20.05.2013 18:55 Merkliste 0

Wir brauchen wieder mehr langweilige Politiker

GERHARD HOFER (Die Presse)

Der frühere Innenminister Ernst Strasser hat alle Voraussetzungen erfüllt, um in Österreich politisch Karriere zu machen. Als Angeklagter wäre er eine Ausnahme.

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Der Nächste, bitte! Über Korruption redet man in Österreich mittlerweile wie über eine Krankheit. Eine Krankheit, die vor allem Politiker und Manager befällt. Eine Sonderform der Höhenkrankheit, die bei Menschen auftritt, die auf höchster Ebene agieren. Patient Ernst Strasser ist so ein Beispiel. Der Verdachtsfall passt in eine mittlerweile unüberschaubare Liste von ehemaligen und noch nicht ehemaligen Politikern. Diese Krankheit muss wohl ziemlich ansteckend sein, könnte man meinen.

Erst vor wenigen Wochen wurde in Ferndiagnosen darüber sinniert, warum so viele ehemalige und noch nicht ehemalige freiheitliche Politiker beim Handaufhalten so unersättlich waren. Für alle Genannten gilt die Unschuldsvermutung. Grasser, Meischberger, Rumpold, Uwe Scheuch, und wie sie alle heißen, hätten halt nicht alle politischen Institutionen durchlitten und durchschritten wie dies in der SPÖ und ÖVP der Fall ist, lautete eine der Begründungen. Unter Jörg Haider sei die FPÖ so rasant gewachsen, dass man mangels altgedienter Kader eben auf eine Buberlpartie zurückgreifen musste. Und den Buberln sei dann die schnell erlangte Macht noch schneller zu Kopf gestiegen.

Würde diese Ferndiagnose stimmen, gäbe es den Fall Strasser nicht. Denn der Strasser Ernstl, wie er in St. Pölten noch immer liebevoll genannt wird und für den ebenfalls die Unschuldsvermutung gilt, hat alle politischen Niederungen durchwandert. Studentenvertreter, Ministersekretär. Landesparteisekretär, Klubobmann im Landtag, Minister, EU-Abgeordneter. Sein Problem war nur, dass er auch als Minister und EU-Parlamentarier diese Niederungen im Geiste nie verlassen hat. Dass ihm dieser Umstand allerdings erst in Brüssel zum Verhängnis wurde, spricht ebenfalls Bände.

Korruption ist keine Krankheit, und schon gar keine Höhenkrankheit. Wer oben nimmt, hat auch schon unten aufgehalten. Nur waren dort die Beträge, die Versuchungen und Möglichkeiten von geringerer Tragweite. Als das fatale Video von Ernst Strasser in Brüssel publik wurde, meinte einer seiner niederösterreichischen VP-Kumpanen doch allen Ernstes: „In Brüssel haben sie ihn umgedreht, den Ernstl.“

Der „Ernstl“ wurde weder in Brüssel noch in Wien noch in St. Pölten umgedreht. Strasser hat eine grandiose politische Karriere hingelegt, weil er so ist, wie er ist. Er hat ja viele Jahre lang wunderbar funktioniert. Und es hat seinem früheren Parteichef Josef Pröll unheimlich getaugt, dass Strasser kein Langweiler wie Othmar Karas ist. Ein bisschen ein „Gfrast“ muss man doch sein als Politiker, oder? Das wollen die Wähler, oder?


Jetzt steht er vor Gericht, der „Ernstl“. Wegen einer besoffenen G'schicht in Brüssel. Wie konnte das nur passieren? Es ist möglich, weil Strasser zum Zeitpunkt dieser Affäre EU-Parlamentarier war. Wäre er im Nationalrat gesessen, er hätte beispielsweise ohne Weiteres 100.000 Euro von einem Lobbyisten verlangen können, um für diesen zu intervenieren. Es wäre strafrechtlich völlig legal gewesen. Erst seit Anfang Juli besitzt Österreich ein Antikorruptionsgesetz, das derartige Nebenbeschäftigungen von Politikern unter Strafe stellt. Und selbst die Regelung für EU-Abgeordnete ist so vage, dass die nun erhobene Anklage auf ziemlich wackeligen Beinen steht. Doch egal, ob Strassers Geschäftssinn nun zu einer strafrechtlichen Verurteilung führt oder nicht. Allein die Tatsache, dass ein österreichischer Politiker über seine eigene Präpotenz stolpern kann, ist für dieses Land psychohygienisch mindestens so wichtig wie das neue Antikorruptionsgesetz.


Wer Korruption an der Wurzel packen möchte, muss aber weit vor dem Strafrecht ansetzen. Es geht um die Frage: Welche Charaktere setzten sich auf ihrer Reise durch politische, gesellschaftliche und unternehmerische Institutionen durch? In der Politik wird nach Typen verlangt, nach Schlitzohren, nach „Gfrastern“. Aber vielleicht nähren all die Skandale wieder die Sehnsucht nach langweiligen Politikern? Bieder, anständig, womöglich kompetent. Unter diesen Umständen hätte es der „Ernstl“ schwer gehabt.

 

E-Mails an: gerhard.hofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2012)

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38 Kommentare
 
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Gast: Saiffenstayn
10.08.2012 15:03
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wir brauchen .... langeweilige ....

Haben wir schon genug von den "Haiders"
und genug genug von den Plärrenden Prölli´s
(den alten Ersatzkaiserlein und den jungen Kurzzeithoffnungsträger)

Das Volk will keine Demokratie sondern UNTERHALTUNG,
daher wir der nächste Schreihals wieder zum GRÖFAZ, oder GRÖLAZ oder GRÖBAZ oder so ..........

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Wirklich ?

Langweiliger, als die, die wir im Moment haben, gehts eh nicht mehr ! Und krimineller auch nicht, denn sie unterschreiben Verträge, ohne eine wirkliche Legitimation dafür zu haben, nehmen Geld auf, um es dann ins Ausland zu schicken, etc. etc.

Da ist mir ein Strasser noch lieber. Der hat wenigstens zugegeben, dass er ist, was er ist: Ein Lobbyist. Oder ist ein Kammerfunktionär oder Gewerkschafter, der als Abgeordneter im Parlamant sitzt, etwas anderes ?

"... Wir brauchen wieder mehr langweilige Politiker..."

So wie Spindi und Feigmann?

Ja bitte

"Bieder, anständig, womöglich kompetent."

Genau solche Politiker hätte ich gerne!

Gast: Niederösterreicher
10.08.2012 12:06
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Wir brauchen vor allem eine einfallsreichere ÖVP-Führung

mit einem attraktiven Partei-Programm, dann würde die Linke mit ihren Diffamierungen beim Wähler ins Leere laufen. Oder kräht heutzutage noch jemand nach dem BAWAG-Skandal, der dem ÖGB eine ganze Bank kostete? Dabei war das Delikt von Strasser in einer Vorbereitungsphase, die üblicherweise noch straflos ist, die aber aus nicht nachvollziehbaren Gründen als vollendetes Deilikt behandelt wird. Auch der "Erfolg" des Deliktes ist gar nicht eingetreten.... Ganz im GEgensatz zum BAWAG-Skandal, wo der ÖGB ein riesiges VErmögen verloren hat. Und beide Delikte werden mit 10 Jahren Haft bedroht???

Gast: kaiowa
10.08.2012 11:36
0 1

Ernstl, geh in Häfen !


Falscher Ansatz...


....was wir in Österreich brauchen...

....ist ein unabhängiger, investigativer Journalismus.

Die "Verhaberung" Politik-Medien ist derart schlimm, die Politiker haben die Medien gekauft und die Journalisten (nicht alle) haben sich verkauft.

Defacto versagt die 4. Staatgewalt in Österreich!!!!...

....und somit haben wir die Politiker in ihrer derzeitigen Erscheinungsform.

Naja, die Gfraster sind auch im Journalismus...

...zu Recht immer willkommen. Dass unter Pröll solche Menschen wie Strasser gedeihen, verwundert mich nicht.
Im übrigen bin ich der Meinung, dass Karas ein viel besserer Landeshauptmann als der doch eher provinzielle Pröll wäre.

Strasser wurde in Österreich sozialisiert, Punkt.

Damit sollten alle weiteren Erwägungen obsolet sein. Mehr braucht es nicht um allfällige Korruptionsneigung zu erklären.

Über eine Million Österreicher hat nicht nur verstanden, dass ein Parteibuch gewisse Vorteile bringt, sie haben diese Erkenntnis auch in die Tat umgesetzt. Und selbst die, die diesen Schritt nicht gegangen sind, bemühen zeitweilig auch mal gern diverse Beziehungen um kleinere oder größere bürokratische Probleme zu lösen. Wobei es den Anschein hat, dass viele dieser Hürden nur aufgestellt wurden, um den Bürokraten mehr (missbrauchbare) Macht über den Bürger zu geben.

Land auf, Land ab werden diese Spielchen gespielt. Das ist quasi österreichisches Kulturgut. Da auf einen korrupten Politiker zu stoßen, ist etwa so wahrscheinlich, wie im Wald einen Baum zu finden.

Das dürfte wesentlich zur öffentlichen Empörung beitragen. Um so mehr man sich empört, desto weniger verdächtig wird man selber sein. Anders ist die plötzlich vorherrschende Unkenntnis ob der österreichischen Verhältnisse kaum zu erklären.

Oben und unten

Guter Artikel, wobei sich die Höhenkrankheit ebenso stark in den Niederungen verbreitet. Zweifelsfrei sichern sich Manager und Politiker kraft ihres Einflusses größere Stücke vom Kuchen. Genauso bedient sich aber auch ein erheblicher Teil der Bevölkerung ungeniert am reichhaltigen Buffet von Wohnbeihilfen, Sozialbeihilfen,
"kreativen" Versicherungsleistungen, steuerfreien "Nachbarschaftshilfen" usw.
Möglicher Weise mit ein Grund, warum das Volk trotz skandalöser Zustände in der Politik nicht schon lange auf die Straße geht.

Sehr gut auf den Punkt gebracht!

Es stimmt, Korruption ist keine ansteckende Krankheit, obwohl es derzeit den Anschein hat.

Politiker sollten immun gegen die Verlockungen von Geld und Macht sein. Man sollte den Begriff „Politikerimmunität“ vielleicht überdenken und neu definieren ;-)

Aber eines stört mich: warum werden anständige Menschen fast immer in einem Atemzug als bieder und langweilig bezeichnet und damit herabgewürdigt? Ist dies in unserer Gesellschaft inzwischen ein untrennbares Begriffspaar geworden?

Tja, mit so einer Erwartungshaltung haben wir ja nichts Besseres verdient als diese Art von schlitzohrigen Politikern à la „Ernstl“ & Co.

Gast: pol Beobachterin
10.08.2012 09:55
4 0

Vieles ist schon so...

...wie im Artikel beschrieben.

Schon auf Gemeindeebene haben markige Sprüche mehr Chancen als besonnene Aussagen.

"Gfraster" ("Der traut se wos") werden auf der pol. Bühne wahrgenommen und bewundert, andere als "farblos" belächelt.

Das Publikum kiegt, was es im Grunde will. (Vielleicht möchten es manche bloß von einer anderen Partei;-)

Re: Vieles ist schon so...

Absolut richtig!

Das Beispiel des

Superkorrupos der alle Nierungen durchgemacht hat hätte mindestens ebenso auf den Werner gepasst.

für mich sind die alle korrupt.

Gast: absoluteÜbereinstimmung
10.08.2012 09:22
0 0

Wunderbarer Artikel ...

... dieser Artikel hat es geschafft etwas in Worte zu fassen, was ich mir schon seit langem so denke! Vielen Dank!

Gast: langjähriger Presseleser
10.08.2012 09:18
0 0

Gibt es ideale Politiker ??

Genau das ! Statt "interessanten" Politikern mit Unterhaltungswert , Ernsthafte mit Realitätssinn und klaren Wertvorstellungen. Nein, die müssen nicht unbedingt attraktiv, lustig und spannend sein, ja sie können sogar auch mal "blass" wirken, solange sie ordentliche Arbeit für die Gemeinschaft leisten,und konsequent bei ihrer Linie bleiben.

Hervorragend


Gast: WFL
10.08.2012 08:33
3 0

und wo ist Erwin Pröll?

Und wieder ein "Kommentar", in dem der langjährige Übervater des Hr. Strasser,
NÖ-LH Erwin Pröll, namentlich nicht vorkommt.
Warum wohl?

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Re: und wo ist Erwin Pröll?

lieber WFL, alleine schon deshalb, weil sie ihn ansprechen, steckt er hinter jedem wort! und jeder, der es lesen will, kann es es lesen!

Gast: burro
10.08.2012 08:31
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Man kann es drehen wie man es will,

mit Kreisky , wurden die Wertigkeiten über Bord geworfen.

Gast: lksdo 826
10.08.2012 06:30
3 0

Sittenbild Österreichs

z.B.:
Noricum
AKH
Briefbomber Fuchs als Einzeltäter
BAWAG - Flöttl

Österreich ist insgeheim eine gewerkschaftlich rot dominierte austro-kommunistische Diktatur.

Die rot-schwarzen Politiker sind lediglich Marionetten der wahren Mächtigen im Lande.

Die Medien sind durch die Presseförderung und die Gewerkschaft in Form der Betriebsräte größtenteils MUNDTOD gemacht.

Polizei und Justiz sind gleichfalls via Personalvertretung systemkonform gesteuert.

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Re: Sittenbild Österreichs

Aufzählung etwas unvollständig:

Lucona
Konsum
ÖGB (Streikgelder)
Eurofighter
Skylink
BEGAS

Die Korruption ist allgegenwärtig in diesem Lande.

Gast: Hemingway
10.08.2012 05:13
1 2

Was wir brauchen schreibe ich wegen der Zensur lieber nicht !


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So ist es.

Danke Herr Hofer.
Bitte schreiben sie das jeden Tag.

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Re: So ist es.

Herr hofer, eine anmerkung vielleicht doch, wie weit sind die medien verantwortlich, welch charaktere es in AT nach oben schaffen und welche nicht?

Antworten Antworten Gast: Igeißel mi...
10.08.2012 08:56
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Re: Re: So ist es.

Darauf werden Sie keine Antwort bekommen, denn da fragen Sie einen der Haupttäter

 
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