Der Aufruf in der „Washington Post“ sorgte für Aufsehen. Angesichts der verfahrenen Lage im Irak trafen US-Offiziere, die im Zweistromland gekämpft hatten, eine provokante Feststellung: Entweder die USA ziehen aus dem Irak ab, oder sie erhöhen dort die Truppenzahl drastisch. Dafür bräuchten die US-Streitkräfte aber mehr Soldaten, und die bekommen sie nur, wenn sie wieder Personen auch gegen deren Willen einziehen, argumentierten die Offiziere. Nach dem Vietnamkrieg wurde in den USA die Wehrpflicht ausgesetzt. Alle jungen Männer müssen sich zwar registrieren lassen, zum Militär kommen aber ausschließlich Freiwillige.
Eingetreten ist keines der beiden Szenarien, die die Unterzeichner des Aufrufs von 2007 angedacht haben: Die USA blieben noch einige Jahre im Irak – ohne erneute Zwangsverpflichtung von Soldaten. Die langen und aufreibenden Einsätze im Irak und in Afghanistan führten den USA aber vor Augen, dass selbst einer Supermacht, die sich ein gigantisches Profiheer leistet, irgendwann die Soldaten auszugehen drohen.
Vor allem die Mission im Irak zeigte aber noch ein anderes Problem des amerikanischen Systems auf: Die US-Streitmacht hatte keinerlei Probleme, Saddam Husseins Truppen zu zerschlagen. Sie verfügte über die nötigen Hightech-Waffen und ihre höheren Offiziere gehören zu den bestausgebildeten der Welt. Viele der einfachen US-Soldaten, die für eine Kampfsituation gut trainiert sind, schienen aber nach dem Sieg mit ihrer Rolle als Besatzer überfordert.
Diese jungen Männer und Frauen hatten nie besondere Bildung genossen und im Soldatenberuf eine Aufstiegschance gefunden. Iraks komplexes kulturelles Umfeld stellte sie vor Schwierigkeiten. Einwohner Bagdads wussten bereits im Juli 2003 von diversen Verfehlungen der GI zu erzählen: etwa, dass Soldaten Kindern Pornohefte geschenkt hatten. Eine Dummheit, die freilich in konservativen irakischen Familien als gezielte Provokation ausgelegt wurde.
Mangels einer ausreichenden Zahl von Bewerbern haben auch europäische Berufsheere bei IQ-Tests immer wieder die Qualifikation der Rekruten herabsetzen müssen. Trotz aller Schwierigkeiten können all diese Heere – gerade auch das amerikanische – die an sie gestellten Aufgaben erfüllen. Vor allem Streitkräfte, die auf Freiwilligkeit basieren, müssen sich aber mit Fragen wie diesen herumschlagen: Welche Männer und Frauen will man für das Militär, wie viele braucht man, wie bekommt man sie?
Damit müsste sich auch Österreich intensiver beschäftigen, sollte es tatsächlich auf ein Berufsheer umstellen. Um diese Fragen zu beantworten, muss aber zunächst festgelegt werden, was dieses Heer können soll. Das Bundesheer wird niemals dieselben Aufgaben haben wie die US-Streitkräfte. Das liegt auf der Hand. Darüber, was genau die Politik von Österreichs Armee will, herrscht aber schon viel weniger Klarheit.
Soll das Heer tatsächlich nach wie vor auf sich allein gestellt und außerhalb eines Bündnisses den Auftrag der Landesverteidigung erfüllen können? Das bräuchte eine große und teure Berufsarmee. Oder soll es im Ernstfall die Hilfe von Verbündeten in Anspruch nehmen können? Dann müsste es Kapazitäten haben, bei der Verteidigung anderer Länder mithelfen zu können. Und Österreich müsste sich auch offiziell von den Resten seiner Neutralität verabschieden.
Es scheint unbestritten, dass Auslandsmissionen eine wichtige Aufgabe des Bundesheeres sind. In Verträgen mit der EU hat sich Österreich auch grundsätzlich zu einer breiten Einsatzpalette verpflichtet. Darüber, dass man nur an Missionen teilnimmt, die der UN-Sicherheitsrat abgesegnet hat, herrscht Konsens. Im Detail wurde zwischen den politischen Parteien aber nie ausdiskutiert, in welche Art von Einsätzen das Heer gehen soll. Das geschieht immer nur anlassbezogen, etwa beim heftig umstrittenen Tschad-Einsatz 2009. Dort wurde erst richtig diskutiert, als die Soldaten schon mit einem Feldschuh auf dem Wüstenboden standen.
Diese Fragen müssen rasch geklärt werden. Ein Berufsheer für Österreich kann durchaus Sinn haben. Ein solches Heer irgendwie hinzuzimmern, ohne zu wissen, was man damit genau will, ist aber wenig sinnvoll.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2012)















