26.05.2013 10:21 Merkliste 0

Die arabischen Islamisten und die Demokratie

WIELAND SCHNEIDER (Die Presse)

Die Europäer müssen akzeptieren, wenn im arabischen Raum nicht sehr sympathische Parteien gewählt werden. Neue Unrechtssysteme dürfen sie aber nicht akzeptieren.

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Lina Ben Mhenni zeigte sich schockiert. Die Argumente, die die Anwälte der Kläger vorgebracht hatten, hätten gut ins Mittelalter gepasst, kritisierte sie in einem ihrer Blogs. Die junge Tunesierin hatte den Prozess gegen Nabil Karoui, den Chef des Senders Nessma TV, beobachtet. Karoui war zu einer Geldstrafe von 1200 Euro verurteilt worden. Sein Vergehen: Er hatte in seinem Sender den preisgekrönten Animationsfilm „Persepolis“ gezeigt. Das Problem dabei: In dem Zeichentrickfilm erscheint in einer Szene Gott. Und ein tunesisches Gericht stufte das als „sittenwidrig“ ein. Ben Mhenni gehört zu der Gruppe junger Tunesier, die im Internet und auf der Straße für den Sturz des tunesischen Machthabers Zine el-Abidine Ben Ali gekämpft haben. Jetzt will die Bloggerin den neuen Herren in ihrem Land genau auf die Finger schauen – der islamistischen Partei Ennahda, die die Parlamentswahl gewonnen hat und den Premierminister stellt.

Ennahda gilt im Spektrum der islamistischen Parteien als eine der moderatesten Gruppierungen. Sie koaliert mit einer säkularen linken Partei, akzeptiert die parlamentarische Demokratie und hat sich bisher an die demokratischen Spielregeln gehalten. Tunesiens gestürzter – säkularer – Autokrat Ben Ali hat das nicht getan. Unter ihm gab es keine freien und fairen Wahlen. Er regierte diktatorisch und ließ Kritiker ins Gefängnis werfen. Seit er im Jänner 2011 ins Exil vertrieben wurde, wurden in Tunesien wichtige Schritte in Richtung mehr Freiheit und Mitbestimmung der Bevölkerung gesetzt. Doch nun tauchen neue Tabus auf, die die Meinungsfreiheit tangieren: und zwar dann, wenn angeblich moralische oder religiöse Empfindungen verletzt werden. Genau das bekam Karoui zu spüren, mit seiner Geldstrafe wegen des Films „Persepolis“.

Seit in einigen arabischen Ländern die diktatorischen Korsetts aufgerissen wurden, haben die Menschen wieder Luft zum Atmen. Doch diese neue Luft der Freiheit atmen alle, auch die islamistischen Gruppen, die in den Jahrzehnten davor meist unterdrückt worden sind. Die Umbrüche haben gesellschaftliche Machtverhältnisse sichtbar gemacht. Sie haben die wichtige Rolle des Islam in der Region aufgezeigt – nicht nur im Privatleben der meist sehr religiösen Bevölkerung, sondern auch in der politischen Arena. Etwa in Ägypten, wo nun Mohammed Mursi, der Kandidat der islamistischen Muslimbruderschaft, neuer Präsident wird. Viele der alten Funktionäre der Bruderschaft wünschen sich ein konservativeres Ägypten, in dem sich Politik und Gesellschaft stärker nach religiösen Vorgaben richten. Gleichzeitig versprechen sie jedoch, die Rechte religiöser Minderheiten wie der Christen nicht antasten zu wollen. Was das alles in der Praxis bedeuten soll, scheint der Bruderschaft selbst noch nicht ganz klar. Sie lotet so wie andere islamistische Organisationen in der Region aus, wie weit sie gehen will – und kann.

Säkulare Intellektuelle in Ägypten oder Tunesien stellen sich jedenfalls bereits auf eine Art Kulturkampf ein. Wenn dieser Kampf innerhalb eines demokratischen Rahmens und mit möglichst wenigen Tabus geführt wird, könnte er sogar befruchtend für den Selbstfindungsprozess der Gesellschaften in den arabischen Ländern sein. Die Chance dazu wäre da: Denn zwischen Tunesiens Ennahda und den Salafisten in Ägypten liegen Welten. Und Ägyptens Muslimbrüder sind – anders als es das Mubarak-Regime suggerierte – nicht al-Qaida. Ob die Chance genützt wird, ist aber unklar.

Im Westen wird man damit leben müssen, wenn im arabischen Raum bei freien Wahlen auch Kräfte an die Macht kommen, die einem nicht besonders sympathisch sind. Sollten die neuen Herren aber Menschenrechte, das Recht auf freie Meinungsäußerung, Minderheiten- und Frauenrechte verletzen und auf die Idee kommen, sich nicht mehr abwählen lassen zu wollen, ist eine rote Linie überschritten. Dagegen muss man in Europa deutlich auftreten. Sonst würde man denselben Fehler begehen wie zuvor bei Ben Ali, Mubarak und den anderen arabischen Potentaten. Man würde dann undemokratische und grausame Systeme akzeptieren – in der Hoffnung auf eine Stabilität, die sich später ohnehin nur als Scheinstabilität herausstellt. berichte Seiten 1 bis 3

 

E-Mails an: wieland.schneider@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2012)

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22 Kommentare
Gast: Luzifer
29.06.2012 00:43
0 0

So ist halt nun einmal die Demokratie -

es entscheidet die Mehrheit des Volkes und die ist seit Jahrhunderten erzkonservativ! Daran haben auch die NATO-Bomben nichts geändert!

Re: So ist halt nun einmal die Demokratie -

was für eine demokratie??
in ägypten??
scherzkeks

Antworten Antworten Gast: Luzifer
29.06.2012 13:53
0 0

Re: Re: So ist halt nun einmal die Demokratie -

Wollen Sie nun die Demokratie auch in den arabischen Ländern? Wenn ja, so müssen Sie die demokratischen Abstimmungen akzeptieren!

Oder bestreiten Sie die erzkonservative Grundhaltung der Ägypter?


Re: Re: Re: So ist halt nun einmal die Demokratie -

nein ich will keine unmöglichen utopien.ich will die beste aller pragmatischen möglichkeiten. das wahlergebniss von 1933 hat in berlin, trotz demokratischem wblaufs, keine demokratie gebracht.

die erzkonsevative haltung der ägyptischen mehrheit wird die demokratie auf demokratischem weg abschaffen...was dann?

Gast: Luzifer
29.06.2012 00:27
0 0

Den Staaten des "arabischen Frühlings"

würde ich gegenüber dem Westen eine ähnliche Politik empfehlen: es einfach nicht hinnehmen, wenn westliche Regierungen sich als "Herren" dieser Welt aufspielen und ohne Kriegserklärung souveräne Staaten je nach Gusto boycottieren und bombardieren! Auch die Entsendung von Mordkommandos zur Beseitigung von aussenpolitischen Feinden sollte in die Zuständigkeit des Internationalen Strafgerichtshofes fallen - auch wenn die betreffenden Staaten sich dessen Juristdiktion "aus guten Gründen" nicht unterwerfen!

chamberlain

apeasement...again?
warten wir ab und handeln wenn es zu spät ist?

natürlich werden wir nie demokratische regierung sehen, solange der koran diesen stellenwert hat.
die trennung von islam und politik ist unmöglich.
daher sollte man vergleichen..ist was kommt schlechter oder besser als das was war?
ich denke es wird schlechter für die ägypter und auch für uns

Gast: beschwerer
28.06.2012 16:00
1 0

abgesehen vom typisch spannenden

schneider-titel: wie sollen wir denn in europa auftreten, wenn uns die regierung in ägypten nicht gefällt? so überzeugend wie gegenüber dem iran? mit wiederkehrenden penetranten hinweisen auf menschenrechte? oder doch mit einer anständigen militärintervention, damit uns die hamdullilahs net auslachen? schneider, Sie gutmenschenträumer...

Gast: schlÄchter
28.06.2012 11:36
6 0

sg herr schneider!

ich fürchte sie unterleigen einem wunschdenken.
der silam wie er von der weit überwiegenden mehrheit-selbst "moderaten" ausgelegt wird lässt keinen-oder sehr wenig- speilraum zu:
dein we daule-einheit von staat und religion - jedes menschengemachte recht muss sich am koran und seiner auslegung (rechtsschulen) messen lassen und insoferne kann es nie eine gleichheit der geschlechter, von recht- und nicht oder ungläubigen geben. höchtsens eine minderstellung als dhimmi.
eine "aufklärung" im sinne der entwicklung wie es im kathol-protestantisch geprägten westen gegeben hat ist derzeit auf absehbare zeit nicht absehbar und von der masse der moslems und auch des klerus und der politischen verantwortlichen auch nicht gewollt.
eine solche könnte auch nur von innen heraus kommen und kann nie von außen erfolgreich aufgedrückt werden: westl. kolonisation schaffte es nicht, ebenso nicht die übernahme westl. ideologien (sozialismus oder nationalsimus auch nicht eine wirtschaftlcihe globalisierung oder kapitalismus) durch die nach der entkolonialisierung an die macht gekommenen, meist westl. geprägten eliten.

die islamische welt befindet sich im rückzug, die strahlkraft westl. zivilisation beschränkt sich auf technischen fortschritt und nicht auf gesellschaftspolitische ideologien oder modelle.

hier parallen komplett andere weltbilder und traditionen aufeinander.
mfg
s.

teligion ist opium für das volk und islam und demokratie ist noch viel unvereinbarer als katholische kirche und selbige....


Antworten Gast: schlÄchter
28.06.2012 13:08
2 0

Re: teligion ist opium für das volk und islam und demokratie ist noch viel unvereinbarer als katholische kirche und selbige....

sg dr. phillip!
ich sehe religion wesentlich positiver und im grunde sogar als wichtige wurzel von zivilsation an, aber in ihrer einschätzung bin ich bei ihnen:
die röm kathol. kirche konnte aufgrund der urchristl. botschft und den ansprüchen des religionsgründers jesus ja von der aufklärung in die schranken gewisen werden: trennung kirche s-staat, jenseitiges reich gottes usw.
jesus war nur religionsbegründer, mohammed, der prophet des islam hingegen eben nicht nur prophet sondern auch staatsmann, gesetzgeber, general und familienvater, daraus resultiert eine wesentlich engere und weit schwierigere trennung-ich behaupte sogar eine unmöglich trennung des islam von politik, sozial- und gesellschftslehre und sttaatlicher rechtsetzung.
das soll keine wertung sein, der islm ist nicht böser oder gewalttätiger als andere religionen, aber vetriott eben ein komplett anderes welt-und menschenbild, ist wesentlich umfassender und absoluter als das christentum.
die zunehmend postchristl. westl gesellschaft kann psychologisch den islam aufgrund ihrer religionsneutralität (was sie aufgrund ihrer wurzeln aber auch nicht sein kann) nicht erfassen-der bemühte kommentar von herrn schneider ist ein gutesd beispiel hierfür.
ich sehe auch keine entwicklung die ein gegenseitiges verständnis fördert-im gegenteil, die gegensätze werden immer größer.

mfg
s.

egal welche religion,

sie hat nur eine chance, wenn die bevölkerung unterdurchschnittlich gebildet ist und wirtschaftlich in einer substandard-wohnung lebt.

so war es mal bei uns. so ist es heute in den islamischen staaten.

erst wenn gott konsum die herrschaft übernimmt, sind die götter der buchreligionen passé. ob allerdings die herrschaft dieses neuen gottes eine bessere ist, sei dahingestellt.

Antworten Gast: schlÄchter
28.06.2012 13:17
2 0

Re: egal welche religion,

sg herr oberst!
ihr materialistischer ansatz stimmt mmn leider nur sehr bedingt: dass wirtschaftliche not radikalismen religiöser oder weltl. politischer natur (aus westl sicht ist das trennbar, in anderen kulturen eben nicht) fördern, heilsversprecher, "populisten" usw. eben zulauf bringen.

aber wohlstand schafft nicht automatisch frieden, religiös-kulturelle oder auch weltl. ideologische prägungen sind sehr mächtig-sind teil einer selbstdeffinition, eines selbstwertgefühls und die kann wohlstand und angst vor wohlstandsverlust nicht beseitigen.

letztes beispiel: libyen: gadaffi hatte einen relativ guten sozialstaat geschaffen, aber schaffte es nicht die religiösen udn ethnischen gruppen zu vereinnahmen.

oder sprechen sie mit chinesen oder türken-diese sind trotz wirtschafstaufschwung und deutlicher verbesserung des lebsnstandards keineswegs bereit ihre kultuirelle tradition abzulegen-im gegenteil.

religion bietet zudem etwas was man nicht kaufen kann: eine hoffnung die über das begrenzte menschliche dasein hinausgeht.

mfg
s.

Re: egal welche religion,

unter Mubarak gabs die Schulpflicht für beide Geschlechter

Gast: gäst
28.06.2012 01:41
1 1

ähm

Saudi Arabien? Wer finanziert denn alle islamistischen Bewegungen von Marokko bis nach Indonesien? Ohne US Protektion wäre das Herrscherhaus schon längst Geschichte.
Hier wird etwas ganz gewaltig ausgeblendet. Ohne westliche Protektion wäre das so nicht möglich gewesen. Die längste Zeit über war die Opposition gegen diese nunmehr Potentaten genannten Diktatoren säkular - und kommunistisch. Letzteres sprach gegen sie. So viel zu Demokratie, Frauenrechten etc..
Und den Herrn Hunter würde ich als Zensor weglöschen. Das Geschwafel von Möchtegernbreiviks muss man nicht unter einem ernst zu nehmenden Artikel lesen.

Gast: Wer föderte die Islamisten seit Jahrzehnten ?
28.06.2012 00:17
5 2

Die USA haben alles getan, um letztendlich die Islamisten an die Macht zu bringen

Ronald Reagan verhandelte im Geheimen mit Khomeini, um gegen Carter zu gewinnen und war Mitbegründer der Al Kaida, indem er Osama Bin Laden in Afghanistan aufrüstete, Nixon unterstützt die islamischen Generäle in Indonesien und in Pakistan, Clinton vernichtete Serbien, Bush vernichtete das laizistische Baath-Regime im Irak .... nur Obama war noch nicht Islamförderer, obwohl ihm die paranoiden Republikaner das nachsagen
Am meisten werden unter dem islamistischen Aufstieg wir Europäer leiden (und Israel) - denn die USA ist weit weg

Antworten Gast: na sowas
28.06.2012 16:43
0 0

Re: Die USA haben alles getan, um letztendlich die Islamisten an die Macht zu bringen

Ja. genau so.Leider.

Gast: Wir müssen Angst haben
28.06.2012 00:10
9 0

Noch sind sie im Schafpelz,

doch wenn sie stark genug sind, werden sie reißende Wölfe, die Islamisten. Und Gnade Gott uns Europäern ....

Gast: Hunter
27.06.2012 21:29
16 2

In ihren Heimatländern sollen die Islamisten machen was sie wollen.

Von Europa sollen sie sich fernhalten bzw wieder weggehen sonst ziehen wir hier ganz andere Saiten auf.

Antworten Gast: Leider mein Freund
28.06.2012 00:19
9 0

Es ist wahrscheinlich schon zu spät

Die Moslems sind schon gegen 70 Millionen in Europa und wachsen schnell und haben auch schon eine Lobby .... etwa in Wien

Antworten Antworten Gast: Hunter
28.06.2012 16:46
1 0

Re: Es ist wahrscheinlich schon zu spät

Wo ein Wille da auch ein Weg.

Re: In ihren Heimatländern sollen die Islamisten machen was sie wollen.

Auf unseren Geigen?

Gast: b754
27.06.2012 21:23
0 20

was für eine überraschung islamisten in einem moslemischen land an der macht

bei uns heißen sie christen

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