22.11.2009 01:50 | Meine Presse Merkliste0

Tony Blair und andere Froschkönige

MICHAEL PRÜLLER (Die Presse)

Der Beginn des britischen Abzuges aus dem Irak ist kein Zeichen der Hoffnung, sondern verlogener Resignation.

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Die Verlogenheit der führenden Männer der Irak-Koalition gehört zu den vielen beunruhigenden Aspekten des seit 2003 geführten Krieges. Über den Entschluss zum Feldzug gegen Saddam Hussein mag man ja noch geteilter Meinung sein. Immerhin standen die USA und die anderen selbstbehauptungswilligen Demokratien dieser Welt nach dem 11. September vor einer Situation, für die es aus der Geschichte keine Vorbilder und Erfahrungswerte gab. Da war die Idee, von Bagdad her den Nahen Osten zu modernisieren, zu demokratisieren und damit als Konfliktherd zu neutralisieren, zunächst einmal so blöd nicht. Doch schon der Umstand, dass man die aufgebauschte Bedrohung durch irakische Massenvernichtungswaffen als Vorwand brauchte, war ein Alarmzeichen.

Als lebten sie im Zeitalter des Froschkönigs der Brüder Grimm, „als das Wünschen noch geholfen hat“, ließen sich die Verantwortlichen außerdem mit einer solchen Sorglosigkeit in Tagträume von politisch reifen, dankbar befreiten und verantwortungsvoll agierenden irakischen Eliten fallen, dass man getrost von Selbstbetrug sprechen kann. Von diesem Ausflug in ein geistiges Paralleluniversum sind offenbar weder Bush noch Blair bis jetzt in die Realität zurückgekehrt.

Der nun verkündete britische Abzug wird daher in London damit begründet, dass die Sicherheitslage im britisch kontrollierten Südirak soweit hergestellt ist, dass die Mission so gut wie erfüllt ist. Tatsächlich ist es dort ruhiger ist als im Raum Bagdad, da aufgrund der großen schiitischen Mehrheit die Intensität der muslimischen Glaubenskämpfe nicht so hoch ist. Das ist aber auch schon alles. Die relative Ruhe ermöglicht die schöne Illusion, dass die britischen Truppen erfolgreich, also als Sieger, abziehen können. Blair kann auf diese Weise mit einem letzten Rest nationaler Zustimmung und Gesichtswahrung das Abenteuer beenden, für dessen Beginn er mitverantwortlich ist. Zumindest kann er sich vormachen, dass er das tut.

Die Lage im Irak rechtfertigt einen Abzug in Wirklichkeit keineswegs. Das weiß auch George W. Bush, der dennoch freudig erklären lässt, dass die Fortschritte im Süden, die den britischen Abzug zulassen, ein Zeichen der Hoffnung für die amerikanische Besetzung im Norden seien. Nichts ist der Wahrheit ferner. Der Rückzug der Briten aus der schiitischen Hochburg um Basra wird erstens den Einfluss des Iran im Irak verstärken. Die Fiktion einer halbwegs anständigen einheimischen Polizei- und Militärtruppe erschwert zweitens die Bekämpfung der oft gerade aus ihren Reihen kommenden Mordbrigaden. Das Erlebnis der radikalen Kräfte, den zweitstärksten Besatzer weichgekriegt zu haben, wird die Präsenz der Amerikaner drittens nicht sicherer, sondern prekärer machen. Und damit rückt für die amerikanischen Soldaten in noch weitere Ferne, was US-Vizepräsident Dick Cheney gestern als Losung ausgegeben hat: den Irak nur mit „erhobenem Kopf“, also siegreich, zu verlassen.

Blair weiß das alles. Und noch im Sommer 2006 sprach er von der Absicht, einen gemeinsamen Abzugsplan mit den Amerikanern vorzulegen. Davon ist nicht mehr die Rede, darauf kann er nicht mehr länger warten, wenn er noch als Premierminister den Startschuss zur Beendigung des Abenteuers geben will. Keine Rücksicht also mehr auf den transatlantischen Freund. Was soll es daher, dass Condoleezza Rice erklärt, dass das US-britische Bündnis völlig intakt sei? Wer glaubt ihr das?


Gewiss: Blair holt nicht alle zurück, sondern beginnt einmal mit 1600 von 7100 Mann. Und er tut das zu einer Zeit, wo der Kollateralschaden für die Amerikaner noch am überschaubarsten bleiben dürfte. Es gibt derzeit keinen Radikalenführer im Irak, keinen al-Qaida-Zampano, der die Demütigung des westlichen Bündnisses so wirksam ausschlachten kann, wie dies vor einem Jahr noch al-Zarqawi getan hätte. Auch wird sich die internationale Blamage für Bush mangels Rädelsführer wie Schröder oder Chirac (in statu abeundi) in Grenzen halten.

Aber das Zerbröckeln der Irak-Allianz ist besiegelt. Und das ist für das Land, in dem abscheuliche Schwerverbrecher wie kaum je zuvor den Alltag ganzer Regionen bestimmen können, eine Tragödie – und für die westliche Allianz ein Ausdruck tiefster Resignation. Uns das auch noch als Zeichen der Hoffnung verkaufen zu wollen, ist vielleicht das Hoffnungsloseste an der Sache. Wie soll man noch Restvertrauen in die Führer der freien Welt haben, wenn ihnen die letzten Spuren ihres schwachen Dranges nach Ahnungen von Wahrhaftigkeit abhanden gekommen sind?

Abzug der Briten Seite 1


michael.prueller@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2007)

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