25.05.2012 14:02 | Meine Presse Merkliste 0

Amerika und Europa im Lifestyle-Krieg

MICHAEL FLEISCHHACKER (Die Presse)

Die Europäer haben ihren Bürgern versprochen, sie dürften gleichzeitig ein Maximum an Freiheit und ein Maximum an Sicherheit konsumieren.

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Wenn im laufenden Wahlkampf um die US-Präsidentschaft die Republikaner dem demokratischen Amtsinhaber Barack Obama so etwas wie europäische Umtriebe vorwerfen, fühlen wir uns irgendwie mitangegriffen, aber auch bestätigt: Wir, das heißt der linksliberale antiamerikanische Intellektuellenmedienmainstream, lieben Obama ja gerade dafür, dass er so unamerikanisch ist. Er will mehr Umverteilung und mehr staatlichen Einfluss im Gesundheitswesen, und würde man ihn danach fragen, wäre er wahrscheinlich auch ein großer Freund der österreichischen Sozialpartnerschaft.

Polemische Auseinandersetzungen über die Frage, ob die Welt eher am europäischen oder am amerikanischen Wesen genesen kann, finden freilich nicht nur im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf statt, sondern auch und vor allem in den ideologischen Auseinandersetzungen rund um die aktuelle Staatsschuldenkrise in der Eurozone.

Die verschwörungstheoretische Grunderzählung, nach der es sich bei der ganzen Angelegenheit um einen amerikanischen Feldzug zur Vernichtung des Euro im Interesse des Dollar handelt, wird längst nicht mehr nur in den österreichischen Leitmedien zur Verfestigung des sekundären Analphabetismus („Krone“, „Heute“, „Österreich“, „Ö1“) zum Besten gegeben.

Man kann diese Geschichte auch von angesehenen Vertretern der österreichischen Finanzindustrie hören. Wenn sie stimmt, dann sind die europäischen Wirtschaftsjournalisten Teil dieser Verschwörung. Sie befragen immer nur amerikanische Ökonomen, die den Untergang des Euro vorhersagen, und verschweigen, dass die US-Volkswirtschaft nach den meisten Kennzahlen – etwa Verschuldungsgrad und Haushaltsdefizit – in einem viel kritischeren Zustand sei als die mit Untergangsprognosen versehenen Volkswirtschaften der Eurozone. „Darüber darf ja nicht geschrieben werden“, erklärte kürzlich in einem vertraulichen Gespräch ein Repräsentant der österreichischen Finanzbranche. Man muss ihm hoch anrechnen, dass er darauf verzichtet hat, die „Ostküste“ dafür verantwortlich zu machen.

Als brutalste Kommandoeinheit im transatlantischen Wirtschaftskrieg wurden von den gemeinwohlökonomisch trainierten Aufdeckern des Offensichtlichen schon vor einiger Zeit die Ratingagenturen enttarnt. Als unsicher gilt noch, was die angemessene Reaktion auf dieses ökonomische Kriegsverbrechen wäre: Meditativer Tanz, die Gründung einer europäischen Ratingagentur oder die gesetzliche Festlegung des Zinssatzes durch die Schuldner?

Natürlich haben die aktuellen Auswüchse dieser Debatte einen realen Hintergrund. Amerikaner und Europäer haben tatsächlich unterschiedliche Vorstellungen von Wirtschaft und Gesellschaft, vor allem von der Rolle, die der Staat darin spielen soll. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass Europa durch die Bündelung aller wesentlichen Voraussetzungen für soziale Mobilität – Bildung, Forschung, Gesundheit, Altersvorsorge – in der Hand des Staates Weltmarktführer in der Produktion von Durchschnitt und Mittelmaß ist.


Man darf diese Position nicht gering schätzen, denn sie bedeutet, dass es keine Region auf dieser Erde gibt, in der jedes neugeborene Kind mit einer so hohen Wahrscheinlichkeit sein ganzes Leben lang von wirklicher Armut verschont bleiben wird. Der Nachteil ist, dass besondere Leistungen, die sich in besonders hohen Einkommen äußern, nicht als wünschenswert erachtet werden, sondern als Verstoß gegen das Solidaritätsprinzip.

Wenn das ein Krieg ist, der sich derzeit zwischen Europa und den USA abspielt, dann ist es kein Wirtschafts-, sondern ein Lifestyle-Krieg. Lebensstile sind Geschmacksfragen. Will man mehr Sicherheit oder mehr Freiheit? Riskiert man für die Aussicht auf wirklichen Wohlstand auch Perioden wirklicher Armut? Dass die Europäer sich entschieden haben, ihren Bürgern die Gleichzeitigkeit von maximaler Freiheit und maximaler Sicherheit zu garantieren, ist aus der Wiederwahlperspektive gut verständlich. Der Umgang mit der Tatsache, dass dieses Versprechen unerfüllbar ist, stellt allerdings für die Zukunft eine gewisse Herausforderung dar.

 

E-Mails an: michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.01.2012)

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59 Kommentare
 
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Wo ist der Kommentar ...

... vom 4.2.?

Gast: Karl Schlosser
30.01.2012 18:07
1 0

Grundbedürfnisse klug "ausbalancierern" ?

Wer sicher sein kann, dass ihm seine Familie in der Not "Sicherheit" bieten wird, der wird seine "Freiheit" mutiger nützen um aus Chancen mehr Vorteile zu gewinnen.
Das ist eine Erfolgsstrategie !
Aber nur, wenn Sicherheit auch bedingt, dass man sich immer selbst so gut wie eben möglich anstrengen muss, um die anderen Familienmitglieder nicht auszunützen.
Diese notwendige logische Nebenbedingung wird von den Dummen gerne "unterschlagen" !
In Schweden weniger als bei uns.

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Re: Grundbedürfnisse klug "ausbalancierern" ?

selten so ein intelligentes Posting hier gelesen.

0 3

"Der Nachteil ist, dass besondere Leistungen, die sich in besonders hohen Einkommen äußern, nicht als wünschenswert erachtet werden, sondern als Verstoß gegen das Solidaritätsprinzip."

ach deswegen!

ich habe mich schon des öfteren über das matte niveau von presse-kommentaren gewundert. endlich lüftet der CR das geheimnis: sie wollen sich nicht unsolidarisch verhalten!

wer seine mitbewerber großspurig von oben herab abqualifiziert ("österreichischen Leitmedien zur Verfestigung des sekundären Analphabetismus („Krone“, „Heute“, „Österreich“, „Ö1“)", kann als großkotz bezeichnet werden.

wer aber selbst ein produkt liefert, das aus kopierten agenturmeldungen und manipulativen kommentaren besteht und dennoch keine auflage und keinen gewinn zusammenbringt, der wird nicht als großkotz bezeichnet, sondern von der branche mitleidig belächelt.

Gast: egall
29.01.2012 23:22
0 0

Darum geht es nicht

"Man muss ihm hoch anrechnen, dass er darauf verzichtet hat, die „Ostküste“ dafür verantwortlich zu machen." Ich glaube, darum geht es nicht... aber egal, Herr Fleischhacker.

Gast: mifl
29.01.2012 23:20
0 0

geil :-)

"in den österreichischen Leitmedien zur Verfestigung des sekundären Analphabetismus (ö1)". herr fleischhacker, you made my day!

Solon
29.01.2012 12:19
2 1

Die Qualität der Politik wird nicht von

entweder - oder, sondern durch ein sowohl - als auch bestimmt und ereignet sich im Umgang mit konkurrierenden Zielen. Optimierung statt Maximierung, aber der dazu erforderliche Differenzierungsaufwand ist scheinbar journalistisch nicht leistbar.

Gast: Tim
28.01.2012 22:38
6 3

Was hält Sie noch in Europa?

Herr Fleischhacker, wenn hier alles so furchtbar ist, wie Sie immer schreiben, wäre es doch in Ihrem eigenen Interesse naheliegend, dass Sie zB in die USA auswandern, dort ohne staatliche Presseförderung eine Zeitung gründen und mit Ihren besonderen Leistungen auf dem Gebiet des Journalismus ein viel höheres Einkommen erzielen als hier.

Antworten Gast: Kleiner Hacker
29.01.2012 20:13
0 2

Re: Was hält Sie noch in Europa?

Ihre Fragen sind relativ leicht zu beantworten: Weil Herr Fleischhacker in den USA wohl kaum "Beschäftigung" fände.

Sein Englisch ist inferior, die meisten Medien in den USA sind nicht in steirischer Hand und leisten sich daher auch keine defizitären Zeitungen mit steirischen/Kärntner Selbstdarstellern (als Geschäftsführer und Chefredakteur). Die haben genug und vor allem bessere Selbstdarsteller.

Gast: Lotzinger
28.01.2012 20:44
1 0

Freiheit vs. Sicherheit

Im Großen und Ganzen ist das Gleichgewicht zwischen Sicherheit und Freiheit bei uns ja nicht soo schlecht. Aber da gibt es eben auch sogenannte fortschrittliche Gruppierungen, die vom totalen Versorgungsstaat träumen, der Bürger passiv entmündigt, Eigenverantwortung als sinnloses Risiko ansieht, und Abhängigkeiten gerne in Kauf nimmt.

Arethas
28.01.2012 18:08
4 0

Sprachlich...

.... ist leider schon der Einstieg verunglückt...

"Die Europäer haben ihren Bürgern versprochen (...)"

Wer genau hat wem was versprochen?


Paul Katz
28.01.2012 16:40
5 4

Leider kein blitzgescheiter Fleischhacker

Die zum Schluss gemachte Feststellung, dass man nicht Freiheit und Sicherheit zugleich maximieren kann, ist gut und richtig und eine Debatte dazu notwendig.

Warum muss aber zur Einleitung ein (so hört es sich an) CIA-Artikel abgeschrieben werden? Dazu zur Dümmlichmachung der pseudo-Europäer Behauptungen aufstellen, die dumm sind aber so auch kaum wirklich gemacht werden. Kein Vernunftbegabter hält Obama für einen Sozialpartner öst. Prägung oder glaubt wirklich, dass er auch nur ansatzweise einen "europäischen Weg" gehen würde. Er ist natürlich durch-und-durch "(US-)Amerikaner".

Gerade deshalb ist es überhaupt nicht abwegig, von einer massiven Durchsetzung von US-Interessen auch auf nicht feine Art auszugehen. Diese Erkenntnis als "Verschwörungstheorien" zu verunglimpfen nährt leider den Verdacht, in fremdem Solde zu stehen (weil zu dumm ist M.H. sicher nicht).

begges
28.01.2012 15:26
4 0

Marie von Ebner-Eschenbach: "Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit."


Antworten Gast: wiemeinen
29.01.2012 23:52
0 0

Re: Marie von Ebner-Eschenbach: "Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit."

Was meinte sie damit, und was meinst du damit?

Gast: Frau Nr. x
28.01.2012 13:20
3 0

das Rezept fürs beste System

wird rasch gefunden werden müssen. Wir sind schon im Crashmodus!

Und 1 Art von System -egal welches- kann ohnehin nie absolut bzw. für ewig gelten.

Zuviele Variablen...;

Produktionseffizienzen verändern sich (technische & sonstige Erfindungen), Rohstoffverfügung ändert sich, sonstige Lebensumstände ändern sich auch, wie z. B. diverse Umweltbedingungen...was sich aber scheints nie ändert, ist menschliche Eigenart, wie das Ausnutzen von zuviel Macht über Andere(s)...und dem Legitimieren dieser Erd-Macht (All-Macht ist bisserl grössenwahnsinnig formuliert) jeweiliger Eliten (Nomenklaturas) dienen dann immer genug hirnschmalzige AdlatussInne aller Polit-Coleurs.

Wer jetzt glaubt, es ginge * eh Alles so weiter wie gehabt*, wird sich bald wundern!

Nix da is`mit dem linearen weiteren Verlauf von Entwicklungen, * wetten, dass* ?!

Anders gesagt; die Erde selbst wird *es* sich -wieder mal- neu richten. Bis dahin; viel Spaß noch beim üblichen Beobachten und Mitspielen im jetzigen Menschenaffenprimatentheater ;-)


Ka_Sandra
28.01.2012 12:33
10 3

Wieviel Staat braucht ein Mensch?


Das Ringen um die richtige Formel ist ein nie abgeschlossener Prozess.

Gast: Gast2
28.01.2012 12:26
2 2

Definition von Freiheit

Wo ist die Freiheit des Einzelnen größer? In den USA oder Europa? Ganz je nachdem wie man Freiheit definiert.

Nach einem Bericht in der International Herald Tribune wird z.B. der soziale Status in den USA stärker weitervererbt als in Europa. (zum Mythos "American Dream")

Wenn Freiheit also die Möglichkeiten des Einzelnen zum Austieg (und Abstieg) ist, dann ist Europa freier. Extremere Armut und extremeren Reichtum findet man aber natürlich in den USA.

modestus
28.01.2012 12:10
4 4

na endlich

..wieder einmal ein perfecter fleischhacker..ohne sarkasmus und ohne zynismus...blitzgescheit, grad so wie früher

derfreund
28.01.2012 11:44
7 4

Die Europäer sollten etwas leise sein!

Ohne die Amerikaner kann Europa nicht existieren! Selbst wenn der Ursprung der Amerikaner Europa ist. Die Europäer sind zu faulen und fetten Säcken mutiert! Daher sollten die Europäer den Mund halten und sich ihrem Schicksal fügen!

Antworten Gast: bittewass
29.01.2012 23:50
0 1

Re: Die Europäer sollten etwas leise sein!

'Ohne die Amerikaner...' bitte was? Erkläre bitte.

Antworten Gast: wassolls
28.01.2012 13:26
3 1

Re: Die Europäer sollten etwas leise sein!

Produktion Europas an allem was in der Welt verkauft wird über 40%
Produktion der USA unter 10%
Produktion alleine Deutschlands ca. 12,5%
Produktion Chinas über 14%

na sie sehen wohl die Konsumation von Produkten die ein anderer produziert hat und das auf Kredit als Leistung an

müssen wir Europäer faul sein, Wahnsinn

Antworten Antworten Gast: woo
29.01.2012 23:49
0 0

Re: Re: Die Europäer sollten etwas leise sein!

wo haben sie ihre daten her?

Gast: Freeman1111
28.01.2012 11:38
7 1

Leistung wird entscheiden!

Was die Europäer in ihrem Ansatz vergessen ist ein Grundsatz der Industriegesellschaft:

Leistung = Arbeit x Zeit

Sie versuchen stattdessen ein aufgeblähtes teures Sozialsystem zu erhalten. Die Korruption in der Wirtschaft ist so hoch wie schon lange nicht mehr (die berühmte Frage: Wo war mei Leistung). Es werden weder Banken noch sonstige Wirschaftstreibende dafür verurteilt.

Nicht so in den USA: Leistung steht an erster Stelle. Banken werden vor Gericht verantwortlich gemacht für ihr versagen. Nullzinspolitik konsequent! Einzige Ausnahme: Autoindustrie - die wurde in der Krise gestützt (in fear of the Germans).

Also die Frage, die sich in dieser Auseinandersetzung jenseits der Finanzspekulationen vor allem stellt: gilt noch der Grundsatz Leistung = Arbeit x Zeit.
Wenn ja, werden die USA besser aus der Sache heruskommen. Wenn nein, dann ist ohnehin alles egal. Dann zählt nur noch wer besser korrupt ist - Leistung wozu?

Und deswegen ist es keine Frage des Lifestyles, sondern der Leistung einer Volkswirtschaft, wer sich am Ende als wettbewerbsfähiger herausstellt.

Robustheit gegen Schönrednerrei - wer wird da wohl Recht behalten?

Antworten Paul Katz
29.01.2012 15:13
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wohlklingender Unsinn

1) Wenn man 12 Stunden pro Tag mit großem Enthusiasmus etwas Sinnloses oder Destruktives tut, führt dies keineswegs zu lichten Höhen, weder individuell noch den Staat.

2) Wenn es für die Leistung keinen adequaten Lohn gibt, schaut´s schlecht aus.

3) Wenn Unsummen jene bekommen, deren Leistung in Betrug oder dem Einkauf von Gesetzes-"loopholes" besteht, wird das dem Staat auch nicht dauerhaft nützen.

4) Und die Banken, die angeblich für ihr Versagen vor Gericht verantwortlich gemacht werden, zeigen Sie uns einmal. Ich warte.

Antworten Antworten Gast: ahsoo
29.01.2012 23:48
0 0

Re: wohlklingender Unsinn

genialer kommentar. 'leistung steht an erster stelle'? bloße propaganda.

1 0

Re: Leistung wird entscheiden!

Auf den Punkt gebracht!!!
Deshalb ist auch Herrn Fleischhackers Kommentar nicht stimmig! Es ist niemals nur eine Lifestyle Debatte, es geht um grundsätzlich andere Auffassungsunterschiede der wirtschaftlichen Abläufe. Und der privaten Haushalte in diesem Kontext!

 
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