Ostern 2012: Eine Geschichte, die erzählt werden will

Zu Pessach und zu Ostern wird in Jerusalem eine Freiheits-, eine Befreiungsgeschichte erzählt. Immer wieder, auch wenn so viele konkrete, politische Hoffnungen so viele Jahre uneingelöst bleiben.

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(c) REUTERS (AMMAR AWAD)

Karfreitag in Jerusalem: Christliche Pilgergruppen streben, mit und ohne Kreuz, auf der Via Dolorosa der Grabeskirche zu. Muslimische Gläubige eilen, Gebetsteppiche auf den Schultern, zu den Moscheen. Wo sie vom massiven Polizei- und Armeeaufgebot zu Umwegen gezwungen werden, kommt es gelegentlich zu lautstarken Auseinandersetzungen. Die al-Aqsa-Moschee steht auf dem Tempelberg, der bis zu seiner Zerstörung im Jahr 70 n. Chr. das Zentrum der jüdischen Welt war. Die Juden feiern an diesem Wochenende Pessach, am Freitagabend halten sie das Seder-Mahl, währenddessen sie einander die Geschichte ihres Volkes mit ihrem Gott erzählen.

Wenn das jüdische Pessach-Fest und Ostern auf einen Termin fallen, ist Jerusalem die Welthauptstadt der Frommen. Wer am Abend des Gründonnerstags auf den Ölberg wandert, geht durch den Garten, in dem Jesus von Nazareth vor seiner Verhaftung betete, er geht vorbei an den Gräbern jener Abertausenden Juden, die dort bestattet sind, weil sie daran glauben, dass der Messias, wenn er kommt, um die Toten aufzuwecken, den Weg über den Ölberg nehmen wird. Der atemberaubende Blick auf die Stadt wird dominiert von der goldenen Kuppel des Felsendoms, einer der beiden Moscheen auf dem Tempelberg.

Es ist laut und hektisch im österlichen Jerusalem. Der Klangteppich, der aus den Gebetsrufen der Muezzins, den Litaneien der Kreuzwegpilger und den strengen Anweisungen der Sicherheitskräfte gewoben wird, lädt zunächst nicht zum andächtigen Verweilen ein. Aber er gehört zur spirituellen Anziehungskraft dieser Stadt, um die drei Friedensreligionen so viele Kriege geführt haben.
Pessach und Ostern gehören zusammen: Die Erzählung vom Leiden und Sterben Jesu Christi ist die Erzählung von einem galiläischen Rabbi, der wie so oft zu den hohen Feiertagen nach Jerusalem hinaufgeht. Wie alle anderen Juden auch versteht er das wichtigste Fest seiner Religion als Fest der Befreiung.

Die Erinnerung daran, dass Gott sein Volk aus der ägyptischen Gefangenschaft heraus in das Gelobte Land geführt hat, war damals – mit Blick auf die römische Besatzung – und ist auch heute ein politisches Programm. Die Staatsgründung nach der Katastrophe des Holocaust und alle darauf folgenden Anstrengungen, das Überleben als einzige Demokratie in einer von Despoten regierten feindseligen Umgebung zu sichern, haben in Israel zu einem Verschwimmen der Grenzen zwischen Religion und Politik geführt.

Die kompromisslose Bereitschaft Israels, sein Überleben mit allen, auch präventiven militärischen Mitteln zu garantieren, ist permanenter Kritik ausgesetzt. Zuletzt hat der Literaturnobelpreisträger Günter Grass in einem „Gedicht“ von niederschmetternder sprachlicher Qualität den Judenstaat als die wahre Bedrohung des Weltfriedens identifiziert. Die Frage, ob sich dahinter Antisemitismus verbirgt oder nicht, ist irrelevant – weil auch die Immunisierung israelischer Politik gegen jegliche Kritik durch den Antisemitismus-Vorwurf längst nicht mehr funktioniert. Relevanter ist die Frage nach der Redlichkeit und Zurechnungsfähigkeit von Politikern und Intellektuellen, die so tun, als könnte ein Staat, dessen Existenzrecht von einer massiven Mehrheit der Bevölkerungen seiner Nachbarstaaten verneint wird, sicherheitspolitisch so agieren wie etwa ein Mitglied der Europäischen Union.

Zu Pessach und zu Ostern wird in Jerusalem eine Freiheits-, eine Befreiungsgeschichte erzählt. Immer wieder, Jahr für Jahr, auch wenn so viele konkrete, politische Hoffnungen so viele Jahre uneingelöst geblieben sind, auch wenn rund um dieses Fest in der Stadt die Spannungen und Unfreiheiten besonders stark spürbar sind. Ob Muslim, Christ oder Jude: Keiner, der in diesen Tagen in Jerusalem feiert, kann wissen, wo und wie seine Befreiungsgeschichte im individuellen Leben und auf der politischen Landkarte sichtbar wird. Aber es besteht kein Zweifel daran, dass sie weitererzählt werden will.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2012)

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