20.05.2013 05:04 Merkliste 0

Letzte Ausfahrt Alawistan: Assad verspielt Syriens Zukunft

HELMAR DUMBS (Die Presse)

Rutscht das Land tiefer in einen konfessionellen Bürgerkrieg, geht es bald nicht mehr um die Existenz des Regimes, sondern um das Überleben Syriens als Staat.

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Latakia also. In die syrische Küstenstadt und Tabakmetropole soll sich Machthaber Bashar al-Assad Mittwochabend zurückgezogen haben. Zuvor hatte ein Selbstmordattentäter drei seiner wichtigsten Sicherheitschefs in den Tod gerissen. Gestorben ist damit wohl auch Assads bis zuletzt mit aufreizender Dreistigkeit zur Schau gestellte Gewissheit, dass seine Herrschaft die Rebellion unbeschadet überstehen kann. Wenn Assad sich in den vergangenen 16Monaten auch standhaft geweigert hat, aus dem Beispiel Libyen Lehren zu ziehen (vielleicht zog er auch nur die falsche Lehre, nämlich, dass Libyens Gaddafi seiner Meinung nach einfach zu wenig Härte gezeigt habe) – diesmal dürfte er die Botschaft verstanden haben.

Bestätigt war die Flucht des Diktators aus Damaskus zwar auch am Donnerstag noch nicht, es könnte sich also um eine verbale Nebelgranate der Aufständischen handeln, die im Verbreiten von Lügen mittlerweile die Meisterschaft des Regimes erreicht haben. Trotz heftiger Dementis seitens des Regimes hätte das seine Logik: Latakia ist so etwas wie die geheime Hauptstadt der Alawiten. In der gleichnamigen Provinz stellt die Minderheit, der auch der Assad-Clan entstammt, mehr als zwei Drittel der Bevölkerung. Die Gegend wäre das Zentrum eines Alawistan, eines Rumpfstaates bei einem Zerfall Syriens. Zieht sich Assad dorthin zurück, ändert sich die Kernfrage des Konflikts: Es geht dann nicht mehr darum, ob es Assads Herrschaft in einem Jahr noch gibt, sondern darum, ob es Syrien in einem Jahr noch gibt. Dann hätte es Assad – unter Mithilfe der beide Seiten aufpäppelnden Waffenlieferanten – endgültig geschafft, aus einer friedlichen Protestbewegung einen konfessionellen Bürgerkrieg zu machen.

Als die Rebellen am Dienstag den Endkampf um die Hauptstadt Damaskus ankündigten, war man noch versucht, dies als taktische Jubelpropaganda zwecks Mobilisierung der eigenen Kräfte und Demoralisierung des Gegners abzutun. Der Anschlag vom Mittwoch hat gezeigt, dass sie nicht so falschlagen. Assads wegen seiner Skrupellosigkeit besonders verhasster Schwager tot, der Verteidigungsminister tot, dazu ein hochrangiger General: Jetzt muss sich jeder, der Assad bis jetzt noch treu gedient hat, überlegen, ob er von der nahenden Regimedämmerung mitgerissen werden will oder nicht doch besser die Seiten wechselt. Dass Russland und China im UN-Sicherheitsrat dem Diktator noch immer die Mauer machen, schützt vor einem Selbstmordattentäter aus den eigenen Reihen wenig. Die Attacke ins Herz der syrischen Staatssicherheit könnte das Momentum sein, das der Absetzbewegung bisher gefehlt hat.

Mit gutem Grund hat man im Westen allerdings eine Intervention verworfen, wie sie in Gedankenspielen mancher arabischer Führer vorkommt, deren Eigeninteressen mit ihnen durchgehen. Ein Gegenargument wurde zwar mittlerweile ad absurdum geführt: dass nämlich eine solche Intervention das Land schnurstracks in den Bürgerkrieg führen würde. Dieser hat ganz ohne direktes ausländisches Eingreifen begonnen.


Wie sollte eine solche Intervention auch aussehen? Das Beispiel Libyen hilft hier nicht viel weiter, denn die Wirksamkeit von Luftschlägen wäre aufgrund der ganz anderen geografischen Gegebenheiten und der völlig unklaren Frontverläufe sehr begrenzt. Es müssten also notwendigerweise Bodentruppen sein, doch wie eine solche Invasion ausgehen kann, war jahrelang am benachbarten Irak zu studieren. Osama bin Ladens Erben im Jihad reiben sich schon die Hände.

Zudem wird die Situation immer unübersichtlicher. Zu Beginn des Aufstands war das Bild noch einigermaßen klar: Hier friedliche Demonstranten, die gegen ein diktatorisches Regime protestierten, dort ein Machthaber, der mit größter Brutalität dreinschlagen lässt, um seine Gegner zum Schweigen zu bringen. Freilich ging ein Großteil der zivilen Opfer bisher auf Kosten des Regimes. Dieses hat ja auch die größeren Kapazitäten, Kriegsverbrechen zu begehen. Aber Berichte über Gräueltaten seitens der Rebellen nehmen massiv zu. Das syrische Schwarz-Weiß-Bild ist längst verwischt, dies sollten sich auch Staaten im Westen eingestehen, die mit gutem Grund auf einen Sturz Assads hoffen.

 

E-Mails an: helmar.dumbs@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2012)

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14 Kommentare

Die Welt wird neugestalltet und Österreicher diskuttieren darübe!

Es ist dennoch gut so. Man sollte die Europaern vom Nahen Osten fernhalten.

Gast: sapinski edith
20.07.2012 13:00
0 3

Syrien

super Artikel, genau ins Schwarze getroffen. Gratuliere

Im Gegensatz zu diesem Artikel

der ZDF-Korresponsent Dietmar Ossenberg über die Lage in Syrien:http://heutejournalplus.zdf.de/

Interessanter Artikel

aber kein Wort darüber, dass die Rebellen von Saudi Arabien und Katar massiv unterstützt werden, dass in Syrien 3 Millionen Alawiten und 3 Millionen Christen leben, die auf Seiten Assads stehen. Kein Wort darüber, dass es sich hier auch um einen Religionskrieg handelt. Radikale Muslime streben an die Macht und werden darin von besagten Staaten bestärkt. Dietmar Ossenberg, der langjährige ZDF-Korrespondent, sagte gestern, dass die Lage in Syrien nach wie vor sehr undurchsichtig ist und man Greueltaten nicht nur Assad in die Schuhe schieben darf. Die Rebellen wären ebenso grausam. Das jedoch vermisst man in österreichischen Medien, die eindeutig auf die Seite der Aufständischen tendieren. Es gibt auch viele Selbstmordattentäter und die werden in Camps in der Türkei auf ihren Tod vorbereitet. Um ein halbwegs neutrales Bild über die Situation in diesem geschundenen Land zu erhalten, darf man nicht nur hiesige Medien konsumieren. Man ist gezwungen, ausländische Medien aufzusuchen, die allemal besser über die Lage in Syrien berichten als unsere.

Antworten Gast: schlÄchter
21.07.2012 19:59
0 0

Re: Interessanter Artikel

sg pilatus!
+
mfg
s.

5 1

Es reicht langsam...

Friedliche Protestbewegung? Ich bin mir sicher, dass Herr Dumbs in den letzten 2 Jahren nicht in Syrien war. Sonst würde er so einen Blödsinn nicht von sich geben. Der Großteil der zivilen Opfer ging bisher auf die Kappe des Regimes? Interessante Behauptung. Wie stützen Sie diese? Ungeniert Meldungen der NATO und der Rebellen abgeschrieben oder woher kommt das?

Zumindest dämmert es selbst der westlichen Propaganda-Maschinerie langsam, dass die "Aufständischen" vielleicht doch nicht die hochgelobte junge Facebook-Generation ist. Hat ja auch nur fast 2 Jahre gedauert, das zu bemerken. Blöd nur, dass man dann nicht mehr lauthals nach militärischer Intervention schreien kann.

Ich stelle mir aber wirklich die Frage, mit welcher Motivation die Medien, offensichtlich uniformiert, so militant Terroristen unterstützen. Die hier im Presseforum verbreiteten Verschwörungstheorien, die das Ergebnis eines irrationalen USA und NATO-Hasses sind, sind mindestens so erbärmlich wie die hetzerische Unterstützung der Terroristen in Syrien. Welches Motiv bleibt dann, solchen Blödsinn zu verfassen? Langsam glaube ich ja wirklich, dass die Schreiberlinge so naiv sind, tatsächlich zu glauben dass es so besser wird auf der Welt...

Gast: rotgipfler
20.07.2012 08:45
9 0

Cui bono?

Wer sind die Zündler, wer versorgt die Aufständischen mit Waffen? Die Antworten auf diese Fragen zeigen auf, wie sehr die einstmals freie Presse bezahlte Propaganda betreibt.
Ein jämmerlicher, einseitiger Artikel - Schundblattln wie "Heute" oder "Österreich" würdig. Wie tief kann die Presse noch weiter absinken?

Gast: mountbatten89
19.07.2012 21:21
7 1

das fell des bären wird verkauft...

...bevor er erlegt ist. leider ist dieser artikel mehr dem wunschdenken und spekulationen verhaftet und weniger auf fakten basierend. unerheblich wie lange der autor in syrien gelebt hat oder die region sonstwie kennt...jeder kann ja eine meinung haben. die seltsame "arabische frühlingswelle" ist aber leider alles andere als ein frühling. sollte das assad regime fallen werden sich sehr bald und sehr viele wünschen das wäre nicht geschehen. ein bisschen nachdenken würde nicht schaden.oder habe die saudi- und golfstaatler schon die freie presse gekauft?

Sagen Sie, werden Ihre "Berichte" jetzt direkt von Saudis verfasst???


Gast: Markus Trullus
19.07.2012 19:02
4 1

wer kenn sich da noch aus?

Vor einigen Monaten postete ich: I kenn mi nimmer aus, was dort passiert. Der Wissensnotstand ist noch höher geworden statt geringer. Da kämpfen Al Kaida scheinbar wieder mit Unterstützung der Ausländer auf der Seite der Aufständischen mit der berechtigten Hoffung, Syrien nach dem Bürgerkrieg in einem islamisch fundamentalen Staat mit Al Kaida an der Spitze zu machen. Könnte gelingen. Und irgendwann wird dann das große Kalifat ausgerufen. Ob das der unterstützende Westen genau so wollt? Und das hat mit Gutmenschen- Demokratie null zu tun, sondern eher mit Religionsfaschismus...
aber das ist alles ja nur vermutung...

Gast: wurzel
19.07.2012 18:55
2 6

Freilich ging ein Großteil der zivilen Opfer bisher auf Kosten des Regimes.

[citation needed]

Re: Freilich ging ein Großteil der zivilen Opfer bisher auf Kosten des Regimes.

[*]
Sagen die Rebellen

ein durch und durch vernünftiger kommentar...

...ausgewogen, man hat das gefühl, dass der journalist sich gedanken gemacht hat, nichts an dem kommentar ist dumm, flapsig oder schlichtweg paranoid, kurz...

...was hat das bitte in dieser zeitung verloren?

Re: ein durch und durch vernünftiger kommentar...

der Löwelstraßencontainerfake - wiedereinmal !

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