25.05.2013 09:31 Merkliste 0

Das Mittelmaß mobilisiert seine Systemerhalter

MICHAEL FLEISCHHACKER (Die Presse)

Frank Stronachs „ZiB 2“-Auftritt wird von Teilen der intellektuellen Eliten mit genüsslicher Häme quittiert. Das zeigt, dass er einen wunden Punkt getroffen hat.

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Frank Stronachs Auftritt in der „ZiB2“ vom Dienstagabend hat die sozialen Netzwerke zum Glühen gebracht: „Schräg“ sei der Auftritt des ehemaligen Werkzeugmachers gewesen, posteten die milderen Rezensenten auf Facebook, „krank“ diagnostizieren twitternd die schärferen. Offensichtlich fühlen sich viele bestätigt in ihrer himmelhohen Überlegenheit gegenüber einem durchgeknallten Milliardär, der sich einbildet, er könne und solle, nur weil er Geld hat, die Verhältnisse ändern, in denen man es sich gemütlich gemacht hat.

Angesichts dessen, was an diesem Abend im „ZiB“-Studio tatsächlich passiert ist, wirken diese Rezensionen ein wenig exzentrisch. Ein erfolgsverwöhnter 80-Jähriger ohne herkömmliche Medienerfahrung hat sich nicht an die Regeln des öffentlich-rechtlichen Interviewjournalismus gehalten. Und?

Man muss Stronachs Meinung, dass Ex-Magna-Manager Sigi Wolf ein toller Bundeskanzler wäre, wirklich nicht teilen. Sein Anspruch, er sei zurückgekehrt, um der österreichischen Bevölkerung die Wahrheit zu verkünden, wirkt etwas überspannt. Und dass er sich in seinen politischen Planungen von Peter Westenthaler beraten lässt, wird viele vernünftige Menschen davon abhalten, mit Stronach zu kooperieren.

Aber woher kommt die offen zur Schau gestellte Verachtung, mit der die österreichische Journalisten-Boheme Figuren wie Frank Stronach und Dietrich Mateschitz verfolgt? Menschen, die auf eine lange Karriere als Passivsportler zurückblicken können, erklären einem präzise, warum Herr Mateschitz, dessen Team gerade österreichischer Fußballmeister geworden ist, im Fußball versagt hat. Professionelle politische Beobachter, deren intellektuelle Alltagsherausforderung in Gesprächen mit österreichischen Abgeordneten und Regierungsmitgliedern besteht, merken pikiert an, dass Frank Stronach kein Intellektueller sei.

Es sieht so aus, als käme eine Gruppe von Menschen, die Tag für Tag ins Büro gehen, Überstunden notieren und zugleich den Eindruck einer waghalsigen künstlerischen Existenz erwecken müssen, nicht damit zurecht, dass da jemand nicht nach ihren Regeln spielt. Würde jemand diese Exponenten der intellektuellen Elite so behandeln, wie sie das mit Frank Stronach oder Dietrich Mateschitz tun, wäre ihr Urteil klar: ein typischer Fall von Kleinbürgerspießertum. Das Außergewöhnliche wird als Normabweichung identifiziert und mit allen verfügbaren Mitteln aufs eigene Mittelmaß heruntergeschrieben.

Anders ist nicht erklärbar, dass man Frank Stronach empört vorwirft, er wolle sich Politiker kaufen. Was tun denn Parteien und Sozialpartner seit Jahrzehnten anderes? Der Unterschied besteht lediglich darin, dass Stronach bereit ist, für die Durchsetzung seiner Interessen eigenes Geld einzusetzen, während die etablierten Institutionen es als ihr heiliges Recht ansehen, dafür das Geld der Steuerzahler zu verwenden.

Dass sich die Parteien gerade eine Verdoppelung ihrer Apanagen aus dem Steuertopf genehmigt haben, wird maßvoll kritisiert. Dass ein erfolgreicher Unternehmer einige Millionen in die Finanzierung einer Partei investieren will, die im politischen Wettbewerb seine Vorstellungen repräsentiert, wird als Angriff auf die Demokratie denunziert: Irgendetwas stimmt da nicht.


Die Häme, die jetzt über die Unbeholfenheit, das Pathos und das Sendungsbewusstsein Frank Stronachs ausgegossen wird, ist nichts anderes als ein lautes „Haltet den Dieb!“. Da sagt einer, der es sich leisten kann, Dinge, die wir alle auch längst hätten sagen können. Weniger pathetisch, weniger linkisch, weniger abgehoben vielleicht. Aber letztlich führt uns da einer, der auf nichts Rücksicht nehmen muss, vor Augen, dass wir Journalisten es uns in dem System, das wir von Zeit zu Zeit mit einer hübschen Pointe kritisieren, ganz gut eingerichtet haben.

Man mag von Frank Stronachs politischen Ideen und ihrer Umsetzbarkeit, vor allem von seinen personellen Vorstellungen, halten, was man will. Wie die Medien derzeit als Systemerhalter des herrschenden Mittelmaßes agieren, zeigt jedenfalls, dass er einen wunden Punkt getroffen hat. Die Schmerzensschreie sind unüberhörbar.

 

E-Mails an: michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2012)

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132 Kommentare
 
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Das System ist krank

weil die Gesellschaft krank ist.......
-die Familien wurden zerstört;
-die Sozialdemokratie ist verludert und verkommen;
-die chrsistliche Sozialleher wurde von den Christlich Sozialen verraten und verkauft;
- die Oligarchen prägen unseren Rechtsstaat und machen die Mafia gesellschaftsfähig;
Korruption ,vom kleinen Mann bis in die Staatsspitze hat sich fest verankert.

ein altes sprichwort

nur getroffene hunde bellen

Gast: MadDocNeinTeen
06.07.2012 18:59
1 0

Herr Fleischhacker,

oft bin ich nicht Ihrer Meinung, aber dieser Kommentar ist einer der besten, den ich in letzter Zeit lesen durfte, ich kann gar nicht mehr sagen, als: Danke, Sie sprechen mir voll aus dem Herzen!
Die Selbstkritik an Ihrem Berufsstand ist auch sehr erfrischend, zeigt es doch zum Teil das Selbstbild einer Berufsgruppe auf, die sich für ach so intellektuell hält, aber zum Großteil gar nicht merkt, wie abhängig sie von öffentlichen Geldern (also den gerade regierenden Politikern) oder Großbanken ist - und wenn sie er doch merkt, so verkommen ist, dass sie nicht versucht aus der Abhängigkeit auszubrechen! Nein, große Teile des Journalismus leiden an einer Art Stockholmsyndrom und solidarisieren sich mit seinen Knechtern!
Da die Jugend (viele meiner Freunde und ich) es satt haben, ständig die selben unkritischen Plattitüden zu lesen, glaube ich, dass die Zukunft der Medien zum Teil in Formen wie Blogs liegt, zum anderen gibt es eine gar nicht so kleine Nische für Meinungen wie Ihre heute, für die man auch bereit wäre, online zu bezahlen!
Starten sie doch bitte eine kostenpflichtige, bürgerliche Meinungsrevolution im Netz, ich glaube, Sie würden damit nicht so schlecht fahren...

Antworten Gast: UKW
06.07.2012 21:18
0 0

Re: Herr Fleischhacker,

Eine "kostenpflichtige, bürgerliche Meinungsrevolution im Netz" hat wirklich seinen Reiz. Mich törnt das richtiggehend an, dass ich künftig fürs Posten zahlen soll, wo ich doch bei anderen Websites gratis meinen Senf ablassen darf.

Voll dabei

Ich bin, muss ich zu geben, durch Zufall und Zappen in dieses Interview hineingestolpert. Und ? Ich war ehrlich gesagt fasziniert und musste einfach bis zum Schluss Lauschen.

Es geht mir nicht darum Gepflogenheiten oder Stile in Frage zu stellen, aber was Frank Stronach gesagt hat, hat mir wenigstens Hoffnung gegeben das es noch Menschen gibt, die noch etwas verändern wollen und das zugeben auch selber zu Unterstützen. Die Piraten, ja nett, chaotisch und neu, soll so sein, vielleicht nötig, aber nicht zielführend.

Was ich glaube was Frank Stronachs Partei zum Höhenflug bringen könnte ist. Wenn er wirklich Mitstreiter findet und auch seine Idee als Berater und Sponsor verwirklichen kann, die Sinn und Hoffnung ergeben, wäre das die erste sinnvolle Wahlmöglichkeit seit 12 Jahren, die mich wieder zur Teilname an einer Wahl animieren könnte.

Gebt ihm eine Chance und Hilfe das sich wieder etwas tut in Österreich. Wir jammern alle und tun eigentlich nichts dazu und er hätte jetzt Zeit und Mittel uns aus diesem Loch und der Verzweiflung "Ist da noch wer oder was" rauszuführen.

Wenn das Programm stimmt meine Stimme hätte er !!

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Rüpeln kann ich auch

Ich bin ebenfalls Steuerzahler, muss ich den Schmarren von Herrn Fleischhacker wirklich antun um meine Presseförderung?

Wow, Herr Fleischhacker, das paßt und das sitzt ...

Entlarvend ohne die Tolpatschigkeit haben sie die österreichsiche Befindlichkeit ohne Umschweife auf den Punkt gebracht.

Ich hasse sie, diese österreichischen Millimetersucher in den poltisch fein sortierten Medien, die meisten von Ihnen Ab- und Nachschreiber aber nicht Journalisten.

Genau so stellt es sich dar, das, dem wir Nachlaufen, weil wir zu feige für den eigenen Weg mit all seinen Risiken sind. Trampeltiere der Autobahn statt mutiges Durchschreiten der Fauna und Flora.

Gäbe es doch tausende so laute "Stronachs" oder besser "Strohsacks", die einfach einmal sich querlegen und eine Nachdenkpause bei ihren Kritikern fordern.

Toll getroffen und voll zu unterschreiben.

"nachdenkpause"


das ist genaus das, was fle, onkel frank und das presse-forum verbindet...die pause....die niemals endet...denn dieses nachdenken...ist ja so bohemienhaft...so...intellektuelll...und...mittelmäßig...

Gast: B52
05.07.2012 21:15
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Unbeholfenheit und Pathos

soll man also loben? Na aber wirklich nicht. Der Mann hat bekommen, worum er gebettelt hat. So wie der Lugner jedes Jahr am Opernball.

Ja, man kann es loben, wenn ich mir die gleichgeschalteten Marionetten ....

im Flohzirkus des Parlaments und am Künigelberg vor Augen halte.

Bei einem Stronach oder Mateschitz weiss ich dreissig Sekunden woran ich bin, bei unseren Poltikern in drei Generatioen nicht.

Es gibt auch ....

.... Menschen - einfache aus dem Volk - die es gesagt haben, da sie die Politikszene etwas genauer beobachtet haben, allerdings bekommen diese Personen kein Interview in der ZiB 2 und werden auch nicht so beachtet, wie ein Milliardär der in Österreich doch einige Tausend Arbeitsplätze geschaffen hat. Selbst die Arbeitsplätze für nicht wirklich gelungene Projekte waren eben solche. Der ORF kann auch nicht jeden Leserbriefschreiber zum Interview laden. Sendungen mit Bürgerbeteiligung sind sehr selten und die Zeiten für Wortmeldungen der Bürgerinnen und Bürger sind auch dort knapp bemessen, da immer mindestens fünf Politikerinnen oder Politiker auftreten müssen, die dann ihr bekannten Botschaften zu übermitteln haben.Herr Resetarits müsste wohl ein Direktor im Fernsehen sein, damit er mehr große Abendsendungen bekommt. Wie singt der arme Milchmann im Musical "Anatevka": "Wenn ich einmal reich wär........ hören ..... auf meinen Rat."

Gast: geld istwg!
05.07.2012 17:58
4 0

Da traut sich ein Journalist seine Medienkollgen zu kritisieren

Hut ab M Fleischhacker, es gibt doch Einzelne welche erkennen dass esnicht genögt nur immer die Anderen zu kritisieren- ohne konstruktive Vorschläge einzubringen, sondern es auch einmal nötig ist vor der eigenen Türe zukehren.

Bis auf wenige deutsche Medien, kann sich die Presse als einzige österreichische Tageszeitung doch noch zu den Qualitätsmedien zählen.

Antworten Gast: zumutbares
05.07.2012 19:05
0 0

Re: Da traut sich ein Journalist seine Medienkollgen zu kritisieren

Bin gespannt, wann die Presse provokanter wird, um zumutbare Diskussionen zu initiieren. Die Berichterstattung zur Bildungsmisere war beachtenswert, Ednan Aslan`s Kommentar nach der Islamgesetzfeier unglaublich. Sozialleistungstransparenz, Gesundheitsreform, Integration, direkte Demokratie könnten z.B. ebenfalls kompetent "beackert" werden.

Gast: selbstkritik
05.07.2012 16:02
3 0

selbstkritik

ist so selten bei journalisten. tut gut. hat der fleischhacker auch mal recht.

Gast: Mai
05.07.2012 15:56
2 0

Vielen Dank

Jedoch:
"Da sagt einer, der es sich leisten kann, Dinge, die wir alle auch längst hätten sagen können."

Wir hätten die Dinge längst sagen sollen, sagen müssen.
Und nicht nur die Journalisten.

Gast: Luzifer
05.07.2012 14:22
5 1

Was ist "schräg" an F. Stronach, wenn er

sich die "Einbegleitung" seines Interviews durch einen einseitigen Vorspann (wie es inzwischen zum "Stil" unseres Rotfunks gehört) nicht gefallen läßt und vor den Fragen der ORF-Interviewerin seinerseits "Statements" abgibt. Chefred. Fritz Dittelbacher, der Ehemann von Lou Lorenz, sollte einmal für eine ausgewogenere Einführung in das Thema des Interviews sorgen! Die "Richtigstellung" von Stronach ist also nicht schrägt sondern sein gutes Recht!!

Und zur Frage, ob ex-CEO S.Wolf einen guten Bundeskanzler abgeben würde: Umschreiben wir es so: Wolff hat gezeigt, daß er einen Großbetrieb führen kann. Ob umgekehrt Faymann das Zeug zum (erfolgreichen) Leiten eines Konzerns wie MAGMA hätte , darf füglich bezweifelt werden. Aber keine ANGST, es wird keiner auf diese (schräge) Idee kommen ...

Gast: Held der Arbeit
05.07.2012 13:59
1 1

alles richtig

nur die wahre ursache, herr fleischhacker, ist doch, dass sich die etablierten parteien mit steuergeld schon längst sämtliche medien unter den nagel gerissen haben (da muss man gar nicht, wie unser intellektuell unterprivilegierter bundeskanzler, irgendwelche inserate schalten). und damit ist es für diese meschpoche ein leichtes, sich mit der geballten medienmacht gegen den gemeinsamen feind zu wenden.

Gast: AuskennerIn
05.07.2012 12:59
4 0

Tja, die Leut' woll'n die Wahrheit halt nicht wissen ...

DANK an alle Poster, die Kommentatoren wie

charles james fox
austrokanadier
der physiker
etc (oberst falaffel nicht zu vergessen)

nicht mehr mit einer Entgegnung adeln, sondern sie einfach unkommentiert ihren Dummsinn absondern lassen.

Damit lässt sich das parteipolitische Kampfposterunwesen dauerhaft und elegant lösen!

Antworten Gast: nureingast
05.07.2012 13:47
0 3

Re: Tja, die Leut' woll'n die Wahrheit halt nicht wissen ...

Der nächste, der uns die WAHRHEIT verkaufen möchte...

Gast: Stefan Madl
05.07.2012 12:45
3 0

Sehr treffender Kommentar!


Medien und Wahrheit!

Diesmal JA zu diesen Ansichten und Ausführungen, von Hr. Fleischhacker!

Gast: schlÄchter
05.07.2012 11:59
5 0

sg herr fleischhacker

bravo!!!
mfg
s.

Antworten Gast: Hutbürger
05.07.2012 12:39
2 0

Re: sg herr fleischhacker

Volle Zustimmung!

frank überragt uns alle um dings...längen


wir sind alle dieses großen mannes und seiner visionen, die keineswegs nur leere phrasen sind ("meine werte: die wahrheit"), nicht würdig. um zu verbergen, wie tief beschämt wir sind ob der brillanten einsichten von onkel frank, verstecken wir unsere angst und unsicherheit hinter hämischer kritik.

aber dr. med. fle hat uns durchschaut! in wahrheit sind wir kleinbürger, weil wir der genialische künstlernatur, die onkel frank nunmal ist, nicht tribut zollen, ihn in gestalt von orf ("part of the system") ständig mit lästigen fragen zu unterbrechen versuchen, und partout nicht einsehen wollen, warum es "österreich dienen" soll, wenn einer, der sein geld lieber steuersparend in der schweiz parkt, als es in ö zu versteuern, jetzt die regierung übernehmen soll.

solche kleinlichen einwände kommen selbstredend von leuten, die wert darauf legen, dass buchstaben- und wortkombinationen einen sinn ergeben sollen, sofern sie nicht als expressionistische oder dadaistische lyrik gekennzeichnet sind - man nennt solche besserwisser INTELLEKTUELLE oder auch die BOHÈME.

solchen kann man es nie recht machen, die sind wie wirtschaftswissenschaftler: "bulls without balls", nicht?

Antworten Gast: dingsballs
05.07.2012 16:35
0 0

Re: frank überragt uns alle um dings...längen

james, may I serve your balls, please?

Gast: öjjklöklj
05.07.2012 11:48
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Welche Intellektuellen?

Herr Fleischhacker scheint einen recht weiten Begriff von Intellektuellen zu haben. Das "Kleinbürgerspießertum" gehört sicher nicht dazu. Das Problem in Österreich ist es ja, dass es kaum Intellektuelle im Sinne "frei schwebender Intelligenzen" (Karl Mannheim) gibt und viele die sich für Intellektuelle halten schlichtwegs borniert und korrumpiert sind.

 
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