19.05.2013 17:05 Merkliste 0

Rumänien, oder die Gefahren des politischen Manichäismus

MICHAEL LACZYNSKI (Die Presse)

Beim Sturm auf die Bastionen der politischen Gegner werden die Eckpfeiler des Rechtsstaats zerschossen.

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Die Optik ist mehr als nur schief, sie ist geradezu verheerend. Wer in den vergangenen Wochen die Konvulsionen in der rumänischen Innenpolitik mitverfolgt hat, kann nur den Eindruck gewonnen haben, dass da eine außer Rand und Band geratene Clique mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, die eigene Macht zu zementieren und politische Gegner kaltzustellen. Akribisch listet die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ jene Gesetze auf, die die sozialdemokratischen Strategen rund um Regierungschef Victor Ponta zurechtgebogen haben, damit die Demontage ihres präsidialen Erzfeindes Traian Basescu reibungslos über die Bühne gehen kann: Artikel 9/2 des Gesetzes 35/1997, Artikel 27 des Gesetzes 47/1992, Artikel 115/6 der Verfassung und so weiter und so fort. Dieser Weg ist mit politischen Leichen gepflastert: Unter anderem mussten im Zuge des Zangenangriffs auf Basescu der Volksanwalt und die Parlamentspräsidenten dran glauben.

Abseits der berechtigten Frage nach der Rechtmäßigkeit sollte man auch die demokratiepolitische Dimension nicht außer Acht lassen. Ponta ist nämlich nicht dank eines Wahlerfolgs an die Macht gekommen, sondern wurde nach einem Misstrauensvotum installiert, um die Regierungsgeschäfte interimistisch bis zur Parlamentswahl im Spätherbst zu führen. Natürlich könnte man an dieser Stelle das Gegenargument in die Schlacht werfen, dass jeder, der im Parlament über eine Mehrheit verfügt, automatisch legitimiert ist. Doch daraus ein Mandat zum Umbau des Staatsapparats abzuleiten, wie Ponta es offenbar tut, geht doch einen Schritt zu weit.

Wie verteidigen nun die Vertreter des linken Lagers die Vorgangsweise der rumänischen Regierung? Die Begründung, die man am häufigsten hört, lautet: Die anderen würden es doch genauso machen, Präsident Basescu sei auch kein Chorknabe, und überhaupt mache Ponta nur das rückgängig, was sein Rivale versaut habe. Das Spielfeld werde geebnet, damit, wenn das finale Gefecht gegen Basescu gewonnen ist, alles wieder mit rechten Dingen zugehen könne.

Interessanterweise ist das eine Erklärung, die man in Zentral- und Osteuropa immer wieder hört. Ähnlich argumentiert in Budapest Viktor Orbán, und auch die Kaczyński-Zwillinge in Polen bedienten sich vor wenigen Jahren dieser Endkampfrhetorik. Dem politischen Gegner wird dabei jegliche Legitimation abgesprochen, er ist sozusagen der Gottseibeiuns, während die eigenen Parteisoldaten in die Rolle der himmlischen Heerscharen schlüpfen.

Dieser Hang zum politischen Manichäismus hat einen Grund: Im jahrzehntelangen Kampf gegen den real existierenden Sozialismus waren die ideologischen Gräben unüberbrückbar und die staatlichen Organe als Erfüllungsgehilfen der Sowjets diskreditiert. Nicht von ungefähr schmückte Gary Cooper als Sheriff aus dem Streifen „Zwölf Uhr mittags“ 1989 das erste Wahlplakat der polnischen Solidarność: Es ging um Freiheit und Gerechtigkeit – und um die Abrechnung mit den verhassten Unterdrückern.

Das Problem ist nur, dass anno 2012 Teile der zentral- und osteuropäischen Eliten diese Haltung immer noch verinnerlicht haben, obwohl sich die Umstände geändert haben. Dass bei dem Sturm auf die gegnerischen Bastionen die Eckpfeiler des Rechtsstaats zerschossen werden, wird als Begleitschaden in Kauf genommen. Die Möglichkeit eines zivilisierten Dialogs mit seinen rechtsliberalen Kontrahenten scheint Pontas Vorstellungskraft zu übersteigen. Auch bei seinem ungarischen Kollegen hat man das Gefühl, er ziehe die Möglichkeit einer Wahlniederlage gar nicht mehr in Betracht.

Der EU bleibt in diesem Zusammenhang nur der undankbare Part des erhobenen Zeigefingers. Was die europäischen Beobachter aber auf keinen Fall tun sollten, ist für die eine oder andere Partei Stellung zu beziehen. Nicht einen der Kontrahenten gilt es zu schützen, sondern die Institutionen. Auch SPÖ-Europaparlamentarier Hannes Swoboda, der noch vergangene Woche seinem rumänischen Gesinnungsgenossen die Stange gehalten hat, scheint mittlerweile zu dieser Einsicht gelangt zu sein. Besser spät als nie.

 

E-Mails an: michael.laczynski@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.07.2012)

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9 Kommentare
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Gut getroffen!

Der Analyse ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen! Großartig!

Warum ich Ihnen gratuliere?

S.g. Herr Laczynski!
Ihr Kommentar ist wertvoll und beschreibt die Motivation der Geschehnisse in Rumänien auch aus historischer Sicht, pointiert und richtig! Zu ihrer Erklärung der Lage in Osteuropa käme noch hinzu, dass die Rumänen prinzipiell überzeugte Individualisten sind, wie der große Denker und Soziologe Tudor Vianu, bereits in den 60er Jahren deutlich festgestellt hat. Vielleicht war diese Haltung eine Überlebensstrategie, eines unter dem kommunistischen Joch leidenden Volkes. Die Polen sind aber keine, notwendigerweise, Individualisten! Über Details und die Richtigkeit der Informationen (aus aktuellem Anlass) kann und sollte man auch in der Tagespresse streiten! Die tiefen Gründe zu durchleuchtern, warum was passiert, ist die Aufgabe. Der STANDARD hat es mal erfolgreich versucht und ihm ist das auch gelungen. Vor Jahren! Heuer, zum Thema Viktor (Ungarn) & Victor (Rumänien) haben sie`s verlernt. Die einfache Frage beantworten zu versuchen, WARUM was passiert, zeigt sich - in vielen anderen Berichten zum Thema Ponta`s Rumänien - als problematisch. Dies schaffen nur wenige, sehr wenige! Ich gratuliere für den gelungenen Kurzbericht! Sie haben die Frage WARUM - meiner Meinung nach - richtig beantwortet!

Was hat man sich eigentlich erwartet?

Der Unterschied zu Ungarn ist nur, daß viel nachsichtiger mit den Rumänen umgegangen wird, weil ja "Links" und das Gemeckere der EU wird sicher nichts bringen. Diese Länder hätten in der EU schon überhaupt nichts zu suchen. Wird man jetzt Rumänien auch so vorführen und erniedrigen wie die Ungarn?

Gast: b754
13.07.2012 11:07
0 2

die waren halt bei schüssel in der lehre


Herr Laczynski,

in Rumänien gibt es keine Sozialdemokraten, es gibt auch kein rechtsliberales Lager, so wie sich das die westeuropäischen EU-Träumer einbilden. Die gesamte politische Elite besteht dort - genauso wie im Großteil der anderen osteuropäischen Länder - aus verkappten Kommunisten bzw eigentlich Totalitaristen, deshalb sind solche Dinge wie in Bulgarien (Rechte), Ungarn (Rechte) und Rumänien (Linke) möglich. Wissen Sie was der bulgarische Premierminister früher war: in den 80-ern Leibwächter des bulgarischen Diktators Schivkov (politisch-kommunistisch-totalitaristisch indoktriniert bis ins Knochenmark, oder was glauben Sie, wer sonst Leibwächter werden konnte); in den 90-ern Mafioso (Businessman) bei dubiosen bulgarischen Versicherungsgesellschaften ("Motto: Kommen Sie zu uns, damit wir nicht zu Ihnen kommen"); schließlich oberster Polizist (!) in Bulgarien und jetzt Premier der rechtsliberalen Regierung. Diese Leute haben die Schule des Totalitarismus aufgesaugt, eine Demokratie ist dort erst in 20-30 Jahren ernsthaft möglich. Diese Leute hat die EU nun zu uns gehört, obwohl selbst die Bulgaren und Rumänen davor gewarnt haben. Ich meine, auch bei uns geht es teilweise so zu, aber dort ist das noch um Potenzen höher.

Antworten Gast: Gast: Leser
13.07.2012 12:58
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Re: Herr Laczynski,

Vasile Ponta ist 39 Jahre alt, war also zum Zeitpunkt des Sturzes von Ceausescu erst 16. Er wird also wohl kaum ein totalitärer Kommunist sein. Das heißt natürlich nicht, dass ich ihn verteidigen will. Übrigens hat ihn Martin Schulz, der (SPD-)Vorsitzende des EU-Parlaments, kürzlich als guten Freund bezeichnet.

Antworten Antworten Gast: zahlenspielerei
13.07.2012 15:38
0 0

Re: Re: ... ein guter freund,


Es ist gerade unter guten Freunden üblich sich die ungeschminkte Wahrheit ins Gesicht zu sagen - von wem sonst sollte man einen Mehrwert an Selbsterkenntnis erwarten, vom Spiegelbild etwa? Schulzens erste Stellungnahme war für mich niederschmetternd, der ich ihn wegen seiner direkten Art bewundere die Dinge unverblümt beim Namen zu nennen.
Es mag sein, daß er sich als Parlamentspräsident einer verbindlicheren Sprache befleißigen muß, wie auch der englische Rumänien-Kenner und -beobachter Tom Gallagher in seinem Kommentar zu Pontas vorwöchigen tour d'horizon in Brüssel anmerkte: während die Konservativen bereits fleißig auf ihn eindroschen, waren die Freunde bemüht seinen ersten Weg mit Blumen zu bestreuen. Als es aber zur Sache ging, vorgestern und gestern, fand Schulz nicht minder harsche Worte zu den Vorgängen und Kommunikationsfachleute in Rumänien selbst lasen nicht nur aus den Worten sondern auch aus der Körpersprache des Deutschen eine deutlich verhärtete Haltung heraus.
Natürlich sprang auch unser Mann in Brüssel auf den fahrenden Zug auf, doch über ihn zu räsonieren finde ich müßig. Mit Außnahme des Bulgaren Stanischew, einem verknöcherten Altkommunisten unter dem Umhang der Sozialdemokratie osteuropäischer Webart, erntete Ponta (auch sein Helfershelfer Corlăţean, Justizminister) nur Mißbilligung - und es müßte selbst den größten Phlegmatikern bei ihm zu Hause zu denken geben.

Gast: zahlenspielerei
13.07.2012 00:30
0 0

kurzer abriß der herrschaft in rumänien


Von der Vereinigung der Fürstentümer Moldova und Muntenia (Walachei) in 1859 bis zur Abdankung des letzten Königs 1947 hatte Rumänien 104 Regierungen, wobei 1859 - 1862 jedes Fürstentum seine eigene stellte - 7 bzw.9.
Die kommunistische Periode (1947-1989) kannte 19 Regierungen und die postkommunistische brachte es auf 13. Insgesamt also 136 Regierungschefs.
Diesen gegenüber standen im gesamten Zeitraum 17 Staatsoberhäupter (ein Fürst, ein weiterer Fürst in der Folge König, Könige, Staatspräsidenten) plus ein Triumvirat als Statthalter plus zwei Interimspräsidenten, sechs davon in der Zeit der Volksrepublik.
Das Amt des Staatsoberhaupts erscheint in dieser Aufstellung als Ruhepol der staatlichen Konstruktion wenn auch nicht durchwegs als Garant der Kontinuität, unter dem sich der Reigen der Regierungen wie ein wildgewordenes Karussell drehte. Wenn nun die Unsitte einreißt bei jedem Regierungswechsel das Staatsoberhaupt aus dem Amt zu jagen, kann man sich ein lebhaftes Bild von der Marschrichtung des Landes hin zur Stabilität machen - schlimmer als italienische Verhältnisse.

Gast: nicek
12.07.2012 19:09
0 1

Was genau ist daran bitte schlimmer

als das Treiben derjenigen die uns via ESM für Generationen versklaven wollen ?

http://www.focus.de/politik/deutschland/kisslers-konter/kisslers-konter-mit-dem-esm-endet-europa_aid_766565.html

oder das was die EU-Bürokraten so vorhaben und deren Helfershelfer ?

http://www.focus.de/politik/deutschland/kisslers-konter/kisslers-konter-europas-innerer-feind-sind-seine-luxus-buerokraten_aid_777616.html

Der einzige für mich erkennbare Unterschied ist der Stil: Nicht so offensichtlich brutal, mit mehr Lügen-Nebelwand.
Das Ziel ist hier wie da die totale Macht, die momentan vor physischer Liquidierung der Gegner noch zurückschreckt, aber wer hätte vor 2 Jahren noch gedacht, dass so ein Putsch (ESM-Theater) von oben in EUropa überhaupt angedacht wird, geschweige denn (auch von vielen Medien) ungehindert umgesetzt wird.
Viele lassen ihre Maske jetzt fallen, dahinter ist oft nichts mehr zu erkennen was mit Menschlichkeit zu tun hat, sondern nur (ins Verderben führende) "alternativlose Sachzwänge".

Mittlerweile halte ich (leider) alles für möglich.
Wenn die Demokratie im Großteil EUropas in den nächsten Wochen, Monaten, Jahren vielleicht auf den härtesten Prüfstand seit deren Existenz gestellt wird, beschossen von extrem links wie rechts, Großkapital und "Religionen" die in Wirklichkeit eine andere Staatsform sind: Dann wird (trauriger weise) Rumänien und deren eventueller Rückfall in die kommunistische Diktatur nur eine Fußnote sein, wenn auch vielleicht eine entscheidene Lunte.

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