19.05.2013 13:27 Merkliste 0

Amerikas Gretchenfrage: Wie hältst du's mit dem Staat?

HELMAR DUMBS (Die Presse)

Mit der Ernennung von Paul Ryan zum „Vize“ der Republikaner könnte doch noch etwas Substanz in den bisher inhaltsleeren US-Präsidentschaftswahlkampf kommen.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

 

Was um alles in der Welt mag Mitt Romney geritten haben, seinen Running Mate, also denjenigen, der im Falle seiner Wahl zum US-Präsidenten sein Vize wird, ausgerechnet vor einem Kriegsschiff zu präsentieren? „Wir werden die Größe dieses Landes wiederherstellen“, lieferte der Erwählte, Paul Ryan mit Namen, vor der martialischen Kulisse seine Pflichtübung in Patriotismus ab. Eine Phrase, so konkret wie Barack Obamas „Wandel, an den wir glauben können“ von 2008.

Die Zeiten, als amerikanische Größe vor allem mit militärischer Macht assoziiert wurde, sind seit den bescheidenen Ergebnissen der unbescheiden teuren Kriege im Irak und in Afghanistan erst einmal vorbei. Die US-Bürger sind kriegsmüde, insofern war die Kulisse vielleicht nicht ganz glücklich gewählt.

Was man von Ryans Ernennung nicht behaupten kann. Dass Romney den Budgetexperten, der dem wichtigen Haushaltsausschuss im Repräsentantenhaus vorsitzt, auf sein „Ticket“ nahm, ist eine so mutige wie kluge Entscheidung. Mutig, weil jemand, der so klare und kantige Positionen vertritt wie der 42-jährige Politjungstar aus Wisconsin, reichlich Angriffsfläche bietet. Klug, weil Ryan genau das liefert, was Romney braucht.

Er ist ein Anti-Romney, in mehrerlei Hinsicht: Wo der Präsidentschaftskandidat ein Glaubwürdigkeitsproblem hat – dass er als Gouverneur von Massachusetts eine Gesundheitsreform verabschiedet hat, Obamas Reform auf Bundesebene aber verbissen bekämpft, zählt zu den besseren Treppenwitzen des Wahlkampfs –, gilt Ryan als prinzipienfest. Er ist, wertfrei gesagt, ein Ideologe, während Romney durchaus Erfahrungen mit Opportunismus hat.

Romney, der nie im Kongress war, konnte sich zwar als jemand präsentieren, der abseits der „Washingtoner Blase“ steht. Gleichzeitig kann er aber, wie Ross Douthat in der „New York Times“ analysiert hat, als Vize jemanden gut gebrauchen, der den Washingtoner Betrieb aus dem Effeff kennt. Jemanden wie Ryan. Romney, aufgrund seiner Erfahrungen in der Privatwirtschaft, ist der Praktiker, Ryan, Anhänger von Hayek und Mises, liefert das theoretische Rüstzeug.

Sein Credo ist knapp: Runter mit den Steuern, runter mit den Staatsausgaben, runter mit den Sozialprogrammen. Es ist der bedingungslose Glaube an die Initiative des Einzelnen und an die produktive, Wachstum generierende Kraft der Privatwirtschaft. Der Staat hat in diesem Zusammenhang vor allem eine Aufgabe: Hindernisse für deren freie Entfaltung aus dem Weg zu räumen.


Mit Ryan hat Romney nicht nur einen Kompagnon, der Obamas offene Flanke – die Wirtschaftsdaten – treffen kann. Er bringt den Wahlkampf auch mit einem Schlag auf die amerikanische Gretchenfrage: Wie hältst du's mit dem Staat? Und das Wort Staat ist eben in weiten Teilen der Bevölkerung nicht positiv besetzt. Im Zweifelsfall sind der Staat und seine Institutionen etwas, wogegen man sich verteidigen zu müssen glaubt.

Das hat Wurzeln im Unabhängigkeitskampf, aber auch im Wildwuchs der Verwaltung: Es gibt nicht nur die Bundesebene, 50 Bundesstaaten, 3300 Counties und 19.862 Gemeinden, sondern auch noch unzählige „special districts“ für Sonderaufgaben. Das ergibt in Summe nicht weniger als eine halbe Million gewählte Amtsträger. Und all diese Ebenen wollen erstens Geld und behindern einander zweitens wechselseitig nach Kräften, sodass der diffuse „Staat“ den Bürgern wie ein Krake erscheinen muss, bei dem ein Tentakel nicht weiß, was der andere tut. Mit dem Slogan „Weniger Staat“ ist hier etwas zu gewinnen.

Die Entscheidung für Ryan könnte einen weiteren Nebeneffekt haben: Bisher wurde die Kampagne von beiden Seiten mit wählerbeleidigender Inhaltsleere geführt. Reichlich floss nur der Unrat aus den heuer – dank einer unglücklichen Entscheidung des Höchstgerichts zur Wahlkampffinanzierung – besonders vollen Schmutzkübeln. Wenn sich die Demokraten nun an Ryan abarbeiten, besteht die Chance, dass es endlich um Sachthemen geht. Und um zwei widerstreitende Entwürfe, wie sich die USA aus dem wirtschaftlichen Tief emporarbeiten können. Die Schlacht der Ideen ist eröffnet. Und insofern war die Kulisse ja vielleicht doch stimmig.

 

E-Mails an: helmar.dumbs@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

14 Kommentare
Gast: aragorn38
13.08.2012 13:37
1 2

Machen Sie sich doch nicht lächerlich Herr Dumbs

"....als Vize jemanden gut gebrauchen, der den Washingtoner Betrieb aus dem Effeff kennt."

"Es ist der bedingungslose Glaube an die Initiative des Einzelnen und an die produktive, Wachstum generierende Kraft der Privatwirtschaft."

Weil Herr Ryan den Washingtoner Moloch aus dem Effeff kennt und in diesem im Jahre 2012 11268 Lobbyisten registriert waren,offiziell, bei einer Einwohnerzahl von 601723 datiert mit 2010 glaubt er an die Initiative des Einzelnen.

Übrigens, seit Bush Geschichte ist ist die Zahl der Lobbyisten kontinuierlich zurückgegangen.

http://www.opensecrets.org/lobby/

Vielleicht hätten Sie schreiben sollen, dass er an die generierende Kraft der Privatwirtschaft glaubt, aber ausgehend von einigen wenigen privaten republikanischen Unternehmen.


Gast: Analyst
13.08.2012 11:07
1 2

Ein dreifach Hoch auf ...

... alle Hardcore-Kapitalisten, die sich mit Ryan auf einer Eeben sehen. Dann wird´s ja lustig werden, wenn Romney gewinnt - Kriege um Ressourcen wie unter Bush sen. und jr., Verarmung der Massen, Überwachung und Bespitzelung der Bürger, Rüstung bis zum Abwinken, Umweltzerstörung und Freiheitsberaubung als "Krieg gegen den Terror" ( den man selbst ausgelöst hat). Feine republikanische Zukunft! Mir graut!

1 0

Re: Ein dreifach Hoch auf ...

Mord durch Drohnen, wie ihn Obama jetzt ca. 1500 mal praktiziert hat, wirkt auch nicht gerade wie ein Fortschritt der Menschheitsgeschichte...

2 2

wer glaubt, dass der neo-libertäre und pro-kapitalistische unsinn

den ryan verzapft irgendetwas mit hayek zu tun hat, hat ´hayek entweder nicht gelesen oder nicht verstanden.
hayek war immer für einen starken statt, da der markt nur funktioniert, wenn es klare regeln gibt, die auch durchgesetzt werden; hayek war nie gegen sozial mindestsicherung, sondern gegen staatliche bevormundung und hayek hat nie verlangt, dass die reichen keine steuern zahlen sollen.

wenn ryan sich auf hayek beruft, beleidigt er diesen.

Re: wer glaubt, dass der neo-libertäre und pro-kapitalistische unsinn

ohoh.... dann lesen Sie einmal die Werke von Hayek!
Fangen sie am besten mit ein paar Aufsätze und Schriften an (Eucken-Institut) dann gehen Sie an ein zentrales Werk "Der Weg zur Knechtschaft". Wenn Sie dann, Hayeks Staatsverständnis noch nicht verstanden haben, dann sind Sie ein Linker und es fehlt an der entsprechenden Basis Hayek zu verstehen.

Paul Ryan!

Paul Ryan ist die Hoffung für die Massen, die unter der Ausplünderung des Staates und der staatlichen Bevormundung leiden!

Ryan ist ein Fels in der Brandung gegen den Sozialdemokratismus!

paul ryan "ist, wertfrei gesagt, ein Ideologe,..."

er ist noch etwas anderes: ein berufspolitiker, der noch nie etwas anderes in seinem leben getan hat.
*bis 1992 an der uni
*danach 1992 Mitarbeiter im Stab von Bob Kasten, einem republikanischen US-Senator
*von 1993 bis 1995 Vorstandsassistent bei Empower America, einer konservativen Denkfabrik
*zwischen 1995 und 1997 Mitarbeiter im Stab und Direktor für Gesetzgebungsverfahren des republikanischen US-Senators aus Kansas
*seit 1998 abgeordnert im repräsentantenhaus.

ein mann, der derart umfangreiche erfahrungen hat bezüglich wirtschaft, MUSS ja "an die produktive, Wachstum generierende Kraft der Privatwirtschaft" glauben.
ach so, er liest mises und hayek.
doch leider hat er dabei 'überlesen', dass es sich da um THEORIEN handelt, die sich beim praxistest (reagan, bush jr.) als nicht kompatibel mit der realität erwiesen haben.

warum nennt helmar dumbs eine falsifizierte theorie ein "sachthema"? 'stures festhalten an einer ideologie' wäre zutreffender!

Re: paul ryan "ist, wertfrei gesagt, ein Ideologe,..."

Ihrem Lebenslauf von Ryan folgend, hat der Kerl keine 5 Minuten im Leben GEARBEITET.

Deswegen fällt ihm die "Bewertung" anderer Leute Arbeit auch so leicht.

3 0

Re: paul ryan "ist, wertfrei gesagt, ein Ideologe,..."

Womit Sie ein weiteres Mal bewiesen haben, dass Sie zwischen Parolen und Realität nicht unterscheiden können. Bush jr. betrieb Keynesianismus reinsten Wassers und auch Reagan gab sich exzessiven Ausgabenorgien hin. Die Deregulierung der Luftfahrt - ein voller Erfolg übrigens - hat witzigerweise bereits Jimmy Carter in den letzten Minuten seiner Präsidentschaft eingeleitet (so um Mitternacht des letzten Amtstages).
Im übrigen: Paul Ryan ist schon allein auf Grund der Daten, die Sie aufzählen, etwa um den Faktor 500 höher qualifiziert als unser jetziger Bundeskanzler (OK, ich habe auch Wollpullover, die das schaffen...).
Betrachtet man Ryans Budgetvorschläge, dann fragt man sich ohnehin, worin seine "Radikalität" liegen soll (Vgl z. B. hier: http://reason.com/archives/2011/04/06/paul-ryans-republican-budget-t )
In Wirklichkeit sind alles nur Wahlkampfpolemiken. Ryan glaubt halt nicht an die positive Wirkung staatlicher Wirtschaftspolitik, und das ist es schon.

Re: Re: paul ryan "ist, wertfrei gesagt, ein Ideologe,..."

Dass Ryan besser qualifiziert ist als Faymann sagt uns was genau?

In vielen Fällen mögen die Libertären mit ihren Nachtwächterstaat-Träumereien durchaus richtig liegen, beim großen Wahlkampfthema der Amis aber, dem Gesundheitssystem, versagt der freie Markt. Weshalb ALLE zivilisierten Länder irgendein "Zwangsversicherungssystem" implementiert haben, sei es Zwangsversicherung, Versicherungszwang oder staatliches Gesungdheitswesen. ALLE haben das, ausser den USA. ALLE fahren damit besser und billiger.

Diese Realität nicht zu akzeptieren macht die Libertären zu Ideologen.

Re: Re: paul ryan "ist, wertfrei gesagt, ein Ideologe,..."

Die Meinungsverschiedenheiten bei der Sozialpolitik wiegen noch etwas schwerer, würde ich sagen.

0 0

Re: Re: Re: paul ryan "ist, wertfrei gesagt, ein Ideologe,..."

Worin sollen die bestehen? Die angeblich gegensätzlichen Positionen sind in Wirklichkeit nicht unterscheidbar.

Antworten Gast: defiant
13.08.2012 04:37
5 0

Re: paul ryan "ist, wertfrei gesagt, ein Ideologe,..."

beim hängenbleiben an vielfach falsifizierten theorien (schuldensozialismus) sind aber die europäer unangefochtene weltmeister. hier sind ja sogar die 'konservativen' parteien mittlerweile sozialdemokratische parteien mit hang zur bürgerbevormundung.

da ist es nur verständlich, dass dem wohlerzogenen staatsbürger in der eudssr ganz angst und bang wird wenn in den usa einer mit dem "bedingungslosen Glauben an die Initiative des Einzelnen" antritt und - marx steh uns bei - die sozialprogramme reduzieren will ;)

„Wir werden die Größe dieses Landes wiederherstellen“

wen wollt ihr denn bei nächster gelegenheit bombardieren?

Mehr Kommentare:

Top-News