19.06.2013 23:13 Merkliste 0

Die Angst des Kreml-Herrn vor drei jungen Frauen

von Wieland Schneider (Die Presse)

Die Aktivistinnen von Pussy Riot zahlen persönlich einen hohen Preis. Doch sie haben es geschafft, den Irrwitz des Systems Putin zu demaskieren.

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Wladimir Putin liebt die Pose des starken Mannes. Ob als Biker, als Kampfpilot oder als Jäger in Sibirien: Die Macho-Auftritte des muskelbepackten Kreml-Herrn sind legendär und Teil eines über sehr viele Jahre gepflegten Images. Putins Vorgänger Boris Jelzin kämpfte mit den Nachwehen des Zerfalls der Sowjetunion, mit einem erstarkten Amerika und der Angewohnheit, oft einige Gläschen Wodka zu viel zu trinken. Das Russland nach Jelzin sollte deshalb ein mächtiges Russland sein. Ein Land, so kraftstrotzend und agil wie sein neuer oberster Chef Putin.

Auch nach mehr als einem Jahrzehnt an der Macht als Präsident, Premierminister und jetzt erneut Präsident versucht Putin, dieses ikonenhafte Bild von sich zu bewahren. Doch es wird immer mehr zur Karikatur verzerrt. Mitschuld daran ist ein anderes Bild, das derzeit die Außenwahrnehmung von Russland dominiert: Das Bild dreier junger, zierlich wirkender Frauen, die man wie gefährliche Verbrecher in Fesseln vor Gericht schleppt und dort – während einer unfairen Verhandlung – in einen Glaskäfig sperrt. Und die man schließlich zu zwei Jahren Haft verurteilt. Das alles, weil sie es gewagt hatten, Putin mit einer frechen Performance vor den Kopf zu stoßen. Die Botschaft, die Putin damit an Russland und die Welt sendet, lautet: Der starke Mann im Kreml zittert offenbar vor drei jungen Frauen.

Bei seinem Besuch in London Anfang August hatte Russlands Präsident noch versucht, diesen medialen Schaden zu begrenzen. Er zeigte sich von seiner milden Seite, sagte Journalisten, man soll die Pussy-Riot-Aktivistinnen nicht zu hart bestrafen. Seit Freitag ist klar, was Putin und die Seinen unter Milde versteht: zwei Jahre Lager.

Es gibt aber auch noch eine andere Erklärung: Der Kreml-Chef tut nur dann so, als würde ihn die internationale Meinung kümmern, wenn er in die Mikrofone internationaler Medien spricht. Zu Hause in Russland sieht dann alles wieder anders aus. Dann gilt eine andere Logik – die Logik eines Systems, in dem es kein Verzeihen gibt, in dem die Staatsmacht als Verlierer dagestanden wäre, wenn die drei Angeklagten so einfach davongekommen wären. Die Frauen von Pussy Riot lächelten während der Urteilsverkündung. Denn sie haben den Irrwitz genau dieses Systems demaskiert. Aus Sicht des politischen Aktivismus waren sie somit erfolgreich, auch wenn sie persönlich dafür einen sehr hohen Preis bezahlen.
Ihr Anti-Putin-„Gebets“-Auftritt verstörte den Kreml, die orthodoxe Kirche und einen Teil der russischen Gesellschaft, weil damit zielgenau wunde Punkte getroffen wurden: Es geht dabei nicht nur um die Allmacht des Systems Putin. Es geht auch um die Verbandelung der orthodoxen Kirche mit den Machthabern, um die Frage, ob Kirche und Staat in Russland in ausreichendem Maße getrennt sind. All das sind Themen, die eines intensiven öffentlichen Diskurses bedürfen. Doch den gibt es in Russland so gut wie nicht. Denn er wird von den Herrschenden unterbunden.

Daran wird sich in nächster Zeit wohl auch nichts ändern. Wladimir Putin denkt nicht daran, die Zügel lockerer zu lassen. Im Gegenteil: Die kleinen Pflänzchen einer beginnenden Liberalisierung unter Präsident Dmitrij Medwedjew werden derzeit zertreten, Oppositionelle wieder härter angefasst als bisher. Auch auf der internationalen Bühne schaltet Putin erneut auf stur – etwa im Fall Syrien. Moskau zeigt sich unnachgiebig, denkt nicht daran, vom wankenden Regime des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad abzurücken. Russland hätte es von allen Mächten noch am ehesten in der Hand, eine diplomatische Lösung herbeizuführen. Es könnte Assad zum Abdanken bewegen. Doch Moskau sperrt sich – möglicherweise zu dem Preis, in einem Syrien nach einem Machtwechsel jeglichen Einfluss verloren zu haben.

In Russland selbst wird Putin den Preis für sein kompromissloses Auftreten nicht so rasch bezahlen. Was im Ausland als Skandalurteil gegen Pussy Riot gesehen wird, stößt dort bei einer gewissen Klientel auf Zustimmung. Doch immer mehr Russen dämmert es, dass das Mundtotmachen kritischer Künstler nicht Stärke zeigt, sondern genau das Gegenteil.

E-Mails an: wieland.schneider@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2012)

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14 Kommentare
0 1

mellofahess/parallelen

das problem mit der verfolgung von pussy riot und kasparow wurde bei der presse verstanden,
das problem mit der behandlung von assange nicht. das ist doch wirklich merkwürdig, nicht?

Gast: X42
19.08.2012 08:16
0 1

mellofahess/parallelen

das problem mit der verfolgung von pussy riot und kasparow wurde bei der presse verstanden,
das problem mit der behandlung von assange nicht. das ist doch wirklich merkwürdig, nicht?

Gast: X42
19.08.2012 00:17
0 1

mellofahess/parallelen

das problem mit der verurteilung von pussy riot wurde bei der presse verstanden, das problem mit der verfolgung von assange nicht. das ist doch wirklich merkwürdig, oder?

Wie hätten Putin und der Patriarch

wohl reagiert, wenn die Punk Ladies die Muttergottes um ein langes Leben für die beiden angefleht hätten und die politischen Zustände in Russland gepriesen hätten?

Die Satire wäre für jedermann ersichtlich gewesen, aber man hätte sie nicht so streng bestrafen können.

Zwei der drei Frauen haben Kinder....

So mutig ihre Aktion war, so verantwortungslos den Kindern gegenüber, die jetzt womöglich abgenommen werden.

Antworten Gast: Konservativer
18.08.2012 18:01
2 1

Re: Zwei der drei Frauen haben Kinder....

Hm.

Das liest sich fast so, als seien die drei Opfer der Verbrecherdiktatur des ersten KGB-Schergen Russlands selber schuld an der drakonischen Folter- und Vernichtungsstrafe, die ihnen aufgrund ihres Dissidententums zivilisationswidrig auferlegt wurde.

Gast: noch einer
18.08.2012 14:47
4 2

Irrwitz

"den Irrwitz des Systems"

Ein Irrwitz ist es ,
wenn wie z.B. die USA ,
per Drohnen ,
weltweit
ohne Gerichtsverfahren ,
Todesurteile vollstrecken .

Aber der Irrwitz in den Systemmedien ist eben dort ,
wo NATO und Internationales Kapital
den Irrwitz vorschreiben .

Re: Irrwitz

Das System ist drüben und herüben irrwitzig, da geb ich Ihnen Recht. Aber offenbar fühlt sich die westliche Elite noch stärker und traut sich, ihrem Volk doch noch ein wenig mehr Freiheit zu lassen. Putin fühlt sich offensichtlich seeehr schwach.

Gast: b745
18.08.2012 14:00
5 3

die sollte man für den nobel preis vorschlagen

die haben einen despoten demaskeirt und gezeigt wie erbärmlich er doch ist

Gast: Daimler
18.08.2012 13:59
2 1

System Putin

Die Erstarrung des Systems Putin treibt die russische Elite entweder ins Ausland oder in den Widerstand, der ehemalige KGB Mann Putin lebt zu sehr in der Vergangenheit und erkennt daher das Problem nicht.

Gast: anderer
18.08.2012 13:45
2 2

wer ist ohne angst

Warum reden Sie nicht über die Angst eines Mr. Obama vor den Enthülungen eines Herrn Assange

Antworten Gast: Konservativer
18.08.2012 18:04
1 0

Re: wer ist ohne angst

In Amerika sind wesentlich härtere Kritiken gegen Obama völlig straffrei als in Russland Kritiken gegen Putin. Als Beweis dürfte die Tea Party ausreichen.

Ansonsten: http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_journalists_killed_in_Russia#Under_Putin_.28incl._2nd_Chechen_conflict.29

Kein weiterer Kommentar nötig.

Antworten Gast: Gast: Leser
18.08.2012 15:53
1 1

Re: wer ist ohne angst

Man sollte auch die zwei Jahre (schlimm genug!) mit "lebenslänglich" oder sogar der Todesstrafe vergleichen, die Assange in den USA erwartet. Dabei hat er letztlich so ziemlich das Gleiche getan wie die drei russischen Mädchen: der Regierung den Spiegel vorgehalten.

Gast: Gastname 1
18.08.2012 13:42
1 0

so

warum zahlen sie einenhaohen preis? sind sie nicht assange? sind die frauen? haben sie ehre und moral? wollen die medien das was hier passiert dort als news verkaufen? es ist strafbar!

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