21.05.2013 10:37 Merkliste 0

Wie viel Demokratie ist dem Volk zumutbar?

OLIVER PINK (Die Presse)

Die Demagogen, die Querulanten, der Boulevard – die direkte Demokratie hat auch ihre Tücken. Allerdings: Gerade eine solche schafft oft erst den mündigen Bürger.

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Es ist eine der größeren Merkwürdigkeiten in der Rezeption der politischen Ideengeschichte, dass Platons „Der Staat“ heute noch so gute Nachrede hat. Im Kern ist dieses Werk nämlich nichts anderes als eine Legitimation für Diktaturen aller Art, insbesondere kommunistische. Durch nichts außer durch ihre Kaderausbildung legitimierte „Philosophenkönige“ allein wissen, was gut für Land und Leute ist. Man könnte – in Abwandlung eines bekannten Goethe-Zitats aus „Faust“ – auch sagen: „Ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft.“

In stark abgeschwächter Form existiert diese Problematik auch in Demokratien. Eine parteipolitische Elite weiß, was gut für das Volk ist. Und das auch nicht ganz zu Unrecht. Denn schließlich verfügt diese über einen großen Stab an Experten, den Beamten in den Ministerien, die von der x-ten ASVG-Novelle bis zu den EU-Verträgen alle relevanten Details kennen, von denen der kleine Mann von der Straße wenig weiß.

Dieser hat dann immerhin alle vier, neuerdings fünf Jahre, die Gelegenheit, seine Verantwortung an eben diese parteipolitische Elite zu delegieren, die dann gemeinsam mit ihren Beratern in den Ministerien das tut, was sie für richtig hält. Beziehungsweise: In einer Koalitionsregierung das tut, was der Regierungspartner gerade noch zulässt.

Und diesen weitgehend ahnungslosen kleinen Mann von der Straße will man nun mittels Volksbegehren, Volksbefragungen und Volksabstimmungen mehr oder weniger aktiv mitregieren lassen? Die Angst davor ist zwar nicht ganz unbegründet. Aber das ist eben auch das Wesen der Demokratie: Das Volk hat letztlich recht.

Und es ist ja nicht so, dass dieses bei den drei Volksabstimmungen im vergangenen Jahrhundert vollkommen irrationale Entscheidungen getroffen hätte: 1920 entschied sich eine Mehrheit der Südkärntner Bevölkerung für den Verbleib dieser Region bei Österreich, auch viele Slowenen stimmten nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Überlegungen dafür. Es war immerhin auch eine Entscheidung für eine (junge) Demokratie und gegen ein autoritäres Königreich. Auch nach dem Nein zu Zwentendorf 1978 gingen hierzulande keineswegs die Lichter aus. Und der EU-Beitritt Österreichs, dem die Bevölkerung 1994 mit einer Zweidrittelmehrheit ihren Sanktus gab, war summa summarum bisher nicht zum Schaden des Landes.

Gerade diese EU-Volksabstimmung hat gezeigt, was der tiefere Sinn eines solchen Plebiszits sein kann: Weder in den Jahren davor noch danach war die österreichische Bevölkerung so gut über die Europäische Union, ihre Strukturen und ihr Recht, ihre Vor- und Nachteile informiert wie damals. Das war und ist auch die Bringschuld der Parteien – und sie haben sie seinerzeit bestens erfüllt (wenn man von Jörg Haiders „Schildlausjoghurt“ vielleicht einmal absieht).

Dann wird aus dem unwissenden kleinen Mann von der Straße auch ein mündiger Bürger. Und je mehr es von solchen gibt, desto unbegründeter ist die Sorge, dass Volksabstimmungen zu Festspielen für Demagogen und den Boulevard werden und zu für die Allgemeinheit „schädlichen“ Ergebnissen führen.

Und auch das bisher meist zahnlose Instrument des Volksbegehrens würde aufgewertet, wenn ab einer bestimmten Unterstützeranzahl eine Volksabstimmung danach zwingend wäre. Nun lässt sich freilich nicht ganz ausschließen, dass sich nicht auch 650.000 Querulanten zusammenfinden, um ein zweifelhaftes Anliegen mittels Volksbegehren zur Volksabstimmung hochzuziehen. Aber es ist ja nicht gesagt, dass die Mehrheit dann dazu auch Ja sagt.

Man kann und soll freilich auch nicht über jedes Thema abstimmen: Wenn Minderheitenrechte berührt sind, wäre es seltsam, wenn die Mehrheit darüber befinden würde. Auch Grund- und Menschenrechte eignen sich dafür ebenso wenig wie heikle Materien wie die Todesstrafe oder das Völkerrecht.

Dennoch ist dem Volk ein Mehr an Demokratie durchaus zuzumuten. Und außerdem: Wer will schon von „Philosophenkönigen“ regiert werden, wenn er es selbst in der Hand hat? Zumindest zum Teil.

 

E-Mails an: oliver.pink@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2012)

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19 Kommentare
Gast: whoCares
04.07.2012 20:14
4 0

die Pfründe- und Privilegienwirtschaft nennt sich Sozialdemokratie

. . . Parteien sind Interessengemeinschaften und müssten dem Bürger kompetente Fachleute für alle Ressorts und Institutionen zur Wahl stellen.
So kann der Bürger die von den Parteien für ein bestimmtes Ressort nominierten Kandidaten aufgrund ihres Curriculums vergleichen und die Wahl treffen.
Der Weg zur Persönlichkeitswahl!

Gast: Klare Worte
04.07.2012 16:36
2 1

In Österreich hat es nie wirkliche Demokratie gegeben!

Immer haben einige Kapazunder die Richtung vorgegeben. Die Medien haben die "richtigen" Argumente geliefert und Kritik als dumm, rechtsextrem und infantil abgelehnt. Viele Sachen werden auch einfach verschwiegen.

Mittlerweile sind die Leute schon zornig auf die Politiker, weil diese auch Wahlen ad absurdum führen.

Wann haben Wahlen in Ö je wirklich was geändert?

Wann ist zu heiklen Themen eine Volksabstimmung mit sachlicher Argumentation erfolgt?

NIE!!!

Antworten Gast: Vogel Strauss
04.07.2012 20:41
0 0

Re: In Österreich hat es nie wirkliche Demokratie gegeben!

Wir sind eben die gelebte Sozialpartnerschaft ...

0 1

Im Großen und Ganzen...

...muss ich zustimmen.
Zum vorletzten Absatz allerdings:
Warum soll man über diese heiklen Themen nicht abstimmen? Wer sollte denn dann über Minderheitenrechte entscheiden? Auch Politiker sind vor problematischen Entscheidungen ja nicht gefeit. Da würde ich mich mit Volksabstimmungen, die bei so heiklen Themen z.b. einer 2/3-Mehrheit bedürfen, noch wohler fühlen.

In letzter Zeit nennen sich die Eurokraten gerne "Eliten"!

Dabei ist das, was sich in der EU-Kommision, in hohen EU-Ämtern und im EU-Parlament herumtreibt, das genaue Gegenteil davon!

Keine Partei, die zuhause Wahlen gewinnen muss (die EU-Wahl ist ja völlig bedeutungslos) kann es sich leisten, einen tüchtigen Politiker an die EU zu verlieren. Dorthin werden ausnahmslos Leute entsandt, die zuhause mit Sicherheit niemandem abgehen. Wir haben daher dort keine "Elite", sondern eine negative Auslese, die fast täglich ihre Unfähigkeit aufs Neue beweist!


Volksabstimmungen liefern Zufallsergebnisse und sind nur dadurch zu rechtfertigen, dass die Entscheidungen der Politiker auch nicht besser sind!

Die Zwentendorf-Abstimmung ist ja nur deshalb so ausgegangen, weil Kreisky gesagt hat, er würde bei negativem Ausgang zurücktreten. Es haben deshalb nicht nur die Kernkraftgegner sondern auch die SPÖ-Gegner gegen Zwentendorf gestimmt. Das ist ein ganz schlechtes Beispiel für einen sachlich gerechtfertigten Volksentscheid!

Bei der EU-Beitrittsabstimmung konnte niemand ahnen, dass der Wille der Deutschen, den Euro als Hartwährung zu etablieren, von einer Mehrheit der EU-Staaten nicht mitgetragen werden würde, was zur derzeitigen Eurokrise mitsamt ihrer Unlösbarkeit (die EU kauft ja immer nur Zeit und weiß keinen Ausweg aus diesem Schlamassel) geführt hat.

Auch wusste damals niemand, dass die EU so organisiert ist, dass der Wähler nicht den geringsten Einfluss auf die Politik der EU hat. Es hat ja damals niemand gewusst, dass bei der sogenannten EU-Wahl nur die heimischen Parteien, aber gar nicht die EU-Politik zur Wahl stehen wird. Wenn diese demokratiefeindliche Organisation der EU damals bekannt gewesen wäre, wäre auch diese Wahl wohl anders
ausgegangen!

Volksabstimmungen führen daher kaum zu einem sachlch richtigen Ergebnis, tragbar sind sie überhaupt nur deshalb, weil Politiker von Ideologien beherrscht werden, die sie zwingen, immer wieder die gleichen unsinnigen Fehler zu machen, sodass auch deren Entscheidungen meist rational nicht begründbar sind!

0 0

Re: Volksabstimmungen liefern Zufallsergebnisse und sind nur dadurch zu rechtfertigen, dass die Entscheidungen der Politiker auch nicht besser sind!

Die Frage ist, was ein "sachlich richtiges Ergebnis" überhaupt ist bzw. ob so etwas (besonders in politischen Fragen) überhaupt möglich ist. Im Endeffekt ist es doch eine Frage der Sichtweise, was richtig ist und was nicht.
Eine historische Entscheidung auf Basis von darauf folgenden Entwicklungen zu beurteilen, wie Sie das z.b. beim EU-Beitritt tun, halte ich sowieso für sinnlos - zum Zeitpunkt des EU-Beitritts hätte die Entwicklung in alle möglichen Richtungen gehen können. Vernünftige Politiker, die die Problematik der Entwicklung erkannt hätten, hätten sogar gegensteuern können.

Gast: Luzifer
04.07.2012 11:30
0 1

Und was ist, wenn die (angeblich) wohlinformierten Eliten

ein Land in ein wirtschaftliches Desaster wie zB. den ESM-Vertrag führen? Darf sich die "Bevölkerung" dagegen wehren? In welcher Form? Ist DAFÜR oder DAGEGEN sein reine Demagogie? Immerhin ist auch Frank Stronach, unser Parade-Konzernherr, der bei einer Fehlentscheidung viel zu verlieren hat, aktiv geworden und warnt!!!

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Das Volk wird abstimmen ohne die Eliten des

politischen Systems.

Einfach dann, wenn sie für den Wert des "Gewaltmittels" Geld nicht mehr bürgen.
Ganz einfach.

Das politische System ist dann irrelevant. Das spielte nie eine Rolle.
Die Frage ist, gesetzt dem Fall, wie die Politiker agieren werden.

Das ist eine Milchmädchenrechnung. Dürfte aber zu den "Eliten" noch nicht durchgedrungen sein.

mindestens zweimal pro jahr wird es zu einer "lex krone" kommen!

und ich würde gerne das gesicht von pink sehen, wenn die krone ein gesetz durchbringt, das die subventionen im medienbereich streicht.
für die krone ein klacks, entsprechend zu mobilisieren. ihr ziel (offiziell: subventionen reduzieren. inoffiziell: einen wettbewerbsvorteil noch weiter auszubauen) ist ja ein durchaus lauteres, oder?
und die presse-leute stellen sich am ams an....

ps.: da der ausgang von direkten abstimmungen eng zusammenhängt mit dem eingesetzten werbebudget, werden auch eine lex novomatic-graf (steuerbefreiung für einarmige banditen) sowie eine lex sigi wolf (höhere subventionen für landwirtschaftliche großbetriebe) oder eine lex mateschitz (transportkostenzuschuss für redbull dosen) problemlos mit einer zustimmung des volks enden!

pps.:es ist zwar ein krasses beispiel, doch das totalitäre nazi-regime hätte JEDE ihrer positionen bei einer direktabstimmung durchgebracht. inklusive "wollt ihr den totalen krieg".

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Re: mindestens zweimal pro jahr wird es zu einer "lex krone" kommen!

Sie wollen also allen Ernstes erzählen, dass das derzeitige System uns vor zu viel Einfluß der "Krone" bewahrt?

ad pps.: das hätte es vielleicht, aber was beweist das? Weil sie kein Allheilmittel ist, sollte es nicht mehr Bürgerbeteiligung geben?


Antworten Antworten Gast: Tourist
04.07.2012 15:09
0 1

Re: Re: mindestens zweimal pro jahr wird es zu einer "lex krone" kommen!

Es gibt einen guten Grund warum zb in D das Volk den Praesidenten nicht direkt waehlt.

Die Verfassungsvaeter hatten erkannt, dass das Volk zu bloede dafuer ist.

Solange die Menschen nur das Nachplappern, was ihnen die Boulevardmedien vor die Nase setzen, hat direkte Demokratie wenig Sinn.

Wenn sie ein Problem mit der herrschenden Klasse haben, muessen sie sie eben ABWAEHLEN oder demonstrieren gehen.

Wo kommen wir denn da hin? Als naechstes Politik per Internetumfragen?

Was direkte demokratie auf Landes und Gemeindeebene angeht, bin ich 100% dafuer.

Man kann und soll freilich auch nicht über jedes Thema abstimmen"

das ist genau das problem: welches thema ich auch immer ausnehme, ich verlagere nur die grenzen, dessen, was ich an die experten da oben, die es besser wissen, delegiere...und im grunde bestimmt dann wieder eine elite, was dem volk für eine abstimmung zuträglich ist, oder nicht.


Gast: Kibietz
03.07.2012 21:03
2 1

Das Volk ist der Souverän

und der kann und soll über alles entscheiden. Der Parlamentarismus istmit Volksvertretern die gegen den Volkswillen regieren am ende

Poper "Die offene Gesellschaft" lesen und begreifen dass "Der Staat" nur von anti-demokraten hochgehalten wird

Der Staat ist wichtig weil er das erste große Staatsphilosphische Werk ist, ansonsten wird er von jedem demokratisch rechtsstaatlich gesinnten Menschen abgelehnt.

Es ist traurig dass gerade die Linke immer wieder ins Gegenteil abdrifftet.

Gast: Mai
03.07.2012 19:22
1 3

Falsch gedacht

Grund- und Menschenrechte sind ihrem Wesen nach nicht diskutierbar oder gar zur Abstimmung geeignet.
Nicht dass ich für vorpositives Recht viel übrig hätte.

das argument gegen inflationär angesetzte plebiszite...

...ist nicht, dass "parteipolitische Elite weiß, was gut für das Volk ist", und das volk besser nix zu reden haben soll.

Vielmehr geht es um die frage der repräsentativität: eine parl. Versammlung, die von 80 % der bev. gewählt ist ist allemal repräsentativer als die hunderste volksabstimmung mit 20-25% beteiligung, wie das im neuen presse-lieblingsland schweiz üblich ist.

Das heißt: plebiszitäre elemente stärken heißt NICHT, das es darum demokratischer zugeht, eher im gegenteil! Nicht nur entscheidet permanent eine aktivistischere minderheit, sondern auch der parlamentarismus, kernelement jeder demokratie, wird übergangen und damit geschwächt. Ein doppelter schaden ist somit angerichtet, von "mehr demokratie" keine spur!

Antworten Gast: Kibietz
03.07.2012 20:58
5 1

Re: das argument gegen inflationär angesetzte plebiszite...

Daliegen sie falsch!

sie sehen ja selbst wieviel der Parlametarismusmomentan anrichtet unddas offenbar gegen den Volkswillenregiert wird.

Jetzt einfach zu sagen "Wir sind die gewähltenVolksvertreter und können in den nächsten 5 Jahren tun und lassenwas wir wollen" geht einfach nicht.

p. versteht den sinn der parlamentarischen demokratie nicht


für den sind parteien, wie für die die katholisch-konservative rechte der 1920er u. 30er-jahre böse, für ihn ist "parteiendemokratie" nicht "wahre demokratie".

demokratie ist aber mehr als möglichst oft und zu allem volksabstimmungen durchzuführen. der sinn der REPRÄSENTATION liegt ja eben darin, dass diese volksvertreter eben die möglichkeit haben mehr als ja/nein auf ein paar von den mächtigen vorgegebene fragen zu sagen; als GESETZGEBER als KONTROLLE der regierung haben sie viel mehr macht&möglichkeiten als sie alle volksabstimmungen der welt zusammen haben.

die repräsentative demokratie ist der plebiszitären nicht nur überlegen - alle funktionierenden demokratien sind repräsentativ - sie ist auch demokratischer, denn der volkswille kommt in ihren parl. versammlungen viel eher zum tragen, als in einzelnen abstimmungen.

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