten

Antworten Gast: Gerne nur Gast
30.12.2011 18:53
5 2

Das ist alles, was ihnen


dazu einfällt?
Tölpel!


Antworten Antworten Gast: M. Müller
30.12.2011 21:51
5 2

Re: Das ist alles, was ihnen


Für b754 ist der Artikel intellektuell nicht erreichbar. "Dass" zeigt sich schon an der Rechtsschreibung.

Ob er wohl die Krone versteht?

Antworten Antworten Antworten Michael
31.12.2011 01:00
0 0

Re: Re: Das ist alles, was ihnen

Ich bewerte Menschen eher nach ihrem Benehmen, als nach den Rechtschreibkenntnissen.

Bei einem einzigen "dass"-Fehler kann man sich auch vertippt haben.

Die Beleidigungsschübe von Ihnen allen jedoch sprechen für sich selbst.

3 3

Re: Re: Das ist alles, was ihnen

was wollen Sie von einem Löwelstraßencontainerfake anderes erwarten - etwa Verstand oder Bildung ?

Antworten Antworten Gast: b754
30.12.2011 21:04
1 4

Re: Das ist alles, was ihnen

immerhuin dir einen kommentar wert hahah ihr presseheinis seid wirklich die dümmsten noch vor der krone

Antworten Antworten Antworten Gast: Gerne nur Gast
31.12.2011 00:10
0 0

Und sogar ein


zweiten: Tölpel!

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