22.05.2013 21:54 Merkliste 0

Der Schlüssel für eine Syrien-Lösung liegt in Moskau

WIELAND SCHNEIDER (Die Presse)

Russlands Führung muss Machthaber Assad klarmachen, dass es Zeit ist zu gehen. Sie hat es in der Hand, ob eine Machtübergabe geordnet oder im Chaos erfolgt.

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Im russischen Außenamt scheint man einen ganz eigenen Sinn für Humor zu haben. Gerüchte, Syriens Machthaber Bashar al-Assad könnte sich ins russische Exil absetzen, seien ein „Witz“, sagte ein Außenamtssprecher in Moskau. Ob auch der russische Botschafter in Paris einfach nur „lustig“ sein wollte, als er nun sagte, Assad sei bereit, zurückzutreten? In Syrien lacht freilich längst niemand mehr. Dort sehnen sich Zigtausende danach, dass sich die angeblichen Scherze über einen Abgang des Diktators als Geschichten mit realem Hintergrund herausstellen.

Wenn der syrische Machthaber noch irgendeinen Bezug zur Wirklichkeit hat, sollte er diese Geschichten auch rasch Realität werden lassen. Noch hätte er Zeit für einen „geordneten Rückzug“; dafür, die Macht abzugeben und mit seiner Familie Syrien zu verlassen – vorausgesetzt er findet ein Land, das ihm Exil gewährt. Doch dieses Zeitfenster beginnt, sich zu schließen. Ein schauerliches Ende wie das des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi ist auch das persönliche Worst-Case-Szenario für Assad und seine Familie. Und je länger der syrische Präsident zuwartet, desto größer wird auch die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Szenario eintritt.

Ein geordneter Rückzug Assads wäre auch das Beste für ganz Syrien. In dem Land ist schon viel zu viel Blut geflossen. Und das Regime verfügt noch immer über die nötigen militärischen Kapazitäten, um enormen Schaden anzurichten. Die Aufständischen haben zuletzt Erfolge erzielt. Um Assad und seine Getreuen mit Gewalt zu vertreiben und das ganze Land unter Kontrolle zu bekommen, sind für die Rebellen aber noch große Anstrengungen nötig: Dabei geht es nicht um noch mehr Schweiß, sondern um noch mehr Blut, Verwüstung und Elend. Die Schlacht um Syrien könnte sich bereits dem Ende zuneigen. Doch noch ist sie nicht vorüber. Sie könnte noch viele das Leben kosten.

Eine militärische Machtübernahme durch die Rebellen birgt aber auch eine andere Gefahr in sich: die Gefahr von Massakern, wenn die eigentlichen Gefechte bereits vorüber sind. Die alawitische Minderheit, der Assad und ein wichtiger Teil der syrischen Führung angehören, fürchtet Racheakte. Und diese Angst ist berechtigt. Viele der Aufständischen setzen Syriens gesamte alawitische Religionsgemeinschaft mittlerweile mit dem Regime gleich. Die Wut und die Trauer über Massaker durch Regierungstruppen, der Hass auf Assad und seinen Clan werden immer mehr zum Hass auf die Alawiten.

Extremistische sunnitische Prediger haben diesen Hass zuletzt noch weiter geschürt: Sie mischen Kritik an einem brutalen Diktator mit Hetze gegen eine andere Religionsgruppe, beschimpfen die Alawiten als „Ungläubige“, die keine richtigen Muslime seien. Es ist eine Horrorvision, die auch Strategen im Westen schlaflose Nächte bereitet: Nach einem gewaltsamen Sturz Assads könnten bewaffnete Islamisten durch Damaskus ziehen und Jagd auf Alawiten und auf Christen machen. Die Furcht vor einem solchen Szenario, die auch das Regime gezielt durch seine Propaganda genährt hat, hat die Minderheiten noch stärker in das Lager Assads rücken lassen – und hat sie damit letzten Endes nur noch mehr zur Zielscheibe für die Revanchegelüste und den Zorn der Assad-Gegner gemacht.

Je gewaltsamer der Sturz des Regimes abläuft, desto wahrscheinlicher sind unkontrollierte Racheakte und desto größer ist damit auch die Gefahr für Alawiten und Christen. Auch zum Schutz der Minderheiten wäre deshalb eine rasche politische Lösung nötig – ein Rücktritt Assads und ein Plan für die Übergabe der Macht an Übergangsstrukturen, in denen Vertreter der Opposition wichtige Positionen innehaben. Den Schlüssel für eine solche Lösung hält Russlands Führung in der Hand. Sie scheint – neben dem Iran – noch den größten Einfluss auf das Regime zu haben. Sie könnte Assad klarmachen, dass sie nicht mehr bedingungslos hinter ihm steht, dass es für den Machthaber Zeit ist zu gehen. Ein Exilangebot für Assad und seine Familie wäre dabei durchaus ein wichtiges Instrument. Wenn sich die Lage in Syrien noch weiter zuspitzt, wird man das vielleicht auch in Moskau erkennen und nicht mehr nur als „Witz“ abtun.

 

E-Mails an: wieland.schneider@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2012)

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7 Kommentare
Gast: Hamdudeldei
21.07.2012 16:38
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Fuers Chaos ist dort

... ausschliesslich die NATO verantwortlich, die zusammengekauftes Gesindel dort einen Buergerkrieg fuehren laesst.

Gast: grösso
21.07.2012 08:37
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Das ist doch nur noch naiv

Ned bös sein, aber "man müßte nur" und "man sollte" ... naiver geht es doch gar nicht mehr. In Syrien sind zu keinem Kompromiss fähige Partialinteressen am Werk, und dabei den Staat zu kippen, die per se keine Parallelinteressen zulassen. Asad hat das Land noch zum Staat zusammengehalten, so sehr er auch manchmal überzogen haben mag, aber nicht einmal das wage ich zu beurteilen.

Wem nützt das Machvakuum, das im Vorderen Orient entstehen wird? Der Türkei, die sich zur Großmacht berufen sieht, den USA aus geostrategischen Interessen, Israel weil es einen Gegner weniger hat, mit dem zu rechnen ist, weil er in blindem Haß zu keiner konstruktiven Außenpolitik mehr in der Lage sein wird.

Die Opfer werden aber nicht nur die 15 % Christen sein. Sondern das ganze syrische Staatsvolk, das in Machtkämpfen, ohne alles noch halbwegs zusammenhaltende Zentralmacht, auf unabsehbare Zeit die Hölle erleben wird.

Destruktion, Chaos - das ist das einzige, zu dem unsere technizistische virtuell a-realistische Kultur mittlerweile noch fähig ist. Entbinden aller Einzelkräfte, ohne Gesamt, das noch zusammenfaßt oder gar einen könnte. Dazu braucht es nicht einmal politische Prozesse, da genügen Einzeltäter, mit leeren Zauberworten wie "Demokratisierung" für alles und jedes, das die wahren Kräfte verbirgt - siehe "Arabischer Frühling". Diese Taktik hat man schnell gelernt. Als brauchbarsten Hebel, um alles Bestehende zu vernichten, und das Chaos eines Neuanfangs zu provozieren.

Re: Das ist doch nur noch naiv

Selbst bei einer Analyse wirdst du abfaellig.
Woher weisst du, dass die Türkei sich zur Grossmacht berufen sieht?
Deine analyse kann daher kein Groschen Wert sein!

Antworten Antworten Gast: BKM
21.07.2012 12:48
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Re: Re: Das ist doch nur noch naiv

Können Sie sinnverstehend lesen? Wenn ja, dann ist hier Stoff für Sie:

http://www.welt.de/debatte/article13595548/Tuerkei-will-sich-als-regionale-Grossmacht-etablieren.html

MfG

Re: Re: Re: Das ist doch nur noch naiv

Der Unterschied zwischen mir und dir ist, dass ich weiss, dass die Welt eine Parteizeitung ist. Sie arbeitet für die CDU. Hinzu kommt, dass Clemens Wergin weltanschaungsmaessig am rechten Rand liegt. Er wird mit Sicherheit nicht die Türkei loben. Strache tut es auch nicht. Solche Leute verstehen nur die Sprache der Staerke.

Gast: Elektrikermeister Achtmaldinnedraht
20.07.2012 20:40
1 1

Machübergabe an wen ? Die Terroristen ? Die Russen ? Die Amis ? AN WEN ???


Gast: b754
20.07.2012 20:24
1 3

putin ist selbst am ende

und der krallt sich an die macht wie assad und er wird auch genauso weit gehen

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