25.05.2013 08:06 Merkliste 0

Syrischer Teufelskreis aus Angst und Extremismus

WIELAND SCHNEIDER (Die Presse)

Der syrische Widerstand muss Minderheiten wie den Alawiten und Christen die Furcht vor den Rebellen nehmen. Nur so kann die Revolution gelingen.

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Es war die „Normalität“ inmitten des kriegerischen Wahnsinns, die die Szenerie so bizarr erscheinen ließ: Noch vor einer Woche waren die Cafés der Altstadt von Damaskus voll mit jungen Männern und Frauen, die bei Tee, libanesischem Bier und Wasserpfeifen scherzend beieinander saßen. Ihr Geplauder wurde immer wieder von Gefechtslärm unterbrochen, der aus den Außenbezirken und Vorstädten drang. Es war, als würden die Wiener in den Kaffeehäusern und Lokalen des Ersten Bezirkes weiterhin Melange, Mehlspeisen und Cocktails genießen, während Panzer durch Hütteldorf, Ottakring und Schwechat rollen und auf Rebellen schießen, die sich dort verschanzt halten.

Nun rückt der Krieg immer näher ans Zentrum der syrischen Hauptstadt heran. Und die „Normalität“, die die Bewohner für ihr eigenes Seelenheil aufrechtzuerhalten versuchten, wird immer mehr zur Schimäre. Wenn man bereits vor einer Woche ein wenig an der Außenschicht dieser zu Schau gestellten „Normalität“ kratzte, stieß man auf Verzweiflung und Angst. Angst davor, in die Wirren des Aufstands gegen Machthaber Bashar al-Assad hineingezogen zu werden. Angst davor, etwas Falsches zu sagen und deshalb in die Mühlen des Polizeistaates zu geraten. Aber auch Angst vor den Rebellen, die sich immer näher an die Innenstadt herankämpfen.

Im Zentrum und der Altstadt wohnen nämlich viele, die sich ihr Leben in Assads Diktatur durchaus erträglich eingerichtet haben: Geschäftsleute, denen es finanziell nicht schlecht ging, solange sich in Damaskus noch die Touristen tummelten. Und viele der Altstadtbewohner sind Christen. Sie mögen Assads Clique nicht lieben, aber sie ziehen sie nach wie vor den Bewaffneten auf der anderen Seite der Front vor. Denn je länger die Revolte in Syrien dauert, desto mehr werden die Rebellen von Extremisten unterwandert. Der internationale Jihaddisten-Wanderzirkus, der schon in Afghanistan, auf dem Balkan und im Irak sein Unwesen getrieben hat, macht nun in Syrien Station. Für ihn stellt die Führung in Damaskus ein geeignetes Feindbild dar: Das arabisch-nationalistische Baath-Regime setzt auf einen säkularen Staat. Ein wichtiger Teil der herrschenden Schicht gehört so wie Präsident Assad der Religionsgruppe der Alawiten an, die von radikalen Sunniten nicht als „richtige“ Muslime akzeptiert werden.

Auch im Westen sorgt man sich darum, wer so aller in den Reihen den Rebellen mitkämpft, und darum, was nach Assad kommt. Das ist auch einer der Gründe dafür, warum die USA und die Europäer im Falle Syriens bisher relativ zurückhaltend waren. In einem Worst-case-Szenario könnte eine Revolution in Syrien Jihaddisten an die Macht spülen, die Rachemassaker an „ungläubigen“ Minderheiten wie Alawiten und Christen verüben, die lange auf Assads Seite standen. In einem nicht ganz so dunklen Szenario könnten Gruppen wie die Moslembrüder ohne Blutbad an die Regierung kommen. Und diese könnten sich dem Nachbarn Israel gegenüber weit kompromissloser zeigen als Assad. Der syrische Herrscher galt zwar als ein Erzfeind Israels. De facto waren aber sowohl Damaskus als auch Jerusalem darum bemüht, den Frieden zu wahren.

Je länger der Aufstand tobt und vom Regime mit unfassbarer Gewalt bekämpft wird, desto größer droht der Einfluss von Extremisten zu werden. „Die USA und die UNO haben euch nicht geholfen. Der Einzige, der euch hilft, ist Allah“, gehört schon zu den Standardsätzen salafistischer Prediger, die Syriens Rebellen anzuspornen versuchen. Es gilt deshalb, den syrischen Teufelskreis so rasch wie möglich zu durchbrechen. Amerikaner und Europäer haben den Ton verschärft. Sie wollen aber nach wie vor keine Alleingänge außerhalb der UNO. Und Russland mauert – wegen seiner alten Freundschaft zum Assad-Regime, aber auch, um seine Macht zu demonstrieren. Der Westen muss verstärkt versuchen, Moskau auf seine Seite zu ziehen, um in breiter Front vorgehen zu können. Und Syriens Widerstand muss alles tun, um Christen und Alawiten die Angst zu nehmen und auf die Seite der Revolution zu ziehen. Nur so kann das Abgleiten in einen grausamen Bürgerkrieg entlang konfessioneller Fronten vermieden werden.

 

E-Mails an: wieland.schneider@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2012)

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16 Kommentare
Gast: Jasemin von Damaskus
15.08.2012 13:07
0 0

Verfälschung der Wahrheit

Ihr könnt nicht ohne die Verfälschung der Realität leben nicht wahr!!!!!!
Diese Leute, die gegen das syrische Regime kämpfen, haben glaube ich eine andere Name als was hier steht. Sie heißen ,,Freie syrische Armee"
Und damit sie noch wissen, unter ihnen sind Alawiten, Christen( Seit wann gibt es von den Christen Salafisten??????)....

Gast: Hamdudeldei
17.07.2012 15:34
0 3

"internationale Jihaddisten-Wanderzirkus, der schon in Afghanistan, auf dem Balkan und im Irak sein Unwesen getrieben hat"

Ja, diese boesen "Jihaddisten". Komischerweise war da die NATO auch nie weit ...

Antworten Gast: Üzi Güzi
17.07.2012 23:23
2 0

Jihaddisten-Wanderzirkus, Komischerweise war da die NATO auch nie weit ...

Komischerweise kommt zu den Verletzten auch die Rettung....... ist jetzt die Rettung an allem schuld?

Die Antwort dürfte jeder kennen, und damit wird auch die Intention des Kommentars deutlich.

Aufständische

Lieber Herr Schneider!
Die Wahrheit ist, dass die "Aufständischen" einfach Islamisten sind, die untereinander zerstritten sind und die aber gemeinsam gegen Christen und Alawiten kämpfen und einen Schariastaat errichten wollen.

Solch ein Versuch wurde bereits von Assads Vater blutig niedergeschlagen.

PS: Wie oft man so einen Beitrag umschreiben muß damit er, politisch korrekt, veröffentlicht wird, ist sagenhaft.

Gast: schlÄchter
17.07.2012 11:56
4 0

sg herr redakteur schneider!

syrien ist wie der irak oder auch libyen ein artifizieller staat-in den grenzen welche die französische mandatsmacht - damals noch unter einschluss des damals mehrheitlich christl. libanon gezogen hat. es gibt relativ geschlossenen siedlungsgebiete der alewiten und drusen, die unter französ. herrschaft sogar eigene teilstaaten hatten.
alewiten werden von den wahabitischen sunniten-massiv gefördert von den us-protegees saudi arabien und katar und auch der türkei (die selbst eine gewichtige aleitische minderheit hat).
für die wahabiten sind gerade die alewiten ketzer - ebenso die drusen und auch die christen haben keine/wenig tolranz zu erwarten - saudi arabien zeigt es ja vor.
ihre forderung "Syriens Widerstand muss alles tun, um Christen und Alawiten die Angst zu nehmen und auf die Seite der Revolution zu ziehen. Nur so kann das Abgleiten in einen grausamen Bürgerkrieg entlang konfessioneller Fronten vermieden werden." klingt schön und gut, wird aber nicht klappen, wenn die wahabitisch geförderten sunnitischen hardliner sich durchsetzen. sicherheit könnte vermutlich nur eine eigenstaatlichkeit dieser minderheiten im bescheidenen maaße sicherstellen -
assad ist sicher ein brutaler diktator-im gegensatz zu gadaffi aber kein internationaler terrorpate und konnte bisher den konfessionell zersplitterten staat mit eiserner faust zusammenhalten.
das hat russland im gegensatz zum demokratischen westen erkannt.
mfg
s.


Der syrische Widerstand ist nicht schlau!

Diese Widerstaender sollten schon lange Berater aus Österreich holen. Wie sollen sie den einen Krieg gewinnen ohne österreichische Berater an der Seite.
Ich muss sagen, dass die Österreicher Allraundtalente sind. Sie verstehen von Wirtschaft, Industrie, Aussenpolitik, vom Krieg und von der Kunst. Wie könnten sie denn sonst der ganzen Weşt seit Jahren Mozartkugeln und Sisi vermarkten?

tja

der Westen hat ja gemütlich zugesehen, wie die friedlichen Proteste um mehr Demokratie von Assad mit einem Meer aus Blut beantwortet wurden.

80% der Syrer sind nun mal Suniten - die werden sich kaum dauerhaft von den 5% Alawiten mit Gewalt unterdrücken lassen.

Jetzt ist die Sache in Syrien außer Kontrolle geraten...alle haben bequem zugesehn.

Gast: Elektrikermeister Achtmaldinnedraht
16.07.2012 22:15
8 1

Assad ist nicht das Problem, sondern der potentielle Problemlöser !


Sein Problem aber - Assad's - ist es, daß er den US-Interessen im Wege
steht. sonst wären die sog. Rebellen von Anfang an als das bezeichnt
worden, was sie sind: staatsfeindliche Terroristen.

Wer meint, denen würde es nur darum gehen, Assad los zu werden, der
glaubt wahrscheinlich auch, daß Faymann die Wirtschaftskrise bekämpft,
und Hundstorfer die Pensionen schützt.

Jede westliche Boykottmaßnahme verhilft den Rebellen dazu, bei der
Errichtung ihres fundamentalistischen muslimischen Regimes ein Stück
weiter voran zu kommen. Sollte es denen gelingen, die Assad-Regierung
zu überrollen, dann fängt das Massen-Morden an verschiedensten Gruppen
erst richtig an !

Das aber wäre ein Grad an Destabilisierung, unter dem auch Israel
und in der Folge US-Soldaten bitter zu leiden hätten. Aber was kümmert
das all die Schreibtisch-Täter im Westen ?

Re: Assad ist nicht das Problem, sondern der potentielle Problemlöser !

Ihr wirres Gerede macht leider keinen Sinn.

Warum steht Assad US-Interessen im Wege?
In Syrien ist doch nichts was die Amerikaner interessieren würde. Kein Erdöl, keine seltenen Rohstoffe und Geopolitisch ist es zwar interessant, aber man ist in der Gegend ohnehin schon sehr stark vertreten. Das ist also auch uninteressant.

Assad soll abdanken weil mit ihm einfach keine (friedliche) Lösung des Konflikts möglich ist. Die Rebellen würden nie einen Friedensvertrag mit Assad in der Regierung akzeptieren. Und gewinnen kann Assad den Krieg anscheinend nicht. Er verliert ständig Boden und Männer.

Antworten Antworten Gast: Hamdudeldei
17.07.2012 15:38
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Re: Re: Assad ist nicht das Problem, sondern der potentielle Problemlöser !

Syrien wird als Aufmarschplatz gegen den Iran benoetigt, so einfach ist das. Deswegen muessen die Menschen dort jetzt sterben.

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Re: Re: Re: Assad ist nicht das Problem, sondern der potentielle Problemlöser !

Man hat bereits Israel und die Türkei als Verbündete in der Nähe. Zusätzlich noch sehr starke Flottenverbände im Persischen Golf. Mehr ist nicht nötig, vor allem weil ein Bodenkrieg für die USA im Moment ohnehin uninteressant ist.

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Re: Re: Assad ist nicht das Problem, sondern der potentielle Problemlöser !

Syrien sitzt auf gewaltigen Erdgasfeldern und geopolitisch können die USA in dieser Region nicht stark genug sein. Dass Assad mittel- bis langfristig auf verlorenem Boden kämpft stimme ich zu.

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Re: Re: Re: Assad ist nicht das Problem, sondern der potentielle Problemlöser !

Könnten Sie hier eine Quelle angeben? Ich habe vergeblich danach gesucht und keine (vertrauenswürdige) gefunden.

Meines Wissens nach exportiert Syrien kein Gas. Das bisschen was gefördert wird, wird im Inland verbraucht.

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Re: Re: Re: Re: Assad ist nicht das Problem, sondern der potentielle Problemlöser !

Schauen sie. Auch ich hab das nicht aus offizieller (vertrauenswürdiger) Quelle. Ein bischen googeln und man findet zwar genug dazu, aber für keinen der von mir gelesenen Artikel würde ich die Hand ins Feuer legen. Ist aus meinem ersten Kommentar vielleicht nicht ganz so hervorgegangen, aber sie haben recht, könnte auch eine Propaganda-Lüge sein.

Das die Türkei und Zypern aber heftig wegen der großen Erdgasvorkommen im östlichen Mittelmeer streiten, pfeifen sogar die Spatzen von den Dächern (spiegel.de z.B.). Von der geografischen Lage ist da Syrien mittendrin statt nur dabei.

Und dass Syrien wesentlich mehr produzieren könnte und auch die Förderanlagen mit russicher Hilfe ausbaut klingt plausibel und passt auch ins Bild.

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Wie naiv muss man sein, um die Situation

derartig zu verkennen: nach Assad kommt ein
i*l. Gottestaat.

14 1

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wann wird das der verblödete Westen endlich kapieren?

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