20.05.2013 18:14 Merkliste 0

WikiLeaks, oder die Mär von der unparteiischen Information

MICHAEL LACZYNSKI (Die Presse)

Julian Assanges „Nachrichtendienst für das Volk“ sollte eine Fackel der Demokratie sein. Stattdessen wurde er zur digitalen Keule der Amerika-Hasser.

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Die Idee war bestechend einfach und die Anfänge vielversprechend: Ein „Nachrichtendienst für das Volk“ schwebte jenen enthusiastischen Weltverbesserern vor, die im Jahr 2006 einen digitalen Postschalter im World Wide Web geöffnet hatten. Die Internetplattform WikiLeaks war als Anlaufstelle für Informanten rund um den Globus konzipiert, die unter dem Schutz der Anonymität vermeintliche Missstände in Institutionen, Unternehmen und Regierungen bloßstellen wollten.

WikiLeaks-Mitbegründer Julian Assange, der in der verschworenen Onlinegemeinde die Rolle des charismatischen Wanderpredigers übernahm, sprach fortan von den Segnungen der totalen Transparenz und der demokratisierenden Wirkung der puren, ungefilterten Information. Nicht von ungefähr lautete das Motto von WikiLeaks „We open Governments“ – staatliche Heimlichtuerei sollte auf die Müllhalde der Geschichte verfrachtet werden.

Dieser Idealismus kam anfangs gut an. WikiLeaks publizierte Dokumente aus dem innersten Zirkel der Scientology-Sekte, brachte Beweise für Korruption in Kenia und vertrauliche Dokumente einer Schweizer Bank. Die Internetaktivisten hatten mit Assange ihren neuen Propheten, Medientheoretiker fanden reichlich Stoff für wissenschaftliche Abhandlungen, Feuilletonisten nickten zustimmend – und dabei wäre es vermutlich auch geblieben, hätte WikiLeaks 2010 nicht jenes Video publiziert, das sich unter dem Titel „Collateral Murder“ tief in die kollektive Erinnerung eingegraben hat, und das den Einsatz eines US-Kampfhubschraubers gegen unbewaffnete Zivilisten im Irak zeigt.

Dass diese Veröffentlichung eine heftige Reaktion der US-Regierung auslösen würde, war vorauszusehen – und wohl Teil des Kalküls. Die USA sollten sich als das zu erkennen geben, was sie nach Assanges Weltsicht schon immer waren: ein brutaler Hegemon, der für alle Übel dieses Planeten verantwortlich ist. Washington spielte mit und erklärte WikiLeaks prompt zur Gefahr für die nationale Sicherheit. Man könnte an dieser Stelle darüber streiten, ob die Reaktion der USA verhältnismäßig war – ob es nicht besser gewesen wäre, den im Video erhobenen Vorwürfen sachlich nachzugehen, statt dem naiven Idealisten Bradley Manning, der WikiLeaks den Film zugespielt hat, einen Prozess wegen Landesverrats zu machen. Faktum ist jedenfalls, dass WikiLeaks und Assange dadurch einen massiven Popularitätsschub erhielten.

Doch die Causa „Collateral Murder“ hatte einen weiteren Nebeneffekt: Der Nimbus der Unparteilichkeit, der WikiLeaks bis dahin umgeben hatte, war dahin. Was folgte, war ein regelrechter Informationskrieg gegen die Vereinigten Staaten: Dokumente aus Afghanistan, Militärakten über den Irak-Krieg, diplomatische Depeschen, interne Mails eines amerikanischen Sicherheitsunternehmens – alles, was Assange in die Finger bekam und den USA schaden konnte, wurde auf den Markt geworfen. Dass im Zuge dieser Kampagne die Identität amerikanischer Informanten preisgegeben wurde, nahm man als Kollateralschaden in Kauf. WikiLeaks wollte eine Fackel der aufgeklärten Demokratie sein – stattdessen wurde es zur digitalen Keule der Amerika-Hasser.

Und angesichts des Gebarens von Julian Assange muss man zum Schluss kommen, dass diese Entwicklung kein Zufall, sondern Absicht war. Wer wie der WikiLeaks-Chef im Auftrag von Wladimir Putin schmeichlerische TV-Interviews mit Champions der Demokratie wie dem Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah führt, kann die USA wohl nur als „großen Satan“ sehen. Dass Assange unter dem Schutz diplomatischer Immunität nach Ecuador flüchtet, ist da nur konsequent. Nun kann er mit Staatschef Rafael Correa, der unliebsame Journalisten in Grund und Boden klagt, über die Vorzüge der freien Meinungsäußerung debattieren.

Was hier wieder einmal in aller Deutlichkeit vorgeführt wurde, ist die Tatsache, dass Informationen auch als Waffen missbraucht werden können. Und dass Aufdecker von Missständen sich genau überlegen müssen, wohin sie mit ihren Informationen gehen. Ihr Vertrauen in WikiLeaks war jedenfalls nicht gerechtfertigt.

 

E-Mails an: michael.laczynski@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2012)

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47 Kommentare
 
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Gast: gurkenflieger
19.08.2012 20:44
0 0

pöööse Amis! die und nur die...

die Russen haben ihm schon gesagt was passiert, wenn er das selbe mit ihnen versucht!
was ist eigentlich mit den armen Schluckern in Afghanistan die für ein paar Dollar die Verstecke der Taliban verraten haben? Sie stehen jetzt auf deren Todeslisten dank diesen selbstgefälligen Herrn. Ist vielleicht gar nicht schlecht wenn er auch mal vor Angst nicht schlafen kann....

Gast: Düse
18.08.2012 16:43
1 0

Ungeheurlich!

Die Aussagen in diesem Leitartikel über Julian Assange und seine Enthüllungsplattform WikiLeaks muss man schlichtweg als skandalös bezeichnen! Wer also US-Gräueltaten und schwere Kriegs- und Menschenrechtsverletzungen der Weltmacht Nr. 1 publik macht, ist seiner Meinung nach einfach ein „Amerika-Hasser“, für den ein Prozess wegen „Landesverrats“ (!) durchaus gerechtfertigt scheint – unfassbar!
Ich muss Sie korrigieren, Herr Laczynski, das Aufdecken von derartigen Missständen ist entgegen Ihrer Ansicht nie ein Missbrauch. Stehen Sie etwa auch auf der Lohnliste irgendwelcher US-Behörden?

Gast: antitotalitär
17.08.2012 23:11
2 0

Kritiker wurden von den Machtsystemen immer als "HAsser" diffamiert

die Christen etwa wurden vom römischen Kaisertum als "Volkshasser" de Löwen zum Frass vorgeworfen.

Im 3. Reich wurden Kritiker als "Volksverhetzer", "Wehrkraftzersetzer" und "Hassschürer" diffamiert und ihren Rechtenberaubt.
In der UdSSR wurden Dissidenten als "unwürdige Hetzer" eingesperrt, etc.

Dies soll keine Gleichsetzung sein, man sollte nicht den heutigen Westen mit vergangenen totalitären Systemen vergleichen;
aber die Richtung die dieses - vom Volk unsichtbar gehaltene Militärimperium einschlägt ist schon bedenklich (Kritiker und Aufdecker werden als "Hasser" absolut einmütigvon allen Mainstream-medien diffamiert).
die totale Macht ist schon angsteinflössend.

Traurit dass kein Journalist hier einen eigenen Kopf dazu hat - sind die alle gekauft und gleichgeschaltet?

Was will man von einer Zeitung, deren langjähriger Chefredakteur

ein CIA-Zuträger war und laut profil, "seine Leitartikel fallweise argumentativ nach den Wünschen der CIA ausgerichtet, Geschichten unterdrückt, wenn sie dem US-Standpunkt schadeten, und Informationen aus Hintergrundgesprächen mit österreichischen Politikern und Ostblock-Botschaftern preisgegeben" hat.

Gast: Chinchilla
17.08.2012 21:38
2 0

Information darf parteiisch sein

Wenn Unrecht geschieht, ist Parteilichkeit manchmal sogar geboten. Eine vollkommene Neutralität kann schon deshalb nicht existieren, weil die Leser ja auch keine neutralen Wesen sind.

Information muss vor allem pluralistisch sein. Wikileaks ist in Schritt in diese Richtung.
Es hat das Informationsmonopol der Mächtigen gebrochen. Es ermöglicht ein wenig über den Horizont der nationalen Presseagenturen zu sehen.
Das wird einem bewust, wenn man zu einem Thema dieselbe APA-Meldung im exakt gleichen Wortlaut in ALLEN Tageszeitungen und Ohnlinezeitungen zu lesen bekommt.
Es steht selbstverständlich jedem frei seine eigene Wikileaksversion zu gründen- die meinetwegen gar keine US-Nachrichten bringt.
Wir haben das Recht zu wissen, was die Mächtigen dieser Welt mit unseren Staaten aufführen.

3 0

Geht's noch?

"Man könnte an dieser Stelle darüber streiten, ob die Reaktion der USA verhältnismäßig war – ob es nicht besser gewesen wäre, den im Video erhobenen Vorwürfen sachlich nachzugehen, statt dem naiven Idealisten Bradley Manning, der WikiLeaks den Film zugespielt hat, einen Prozess wegen Landesverrats zu machen. Faktum ist jedenfalls, dass WikiLeaks und Assange dadurch einen massiven Popularitätsschub erhielten."

Was wollen's denn da streiten?

Wer sich sowas leistet, ist nicht besser als jede andere Diktatur.

Auch dass danach massiv veröffentlicht wurde, hat nichts mit falscher Verwendung von Information zu tun - es war die Notwendigkeit, die Glaubwürdigkeit genau dort anzugreifen, wo sie nämlich auch gar nicht exisitiert.

Jeder dressierte Schimpanse weiß doch schon, dass das alles nur für Geld und Einfluss geschieht ... wer sch.... sich denn wirklich was um die Leute dort?
Und nennen Sie mir einen einzigen Krieg von denen, in dem es anders war!

Antworten Gast: asdfghjp
17.08.2012 21:47
3 0

Re: Geht's noch?

Der Herr Redakteur hätte sicher vor der Veröffentlichung eines solchen Videos bei der amerikanischen Botschaft nachgefragt, ob die Veröffentlichung nicht das Image der USA zu sehr verschlechtere.

Gast: matilda
17.08.2012 15:28
3 0

jössas.

gehns doch mal an die frische luft.

wohin sollen informanten denn ihrer meinung nach gehen?
wer hätte denn nach veröffentlichung von usa-verbrechen nicht zu befürchten, von den usa verfolgt und bedroht zu werden?
was haben denn beweise für „Collateral Murder“ mit meinungsäußerung zu tun?

Antworten Gast: asdfghjp
17.08.2012 21:52
2 0

Re: jössas.

Wer meint, dass in Abu-Ghuraib ("Abu-Ghuraib-Folterskandal"/Wikipediaartikel) menschenrechtswidriges Verhalten passiert ist, ist halt ein notorischer "USA-Hasser".
Wozu denn Menschenrechte, wenn es um Kriegsgegner geht?

Es gibt sicher Amerika-Hasser.

Allerdings sind sie nicht so blind wie der Kommentator hier!
Amerika möchte sich mit allen Mitteln raechen und ein östrr. Journalist lobt Amerika dafür!
Es muss danach zwingend Antiamerikaner geben!

Gast: Sand1
17.08.2012 11:03
1 3

Danke für ihren Leitartikel


Gast: mao66
17.08.2012 11:00
4 0

mit parteiischer Information

kennt sich die "Die Presse" ja gut aus

aber auch diesen obigen kommentar sollte

man differenziert sehen...

Von einem, der auszog, die Mächtigen dieser Welt das Fürchten zu lehren.....


Dieses Projekt, das ursprünglich Zehntausende Idealisten begeisterte und zur Teilnahme aktivierte, entwickelt sich mehr und mehr zum Alptraum für seinen Schöpfer.

Allerdings hat er dazu selbst beigetragen.

Assange hat entgegen seiner Zusicherungen Informanten preisgegeben und in Gefahr gebracht, er legte eine unmögliche Dominanz und Selbstherrlichkeit an den Tag, produzierte sich nach seiner Verhaftung als peinlicher Showmaster mit dubiosen Gästen und kriecht jetzt bei einem Präsidenten unter, dessen Medienpolitik ja eigentlich im Zentrum der Kritik von Wikileaks steht.

Eine erbärmliche Performance.

Assange wird, nachdem er sich endgültig demontiert und seinen Mythos durch Selbstzerstörung beseitigt hat, auf der Müllhalde der Geschichte landen. Abteilung „falsche Propheten“.

Gast: Austrianer
17.08.2012 09:41
6 0

In den Spiegel schauen

Wenn die Verbreitung der Wahrheit Hass ist, dann bin ich ein Fan von Hass.

Mit diesem Artikel wird wieder eindeutig die Täter Opfer umkehr veranstaltet.

Frei nach dem Motto "Tötet den Boten"

Übrigens, Was macht ein Journalist wie Sie, tagtäglich? Schon mal darüber nachgedacht?

4 0

Können Informationen unparteiisch sein?

In Wirklichkeit nicht. Wikileaks konnte nur deshalb so viele Daten über die USA publizieren, weil es

1. Die Informationen auch schriftlich gab

2. Die Amerikaner es mit der Geheimhaltung nicht wirklich genau nehmen, ganz anders als etwa Chinesen, Russen oder Nordkoreaner.

Dass das publizierte Material dann einen antiamerikanischen Bias hat, liegt auf der Hand. Dass Assange im übrigen kein Engelchen ist, war auch zuvor bekannt.

Viel interessanter ist hingegen, was so nebenbei an Informationen durchgesickert ist. So beinhaltet das Konzept "Safe Sex" in Schweden:
Kondom
Rechtsschutzversicherung
Notariell beglaubigter Haftungsausschluss

Gast: Gasterer
17.08.2012 08:44
4 1

Glaubwürdigkeit

Auch wenn es viele hier nicht lesen wollten - die Glaubwürdigkeit von Hr. Assange wird sicherlicht nicht erhöht wenn er sich mit Leuten die für das gespaltene Verhältnis zur Meinungsfreiheit bekannt sind in ein Bett legt!

Gast: b754
17.08.2012 08:33
3 1

Wennn ich mir da viele Kommentar durchlese ...

... dann wird mit schlecht. Die "Heiligenverehrung" eines Hr. Assange nimmt da bei einigen schon bedenkliche Züge an und jeder der anderer Meinung ist wird verdammt. Erinnert mit an religiöse Fanaktiker ...

0 0

Re: Wennn ich mir da viele Kommentar durchlese ...

Es geht doch gar nicht um seine Person, und wenn doch, so lese ich genug berechtigte Kritik heraus.

Wie man sich so unverschämt an die amerikanischen Machenschaften anbiedern kann, DAS verursacht Übelkeit.

Antworten Gast: asdfghjp
17.08.2012 21:44
1 0

Re: Wennn ich mir da viele Kommentar durchlese ...

Kannst Du das nicht verstehen, dass es nur indirekt um Assange geht, sondern um die Weigerung Schwedens, ihm die Zusage zu geben, dass er nicht an die USA ausgeliefert wird?

Das ist der wahre Skandal.
Mit einer Garantie Schwedens würden die Anzahl der Postings für Assange auf weniger als 10% schrumpfen.

welche berufsbezeichnung tragen sie eigentlich in formularen ein, herr laczynski?

ich hoffe nicht: "journalist".

denn als presse-mitarbeiter sind sie das nicht. sie sind ein copy&paste typ und sie schreiben meinungsglossen, wo sie anderen menschen, die in ihrem leben in einer ähnlichen beruflichen position um vieles mehr geleistet haben als sie, ans bein pinkeln.

aber eine frage hätte ich noch zu obigem:
ist ihnen das alles ganz allein eingefallen? oder haben sie brav ihre pflicht erfüllt?

Gast: Unparteiischer Informator
17.08.2012 07:14
4 2

Laczinsky ist für den Journalistenberuf völlig ungeeignet

So einen kann man doch nicht ernst nehmen. Schreibt ohne Argumente seine Hasstiraden nieder und wird dadfür auch noch bezahlt. Wer soll diese Zeitung noch kaufen?

Antworten Gast: Gast: Leser
17.08.2012 13:20
3 1

Re: Laczinsky ist für den Journalistenberuf völlig ungeeignet

Vielleicht ist das ja schon ein Hinweis auf die Blattlinie unter der neuen Chefredaktion.

Gast: Sehichrecht?
17.08.2012 06:37
1 1

Nach dem 2.Satz erübrigt sich das Weiterlesen


nein Danke!

Gast: gast 2ru
17.08.2012 06:35
2 0

presefreiheit...?

..information als waffe missbraucht... ich kann auch keine information als mittel nutzen! siehe ARD und ZDF . oder nur halbe informationen als mittel nutzen (arbeitslosenzahlen) seit der Merkel-ära immer schlimmer. ich habe dieses "collateral murder" video mir oft angesehen,und war geschockt. ich finde ,das zeigt das gesicht der USA deutlich. allerdings ist das ja nichts neues, oder hat schon jemand den vietnamkrieg oder die zeitnahen aktionen vergessen. man hat als bürger das recht darauf auch solche informationen zu erhalten,denn erst dann kann ich mir ein objektives bild über einen staat bilden!

Gast: Ich_kritisch
17.08.2012 02:41
1 1

Verwandte in Amerika?

Oha, hat der Herausgeber der Presse und/oder der Autor des Artikels Verwandte in Amerika? In de, Fall wäre der Artikel wirklich verständlich :-)

 
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