24.05.2013 15:25 Merkliste 0

Der Mensch und sein Futter: Kein Pardon für Panscher!

MARTIN KUGLER (Die Presse)

Lebensmittelskandale regen die Menschen auf. Aber nicht alles, was illegal ist, ist auch gesundheitsschädlich. Und nicht alles, was ungustiös ist, ist verboten.

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Lebensmittel sind dem Menschen etwas Heiliges. Essen zählt für die überwiegende Mehrheit zu den schönsten Dingen auf der Welt. Wenn dabei irgendetwas nicht stimmt, dann trifft uns das auch emotional hart. Kein Wunder: Lebensmittel sind, wie der Name schon sagt, die Mittel, von denen wir leben. Das ist tief in uns eingebrannt. Wenn wir etwas von gefälschtem Mozzarella, von Analogkäse und Gammelfleisch oder von listerienverseuchtem Käse hören, dann sind wir empört, erschüttert, erzürnt. Lebensmittelskandale zählen folglich zu den größten Medienhypes – von BSE bis EHEC. Selbst dann, wenn bei nüchterner Betrachtung nicht viel Substanz hinter einem angeblichen „Skandal“ steckt.

Bei aller verständlichen Empörung: Man muss immer genau hinschauen, was eigentlich passiert ist. Nicht alles, was verboten ist, ist gesundheitsschädlich. Und nicht alles, was ungustiös ist, ist auch illegal. Die allermeisten Beanstandungen von Lebensmitteln durch die Kontrollbehörden betreffen eine falsche Kennzeichnung. Das sind meist harmlose „Kleinigkeiten“ wie irrtümlich vertauschte Zutaten oder (verbotene) gesundheitsbezogene Angaben.

In letzter Zeit häufen sich falsche Herkunftsbezeichnungen – eine direkte Folge davon, dass viele Konsumenten mehr über die regionale Herkunft wissen wollen, am besten zurückverfolgbar bis zum einzelnen Bauern. Die Hersteller sitzen dabei bisweilen in der Zwickmühle: Sie haben sich einen Markt aufgebaut, auf dem sie ihre Güter zu hohen Preisen absetzen können – aber irgendwann reicht ihre Produktionsmenge nicht mehr aus, um diese Nachfrage auch bedienen zu können. Zuletzt gab es solche Verdächtigungen bei steirischem Kürbiskernöl, das laut einer Analyse des VKI – zumindest bei manchen Produzenten – auch Öl aus chinesischen Kernen enthalten soll. In einer neuerlichen Analyse wurde dieser Vorwurf zwar größtenteils entkräftet, doch das ändert nichts an der Versuchung, der manche Produzenten oder Händler unterliegen. Gerade in wirtschaftlich schlechten Zeiten.

Eine ganz andere Dimension haben Verfälschungen von Lebensmitteln, die die Gesundheit der Konsumenten schädigen. Da man muss ganz klar sagen: Das sind kriminelle Taten, die strengstens verfolgt werden müssen. Kein Pardon für gewissenlose Panscher, die ohne Rücksicht auf Verluste und Nebenwirkungen ihren Profit maximieren!

Die Palette der Straftaten, die immer wieder vorkommen, ist lang. Man erinnere sich hierzulande etwa an das Umpacken und Neuetikettieren von altem Fleisch. Oder an todbringende Fälschungen, von denen immer wieder etwa aus China berichtet wird: von Melamin in der Milch bis hin zu gefälschten Schweinsohren aus Schlachtabfällen und Gelatine. Ganz zu schweigen von den aktuellen mafiosen Machenschaften wie in Süditalien, wo Konsumenten systematisch und jahrelang übers Ohr gehaut wurden.


Der Konsument hat vieles selbst in der Hand: Unser aller Kaufentscheidungen bestimmen letzten Endes, was produziert wird und was in welcher Form in die Regale kommt. Dabei darf man nicht naiv sein: Wer sich um 2,99 Euro ein hochwertiges Schnitzelfleisch erwartet, der ist mit schuld, wenn ein immer stärkerer Preisdruck manche Produzenten zum Schummeln verleitet. Qualität und „Echtheit“ haben eben ihren Preis.

Neben einer strikten Gesetzgebung und einer glaubwürdigen Kontrolle ist der Markt das wirksamste Regulativ zur Überwindung von Lebensmittelskandalen. Das Paradebeispiel dafür lieferten Österreichs Weinbauern. Zur Erinnerung: Im Jahr 1985 wurde ruchbar, dass manche Winzer im Burgenland und in Niederösterreich dem Geschmack ihres Weins durch die giftige Chemikalie Diethylenglykol nachgeholfen haben. Daraufhin brach der Absatz völlig ein, auch der Wein von redlichen Winzern war unverkäuflich.

Was damals niemand für möglich gehalten hätte: Der Weinskandal wurde gut genützt. Durch eine gemeinsame Anstrengung aller Beteiligten wurde das Vertrauen der Konsumenten zurückerobert, Österreichs Weinwirtschaft erlebte einen ungeahnten Höhenflug. Der bis heute anhält.

 

E-Mails an: martin.kugler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2012)

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10 Kommentare
Gast: schneibert
08.08.2012 19:51
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matroschka

Durch die durchaus sorgsamen und übertrieben Verpackungen, werden nicht nur knapp werdende Ressourcen verbraucht, sondern diese Verpackungen gefährden auch unsere Gesundheit. "Xenohormone" werden dabei verdächtigt unser Hormonsystem zu beeinflussen..
http://www.ecoplus.at/de/ecoplus/cluster-niederoesterreich/lebensmittel/xenohormone?utm_source=lebensmittel&utm_medium=Newsletter&utm_campaign=Ausgabe%20August%202012

aber wie so oft, muss erst etwas schlimmes passiern, damit die Verpackungsindustrie reagiert..

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Kontrolle und Information

Deshalb sind die Ämter, die das prüfen und ggf. informieren recht wichtig.
Zumindest die Handelsketten reagieren sofort.
Wenn was Neues auf den Markt kommt, ist eine alte Bauernregel sinnvoll: Was der Bauer nicht kennt, frißt er nicht. Man muß nicht der Erste sein, der ein neues Produkt, ein altes in neuer Verpackung etc. konsumiert. Es gibt Vergleichbares im Regal zuhauf, was bisher gut war ist meist immer noch gut.

Gast: Alimentari
19.07.2012 12:46
1 0

Was sind denn das für "Argumente"??

"Nicht alles, was verboten ist, ist gesundheitsschädlich", "nicht alles, was ungustiös ist, ist auch illegal".

Weder will ich als Konsument "Italien.Tomaten" aus China noch "Italien.Wein" aus Südamerika. Die Gründe, weswegen ich das nicht möchte, die mögen unterschiedlich sein, ob politisch, ob aus Kostengründen, ob aufgrund von Inhaltsstoffen, Pestizidgebrauch oder was auch immer... es ist Betrug, Wucher, bis hin zur Gesundheitsgefährdung und Fakt ist, durch die Globalisierung ist die Kontrolle von Lebensmitteln nicht in demselben Ausmaß gesteigert worden, wie nun die Produkte und internationalen Betrügereien erfordern, zumal sie bereits zuvor nicht ausreichend war!

Gast: anderswo
19.07.2012 11:06
1 0

legal, illegal, sch...egal.


Zwar erregen sich viel zu Recht über wiederkehrend auftauchende Machenschaften in der Lebensmittelproduktion.

Was völlig legal Lebensmitteln beigesetzt wird, an Geschmacksverstärkern, Farbstoffen, Süssungsmitteln, Bisphenol A in den Verpackungen, usw., wird leider nicht thematisiert.

Wer sich die Mühe macht die Ingredienzien eines simplen Liptauer - Aufstriches zu lesen, muss schon fast ein Chemiestudium absolviert haben, um zu verstehen, was da wirklich drin ist.

Antworten Gast: Alimentari
19.07.2012 12:59
1 0

Wie bei vielen Gesetzen, ob Telekommunikation oder im Lebensmittelrecht, wenn Abgeordnete keine Ahnung haben, dann werden ihre Berater aus der Wirtschaft das "vorschreiben", was ihnen genehm ist

Statt sich mit dem Argument "Demokratiewohl" eine fette Parteienfinanzerhöhung aus dem Steuertopf zu genehmigen, wäre im Sinne des Wohls der Demokratie und seiner Bürger die Unabhängigkeit von qualifizierten Beratern wichtig, die fachspezifisch höchste Ausbildung genossen haben und auch langjährige Erfahrung besitzen, also in der Praxis tätig waren und nun den Abgeordneten beistehen. Nicht Raiffeisen oder Telekom gesponserte Fachkräfte, sondern vom Bürger bezahlte Experten. Besser weniger Abgeordnete und Auflösung des Bundes Rates, dafür aber solche Fachkräfte.

Herr Kugler, Sie sprechen für den unlauteren Wettbewerb.


Antworten Gast: Warum ist ??? nicht mehr erlaubt?
19.07.2012 11:35
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Wo tut er das?


Alleine die Rechtfertigung des Betrugs, wenn es nicht gesundheitsschädlich ist und zuwenig vorhanden ist,

ist ein Wettbewerbsverstoß.

Wenn nicht genug da ist, ist nicht genug da. Bleibt eben das Regal leer, na und?

Gast: Paul Bocuse
19.07.2012 10:09
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Eine Jugend,

deren Hauptnahrungslieferanten zu Mittag McDonald's und Pizzerienbuden sind, und die am Abend zu Hause mit Fertiggerichten abgespeist werden, wird zu einer Gesellschaft werden, denen die Qualität der Produkte ziemlich egal ist.

"dann sind wir empört, erschüttert, erzürnt. [..] Selbst dann, wenn bei nüchterner Betrachtung nicht viel Substanz hinter einem angeblichen „Skandal“ steckt."

worüber der allmächtige konsument weniger "empört, erschüttert, erzürnt" ist, ist die ungeheure menge an lebensmitteln, die von ihm täglich weggeworfen wird.

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