Ostern 2012: Eine Geschichte, die erzählt werden will

MICHAEL FLEISCHHACKER (Die Presse)

Zu Pessach und zu Ostern wird in Jerusalem eine Freiheits-, eine Befreiungsgeschichte erzählt. Immer wieder, auch wenn so viele konkrete, politische Hoffnungen so viele Jahre uneingelöst bleiben.

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Karfreitag in Jerusalem: Christliche Pilgergruppen streben, mit und ohne Kreuz, auf der Via Dolorosa der Grabeskirche zu. Muslimische Gläubige eilen, Gebetsteppiche auf den Schultern, zu den Moscheen. Wo sie vom massiven Polizei- und Armeeaufgebot zu Umwegen gezwungen werden, kommt es gelegentlich zu lautstarken Auseinandersetzungen. Die al-Aqsa-Moschee steht auf dem Tempelberg, der bis zu seiner Zerstörung im Jahr 70 n. Chr. das Zentrum der jüdischen Welt war. Die Juden feiern an diesem Wochenende Pessach, am Freitagabend halten sie das Seder-Mahl, währenddessen sie einander die Geschichte ihres Volkes mit ihrem Gott erzählen.

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Wenn das jüdische Pessach-Fest und Ostern auf einen Termin fallen, ist Jerusalem die Welthauptstadt der Frommen. Wer am Abend des Gründonnerstags auf den Ölberg wandert, geht durch den Garten, in dem Jesus von Nazareth vor seiner Verhaftung betete, er geht vorbei an den Gräbern jener Abertausenden Juden, die dort bestattet sind, weil sie daran glauben, dass der Messias, wenn er kommt, um die Toten aufzuwecken, den Weg über den Ölberg nehmen wird. Der atemberaubende Blick auf die Stadt wird dominiert von der goldenen Kuppel des Felsendoms, einer der beiden Moscheen auf dem Tempelberg.

Es ist laut und hektisch im österlichen Jerusalem. Der Klangteppich, der aus den Gebetsrufen der Muezzins, den Litaneien der Kreuzwegpilger und den strengen Anweisungen der Sicherheitskräfte gewoben wird, lädt zunächst nicht zum andächtigen Verweilen ein. Aber er gehört zur spirituellen Anziehungskraft dieser Stadt, um die drei Friedensreligionen so viele Kriege geführt haben.
Pessach und Ostern gehören zusammen: Die Erzählung vom Leiden und Sterben Jesu Christi ist die Erzählung von einem galiläischen Rabbi, der wie so oft zu den hohen Feiertagen nach Jerusalem hinaufgeht. Wie alle anderen Juden auch versteht er das wichtigste Fest seiner Religion als Fest der Befreiung.

Die Erinnerung daran, dass Gott sein Volk aus der ägyptischen Gefangenschaft heraus in das Gelobte Land geführt hat, war damals – mit Blick auf die römische Besatzung – und ist auch heute ein politisches Programm. Die Staatsgründung nach der Katastrophe des Holocaust und alle darauf folgenden Anstrengungen, das Überleben als einzige Demokratie in einer von Despoten regierten feindseligen Umgebung zu sichern, haben in Israel zu einem Verschwimmen der Grenzen zwischen Religion und Politik geführt.

Die kompromisslose Bereitschaft Israels, sein Überleben mit allen, auch präventiven militärischen Mitteln zu garantieren, ist permanenter Kritik ausgesetzt. Zuletzt hat der Literaturnobelpreisträger Günter Grass in einem „Gedicht“ von niederschmetternder sprachlicher Qualität den Judenstaat als die wahre Bedrohung des Weltfriedens identifiziert. Die Frage, ob sich dahinter Antisemitismus verbirgt oder nicht, ist irrelevant – weil auch die Immunisierung israelischer Politik gegen jegliche Kritik durch den Antisemitismus-Vorwurf längst nicht mehr funktioniert. Relevanter ist die Frage nach der Redlichkeit und Zurechnungsfähigkeit von Politikern und Intellektuellen, die so tun, als könnte ein Staat, dessen Existenzrecht von einer massiven Mehrheit der Bevölkerungen seiner Nachbarstaaten verneint wird, sicherheitspolitisch so agieren wie etwa ein Mitglied der Europäischen Union.

Zu Pessach und zu Ostern wird in Jerusalem eine Freiheits-, eine Befreiungsgeschichte erzählt. Immer wieder, Jahr für Jahr, auch wenn so viele konkrete, politische Hoffnungen so viele Jahre uneingelöst geblieben sind, auch wenn rund um dieses Fest in der Stadt die Spannungen und Unfreiheiten besonders stark spürbar sind. Ob Muslim, Christ oder Jude: Keiner, der in diesen Tagen in Jerusalem feiert, kann wissen, wo und wie seine Befreiungsgeschichte im individuellen Leben und auf der politischen Landkarte sichtbar wird. Aber es besteht kein Zweifel daran, dass sie weitererzählt werden will.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2012)

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28 Kommentare
 
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"Zu Pessach wird eine Freiheits-, eine Befreiungsgeschichte erzählt"

das ist allerdings eine besonders "fromme" Umschreibung des besonders ausschweifenden Treibens, wo alles getan wird, was sonst G*tt angeblich streng verboten hat . . .

Gast: Chaims
09.04.2012 21:17
0 0

Jeruscholaim

Wirklich spannend und neu berichtet. Der kleine Michi war in Jerusalem. Man beachte den Erkenntnisreichtum seiner Reise! Wenn große Geister eine Reise tun, ist die Erleuchtung nicht mehr weit. Danke für die ganz neuen Informationen:

Die al-Aqsa-Moschee steht auf dem Tempelberg, der bis zu seiner Zerstörung im Jahr 70 n. Chr. das Zentrum der jüdischen Welt war.

Muslimische Gläubige eilen, Gebetsteppiche auf den Schultern, zu den Moscheen. Wo sie vom massiven Polizei- und Armeeaufgebot zu Umwegen gezwungen werden, kommt es gelegentlich zu lautstarken Auseinandersetzungen


Gast: K.B. Kraml
09.04.2012 15:08
0 0

Bewegend

Ein wirklich schöner Kommentar zu Ostern. Wenn man allen Menschen in der Region Glück und Frieden wünscht, muss man Israel und dem israelischen Volk das Recht zur Selbstverteidigung zusprechen. Alles andere würde zu grenzenlosem Chaos und unvorstellbarem Leid führen.
Ja, ich weiß, es ist jetzt schon schwer genug, dort zu leben. Die mangelnde Empathie und die politische Einseitigkeit in den Postings der letzten Tage habe ich schmerzlich registriert.
Umso schöner, einen Leitartikel wie den Ihren zu lesen, Herr Fleischhauer.


Antworten Gast: K.B. Kraml
09.04.2012 17:42
0 0

Re: Bewegend

Pardon, Herr Fleischhacker!

(Gerade diese Verwechslung sollte nicht passieren...)

Gast: pächter der wahrheit
08.04.2012 19:08
1 0

Israel, Österreich, Deutschland, USA

Es geht hier um eine Vermischung. Nicht Israel entscheidet, sondern die israelische Regierung. Genauso treffen unsere Volksvertreter anstelle des Volkes Entscheidungen (representative Demokratie heisst das fälschlicherweise), ebenso in Deutschland oder USA. Ebenso müsste das auch in den Medien transportiert werden: Die österreichische Bundesregierung bzw. das österreichische Parlament hat entschieden und nicht das österreichische Volk. Und das ist ein grosser Unterschied.

Ich stelle die Hypothese auf, dass viele Entscheidungen nicht im Sinne der Mehrheit des Volkes sind. Aber um die Interessen des Volks geht es ja auch nicht (mehr).
Lies nach bei C. Crouch.

Gast: UKW
07.04.2012 15:58
4 3

"Die Erinnerung daran, dass Gott sein Volk aus der ägyptischen Gefangenschaft heraus in das Gelobte Land geführt hat"

Wenn es da oben oder unten irgendwo einen Gott gibt, dann ist jedes Volk "sein Volk", dann ist jedes Land "Heiliges Land" und dann wird später einmal danach abgerechnet, was für Taten jeder einzelne gesetzt hat - oder eben nicht gesetzt hat. Welcher Religion oder welchem Volk er auch immer angehört hat, ist wurscht. Wurscht sind dem lieben Gott auch Leute, die irgendwelche leere, schwüülstigen Worte herumstottern und die eigentlich ganz was anders denken (s. oben).

Hugh, ich habe gesprochen.


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"Du armer Teufel!"

. . . ohne Glaube verliert alles seinen Sinn.

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Re: "Du armer Teufel!"

Sie haben recht.
Glaube ist sinnlos.

Antworten Antworten Antworten Gast: Markus Trullus
09.04.2012 07:01
0 0

Re: Re: "Du armer Teufel!"

Ohne Glaube noch sinn- loser!

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: ghnw
20.04.2012 16:55
0 0

Re: Re: Re: "Du armer Teufel!"

glauben heißt nichts wissen.

Gast: Erwin Javor
07.04.2012 15:22
4 1

Wunderbarer Kommentar

Ein friedvoller und nachdenklicher Chefredakteur
Schön

Ein nachdenklich-friedlicher FLE...

....was für eine wohltuende Osterüberraschung!

ausgezeichnet

ausgezeichneter kommentar, schön geschrieben. auch einmal spannend endlich eine entgegengesetzte meinung zu einem herrn grass zu lesen.
nur ein kleiner hinweis: der felsendom
gilt nicht als moschee

Gast: Eusebius
07.04.2012 07:40
10 1

Frohe Ostern, Herr Fleischhacker

Ein guter Artikel, der mich nachdenklich stimmt!

6 13

Israel muss bereit sein

sich unter Aufgabe der elitären Arroganz in seine Umgebung im Nahen Osten einzuordnen", schrieb 1974 G. Konzelmann. An diesem Befund hat sich auch nach vierzig Jahren wenig geändert.

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Re: Israel muss bereit sein

Meinen Sie wirklich dass sich die einzíge Demokratie "in ihrer Umgebung" in die Diktatur
und das Chaos der Nachbarstaaten einordnen soll?

Gast: schonwiedereingast (dauerzensuriert)
07.04.2012 00:58
6 12

"von niederschmetternder sprachlicher Qualität"

vielleicht hat herr grass erkannt worauf es heute ankommt: nicht auf form sondern auf inhalt und wahrheit

jedenfalls ist ihres dieses geschreibsel keinen pfifferling wert

mfg

1 2

Re: "von niederschmetternder sprachlicher Qualität"

"ihres dieses geschreibsel"
tatsächlich von niederschmetternder sprachlicher Qualität!

Gast: b754
06.04.2012 19:36
10 21

israel oll lieber mal menschlich mit den palästinensern umgehen

grass hat schon recht

Antworten Gast: Vogel Strauss
07.04.2012 15:31
2 2

Re: israel oll lieber mal menschlich mit den palästinensern umgehen

Ausnahmsweise mal solidarisch mit b754 ... recht hast!

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Re: israel oll lieber mal menschlich mit den palästinensern umgehen

Würden die Palästinenser das Existenzrecht Israels anerkennen und die Raketenangriffe auf Zivilisten einstellen hätten sie ein grosses Problem weniger.

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Re: Re: israel oll lieber mal menschlich mit den palästinensern umgehen

Sie sprechen das Problem nur zur Hälfte an. Würden die Israelis nicht die Häuser der Palästinenser in den besetzten Gebieten einfach niederreissen und das Land rauben, würden keine Raketen auf jüdisches Gebiet geschossen.

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Re: israel oll lieber mal menschlich mit den palästinensern umgehen

Sie verwechseln Ursache und Wirkung.
Es werden nur Häuser von Palästinensern abgerissen die an Terror-Aktivitäten teilgenommen haben.
Im übrigen werden Raketen ständig ohne Provokation abgefeuert.

Re: Re: israel oll lieber mal menschlich mit den palästinensern umgehen

NoSir, Israels Regime läßt auch willkürlich neue Siedlungen errichten, nach dem Motto, nur wer Fakten schafft, dem ist Recht zu geben . . .

Re: israel oll lieber mal menschlich mit den palästinensern umgehen

Wenn Sie jemand umbringen will,dauernd Ihr Haus und den Garten mit Raketen angreift und Ihr Haus rauben möchte,

werden Sie sich NICHT verteidigen wollen

oder doch?

Antworten Antworten Gast: b754
07.04.2012 10:21
5 9

Re: Re: israel oll lieber mal menschlich mit den palästinensern umgehen

wer hat die palästinensergebeite besetzt und wer hat aus gaza ein ghetto gemacht?

 
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