23.05.2013 21:56 Merkliste 0

Die schwierige Gratwanderung des Sebastian K.

RAINER NOWAK (Die Presse)

Wer glaubt, dass die Integrationsprobleme in Österreich gelöst wären, irrt gewaltig. Das weiß – hoffentlich – auch ein sonniges Gemüt wie der zuständige Staatssekretär.

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Der Befund gehört mittlerweile zum Allgemeinwissen der österreichischen Politik: Integrationspolitik wurde hier jahrzehntelang kaum betrieben, die Probleme wurden fast vollständig ignoriert. Traten Symptome – wie das Bekanntwerden alarmierend mangelhafter Deutschkenntnisse von Schülern mit anderer Muttersprache oder aber plötzliche FPÖ-Erfolge – auf, wurde keine Krankheit diagnostiziert, sondern das getan, was in der heimischen Innenpolitik häufig passiert. Die Situation wurde schöngeredet. Wien war in dieser Disziplin besonders erfolgreich.

Insofern ist die Situation 2012 ganz anders und doch ein bisschen ähnlich: Wie nicht erst seit dem Vorliegen des Integrationsberichts 2012 am Montag bekannt ist, gibt es spätestens seit der Gründung eines eigenen Staatssekretariats gute Fortschritte in der Integrationspolitik. Auch an dieser Stelle war zuvor die Skepsis formuliert worden, dass eine einzelne Person mit angeschlossenem PR-Stab angesichts der großen Probleme nicht viel ausrichten könnte, außer freundliche Nasenlöcher zu machen, um es salopp zu schreiben. Das war eine großteils falsche Einschätzung. In der Politik bewegt auch Symbolik viel: Wurden zuvor völlig verschiedene Themen wie Integration und Asylpolitik in einem Atemzug genannt, nämlich von der für beides zuständigen Innenministerin, gibt es nun die notwendige Trennung. Denn Asyl und Zuwanderung sollten nichts miteinander zu tun haben. Diese Trennung gelingt nach nur einem Jahr schon so gut, dass bei der Diskussion über Integration nicht sofort eine unnötig emotional geführte Arigona-Zogaj-Debatte ausbricht.

Der Staatssekretär, dem das große Lob von Medien, aber auch dem Ressort verbundenen Experten im jüngsten Bericht fast schon peinlich werden müsste, hat auch einiges dazu getan. Da wäre einmal die richtige Erkenntnis, dass das Thema Zusammenleben zwischen sehr grob über den Daumen gerechneten 6,75 Millionen Altösterreichern – um einen alten Begriff einmal neu zu verwenden – und rund 1,5 Millionen neuen oder künftigen Österreichern eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung benötigt. Diese kann nicht allein staatlich verordnet werden, muss von unzähligen Initiativen und der Bevölkerung getragen werden. Sprich: Ohne Mithilfe von allen und entsprechende Grundstimmung in der Bevölkerung geht nichts. Daran arbeitet Kurz wie keiner vor ihm.

Aber – kleine Parallele zu vor zehn, 20Jahren – Aufbruchstimmung und atmosphärisch tatsächlich notwendige PR-Offensiven, die Kurz ausgelöst beziehungsweise gestartet hat, drohen wieder jene Alles-ist-gut-Stimmung zu konstruieren, die Heinz-Christian Strache und Freunde so gern haben, um von der Diskrepanz zwischen oben formuliertem Erfolg und unten wahrgenommener Krise zu profitieren. Wer glaubt, die größten Probleme seien gelöst und das Thema Ausländer stehe nicht mehr auf der Wahlkampftagesordnung (der FPÖ), irrt.

Es wurde nur von der Eurokrise, dem ESM-Schutzschirm und dem dazugehörigen Populismuspotenzial abgelöst. Ein Blick in die nächste Volksschule von Wien Fünfhaus oder die Beobachtung der üblichen Riten junger Wiener mit betont türkischer Identität am Samstagabend vor der Lugner-City genügt, um zu wissen: Es gibt beim Thema Integration noch viel zu tun. Vor allem aber: Gewisse Probleme wird man aufgrund fehlender Integrationsbereitschaft einerseits und offener Ablehnung andererseits niemals lösen. Es geht nur darum, damit besser leben zu können.

Das weiß hoffentlich Sebastian Kurz, der in Gesprächen und in der Pressekonferenz bei allen Jubelmeldungen auch gebremst hat: Es brauche lange Zeit, bis sich Erfolge einstellen, heißt es in dem Bericht. Kurz hat sich folgerichtig die großen Brocken vorgenommen: Die Verbesserung der Deutschkenntnisse ist und bleibt Herzstück jedweder Integration. Ohne Anstrengungen an Schulen, Unis und berufsbegleitender Ausbildung gibt es keine solche.

Sebastian Kurz mag Staatssekretär für Integration sein, die wahre Ministerin für Integration heißt Claudia Schmied. Und von ihr ist von Integrationsplänen bisher wenig bis nichts zu hören. Womit also auch Kurz wissen müsste: Noch ist nicht viel passiert.

 

E-Mails an: rainer.nowak@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2012)

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23 Kommentare

Vieles bleibt weiterhin ausgeklammert

Wir wiederholen unsere Einwände gegen die wissenschaftlich-statistische Weichzeichnung der Probleme durch den Expertenrat im Integrationsbericht: neuer Unterschichtstatus der ehemaligen Gastarbeiter und ihrer Nachkommen unter den heimischen Fach- und Hilfsarbeitern/Messung der rassistischen Ausgrenzung im Rahmen des Anti-Muslimismus und Anti-Türkismus/ wissenschaftliche Beachtung der Identitätsformen der Migranten im Rahmen einer Hybriditätstheorie/erweiterte Integration von Migranten-Expert_innen in den Expertenrat beim BMI / Errichtung des angekündigten Online Integrations-Wissensportals, wo auch die Publikationen der jetzt ausgeschlossenen Migranten-Expert_innen integriert werden (vgl. http://or-om.org/krmigration.docx ).

Gast: Hunter
10.07.2012 15:32
1 0

Rotschwarze Unfähigkeit und Inkompetenz mit System nennt sich das.

Eine Gratwanderung würde voraussetzen man weis was man tut...

Gast: Kurti
10.07.2012 15:12
5 0

2 Sätze muss man sich auf der Zunge zergehen lassen:

Gewisse Probleme wird man aufgrund fehlender Integrationsbereitschaft einerseits und offener Ablehnung andererseits niemals lösen. Es geht nur darum, damit besser leben zu können.

Frage:
Warum müssen wir mit fehlender Integrationsbereitschaft von Migranten leben? Selbst die Grünen sind dafür, dass Leute, die sich nicht integrieren wollen, besser Österreich verlassen. Leute mit fehlender Integrationsbereitschaft verursachen schließlich hohe Kosten und soziale Spannungen bis hin zur Kriminalität.

Bei der angeblich offenen Ablehnung (wenn es die nicht integrationsbereiten Ausländer betrifft, wohl zu Recht) ist erstens nicht viel passiert. Und zweitens können die Altösterreicher leider nirgendwohin ausweichen, weil es leider nur 1 Österreich gibt.

Gast: ökono-mist
10.07.2012 12:46
3 0

ZIB 2 zum Wegschneiden...


Die mittelhartnäckige Befragung zum (mehrschichtigen) Beschneidungsthema durch einen für seine seine hartnäckige Süffisanz bekannten ZIB 2-Moderator brachte es gestern Nacht an den Tag:

Willst du Regierungs-(Mit-)Glied bleiben, dann leiste dir alles - bloß keine eigene Meinung...

P. S.: Auch ganz Junge haben diesen repräsentativ-"demokratischen", ungeschriebenen Ver(h)altenskodex offenbar sehr schnell intus...

P. P: S.: Dabei gäbe es gerade bei diesem Thema sehr wohl die Möglichkeit, eine parteikonforme, christlich-soziale Privatmeinung zu haben - oder etwa nicht?

P. P. P. S.: Und wiederum fällt mir ein uralter ÖVP-Werbekalender ein. Dort stand auf einem Kalenderblatt (wohlgemerkt: damals ironisch gemeint, und auf andere, nämlich auf kollektivistischere, Parteien gemünzt):

"Wir haben hier ein Amt und keine Meinung!"

Warum bloß habe ich mir diese alten Sprüche so gut gemerkt? Bloß so?

Ein schattiger Kommentar...

...zum sonnigen Kurz.

1 12

So kann Österreich in der Integrationpolitik niemals Erfolg haben!

Die Österreicher müssen zuerst ihre Einstellung zu Migranten aendern! Wenn Menschen schon30, 40 oder 50 Jahre hier leben, müssen sie auch Hausherren sein können. Nein der Österreicher möchte für immer alleiniger Hausherr sein. Warum sollen denn sich Migranten anpassen, wenn sie niemals zu Elite der Gesellschaft gehören kann!
Es wird daher viel Kurz und Lanf geben und das Problem weitergehen!

Antworten Gast: Gast: Leser
10.07.2012 11:46
7 1

Re: So kann Österreich in der Integrationpolitik niemals Erfolg haben!

Es ist eigentlich ganz einfach: wer sich als Migrant in Österreich (oder sonst einem fremden Land) niederlassen will, muss sich anpassen/integrieren. Wer das tut (sich zumindest echt bemüht) sei herzlich willkommen. Wer hingegen unbedingt seine frühere nationale Identität behalten und sich nicht integrieren will - in Ordnung: der/die soll aber umgehend zurück in die alte Heimat (wenn nicht freiwillig: abgeschoben!)

11 0

Re: Re: So kann Österreich in der Integrationpolitik niemals Erfolg haben!

Im Kern haben Sie recht, nur ist die Sache etwas komplexer. Ich bin bspw. geborener Italiener, stolz darauf und bleibe von meiner Identität her auch Italiener, auch wenn ich seit der Volljährigkeit einen öst. Pass habe. Meine Frau und mein Sohn sind ebenfalls keine Österreicher, übrigens auch keine Italiener. Trotzdem sind wir alle gut integriert. Das Hauptproblem ist wie ich finde der prozentual viel zu hohe Zuzug von Migranten mit niedrigem Bildungsstandards und islamischer Konfession aus dem arabischen Raum und der Türkei. In diesen Herkunftsländern und das erschwert neben dem Bildungsproblem die Sache, ist das es dort keine Trennung von Konfession und Staat gibt und wenn, dann nur auf dem Papier. Auch existieren in diesen Ländern zumeist vollkommen andere ethische, moralische und erzieherische Werte. Bspw. gibt es mit Migranten aus China, Phillipinen, Thailand etc., trotz anderer oder keiner religiösen Konfession überhaupt keinerlei Probleme. Warum wir dies von den Herren Politikern nicht thematisiert. In Italien ist es ähnlich!

Antworten Antworten Antworten Gast: Gast: Leser
10.07.2012 14:56
1 7

Re: Re: Re: So kann Österreich in der Integrationpolitik niemals Erfolg haben!

"Stolz" auf etwas zu sein, auf was man selbst keinen Einfluss hat, ist wohl das Blödeste, was man sich vorstellen kann. Stolz kann man wohl nur auf eigene Leistungen und Errungenschaften sein. Angehöriger einer Nation zu sein ist wohl das Letzte worauf man "stolz" sein kann. Damit beweist man auch - zumindest unterschwellig - eine Verachtung anderer Nationen und Völker (warum ist man denn "stolz", ein Italiener , Österreicher, Deutscher usw. zu sein? Offenbar, weil man sich anderen Völkern überlegen dünkt. Auch Hitler hat den Menschen eingeredet, sie müssten "stolz" darauf sein, Deutsche, d.h. besser als andere Völker zu sein; die Folgen kennt man ja).

Re: Re: Re: Re: So kann Österreich in der Integrationpolitik niemals Erfolg haben!

dies ist eine kleinlich sichtweise, meist von westlichen Menschen gehört.
Der Stolz auf die kultur in der man aufwächst, hat was mit eigenliebe zu tun. wer zu seinen Wurzeln nicht steht entwickelt oft Komplexe. ohne Eigenliebe ist auch fremd-liebe nicht echt möglich. in Bezihungen weiss man das seit langem. Und nur weil ich treu zu etwas stehe , muss ich nicht andere abwerten. da geht es wieder um Komplexe. Reife liebe ist nicht ausgrenzend.
viele Österreicher haben große Komplexe was die Heimat betrifft - link wie rechts. für Migranten wirkt das etwas krank. lernt von uns :-)

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Semjon
10.07.2012 16:22
2 0

Re: Re: Re: Re: So kann Österreich in der Integrationpolitik niemals Erfolg haben!

Sie haben ja Recht, aber "Stolz auf die Nation" ist außerhalb Österreichs und Deutschlands trotzdem sehr verbreitet. Mein Gott, sollen sie...

3 0

Re: Re: Re: Re: So kann Österreich in der Integrationpolitik niemals Erfolg haben!

Verzeihen Sie, aber das ist nicht richtig. Man kann im übertragenen Sinn sehr wohl stolz auf sein Land sein - im Sinne von Stolz auf Errungenschaften, die Landschaft, Kultur, oder vielleicht sein Fußballnationalteam. Mit Verachtung anderer Nationen (so ein Blödsinn bitte!) oder Überlegenheitsgefühl (was soll denn das bitte - abstrus)) hat das rein gar nichts zu tun.

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Sicher kann man stolz sein ....
11.07.2012 00:06
2 0

Re: Re: Re: Re: Re: So kann Österreich in der Integrationpolitik niemals Erfolg haben!

... Chinessen sind zb auch stolz auf ihre Küche. Und ich mag sie ;) Aber sie leben gerne in Österreich und lieben unser Land. Ein gutes Beispiel das beides geht. Es gibt nur leider einige Menschen, die ständig sagen, wie sch... Ö ist und die Ösis beleidigen ohne Ende. Das kann es einfach nicht sein.

Ein Blick in die nächste Volksschule von Wien Fünfhaus oder die Beobachtung der üblichen Riten junger Wiener mit betont türkischer Identität am Samstagabend vor der Lugner-City genügt

ein blick in das nächste wirtshaus oder bierzelt genügt ebenfalls.

Gast: NY
10.07.2012 09:16
2 10

junger Wiener mit betont türkischer Identität

Welche Identität sollten diese jungen Männer auch sonst haben? Nimmt auch nur ein "Altösterreicher" diese Männer als Österreicher wahr?

Warum wird von Migranten und ihren Kindern dieses starke Bekenntnis zu Österreich verlangt, wo doch (und schon wieder verwende ich ihren liebgewonnen Terminus) "Altösterreicher" sich nicht einmal zu Österreich bekennen!

Antworten Gast: frau
10.07.2012 17:20
3 0

Re: junger Wiener mit betont türkischer Identität

Weder jene Machomänner noch die Kopftuchfrauen und schon gar nicht jene Mitbewohner die Deutsch als Umgangssprache verweigern wollen als Österreicher wahr genommen werden!

Und da es für diese Leute die sich in keiner Weise anpassen wollen genügend (finanzielle, sprachliche...) Unterstützung und Aufenthaltsgenehmigungen in Österreich gibt werden sie auch weiterhin so leben wie sie es ("mittelalterlich") gewohnt sind.

Und genau das ist das (Integrations-)Problem!

Re: Re: junger Wiener mit betont türkischer Identität

eigentlich ist es doch ein Migrationsproblem. natürlich gibt niemand gern seine Kultur/Sichtweisen/Traditionen ab an den Grenzen. natürlich prägen Eltern und Freunde. zb.Juden und andere Diaporas nennen sich nach Jahrtausenden noch Juden. ihre kultur hätte sich ja komplett auflösen können

aber wenn einen das stört , soll man die einwanderung begrenzen - das einzig ehrliche! wenn ihr mutiger wäret, wäret ihr weniger verärgert

5 0

Re: junger Wiener mit betont türkischer Identität

Es geht hier wahrscheinlich mehr um die betont türkische Identität. Viele "Altösterreicher" bekennen sich nicht zu Österreich, weil sie sich zu keinem Nationalstaat bekennen wollen, darin liegt der Unterschied.
Insgesamt wäre es aber sicher förderlich, wenn es insgesamt, von "Alt"- wie auch "Neu"-Österreichern, ein stärkeres Bekenntnis zu Österreich gäbe - wenn schon nicht im Sinne von Nationalstolz, dann zumindest im Sinne eines "froh darüber Seins" Österreicher zu sein.

Antworten Antworten Gast: schlÄchter
10.07.2012 13:10
1 0

Re: Re: junger Wiener mit betont türkischer Identität

sg joquer!
so sehe ich es auch.
+
mfg
s.

wenn die Türken deutsch lernen, laufts auch

in meiner Firma sind Akademiker von Iran über Türkei bis Kolumbien beschäftigt, alle sprechen.... deutsch!
der Kolumbianer sogar binnen weniger Jahre!

es kommt immer darauf an, welche Bildung die Migranten haben, ergo Zuwanderung a la Australien einführen!

selbst. Thomas Muster musste durch deren punktetest!

Gast: b754 b
09.07.2012 23:59
5 0

Guter Artikel!

Gratulation

Gast: cle
09.07.2012 22:36
10 0

lugneriade

"...die Beobachtung der üblichen Riten junger Wiener mit betont türkischer Identität am Samstagabend vor der Lugner-City genügt, um zu wissen: Es gibt beim Thema Integration noch viel zu tun...."

Warum so bieder?! Nette Abwechslung zu Bobostan

Gast: gast21_
09.07.2012 22:02
11 0

Wo Claudia Schmied

draufsteht - ist (im besten Fall) heiße Luft drin.

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